Aristoteles

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Aristoteles war wohl eines der tiefsten wissenschaftlichen Genies, die je erschienen sind.“
G. W. F. Hegel

Zweitausend Jahre lang galt alles, was Aristoteles (384-322 v. Chr.) behauptete, als unanfechtbares Dogma – schreibt der italienische Autor Luciano De Crescenzo. Auch wenn das nicht ganz richtig ist, kann man die wissenschaftliche Bedeutung des Aristoteles kaum überschätzen. Noch zu Beginn der Neuzeit musste jeder ernsthafte Versuch, einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, mit einem Angriff auf einzelne Lehren des Aristoteles beginnen. In der europäischen Scholastik nannte man ihn einfach „den Philosophen“, was seinen uneinholbaren Rang verdeutlicht, wobei manchmal ein Verweis auf ihn bereits genügte, um eigene Thesen zu rechtfertigen. Für die Wissenschaft hatte Aristoteles daher lange eine ähnliche Autorität wie die Bibel für den frommen Christen.

Das Kunststück, die aristotelische Philosophie mit der christlichen in Einklang zu bringen, vollzog Thomas von Aquin.

Dies führte in Frankreich immer wieder vorübergehend zu Verboten aristotelischer Schriften. Denn nach Aristoteles ist die Seele sterblich und Gott wird als unpersönliches Wesen interpretiert, das weder Menschen verdammt noch christliche Fürsorge zeigt. Bereits über 500 Jahre zuvor übte sein Denken einen ähnlich starken Einfluss auf den jüdischen und arabischen Wissenschaftsbetrieb aus.

Doch wer war dieses Genie, von dem noch Immanuel Kant im 18. Jh. sagte, dass dessen formale Logik wohl nicht weiter verbesserbar sei? Wer war diese Person, dessen Denken noch im 20. Jh. zu einer Renaissance der Tugendethik führte?

Obwohl es ganze 2000 Jahre dauerte, bis Männer wie Galileo Galilei und Isaac Newton Grundannahmen der aristotelischen Physik überwinden und der modernen Physik den Weg ebnen konnten, trat die Persönlichkeit des Aristoteles dabei in den Hintergrund. Aristoteles war der erste große Lehrer des Abendlandes, der wie ein Professor arbeitete.

Seine Stärke lag in seiner systematischen Arbeitsweise, die durch hohe analytische Präzision und Reflexionsfähigkeit gekennzeichnet war.

Bei Aristoteles kommt zudem ein Wesenszug zum Ausdruck, der nicht umsonst die Wissenschaft bis heute prägt: die Suche nach Wahrheit wird zum Selbstzweck, d. h. sie darf nicht der Verteidigung erwünschter Vorurteile oder Lebensweisen dienen. Gegenüber Platon zeichnet ihn aus, dass er Mehrdeutigkeiten von Begriffen durch Definitionen vorzubeugen suchte und theoretische von praktischen Disziplinen klar trennte. Damit wurden Wissenschaft und philosophisch inspirierte Ideologie zu unvereinbaren Sphären. Diese Aufrichtigkeit kam auch in seinem Wesen zum Ausdruck. Aristoteles war ein staubtrockener Analytiker, dem jeder Hang zur Leidenschaftlichkeit fehlte. Wer seine Denkweise genau studiert, wird bemerken, dass es bedeutende Übereinstimmungen zwischen der vollendeten Lebensweise nach Aristoteles‘ Ethik und seiner eigenen gab. Erstaunliche Parallelen lassen sich auch zwischen der vollkommenen Glückseligkeit Gottes (laut Aristoteles) und seiner eigenen Lebensweise finden. Gott ist demnach reines Denken, der Materie enthoben und muss sich genauso wenig die Hände mit Materie (z. B. körperliche Arbeit) schmutzig machen wie der aristokratische Philosoph, der es sich leisten kann, vorwiegend zu studieren. Sein größter Reichtum sind Zeit, Bildungsbeflissenheit und Muße. Die negativen Züge dieser Lebens- und Denkweise fallen durch ihre aristokratische Überheblichkeit sowie durch die für dessen Gottesbild typische Gleichgültigkeit und Selbstgenügsamkeit auf. Bertrand Russell kommentiert Aristoteles‘ Ethik folgendermaßen:

„Die sogenannte Güte oder Menschenfreundlichkeit fehlt bei Aristoteles fast völlig. Die Leiden der Menschheit lassen ihn, sofern er sich ihrer überhaupt bewusst wird, ganz unberührt … Mit unangemessen behaglicher Selbstzufriedenheit spekuliert Aristoteles über menschliche Dinge; alles, was die Menschen zu leidenschaftlichem, gegenseitigem Interesse anregt, scheint er zu übersehen. Selbst seine Schilderung der Freundschaft ist lau und matt. Niemals merkt man ihm an, dass er irgendwelche Erlebnisse gehabt hatte, bei denen er Gefahr lief, den Verstand zu verlieren; alle tieferen Aspekte des moralischen Lebens sind ihm offenbar unbekannt.“

Russell dürfte dabei jedoch übersehen haben, dass antike Tugendethiken die Leidenschaftslosigkeit als eines der wertvollsten Güter betrachteten. Die christliche und später kantische Pflichtethik war der gesamten antiken Tugendethik fremd.

Obwohl die Selbstgenügsamkeit des aristotelischen Weisen nicht gerade Sympathien erweckt, sollte gerade Aristoteles nicht nachgesagt werden, dass ihn andere Menschen nicht kümmerten.

So sorgte er für seine Frau und seinen Sohn, ja sogar für Bedienstete testamentarisch vor, während bis heute gelegentlich das humanistische Potenzial seines Denkens hervorgehoben wird. Unter bestimmten Umständen plädierte Aristoteles sogar für die Freilassung von Sklaven und es fehlte ihm jede Neigung zu Jähzorn oder Bosheit. Nachdem Aristoteles gegen Ende seines Lebens von Athen fliehen musste, starb er zurückgezogen unweit von Athen – vermutlich an einem Magenleiden. Seine Schule – das Lykeion – blieb noch ca. bis ins 1. Jh. v. Chr. bestehen.

Literaturhinweis:

  • BIRNBACHER, Dieter: 2007. Analytische Einführung in die Ethik. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter (de Gruyter Studienbuch)
  • CORCILIUS, Klaus; Christof RAPP (Hg.): 2011. Aristoteles Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler
  • DE CRESCENZO, Luciano: 1990. Geschichte der griechischen Philosophie. Von Sokrates bis Plotin. Aus dem Italienischen von Linde Birk. Zürich: Diogenes
  • HÖFFE, Otfried: 2006. Aristoteles. München: C.H. Beck (Beck’sche Reihe Denker 535)
  • KOBUSCH, Theo 2011: Die Philosophie des Hoch- und Spätmittelalters. München: C.H. Beck (Geschichte der Philosophie, Band V)
  • RUSSELL, Bertrand 2004: Philosophie des Abendlandes. Aus dem Englischen von Elisabeth Fischer-Wernecke. München: Piper

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