philoSOPHICS Archive • Abenteuer Philosophie Magazin https://www.abenteuer-philosophie.com Magazin für praktische Philosophie Tue, 14 Dec 2021 16:09:06 +0000 de-DE hourly 1 Aristoteles https://www.abenteuer-philosophie.com/aristoteles/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=aristoteles https://www.abenteuer-philosophie.com/aristoteles/#respond Fri, 10 Dec 2021 07:49:40 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=2466 Magazin Abenteuer Philosophie

„Aristoteles war wohl eines der tiefsten wissenschaftlichen Genies, die je erschienen sind.“
(G. W. F. Hegel)

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Aristoteles war wohl eines der tiefsten wissenschaftlichen Genies, die je erschienen sind.“
G. W. F. Hegel

Zweitausend Jahre lang galt alles, was Aristoteles (384-322 v. Chr.) behauptete, als unanfechtbares Dogma – schreibt der italienische Autor Luciano De Crescenzo. Auch wenn das nicht ganz richtig ist, kann man die wissenschaftliche Bedeutung des Aristoteles kaum überschätzen. Noch zu Beginn der Neuzeit musste jeder ernsthafte Versuch, einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, mit einem Angriff auf einzelne Lehren des Aristoteles beginnen. In der europäischen Scholastik nannte man ihn einfach „den Philosophen“, was seinen uneinholbaren Rang verdeutlicht, wobei manchmal ein Verweis auf ihn bereits genügte, um eigene Thesen zu rechtfertigen. Für die Wissenschaft hatte Aristoteles daher lange eine ähnliche Autorität wie die Bibel für den frommen Christen.

Das Kunststück, die aristotelische Philosophie mit der christlichen in Einklang zu bringen, vollzog Thomas von Aquin.

Dies führte in Frankreich immer wieder vorübergehend zu Verboten aristotelischer Schriften. Denn nach Aristoteles ist die Seele sterblich und Gott wird als unpersönliches Wesen interpretiert, das weder Menschen verdammt noch christliche Fürsorge zeigt. Bereits über 500 Jahre zuvor übte sein Denken einen ähnlich starken Einfluss auf den jüdischen und arabischen Wissenschaftsbetrieb aus.

Doch wer war dieses Genie, von dem noch Immanuel Kant im 18. Jh. sagte, dass dessen formale Logik wohl nicht weiter verbesserbar sei? Wer war diese Person, dessen Denken noch im 20. Jh. zu einer Renaissance der Tugendethik führte?

Obwohl es ganze 2000 Jahre dauerte, bis Männer wie Galileo Galilei und Isaac Newton Grundannahmen der aristotelischen Physik überwinden und der modernen Physik den Weg ebnen konnten, trat die Persönlichkeit des Aristoteles dabei in den Hintergrund. Aristoteles war der erste große Lehrer des Abendlandes, der wie ein Professor arbeitete.

Seine Stärke lag in seiner systematischen Arbeitsweise, die durch hohe analytische Präzision und Reflexionsfähigkeit gekennzeichnet war.

Bei Aristoteles kommt zudem ein Wesenszug zum Ausdruck, der nicht umsonst die Wissenschaft bis heute prägt: die Suche nach Wahrheit wird zum Selbstzweck, d. h. sie darf nicht der Verteidigung erwünschter Vorurteile oder Lebensweisen dienen. Gegenüber Platon zeichnet ihn aus, dass er Mehrdeutigkeiten von Begriffen durch Definitionen vorzubeugen suchte und theoretische von praktischen Disziplinen klar trennte. Damit wurden Wissenschaft und philosophisch inspirierte Ideologie zu unvereinbaren Sphären. Diese Aufrichtigkeit kam auch in seinem Wesen zum Ausdruck. Aristoteles war ein staubtrockener Analytiker, dem jeder Hang zur Leidenschaftlichkeit fehlte. Wer seine Denkweise genau studiert, wird bemerken, dass es bedeutende Übereinstimmungen zwischen der vollendeten Lebensweise nach Aristoteles‘ Ethik und seiner eigenen gab. Erstaunliche Parallelen lassen sich auch zwischen der vollkommenen Glückseligkeit Gottes (laut Aristoteles) und seiner eigenen Lebensweise finden. Gott ist demnach reines Denken, der Materie enthoben und muss sich genauso wenig die Hände mit Materie (z. B. körperliche Arbeit) schmutzig machen wie der aristokratische Philosoph, der es sich leisten kann, vorwiegend zu studieren. Sein größter Reichtum sind Zeit, Bildungsbeflissenheit und Muße. Die negativen Züge dieser Lebens- und Denkweise fallen durch ihre aristokratische Überheblichkeit sowie durch die für dessen Gottesbild typische Gleichgültigkeit und Selbstgenügsamkeit auf. Bertrand Russell kommentiert Aristoteles‘ Ethik folgendermaßen:

„Die sogenannte Güte oder Menschenfreundlichkeit fehlt bei Aristoteles fast völlig. Die Leiden der Menschheit lassen ihn, sofern er sich ihrer überhaupt bewusst wird, ganz unberührt … Mit unangemessen behaglicher Selbstzufriedenheit spekuliert Aristoteles über menschliche Dinge; alles, was die Menschen zu leidenschaftlichem, gegenseitigem Interesse anregt, scheint er zu übersehen. Selbst seine Schilderung der Freundschaft ist lau und matt. Niemals merkt man ihm an, dass er irgendwelche Erlebnisse gehabt hatte, bei denen er Gefahr lief, den Verstand zu verlieren; alle tieferen Aspekte des moralischen Lebens sind ihm offenbar unbekannt.“

Russell dürfte dabei jedoch übersehen haben, dass antike Tugendethiken die Leidenschaftslosigkeit als eines der wertvollsten Güter betrachteten. Die christliche und später kantische Pflichtethik war der gesamten antiken Tugendethik fremd.

