Das Vermögen des Mahatma Gandhi

Mit dem er sich seinen Weltruhm erwarb

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unächst war er wie einer von uns. Er stibitzte als Kind seinen Eltern Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Als junger Student liebte er seine modischen englischen Anzüge und betrachtete sich immer wieder wohl- und selbstgefällig im Spiegel. Doch dann ging ihm das Geld aus. Er lernte, der Notwendigkeit zu gehorchen, kleidete sich ganz einfach und ging zu Fuß – 20 Kilometer pro Tag. Schließlich wurde er zum Mahatma – zur großen Seele Indiens – zu einem, der berufen war, die Weltgeschichte zu verändern.

Heute ist er Symbol dafür, dass es nichts Unmögliches gibt, dass Veränderung möglich und machbar ist und dass jeder dazu betragen kann und muss. „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für die Welt.“ Er hat uns gezeigt, was möglich ist, was er vermochte. Und dass auch wir alle mehr vermögen, als wir glauben …
Ich persönlich lernte ihn im Kino kennen. Sie vielleicht auch? Es war der monumentale Spielfilm „Gandhi“ von Richard Attenborough aus dem Jahr 1982 mit Ben Kingsley in der Titelrolle. Als freiheitsliebender und gerechtigkeitsfanatischer Teenager war ich begeistert und bin es noch. Und daher ist es mir ein Anliegen, über ihn anlässlich seines 150. Geburtstag am 2. Oktober zu schreiben.
Ich schreibe von seinem Vermögen, das ihm nicht in die Wiege gelegt wurde, das er nicht geerbt hatte, sondern das er sich mühsam erarbeiten musste. Seine Botschaft war für mich immer eine innere gewesen. Gewiss, es gab den äußeren Kampf für die Unabhängigkeit Indiens, aber der war zu meiner Zeit schon geschlagen.

1. Vermögen: Lebe einfach!

Einfachheit, Reinheit und Verzicht waren ein Wesenskern von Gandhi. Er wollte mit der westlichen Mammon-Kultur nichts zu tun haben und vor allem Indien davor retten. Was würde er sagen, könnte er sein Land heute sehen? Er lebte in einfachsten und bescheidensten Verhältnissen, trug ausschließlich indisches Tuch. Er galt als „der nackte Heilige“. Selbst wenn er Staatsmänner empfing, setzten sich diese in seiner kleinen, bescheidenen Hütte auf die Bodenmatte neben ihn. Er träumte von einer nationalen Wirtschaft, die ohne Schwerindustrie, ohne Großstädte, ohne Luxusgüter auskommt und stattdessen die Menschen selbstständig macht und ihnen die einfache menschliche Würde zurückgibt. Daher saß er immer am Spinnrad – auch wenn er mit Staatsoberhäuptern verhandelte. Das Spinnen diente ihm der Meditation, Konzentration, Selbstbeherrschung und war darüber hinaus auch nützlich. Es sei ein Mittel gegen die Sittenverwilderung und Selbstsucht, wie er es selbst ausdrückte.

Gandhis Spinnrad (© Anandoart | Dreamstime.com)

2. Vermögen: Habe Mut, deine Stimme zu erheben

Seinen Kampf nannte Gandhi „Satyagraha“. Satya bedeutet Wahrheit. Agraha ist das Erfassen oder feste Anhalten. Daraus ergibt sich ein „unbeirrbares Sich-an-die-Wahrheit-Halten“. Die Wahrheit, die eigene Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit müssen Richtschnur des eigenen Handelns sein. Wahrhaftigkeit ist die Wurzel aller Tugenden und Satya ist das Herz aller Dinge. Ein Satyagrahi ist daher ein Mensch, der die wahre Gerechtigkeit sucht und nicht seinen persönlichen Vorteil, ein Mensch, der für die Wahrheit eintritt. Komplizenhaftes Schweigen oder stille Resignation ist damit nicht vereinbar. Eigene Feigheit und Schwäche verdunkeln die Wahrheit.

„Ein Nein aus tiefster Überzeugung ist besser und größer als ein Ja, das nur gefallen will, oder noch schlimmer, Schwierigkeiten umgehen möchte.“

 

Die sieben sozialen Sünden der Moderne
formulierte Mahatma Gandhi 1925 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Young India

  1. Politik ohne Prinzipien
    2. Wohlstand ohne Arbeit
    3. Genuss ohne Bewusstsein
    4. Wissen ohne Charakter
    5. Geschäft ohne Moral
    6. Wissenschaft ohne Menschlichkeit
    7. Religion ohne Opferbereitschaft

Hierin zeigt er die Ursachen und gleichermaßen die Lösungen für die Welt – welche selbst heute noch Gültigkeit haben.

