Über den Hass

Rede von Gerhard Roth

126

In fast jedem von uns wirkt ein geheimer Hass. Jeder von uns kennt das Gefühl der Wut auf andere, die Verbitterung, sobald ihm Unrecht geschieht, die Erkenntnis der Machtlosigkeit, wenn seine Argumente ignoriert werden. Wer hat  nicht das Mobbing durch Mitschüler oder Lehrer in den Schulen und am Arbeitsplatz erfahren oder von ihm gehört, sei es aus der Sicht des Opfers, der Täter, der Augenzeugen, der Wegschauenden? Wer hat noch keine Intrigen und Denunziationen erlebt oder zumindest Kenntnis davon erlangt oder sogar selbst in die Welt gesetzt? Intrigen, die Karrieren oder das private Leben von Menschen aus der Bahn werfen und sogar zerstören können.

Und wer hat noch keine Postings im Internet gelesen, die dem geheimen Hass – geschützt durch die Anonymität des Verfassers – Ausdruck verleihen oder Beschimpfungen unbekannter Anrufer am Telefon gehört.

Der offene Hass – Streitigkeiten, Gewaltausbrüche bis hin zu Krieg und Terror – ist jedem bekannt. Aus dem aufgestauten Hass in den Köpfen entsteht der offene Hass in Wort und Tat.

Nirgendwo ist der Hass so verheerend wie zwischen den monotheistischen Religionen und ihren verschiedenen Ausprägungen, wobei die jüdische als Einzige nicht missionieren will.

Hass ist ansteckend. Und: Hass erzeugt Hass als Gegengift.

Während ich hier spreche, werden Menschen von ideologischen und religiösen Fanatikern umgebracht, verhungern andere in Äthiopien, ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer und nicht wenige Bürgerinnen und Bürger in Europa oder auf der übrigen Welt wollen nichts mehr davon hören oder sie empfinden darüber sogar Schadenfreude, den geheimen Hass, der die Menschen voneinander trennt, aber sie zu allem Unglück auch zusammenführen kann, um ihn gemeinsam auszuleben.

Ein Mittel dagegen ist der Versuch, die Wahrheit zur Sprache zu bringen. Die Wahrheit ist eine unsichtbare Waffe, die im Laufe der Zeit – aber oft zu spät für die Betroffenen – ein todbringendes Geschwür wie auf einer Röntgenaufnahme erkennen lässt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir die Suche nach Wahrheit, die Aufdeckung einer Weltgeschichte des Hasses, nicht in der Geschichtsschreibung, sondern in der Literatur, der Kunst, der Satire, dem Spiel- und Dokumentarfilm, der Musik finden, denn nur sie sind fähig, den Blick auf den Menschen wie auf ein fremdes Wesen zu richten, das Streben nach den verschiedenen Normalitäten zu zeigen und den damit verbundenen Fanatismus als pathologisch zu erkennen, aber auch eine Weltgeschichte aller Träume der Menschheit, der Schönheit und der Liebe darzustellen, der wir alles, selbst unser Leben, verdanken.  Liebe ist das größte Abenteuer, ein Abenteuer, das alles umfasst, von der Geburt bis zum Tod, wenn wir uns für sie entscheiden.

***

Diese Rede hielt der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth am 29. Juni als ihm der Große Österreichische Staatspreis 2016 im Rahmen eines Festaktes in der Nationalbibliothek Wien verliehen wurde. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung wird jährlich von Künstlern für Künstler in den Sparten Literatur, Bildende Kunst, Musik und Architektur vergeben. Der Kunstsenat, vertreten durch Dr. Winkler, würdigte Roth als „einen der bedeutendsten und international bekanntesten österreichischen Schriftsteller“. Ein Ausspruch Roths ist bezeichnend für die Aufgabe eines Künstlers und überdies für sein eigenes künstlerisches Streben: „Die Religionen sind Sprachen, die sich mit dem Schweigen des Universums auseinandersetzen. Ich arbeite an der Lösung des Schweigens des Universums durch mein Schreiben.”

Für Roth, der nie einer politischen Partei angehörte, bedeutete dieser Preis eine „Versöhnungsgeste“, diffamierte man ihn doch in der Vergangenheit aufgrund seiner Kritik an politischen Missständen als Nestbeschmutzer Österreichs. „Künstler sind nichts Anderes als Übersetzer des Wahns in die Normalität”, schreibt Gerhard Roth in seinem Roman Das Labyrinth. Und so folgte er in seiner Kritik immer seinem starken Gerechtigkeitsbedürfnis und sah und sieht sich auch als Sprachrohr für Schwächere und für all diejenigen, die ähnlich empfinden, aber mit Worten nicht so hantieren können wie dieser Künstler der Worte.

Dem Festakt wohnten Vertreter der Politik, Künstler, Mitstreiter, Freunde, seine Familie bei und alle waren berührt von der einfühlsamen Laudatio seines langjährigen Freundes, des Schriftstellers Peter Stefan Jungk. G. Roth „antwortete“ auf den Staatspreis mit diesem Aufruf zu Liebe statt Hass.

Hat dir dieser Artikel gefallen?

Bestelle diese Ausgabe oder abonniere ein Abo. Viel Inspiration und Freude beim Lesen.

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. weitere Infos

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Schliessen