Obwohl die Selbstgenügsamkeit des aristotelischen Weisen nicht gerade Sympathien erweckt, sollte gerade Aristoteles nicht nachgesagt werden, dass ihn andere Menschen nicht kümmerten.

So sorgte er für seine Frau und seinen Sohn, ja sogar für Bedienstete testamentarisch vor, während bis heute gelegentlich das humanistische Potenzial seines Denkens hervorgehoben wird. Unter bestimmten Umständen plädierte Aristoteles sogar für die Freilassung von Sklaven und es fehlte ihm jede Neigung zu Jähzorn oder Bosheit. Nachdem Aristoteles gegen Ende seines Lebens von Athen fliehen musste, starb er zurückgezogen unweit von Athen – vermutlich an einem Magenleiden. Seine Schule – das Lykeion – blieb noch ca. bis ins 1. Jh. v. Chr. bestehen.

Literaturhinweis:

  • BIRNBACHER, Dieter: 2007. Analytische Einführung in die Ethik. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter (de Gruyter Studienbuch)
  • CORCILIUS, Klaus; Christof RAPP (Hg.): 2011. Aristoteles Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler
  • DE CRESCENZO, Luciano: 1990. Geschichte der griechischen Philosophie. Von Sokrates bis Plotin. Aus dem Italienischen von Linde Birk. Zürich: Diogenes
  • HÖFFE, Otfried: 2006. Aristoteles. München: C.H. Beck (Beck’sche Reihe Denker 535)
  • KOBUSCH, Theo 2011: Die Philosophie des Hoch- und Spätmittelalters. München: C.H. Beck (Geschichte der Philosophie, Band V)
  • RUSSELL, Bertrand 2004: Philosophie des Abendlandes. Aus dem Englischen von Elisabeth Fischer-Wernecke. München: Piper

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Begeisterung https://www.abenteuer-philosophie.com/begeisterung/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=begeisterung https://www.abenteuer-philosophie.com/begeisterung/#respond Fri, 19 Nov 2021 17:09:46 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=1314 Magazin Abenteuer Philosophie

„Wauwau!!!!“, ruft das zweijährige Paulchen, „Wauwauwauwau!!!“ und hüpft im Kinderwagen auf und ab. Er verrenkt sich, um den Hund noch einmal zu sehen und wieder zeigt er aufgeregt mit dem Finger. „Wauwau!!!!!“. Die Begeisterung ist grenzenlos. Und deshalb lernt Paulchen so viel. Kleine Kinder erleben 20 bis 50-mal (!) täglich diesen rauschartigen Zustand.

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Wauwau!!!!, ruft das zweijährige Paulchen, „Wauwauwauwau!!!“ und hüpft im Kinderwagen auf und ab. Er verrenkt sich, um den Hund noch einmal zu sehen und wieder zeigt er aufgeregt mit dem Finger. „Wauwau!!!!!“. Die Begeisterung ist grenzenlos. Und deshalb lernt Paulchen so viel. Kleine Kinder erleben 20 bis 50-mal (!) täglich diesen rauschartigen Zustand.

Dabei ist das Gehirn richtig aktiv, durch den Begeisterungssturm werden die neuronalen Netzwerke stimuliert, es kommt zu einem Feuerwerk und das Erlebte und Erfahrene wird im Gehirn verankert. Positive Gefühle unterstützen das Lernen, die Problemlösungskompetenzen, das Immunsystem usw.

Schon seit Langem ist durch Statistiken erwiesen, dass optimistische Menschen schneller gesund werden und im Leben erfolgreicher sind als Pessimisten.  Die positive Weltsicht lenkt den Blick auf Chancen und Gelegenheiten. Man sieht das halb volle Glas Wasser. In der Begegnung mit anderen erkennt man deren Stärken und Fähigkeiten eher als deren Schwächen. In unvorhergesehenen Situationen sieht man Chancen und Gelegenheiten anstatt Schwierigkeiten. Probleme sind willkommen, um sich weiterzuentwickeln. Konflikte ein Anlass, um einander besser kennenzulernen. Und das Wichtigste: Zuversichtliche Menschen sind glücklicher. Was wiederum dazu führt, dass sie weniger anfällig für Krankheiten sind, lösungsorientiert denken und gute Beziehungen haben, weil man ihre Nähe sucht. Und so schraubt sich die Aufwärtsspirale nach oben.

Seit einiger Zeit hat sich auch die Hirnforschung des Themas angenommen. So erforscht der Neurobiologe Gerald Hüther der Universität Göttingen den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen. Und er hat festgestellt, dass sich diese beiden grundlegenden menschlichen Tätigkeiten nicht trennen lassen. Unsere Emotionen bestimmen unser Denken, und unsere Gefühle sind ausschlaggebend dafür, ob und wie wir etwas lernen. Und das wichtigste Gefühl ist die Begeisterung.

Begeisterung wird vom Duden als „Zustand freudiger Erregung, leidenschaftlichen Eifers; von freudig erregter Zustimmung, leidenschaftlicher Anteilnahme getragener Tatendrang; Hochstimmung, Enthusiasmus“ bezeichnet.

