Abenteuer Philosophie Magazin https://www.abenteuer-philosophie.com/ Magazin für praktische Philosophie Fri, 12 Dec 2025 20:05:35 +0000 de hourly 1 Nr. 183 (1/2026) https://www.abenteuer-philosophie.com/nr-183-1-2026/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=nr-183-1-2026 https://www.abenteuer-philosophie.com/nr-183-1-2026/#respond Fri, 12 Dec 2025 19:52:27 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7360 Magazin Abenteuer Philosophie

Vom Gelingen eines Gefühls

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Liebe https://www.abenteuer-philosophie.com/liebe/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=liebe Fri, 12 Dec 2025 19:49:36 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7368 Magazin Abenteuer Philosophie

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschheit so sehr wie die Liebe. Seit Jahrhunderten ringen Dichter, Philosophen, Künstler und Wissenschaftler um dieses schwer fassbare Phänomen – und doch bleibt die Frage, was Liebe ist, offen. Sie erscheint als mythische Kraft, biologische Triebkraft, erhabene spirituelle Erfahrung – oder als Kunst, die man lernen kann.

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Text: Chloé Ackaert

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschheit so sehr wie die Liebe. Seit Jahrhunderten ringen Dichter, Philosophen, Künstler und Wissenschaftler um dieses schwer fassbare Phänomen – und doch bleibt die Frage, was Liebe ist, offen. Sie erscheint als mythische Kraft, biologische Triebkraft, erhabene spirituelle Erfahrung – oder als Kunst, die man lernen kann.

Romantischer Mythos und moderne Illusionen

Eine der bekanntesten Geschichten über den Ursprung der Liebe findet sich bei Platon in seinem Werk Symposion. Aristophanes erzählt dort den Mythos vom ursprünglich kugelförmigen Menschen mit vier Armen und Beinen. Aus Übermut trotzte dieser den Göttern, worauf Zeus ihn in zwei Hälften spaltete. Seitdem sucht jede Hälfte verzweifelt nach der anderen, in der Hoffnung, wieder ein Ganzes zu werden. Diese Vorstellung, dass irgendwo die „wahre andere Hälfte“ existiert, prägt bis heute das romantische Ideal der Liebe.

Doch dieses Ideal ist nicht harmlos. Durch Filme, Romane, Musik und Serien werden wir täglich mit sentimentalen und oft oberflächlichen Bildern der Liebe bombardiert. Meist steht das Verliebtsein oder die dramatische Trennung im Vordergrund, während das gemeinsame Leben – die eigentliche Herausforderung – kaum gezeigt wird. Viele treten deshalb mit unrealistischen Erwartungen in Beziehungen ein. Man glaubt, dass mit dem Finden der „einen wahren Liebe“ Glück und Harmonie selbstverständlich folgen. Die Realität sieht oft anders aus: Beziehungen erfordern Arbeit und Enttäuschungen führen nicht selten zu Trennungen oder oberflächlichem „Beziehungszapping“.

Liebe ist keine Laune des Gefühls, sondern eine Kunst – sie verlangt Übung, Disziplin und die Bereitschaft zu geben.

Historisch betrachtet ist das romantische Ideal der Liebe relativ jung. Jahrhunderte lang wurden Ehen vor allem aus ökonomischen oder sozialen Gründen geschlossen; Liebe war selten der Anlass, manchmal aber eine Folge. Erst seit dem 20. Jahrhundert – mit der wachsenden Mittelschicht und der Emanzipation der Frau – wurde romantische Liebe zur Norm. Freiheit in der Liebe ist somit eine Errungenschaft, zugleich folgen ungebeten neue Illusionen.

Philosophen und Soziologen weisen darauf hin, dass Liebe heute oft individualistisch und konsumistisch verstanden wird. Beziehungen werden wie Transaktionen behandelt, in die man „investiert“, solange die „Rendite“ stimmt. Kommen Langeweile oder Schwierigkeiten auf, wird der Partner ausgetauscht. Diese Mentalität kollidiert jedoch mit dem tiefen menschlichen Wunsch nach einer dauerhaften, bedeutsamen Bindung. So schwanken wir zwischen Freiheit und Sehnsucht, zwischen Konsum und dem Verlangen nach Einheit.

Philosophische Gegenstimmen

Um unsere romantischen Illusionen zu entlarven, greifen Denker oft zu scharfen Analysen. Arthur Schopenhauer enthüllte die Liebe als eine List der Natur: Unsere Leidenschaft sei im Grunde nur der Wille zur Fortpflanzung. Verliebtheit sei eine Illusion, die uns zu passenden Partnern führe. Sobald der biologische Zweck erfüllt sei, verflüchtigten sich die Gefühle. Sein Rat: Die Liebe nicht zu ernst nehmen und besser ein asketisches, unabhängiges Leben führen.

Diese nüchterne Sicht reduziert die Liebe auf die Biologie, hat aber eine relativierende Funktion. Sie warnt davor, sich von romantischen Idealen blenden zu lassen. Schopenhauer betonte zudem den Wert der Einsamkeit und Selbstgenügsamkeit. Wer den anderen nicht krampfhaft braucht, kann freier und gesünder lieben. Michel de Montaigne schloss sich dem an: Jeder Mensch brauche eine „Hinterkammer“ in sich, einen inneren Raum der Unabhängigkeit und Freiheit. Nur wer gut allein sein kann, kann den anderen wahrhaft uneigennützig lieben.

Andere Denker suchten nach Alternativen. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir versuchten mit ihrem „existenzialistischen Liebesvertrag“ die romantische Lüge zu überwinden: keine Monogamie, keine Eifersucht, völlige Offenheit. So wollten sie Freiheit und Ehrlichkeit ins Zentrum rücken. In der Praxis erwies sich dies jedoch als schwer tragbar und führte zu viel Schmerz. Dennoch zeigt ihr Experiment, wie eng die Liebe mit Fragen nach Freiheit, Besitz und Macht verknüpft ist.

