„Sei wie ein Fels …“

Marcus Aurelius Antoninus (120–180 n. Chr.)

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Sei wie ein Fels an dem sich beständig die Wellen brechen! Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen! Ich Unglücklicher sagt jemand, dass mir dieses Schicksal widerfahren musste! Nicht doch, sondern glücklich bin ich, dass ich trotz dieses Schicksals kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt!

Marcus Aurelius Antoninus (120–180 n. Chr.)

Es ist etwas typisch Menschliches, durch den korrumpierenden Einfluss von Reichtum und politischer Macht mit der Zeit sich dramatisch zu verändern. Wie viele solcher Beispiele gab es bislang in der Geschichte – und wie wenige echte Vorbilder auf der anderen Seite? Nämlich Menschen mit Charakterstärke, die Machtfülle mit Weisheit, Selbstdisziplin und Prinzipientreue verbanden und nicht korrumpiert werden konnten? Es sind gerade die Charaktertugenden der Demut, Mäßigung, Dankbarkeit und Wertschätzung, die Menschen in Machtpositionen leicht verlieren, bevor sie endgültig der Machtgier verfallen. Anders war dies bei Marcus Aurelius. Einst war er römischer Kaiser und mächtigster Mann der Welt. Von 161-180 n . n. Chr. lenkte er die Geschicke des Römischen Reichs und tat dies mit unvergleichlicher Disziplin und Willen, an sich zu arbeiten. Das Einmalige an ihm war, dass er auf Selbsterziehung und charakterliche Vervollkommnung mehr Wert legte als auf alles andere, das wir im Leben erwerben können. Seiner Verantwortung war er sich dabei mehr bewusst als jeder andere Kaiser, da er glaubte, dass es seine kosmische Bestimmung und Pflicht sei, dem Gemeinwohl bestmöglich zu dienen. Diese Überzeugung entstammte seiner stoischen Weltanschauung und seinem Glauben an die heimarmene (Vorsehung). Denn er gehörte einer philosophischen Tradition an, die die rechte Lebensweise samt Disziplinierung des eigenen Charakters zum obersten Gebot ihrer Ethik machte: die Stoa. „ARBEIT AN SICH SELBST“ – was für eine Leerformel ist das heute geworden – und was hat dies noch im Leben des Marcus Aurelius bedeutet. Konkret nachvollziehbar wird dies in den „Selbstbetrachtungen“ des Kaisers, die er in den Feldlagern seiner Soldaten an der Front verfasste. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er fast durchgehend im Krieg gegen die im Norden des Reichs eindringenden Quaden, Jazygen und Markomannen. Da er es für seine Pflicht hielt, seinen Soldaten beizustehen, weilte er meist unter ihnen. In dieser ungewissen und tristen Lage verfasste er seine Selbstbetrachtungen (eisheauton). Dabei handelt es sich um eine Art innere Unterredung, in denen sich Marcus Aurelius immer wieder ermahnt, am rechten Weg festzuhalten, nicht dem Cäsarenwahn zu verfallen, nicht zu jammern, sondern dankbar zu bleiben und nach bestem Gewissen gerechte Entscheidungen zu treffen. Denn sein größtes Anliegen war ihm das Wohlergehen seines Volkes und die Beherrschung seiner Affekte. Zu diesem Zweck hielt er es für nötig, sich selbst immer wieder zu ermahnen und zu besinnen – letztlich um seine Bestimmung zu erfüllen.

Verkaisere nicht! Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht. Erhalte dich daher einfach, gut, lauter, ernsthaft, gerechtigkeitsliebend, prunklos, gottesfürchtig, wohlwollend, liebevoll, standhaft in der Erfüllung deiner Pflichten. Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte. Ehre Gott, fördere das Heil der Menschen! Kurz ist das Leben und es gibt nur eine Frucht des irdischen Daseins: eine unsträfliche Gesinnung und gemeinnützige Taten.

Marcus Aurelius

 

Luxus und Ausschweifungen verachtete Marcus Aurelius ebenso wie Trägheit, Eigenlob, Feigheit und Verlogenheit. Und obwohl er häufig von Menschen umgeben war, die genau dazu neigten, bemühte er sich stets, Nachsicht mit ihnen zu haben. Für sein Volk wollte er sogar an der  Front noch als oberstes Organ römischer Rechtsprechung bei Prozessen zur Verfügung stehen. Es handelte sich um Gerichtsprozesse, die sonst in Rom ausgetragen wurden. Da er dort nicht anwesend sein konnte, ihm aber an Gerechtigkeit sehr viel lag, beorderte er einfach die streitenden Parteien zu sich ins Feldlager. Wann immer der Kaiser Zeit dazu fand, bemühte er sich, das Los der Menschen zu erleichtern und für Gerechtigkeit zu sorgen. Davon profitierten besonders Frauen und Sklaven.

Von allem Negativen, das die Nachwelt über ihn berichtet, konnten Marcus Aurelius nur zwei Entscheidungen zur Last gelegt werden: die Entscheidung, seinen Sohn Commodus zum Nachfolger zu bestimmen, womit das Goldene Zeitalter der römischen Kaiserzeit schließlich endete und – wer hätte das gedacht – dass er den Gladiatoren vorschrieb, mit Holzwaffen zu kämpfen. Insgesamt wurde kein Kaiser von der Nachwelt übereinstimmend so positiv dargestellt wie er. Marcus Aurelius war der Liebling der Humanisten und Aufklärer. Voltaire verehrte ihn, Friedrich der Große empfand eine Seelenverwandtschaft mit ihm und selbst Altkanzler Helmut Schmidt fand noch regelmäßig Zuspruch und Trost bei der Lektüre der Selbstbetrachtungen des Kaisers.

 

Literaturhinweis:
  • Marcus Aurelius: 2001. Selbstbetrachtungen. Übersetzung, Einleitung und Anmerkungen von Albert Wittstock. Stuttgart, Reclam
  • Marc Aurel: 2010. Wege zu sich selbst. Herausgegeben von Alexander Demandt. München: C.H. Beck (Kleine Bibliothek der Weltweisheit 15)
  • Pohlenz, Max: 1992. Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung. Göttingen: Van den Hoeck &Ruprecht, S. 341-353

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