Ist sie eine Tugend? Diese wird ja definiert als eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung. In den klassischen „Tugendlisten“ der Antike, des Christentums, der Bürgertugenden kommt sie nicht vor. Jedoch ist Begeisterung eine Seelenqualität, die gerade in unseren heutigen Krisenzeiten wertvoll ist. Sie geht einher mit Hoffnung, Freude und Mut. Der „Geist“ in der Begeisterung zeigt den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen auf. Und das griechische Wort Enthusiasmus (= von Gott erfüllt) weist auf eine höhere Macht hin, auf „Theos“ – Gott. Wenn ein Mensch vom Geist oder Gott erfüllt ist, entsteht eine ungeheure Kraft. Denken Sie nur an die zahlreichen sportlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Höchstleistungen.

Ein sehr berührendes Beispiel ist das „Simon Bolivar Youth Orchester“ des Gustavo Dudamel aus Venezuela. In diesem bettelarmen Land musizieren Kinder und Jugendliche aus allen Schichten der Gesellschaft unter oft erbärmlichen Bedingungen – getragen von einer Welle der Begeisterung, die das ganze Land erfasst hat. Sie bilden sich gegenseitig aus, wer mehr kann, unterrichtet die anderen – egal ob er jünger oder älter ist. Durch dieses „Sistema“ gehört das Orchester mit seinen über 200 Musikern heute zu den gefragtesten Klangkörpern der Welt.

„Menschen, die Herausragendes leisten, berichten übereinstimmend, dass sie zwar nahezu ihr gesamtes Leben mit Arbeit verbracht haben, jedoch keinen einzigen Tag wirklich gearbeitet hätten. Sie spüren einfach eine unerschöpfliche Begeisterung, Faszination und Freude an ihrer Tätigkeit“, schreibt Sportwissenschaftler und Sportpsychologe Michael Draksal in seinem Buch „Psychologie der Höchstleistung – Dem Geheimnis des Erfolges auf der Spur“.

Gerald Hüther erklärt, dass wir nur dann etwas lernen können, wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden. Rein kognitives Lernen funktioniert nicht – oder wenn, dann nur über Konditionierung, also Belohnung und Strafe. Das ist jedoch kein glückliches Lernen, sondern Dressur (und leider im heutigen Schulsystem die gängige Methode).

Zurück zum gelingenden Lernen: Die emotionalen Zentren schütten neuroplastische Botenstoffe aus, um das Gelernte im Gehirn zu verankern. Wenn wir enthusiastisch sind, fungieren die emotionalen Zentren wie eine Gießkanne. Sie lassen die neuroplastischen Botenstoffe wie Dünger über das ganze Gehirn fließen. Wir sind glücklich, unsere Wangen röten sich, das Herz klopft schneller, unsere Augen leuchten – wir strahlen Begeisterung aus – und diese ist bekanntlich ansteckend.

Hüther lehrt auch, dass das Gehirn bis ins hohe Alter Neues lernen kann, wenn man wahrhaft motiviert und begeistert ist. Und er erklärt weiter, dass wir uns nur im sozialen Kontext weiterentwickeln können, in einer Lerngemeinschaft. Und er behauptet, dass jeder Mensch hochbegabt ist und alles Wissen in sich trägt. Es braucht nur die richtige Methode, es freizulegen.

Diese Idee erinnert an die antike Vorstellung der Erziehung. Dieses Wort (Erziehung) leitet sich vom lateinischen educere – „herausziehen ab. Denn schon Platon lehrte vor 2500 Jahren, dass der Mensch alles Wissen in sich trägt, man müsste ihm nur dabei unterstützen, es zum Ausdruck zu bringen.

Die drei wesentlichen Elemente dazu sind – laut Hüther: Einladen, ermutigen und inspirieren.

Einladen geht mit Freiwilligkeit einher. Eine Einladung kann angenommen oder abgelehnt werden. Ermutigen bedeutet zu vertrauen, dass jeder Mensch latente Potenziale in sich trägt und aktivieren kann. Inspirieren steht mit dem „spirit“ in Beziehung. Wenn wir unsere Ideen und Geistesblitze teilen und einander ergänzen, kann etwas Neues, Großartiges entstehen.

Wie Begeisterung gelingt – eine Einladung:

1) Nehmen Sie die kleinen Dinge wahr und erfreuen Sie sich daran. Eine Blume am Straßenrand, ein Kinderlachen, ein freundlicher Gruß, Vogelgesang, eine gelungene Reparatur, ein geglückter Kuchen, etc.

2) Teilen Sie Ihre Begeisterung: Wenn Sie etwas Schönes erlebt haben, erzählen Sie es weiter. Wenn Sie etwas besonders Interessantes erkannt oder gelesen haben, lassen Sie Ihre Lieben daran Anteil haben. Multiplizieren Sie so die Freude.

3) Entfachen Sie einen Begeisterungssturm, wenn Sie besondere, ungewöhnliche, große Aufgaben haben. Machen Sie sich die Bedeutung dessen klar, was Sie tun wollen. Wozu ist es wichtig? Was bringt es Ihnen? Was bringt es der Welt? Lassen Sie sich von der Begeisterung ergreifen und legen Sie los. Es wird gelingen.