Der Mann, der dreihundert Millionen Menschen erweckt und das britische Weltreich erschüttert, hat

Ruhige dunkle Augen. Ein schmächtiger Leib, ein hageres Gesicht und weit abstehende Ohren. Er trägt eine weiße Mütze, hüllt sich in grobes, weißes Tuch und geht barfuß. Er nährt sich von Reis und Früchten. Er trinkt nur Wasser. Er schläft auf dem nackten Boden. Er schläft überhaupt wenig und arbeitet ohne Unterlass. Sein Körper scheint nicht zu zählen. Nichts an dem Manne fällt bei einer ersten Begegnung auf als ein Ausdruck unendlicher Geduld und Liebe. … Er denkt von sich äußerst bescheiden in einem Maß, als ob er sagen wollte: „Ich kann mich irren.“ Er verbirgt nie seine Fehler, schließt keine Kompromisse, kennt keine Diplomatie … Er lauscht seiner leisen inneren Stimme, „the still small voice“, der er folgen muss.
Aus der Gandhi-Biografie von Romain Rolland

 

3. Vermögen: Nutze deine Wut

Um gewaltlosen Widerstand gegen eine Übermacht zu zeigen, brauchte er unbedingte Selbstbeherrschung. Gewalt nicht mit Gewalt, Hass nicht mit Hass zu beantworten, gehört vielleicht zu den schwierigsten Dingen. Und trotzdem sagte Gandhi: „Selbstüberwindung ist das Gesetz unseres Daseins.“ Also hatte es gar keinen Sinn, dem Thema auszuweichen. Er gab auch zu: „Herr über die feinen Leidenschaften zu werden ist weit schwerer als die Eroberung der Welt mit Waffengewalt.“ Aber er erklärte auch – und hat es mit seinem Leben selbst bewiesen – wie es geht: Man muss die Energie der Wut nutzen und sie in eine positive und nützliche Richtung leiten. „Wut ist die Energie, die uns zwingt, zu definieren, was gerecht ist und was ungerecht.“ Das führt zum eigenen Nachdenken, den eigenen „wahren“ Standpunkt zu finden und sich dann dafür einzusetzen. Gewalt mit Gewalt zu beantworten, vermehrt nur die Gewalt. Es führt zu keiner Lösung.

4. Vermögen: Suche die Kraft der Einheit

„Ich wende mich an alle unter Euch mit der Bitte: Einigt Euch! Hindu, Mohammedaner, Parsen, Juden und Christen … überwindet Euer Misstrauen untereinander. Das Misstrauen geht aus der Furcht hervor, die Furcht aber aus der Schwäche. Ich weiß, dass wir uns im Grunde alle wie Brüder lieben.“ Eine in sich selbst gespaltene Gemeinschaft hat keine Macht. Ein in sich selbst zerrissener Mensch hat keine Kraft.

Apropos Vermögen

Ein Vermögen ist nicht etwas, das man gerne hätte, sondern was man wirklich sein Eigen nennen kann. Nicht ein Traum oder eine Sehnsucht, sondern man muss es sich mit ganzer Kraft und Anstrengung selbst erarbeitet haben. Das ist wahrlich nicht so leicht: einfach zu leben in einer Kultur des Wohlstands durch Konsum. Im feigen Schweigen der Masse seine Stimme zu erheben, sich nicht wütend oder ohnmächtig zu fühlen angesichts der Herausforderungen unserer Zeit und vor allem die Einheit und Verständigung zu suchen in einer Welt des gegenseitigen Misstrauens.

Er wollte eigentlich nie ein Mahatma – eine große Seele – sein. Vielleicht auch deshalb, da uns ein Mahatma zu weit entfernt ist, um als wirkliches Beispiel und Vorbild zu dienen. Er empfand sich selbst als alpa Atma – eine kleine bescheidene Seele, die aber auf der Suche nach der Wahrheit ist. Aber den Namen Bapu (Vater) hat er geliebt. Er war der Vater von Indien – von Millionen von Menschen, die ihn liebevoll so nannten. Und möge er uns heute ein geliebter Großvater sein. Mir fällt der Refrain eines Songs von STS ein: „Großvater, kannst du ned abakumman auf an schnellen Kaffee?“ Und in leichter Abwandlung des Textes singe ich weiter: „Großvater, i möcht‘ di so viel fragn, was i heit net versteh!“ Er kommt nicht zum Kaffee. Er trank nur Wasser. Aber stellen wir uns vor, er säße vor uns … „Danke dir, Bapuji, für dein Vorbild! Und: Happy Birthday!!!“

 

Mohandas Karamchand Gandhi

  • Geboren am 2. Oktober 1869 in Porbandar (Indien) am Golf von Oman, in der Kaste der Vaishas (Geschäftsleute)
  • Studierte Rechtswissenschaften in London
  • Begann als Rechtsanwalt in Südafrika seinen Kampf gegen Rassendiskriminierung
  • Setzte diesen Kampf in Indien fort
  • Übernahm 1920 die Führung der Unabhängigkeitsbewegung in Indien
  • Unternahm unzählige Kampagnen des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialregierung
  • Erlebte schließlich 1947 Indiens Unabhängigkeit, aber auch die Spaltung in Indien und Pakistan
  • 1948 wurde er für seine Aussöhnungsversuche zwischen Hindus und Moslems von einem fanatischen Hindu erschossen
  • Der Ehrenname „Mahatma“ wurde ihm vom indischen Philosophen Rabindranath Tagore verliehen

 

Literaturhinweis:

GANDHI, Arun: Wut ist ein Geschenk – Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi. DuMontVerlag. 2017

GANDHI, M. K.: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Aquamarin-Verlag. 2013

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