Viel Mut wünscht Gudrun Gutdeutsch

 

Zur weiteren Beschäftigung mit diesem Thema:

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Der Psychiater unter den Philosophen https://www.abenteuer-philosophie.com/der-psychiater-unter-den-philosophen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=der-psychiater-unter-den-philosophen https://www.abenteuer-philosophie.com/der-psychiater-unter-den-philosophen/#respond Tue, 25 Jun 2019 09:05:21 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=2246 Magazin Abenteuer Philosophie

„Es bleibt nur ein Weg: Die Philosophie muss die Wahrheit, den Sinn und das Ziel unseres Lebens zeigen. Sie ist von ungeheurem Wert. Wenn sie nicht wäre, müsste das Leben scheußlich sein.“ Zu Beginn des 20. Jh.s war die psychiatrische Medizin noch kein wissenschaftlich fundiertes Gebiet und die Existenzphilosophie noch in ihren Kinderschuhen. Beides änderte sich durch die Arbeiten von Karl Jaspers. Ursprünglich wollte er Jurist werden. Schließlich studierte er Medizin, um sich später im Fach Psychiatrie zu spezialisieren. Dass er letztlich sogar Ordinarius für Philosophie wurde (obwohl er nie Philosophie studierte), ist auf seine außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen zurückzuführen.

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Es bleibt nur ein Weg: Die Philosophie muss die Wahrheit, den Sinn und das Ziel unseres Lebens zeigen. Sie ist von ungeheurem Wert. Wenn sie nicht wäre, müsste das Leben scheußlich sein.“

Zu Beginn des 20. Jh.s war die psychiatrische Medizin noch kein wissenschaftlich fundiertes Gebiet und die Existenzphilosophie noch in ihren Kinderschuhen.

Beides änderte sich durch die Arbeiten von Karl Jaspers. Ursprünglich wollte er Jurist werden. Schließlich studierte er Medizin, um sich später im Fach Psychiatrie zu spezialisieren. Dass er letztlich sogar Ordinarius für Philosophie wurde (obwohl er nie Philosophie studierte), ist auf seine außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen zurückzuführen.

Schon mit 30 Jahren veröffentlichte er seine „Allgemeine Psychopathologie“, ein Werk, das der methodischen Grundlegung der Psychiatrie als Wissenschaft diente. Es machte ihn vor allem in der Fachwelt der Medizin bekannt. Dass sich mit Jaspers Denken zugleich eine neue Art von Philosophie ankündigte, verdeutlichte sein zweites Frühwerk: „Psychologie der Weltanschauungen“. Damit war der Grundstein der modernen Existenzphilosophie gelegt. Jaspers beschäftigt sich darin mit den psychologischen Motiven von Glaubensvorstellungen sowie mit den Abgründen existenziell prägender Grenzsituationen.

Es brachte ihm jedoch nicht nur Berufungen ein, sondern besonders auch Ablehnung.

Sein Professoren-Kollege in Heidelberg, der Neukantianer Heinrich Rickert, lieferte sich mit ihm in den folgenden Jahren so manches Gefecht, da er in der Berufung Jaspers zum Ordinarius den Anfang vom Ende der Philosophie erachtete.

Der Konflikt der beiden ist typisch für die tiefen Gräben  zwischen den metaphilosophischen Vorurteilen verschiedener Philosophen. Während Jaspers Fragen der Sinnerfüllung, der Krisenbewältigung, der Existenzverwirklichung und der Erörterung der Mysterien des Seins in den Mittelpunkt stellte, lehnten viele seiner Kollegen einen solchen „Missbrauch“ der Philosophie entschieden ab. Denn für viele Philosophen sind allein Fragen der Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie und Logik von Belang für die Philosophie.

Trotz der Verdienste von Jaspers, der nicht nur als Vater der deutschen Existenzphilosophie, sondern auch als einer der wichtigsten Akteure beim ideologischen Wiederaufbau der deutschen Universitäten gilt, ist er heute nur mehr wenigen bekannt. Ebenso wenig bekannt ist seine beinahe schicksalhafte Prädestinierung für existenzphilosophische Fragen, die ihm durch seine schwierigen Lebensumstände auferlegt schien. Sein Werdegang war dabei genauso ungewöhnlich wie seine gesundheitliche Konstitution, an der er sein Leben lang schwer litt: Immer wieder überkam ihn eine lebensbedrohliche Atemnot, die von einer angeborenen Lungenerkrankung herrührte. Sie machte ihm ein normales Berufsleben fast unmöglich und ließ ihn ständig mit dem eigenen Tod rechnen.

Während des 2. Weltkriegs entging er nur knapp der Exekution, da er mit einer Jüdin verheiratet war. Seine Deportation war für den 15. April 1945 vorgesehen. Doch Heidelberg, wo er lebte, wurde am 1. April 1945 von den Amerikanern befreit. Der sich in seinem Leben ständig wiederholende Eindruck des Ausgeliefertseins gegenüber der unberechenbaren Willkür seines Körpers, das wiederholte  Erleben von Grenzsituationen, in denen sich der Mensch hilflos dem drohenden Verlust alles Geliebten, wie in einem freien Fall ins Nichts ausgesetzt fühlt, ohne dass irgendein Wissen davor schützen könnte – genau solche tiefen, inneren Erschütterungen prägten das Leben Karl Jaspers.

Zeit, Vergänglichkeit und wahres Selbstsein gewinnen eine unter normalen Umständen völlig unzugängliche Dimension des Wirklichen.

Ähnlich wie einst Søren Kierkegaard unterschied auch Jaspers zwischen mehreren Stufen der Existenzverwirklichung:

  1. Das bloße Dasein: Der instinktorientierte, egoistische, von Trieben bestimmte, bloße Daseinswille, der sich auch in amoralischem Macht- und Anerkennungsstreben äußert.
  2. Das Bewusstsein überhaupt: Der Mensch wird hier zum Verstandeswesen, das über sich selbst zu reflektieren beginnt und Widersprüche in seinem Handeln erkennt.
  3. Die Stufe des Geistes: Die Vielfalt an Gütern, Erfahrungen und Werten kann hier bereits im Rahmen eines anerkannten Sinnkonzepts bewertet, verortet und verarbeitet werden.
  4. Die Stufe der Existenz: Sie erweist sich als nicht definierbarer, von außen unzugänglicher Bereich existenzieller Selbsterfahrung in Grenzsituationen oder als besondere Form der Selbsterfahrung in Momenten existenzieller Kommunikation.

Von 1948 bis 1961 hatte Jaspers einen Lehrstuhl für Philosophie in Basel inne. Nachdem er sich in Deutschland politisch heimatlos fühlte, setzte er sein öffentliches Engagement von der Schweiz aus fort. Seine Frau Gertrud Jaspers war ihm immerzu seine wichtigste emotionale Stütze.

Vieles von dem, was er über wahres Selbstsein durch existenzielle Kommunikation schrieb, verdankte er jener innigen Offenheit, Aufmerksamkeit und theoretischen Reflexionsbereitschaft, die ihm seine Frau widmete. Gegen Ende seines Lebens bemühte sich Jaspers darum, ein anderes Thema zu vollenden: die Möglichkeit eines philosophischen Glaubens angesichts der Offenbarung. Da Jaspers selbst von der Existenz Gottes überzeugt war, sich jedoch mit den Dogmen der Offenbarungsreligionen nicht zufriedengab, bemühte er sich, einen genuin philosophischen Standpunkt gegenüber der Allgegenwart der „Transzendenz“ (für Jaspers ein neutraler Gottesbegriff) zu begründen.

Denn wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, sind wir Menschen in der Lage, Grenzsituationen zu überstehen, ohne dazu selbst die nötige Kraft zu haben.

Gott teilt sich dabei meist auf indirekte Weise, also durch Menschen, Ereignisse und Fügungen mit, die auf rätselhafte Weise Sinn ergeben („Chiffren der Transzendenz“) und zum idealen Zeitpunkt geschehen. Wie durch ein Wunder erreichte Jaspers ein Lebensalter von 86 Jahren, obwohl dies niemand je erwartet hätte. Sein Bruder hingegen nahm sich wenig über vierzigjährig das Leben – obwohl er im Gegensatz zu Jaspers von Geburt an gesund war. Die Fügungen, die uns das Leben beschert, genauso wie das Offenbarwerden des Seins durch persönliches Scheitern in Grenzsituationen waren für Jaspers jene Mysterien, die ihn am meisten faszinierten.

 

Literaturhinweis

  • Salamun, Kurt: 2006. Karl Jaspers. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. Würzburg: Königshausen & Neumann, 163.
  • Saner, Hans: 1999. Karl Jaspers. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rowohlts monographien), 184.
  • Weischedel, Wilhelm: 2010: Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken. München: dtv, 292-310.

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Darf ich (not)lügen? https://www.abenteuer-philosophie.com/darf-ich-notluegen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=darf-ich-notluegen https://www.abenteuer-philosophie.com/darf-ich-notluegen/#respond Fri, 25 May 2018 13:11:48 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=1356 Magazin Abenteuer Philosophie

Hand aufs Herz: Wer von uns hat noch nie gelogen – zumindest ein bisschen geschwindelt oder vielleicht auf eine kleine Notlüge zurückgegriffen? In einer Zeit, wo Fake News in aller Munde sind, haben wir DEN Experten in ethischen Themen in Königsberg kontaktiert.

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Interview mit Unzeitgenossen

Hand aufs Herz: Wer von uns hat noch nie gelogen – zumindest ein bisschen geschwindelt oder vielleicht auf eine kleine Notlüge zurückgegriffen?
In einer Zeit, wo Fake News in aller Munde sind, haben wir DEN Experten in ethischen Themen in Königsberg kontaktiert.

Abenteuer Philosophie: Herr Professor Kant, Sie haben mit Ihrem kategorischen Imperativ einen Meilenstein in Fragen des praktischen ethischen Verhaltens gesetzt. Aber Sie haben sich mit der Lüge auch besonders beschäftigt.

Kant: Ja, das ist richtig. Ich habe einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen.

AP: Wie kamen Sie dazu?

Kant: Dieser Artikel war eine Antwort auf eine Aussage eines französischen Philosophen, der behauptet hat: „Die Wahrheit zu sagen ist eine Pflicht, aber nur gegen denjenigen, welcher ein Recht auf die Wahrheit hat.“

AP: Ein einleuchtendes Beispiel hierfür wäre etwa, wenn mich ein angehender Mörder fragt, ob sich sein zukünftiges Opfer an einem bestimmten Ort befindet. Hier scheint eine Lüge nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern sogar angezeigt. Ein praktischeres Beispiel: Darf ich jemanden in Bezug auf die Schwere seiner Krankheit belügen? Hat der Todkranke ein Recht auf Wahrheit? Oder hebt die Barmherzigkeit jenes Recht auf?

Kant: Zuerst ist anzumerken, dass der Ausdruck, ein Recht auf die Wahrheit zu haben, ein Wort ohne Sinn ist. Man muss vielmehr sagen: Der Mensch habe ein Recht auf seine eigene Wahrhaftigkeit. Denn objektiv auf eine Wahrheit ein Recht haben, würde eine seltsame Logik abgeben.

AP: Ja, denn niemand ist im Besitz der reinen Wahrheit. Selbst ein Todkranker könnte wieder gesund werden.

Kant: Ja. Und im Besonderen ist Wahrheit kein Besitztum, auf welches dem einen das Recht bewilligt, anderen aber verweigert werden könne. Und zweitens und dies vornehmlich, darf die Pflicht der Wahrhaftigkeit keinen Unterschied zwischen Personen machen, gegen die man diese Pflicht hat oder gegen die man sich von dieser Pflicht lossagen könne. Es ist eine unbedingte Pflicht.

AP: Das ist eine sehr hoch angesetzte moralische Norm, die Sie hier aufstellen.  Ist das überhaupt lebenspraktisch? Ich denke hier zum Beispiel daran: wie ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter dazu bringt, Kunden in Bezug auf die Qualität der verkauften Produkte ein wenig anzuschwindeln.

Kant: Von einem anderen zu fordern, ihm zum Vorteil zu lügen, ist ein aller Gesetzmäßigkeit widerstreitender Anspruch: Mag die Wahrheit nun ihm selbst oder dem anderen schaden.

AP: Sie anerkennen nicht einmal die Lüge aus Barmherzigkeit?

Kant: Wer lügt, so gutmütig er dabei auch gesinnt sein mag, muss die Folgen davon verantworten. Im ethischen Sinn muss ich noch nachschärfen: Unwahrhaftigkeit ist Verletzung der Pflicht gegen sich selbst.

Die Juristen verlangen in ihrer Definition der Lüge eine vorsätzliche unwahre Aussage, die einem anderen schade …

AP: … was impliziert, dass eine Lüge, die einem anderen – oder sich selbst – nützt, keine Lüge im juridischen Sinne wäre.

Kant: Hier muss man aber die Gefahr nicht nur in einem Schaden am Vermögen oder an Leib und Leben einer Person verstehen, sondern auch den Schaden, der entsteht, wenn man Unrecht tut.

In jeder Lüge verletze ich die Pflicht zur Wahrhaftigkeit, die gänzlich unbedingt ist. Jede ausgesprochene Unwahrheit bewirkt, dass Aussagen generell nicht glaubwürdig sind – und damit auch das Vertrauen in Gesetze, in Rechte und Verträge verloren geht.

AP: Sie meinen hier einen Vertrauensschaden. Es gibt ja das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und folgerichtig kollektiv weitergedacht: Wir selber haben uns durch einen zu großzügigen Umgang mit der Wahrheit eine Welt voller Lügen eingebrockt.

Kant: Lüge ist daher ein Schaden, ein Unrecht, das der Menschheit überhaupt zugefügt wird.

AP: Was bleibt da noch übrig zu sagen?

Kant: Allein der, der die Frage stellt: „Darf ich (not)lügen?“, ist schon ein potenzieller Lügner, weil er zeigt, dass er die Wahrhaftigkeit nicht für Pflicht an sich selbst anerkennt.

***

Immanuel Kant (1724-1804, in Königsberg, Preußen):

Deutscher Philosoph der Aufklärung, der bedeutendste Vertreter der abendländischen Philosophie am Wendepunkt zur modernen Philosophie.

***

Kategorischer Imperativ:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Kant Werke IV, S. 421, 6.

 ***

Die Antworten von Immanuel Kant im Interview sind seinem Artikel: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, 1797 aus Werke in zwölf Bänden, Band 8, Frankfurt am Main, 1977 entnommen.
(http://www.zeno.org/Nid/20009192123)

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Die neueste Entspannungsmethode aus Japan steht auf Platz 1 der TOP 10 der globalen Spa- und Wellnesstrends und wird von Ärzten verschrieben...

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Auch in Europa etabliert sich diese Mode des „Forest Bathing“. Bei uns ist das ein mehr als hundert Jahre alter Brauch: Wandern und Spazierengehen in der Natur, vom Harz bis in die Südsteiermark, vom Schwarz- bis in den Wienerwald … Was ist das Neue daran?

Heimkehren zu alten heilsamen Gepflogenheiten

Unter dem Jahr treten wir im Hamsterrad unserer beruflichen und privaten Termine. Haben wir endlich Freizeit(stress), machen wir im gleichen Tempo weiter, flitzen mit dem Mountainbike bergauf bergab, laufen bei Großstadtmarathons, lassen uns in der Disco volldröhnen … und laufen dabei vor uns selbst davon. Doch es gibt auch andere Moden. Wenn ich an der Isar spazieren gehe, sehe ich sie. Allein, zu zweit oder auch in Gruppen, ausgestattet mit Wanderstock, Rucksack und guten Schuhen sind sie unterwegs, die Wanderer. Und es werden immer mehr. Ihr Brauch ist bei uns schon über hundert Jahre alt, aber derzeit erlebt er einen echten Boom. Vor allem das Pilgern auf dem Jakobsweg ist in, inzwischen gibt es zahlreiche Bücher und Filme darüber. Warum tun die Menschen das? Mein Bruder, Theaterautor und Regisseur, immer unterwegs in Europas Groß- und Kleinstädten, wanderte letztens nach Mariazell. Nicht aus religiösen Gründen, sondern um zu sich zu kommen – nach einer beruflichen Schaffenskrise und dem Ende einer langjährigen Beziehung. Es war sehr wichtig für ihn, Klarheit über Lebensziele, Prioritäten und Werte zu finden.

Im monotonen Rhythmus der Schritte lässt es sich wunderbar nachdenken: Wer bin ich – jenseits meiner beruflichen oder privaten Auf und Abs? Wofür will ich meine Lebensenergie einsetzen? Was ist mir wichtig?

Spazierengehen ist jahrtausendealt

Am Berühmtesten ist wohl die „peripatetische Schule“ des Aristoteles, der in den Wandelgängen seines Gymnasiums das philosophische Diskutieren begründete. Auch die Stoiker schlenderten während des Denkens in einer Säulenhalle. Und Hunderte Jahre früher bestanden die Morgenübungen der Pythagoreer darin, in grünen Hainen zu wandeln, um zu sich selbst zu finden, bevor sie ihren Tagesgeschäften nachgingen.

Große Religionsgründer wurden als Wanderer geschildert: Buddha, Jesus, Mohammed, Konfuzius, Lao Tse … „So wenig als möglich sitzen, keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in der nicht auch die Muskeln ein Fest feiern“, sagte Nietzsche.

Die Einheit von Körper und Seele beflügelt. Beide sind aktiv, beide sind in Bewegung. Man kann eine Idee von mehreren Seiten betrachten. Die Energie ist in Bewegung und bringt Gedanken an die Oberfläche, die irgendwo im Unbewussten ruhen. Der Atem fließt ruhig und gleichmäßig, das Gehirn ist mit Sauerstoff versorgt, die Natur beruhigt und belebt gleichzeitig die Sinne. Thich Nhat Hanh, vietnamesischer Zenmeister und Friedensaktivist, lehrt Gehmeditation. Wir sollen uns jedes einzelnen Schrittes bewusst sein, das Zusammenspiel der Muskeln und des Atems wahrnehmen, den Kontakt mit der Erde spüren.

Die Füße sind unsere am stärksten „beladenen“ Körperteile, sie sind ständig in Kontakt mit dem Boden und durch diese Reibung werden sie aktiviert. Ideal ist das Barfußgehen. Alle Naturvölker nutzten dieses energetische Aufladen. So konnten sie z. B. bei der Jagd unglaubliche Distanzen zurücklegen, ohne zu ermüden. Beim Barfußgehen hat man sozusagen eine Gratis-Fußreflexzonenmassage.

Den Wald bewusst wahrnehmen

Sowohl im Gehen, Stehen – wenn Sie einen Baum umarmen, im Sitzen. Schließen Sie Ihre Augen und kon-zentrieren  Sie sich auf Ihre Wahrnehmungen. Probieren Sie es aus. Jetzt gleich! Was hören Sie? Fühlen Sie den Kontakt Ihrer Füße mit dem Boden? Das Gewicht Ihrer Hände auf den Oberschenkeln? Automatisch sind Sie eins mit sich selbst.

In der Natur kann man vieles sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. All dies beruhigt, zentriert, verinnerlicht. Schön, dass wir das wieder wertschätzen! So haben die Alten übrigens die Wirkung von Heilkräutern entdeckt oder heilige Orte. Die Sinne sehr geschärft und mit innigem Kontakt zur Natur spürten sie, welche Pflanze wofür hilfreich ist oder welcher Ort über starke spirituelle Kraft verfügt.

Beim Spazierengehen sind wir ganz in Gedanken vertieft. Doch dann lenkt ein schöner Sonnenuntergang, ein alter Baum, eine duftende Blumenwiese die Aufmerksamkeit nach außen. Und auf einmal sehen wir unser Problem mit ganz anderen Augen. Besonders stark ist die Erfahrung, wenn man auf einem Berggipfel steht und ins Tal blickt. Von oben betrachtet, und weil der Körper energiedurchflutet ist, verschwindet so manche Schwierigkeit von selbst…

Praktische Tipps für den Seelenspaziergang

1) Tempo raus!

Manchmal hetzen wir ganz unbewusst auch beim Spazierengehen. Gehen Sie langsam und bewusst, lassen Sie sich treiben, verweilen Sie am Fluss oder unter einem Baum. Und ziehen Sie die Schuhe aus!

2) Mit allen Sinnen wahrnehmen!

Lassen Sie sich nieder, schließen Sie die Augen, und hören, fühlen, riechen, schmecken Sie. Oder legen Sie sich in eine Wiese und beobachten das Leben darin.

3) Lebe ich meine Werte?

Denken Sie darüber nach, was in Ihrem Leben wirklich wichtig ist. Was ist das Sein? Was steht hinter den Erscheinungen? Was wird bleiben, wenn ich nicht mehr bin?

Der Weg ist das Ziel,
meint Ihre Gudrun Gutdeutsch

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"... an dem sich beständig die Wellen brechen! Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen! Ich Unglücklicher sagt jemand, dass mir dieses Schicksal widerfahren musste! Nicht doch, sondern glücklich bin ich, dass ich trotz dieses Schicksals kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt!“ Marcus Aurelius Antoninus (120–180 n. Chr.)

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Sei wie ein Fels an dem sich beständig die Wellen brechen! Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen! Ich Unglücklicher sagt jemand, dass mir dieses Schicksal widerfahren musste! Nicht doch, sondern glücklich bin ich, dass ich trotz dieses Schicksals kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt!

Marcus Aurelius Antoninus (120–180 n. Chr.)

Es ist etwas typisch Menschliches, durch den korrumpierenden Einfluss von Reichtum und politischer Macht mit der Zeit sich dramatisch zu verändern. Wie viele solcher Beispiele gab es bislang in der Geschichte – und wie wenige echte Vorbilder auf der anderen Seite? Nämlich Menschen mit Charakterstärke, die Machtfülle mit Weisheit, Selbstdisziplin und Prinzipientreue verbanden und nicht korrumpiert werden konnten? Es sind gerade die Charaktertugenden der Demut, Mäßigung, Dankbarkeit und Wertschätzung, die Menschen in Machtpositionen leicht verlieren, bevor sie endgültig der Machtgier verfallen. Anders war dies bei Marcus Aurelius. Einst war er römischer Kaiser und mächtigster Mann der Welt. Von 161-180 n . n. Chr. lenkte er die Geschicke des Römischen Reichs und tat dies mit unvergleichlicher Disziplin und Willen, an sich zu arbeiten. Das Einmalige an ihm war, dass er auf Selbsterziehung und charakterliche Vervollkommnung mehr Wert legte als auf alles andere, das wir im Leben erwerben können. Seiner Verantwortung war er sich dabei mehr bewusst als jeder andere Kaiser, da er glaubte, dass es seine kosmische Bestimmung und Pflicht sei, dem Gemeinwohl bestmöglich zu dienen. Diese Überzeugung entstammte seiner stoischen Weltanschauung und seinem Glauben an die heimarmene (Vorsehung). Denn er gehörte einer philosophischen Tradition an, die die rechte Lebensweise samt Disziplinierung des eigenen Charakters zum obersten Gebot ihrer Ethik machte: die Stoa. „ARBEIT AN SICH SELBST“ – was für eine Leerformel ist das heute geworden – und was hat dies noch im Leben des Marcus Aurelius bedeutet. Konkret nachvollziehbar wird dies in den „Selbstbetrachtungen“ des Kaisers, die er in den Feldlagern seiner Soldaten an der Front verfasste. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er fast durchgehend im Krieg gegen die im Norden des Reichs eindringenden Quaden, Jazygen und Markomannen. Da er es für seine Pflicht hielt, seinen Soldaten beizustehen, weilte er meist unter ihnen. In dieser ungewissen und tristen Lage verfasste er seine Selbstbetrachtungen (eisheauton). Dabei handelt es sich um eine Art innere Unterredung, in denen sich Marcus Aurelius immer wieder ermahnt, am rechten Weg festzuhalten, nicht dem Cäsarenwahn zu verfallen, nicht zu jammern, sondern dankbar zu bleiben und nach bestem Gewissen gerechte Entscheidungen zu treffen. Denn sein größtes Anliegen war ihm das Wohlergehen seines Volkes und die Beherrschung seiner Affekte. Zu diesem Zweck hielt er es für nötig, sich selbst immer wieder zu ermahnen und zu besinnen – letztlich um seine Bestimmung zu erfüllen.

Verkaisere nicht! Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht. Erhalte dich daher einfach, gut, lauter, ernsthaft, gerechtigkeitsliebend, prunklos, gottesfürchtig, wohlwollend, liebevoll, standhaft in der Erfüllung deiner Pflichten. Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte. Ehre Gott, fördere das Heil der Menschen! Kurz ist das Leben und es gibt nur eine Frucht des irdischen Daseins: eine unsträfliche Gesinnung und gemeinnützige Taten.

Marcus Aurelius

 

Luxus und Ausschweifungen verachtete Marcus Aurelius ebenso wie Trägheit, Eigenlob, Feigheit und Verlogenheit. Und obwohl er häufig von Menschen umgeben war, die genau dazu neigten, bemühte er sich stets, Nachsicht mit ihnen zu haben. Für sein Volk wollte er sogar an der  Front noch als oberstes Organ römischer Rechtsprechung bei Prozessen zur Verfügung stehen. Es handelte sich um Gerichtsprozesse, die sonst in Rom ausgetragen wurden. Da er dort nicht anwesend sein konnte, ihm aber an Gerechtigkeit sehr viel lag, beorderte er einfach die streitenden Parteien zu sich ins Feldlager. Wann immer der Kaiser Zeit dazu fand, bemühte er sich, das Los der Menschen zu erleichtern und für Gerechtigkeit zu sorgen. Davon profitierten besonders Frauen und Sklaven.

Von allem Negativen, das die Nachwelt über ihn berichtet, konnten Marcus Aurelius nur zwei Entscheidungen zur Last gelegt werden: die Entscheidung, seinen Sohn Commodus zum Nachfolger zu bestimmen, womit das Goldene Zeitalter der römischen Kaiserzeit schließlich endete und – wer hätte das gedacht – dass er den Gladiatoren vorschrieb, mit Holzwaffen zu kämpfen. Insgesamt wurde kein Kaiser von der Nachwelt übereinstimmend so positiv dargestellt wie er. Marcus Aurelius war der Liebling der Humanisten und Aufklärer. Voltaire verehrte ihn, Friedrich der Große empfand eine Seelenverwandtschaft mit ihm und selbst Altkanzler Helmut Schmidt fand noch regelmäßig Zuspruch und Trost bei der Lektüre der Selbstbetrachtungen des Kaisers.

 

Literaturhinweis:
  • Marcus Aurelius: 2001. Selbstbetrachtungen. Übersetzung, Einleitung und Anmerkungen von Albert Wittstock. Stuttgart, Reclam
  • Marc Aurel: 2010. Wege zu sich selbst. Herausgegeben von Alexander Demandt. München: C.H. Beck (Kleine Bibliothek der Weltweisheit 15)
  • Pohlenz, Max: 1992. Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung. Göttingen: Van den Hoeck &Ruprecht, S. 341-353

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