Der zeitgenössische Denker Jan Geurtz legt den Finger auf ein anderes Problem: Viele Beziehungen machen im Grunde süchtig, weil sie auf Selbstablehnung und Angst vor Verlassenwerden beruhen. Aus buddhistischer Sicht meint er, wahre Liebe sei nur möglich, wenn man sich selbst voll und ganz akzeptiert. Solange man Bestätigung sucht, um sich wertvoll zu fühlen, benutzt man den anderen, um ein inneres Defizit zu füllen. Selbstakzeptanz und innere Freiheit sind daher die Voraussetzungen für echte Liebe.

Erich Fromm schließlich formulierte vielleicht die konstruktivste Vision. In seinem Klassiker Die Kunst des Liebens argumentiert er, dass die Liebe kein passives Gefühl sei, das uns zufällig widerfahre, sondern eine Kunst und ein Können, die wir aktiv entwickeln müssen. Liebe erfordert Disziplin, Geduld, Einsatz und vor allem die Bereitschaft zu geben, statt zu nehmen. In einer kapitalistischen Kultur, die alles auf Konsum reduziert, droht die Liebe zu oberflächlicher Sentimentalität zu verkommen. Fromm betont dagegen, dass sie eine gesellschaftliche Aufgabe sei: Wir müssen lernen zu lieben – individuell wie kollektiv.

Der romantische Mythos von der „einen wahren Hälfte“ verführt – und lässt Beziehungen an unrealistischen Erwartungen scheitern.

Eros und die erhabene Liebe

Die Griechen und die mittelalterlichen Troubadoure gaben der Liebe eine erhabenere Bedeutung. Für sie war Eros nicht bloß das Verlangen nach einer anderen Person, sondern eine kosmische Kraft, die Ordnung und Einheit im Universum schafft. Dichter und Mystiker sahen in der Liebe einen Zugang zum Göttlichen.

Im 12. Jahrhundert entstand die Tradition der „höfischen Liebe“ (minne): eine verfeinerte Liebeskunst, in der Askese, Ehrfurcht und spirituelle Suche im Mittelpunkt standen. Liebe wurde nicht als Besitz oder Konsum verstanden, sondern als Weg zur Veredelung und Vollendung. Troubadoure und Mystiker sprachen die gleiche Sprache: Ob man Gott oder die Geliebte besang – stets pries man die Macht der Liebe, die die Seele über sich selbst hinausführt.

Diese Sichtweise kontrastiert stark mit den heutigen zynischen oder reduktionistischen Bildern. Sie erinnert uns daran, dass Liebe mehr sein kann als Emotion oder Trieb: Sie kann eine spirituelle Kraft sein, die uns mit etwas verbindet, das größer ist als wir selbst.

Platons Symposion bietet ein weiteres Bild durch die Stimme Diotimas, die Sokrates unterwies. Nach ihr ist Liebe ein Verlangen, das uns zum Guten führt und schließlich in der Weisheit gipfelt. Die Schönheit des Geliebten erinnert uns an die ewigen Ideen. Verliebtheit ist somit nicht bloß körperliche Anziehung, sondern ein spiritueller Prozess: Der andere weckt in uns Erinnerungen an die Wahrheit und Güte und hilft uns, geistige „Kinder“ hervorzubringen – Gedanken, Einsichten, Kunst.

Liebe ist daher ein Geschenk des Himmels, weil sie uns zur Philosophie und Selbsterkenntnis anspornt. Wer liebt, sehnt sich nicht nur nach dem anderen, sondern ahnt auch die eigene Unvollständigkeit und die Suche nach Weisheit. Der Geliebte ist nicht das Endziel, sondern ein Spiegel, der uns an unsere tiefste Natur erinnert.

Liebe ist daher ein Geschenk des Himmels, weil sie uns zur Philosophie und Selbsterkenntnis anspornt.

Die Alchemie der Liebe

Wie können wir diese Einsichten praktisch umsetzen? Die Philosophin Laura Winckler spricht von der „Alchemie des Paares“. So wie Alchemisten Blei in Gold verwandeln wollten, kann auch eine Beziehung von Leidenschaft zu Weisheit reifen.

Dabei unterscheidet sie drei Stadien: Zunächst die leidenschaftliche Verliebtheit, total und absorbierend, oft jedoch zerstörerisch. Dann das schöpferische Stadium, in dem Partner gemeinsam etwas aufbauen – biologisch in Form von Kindern oder symbolisch in Projekten. Schließlich das Stadium der Sublimation, in dem die Liebe eine spirituelle Dimension erhält und beide Partner gemeinsam an ihrer Selbstvervollkommnung arbeiten.

Carl Gustav Jung liefert dazu entscheidende Einsichten. Neben unserem bewussten Ich tragen wir ein unbewusstes Gegenstück in uns, das wir oft auf die geliebte Person projizieren. In Jungs Terminologie heißen diese inneren Gegenbilder Anima (weibliche Seelenfigur im Mann) und Animus (männliche Seelenfigur in der Frau). Verliebtheit entsteht, wenn jemand jene Eigenschaften verkörpert, die mit diesen unbewussten Archetypen resonieren. Beziehungen bieten so die Chance zur Selbsterkenntnis, verlangen aber auch Mut: Man muss der eigenen „Schattenseite“ ins Auge blicken und sie integrieren.

Eine dauerhafte Beziehung erfordert daher Autonomie, Kommunikation und die Bereitschaft, gemeinsam zu wachsen. Humor, Verspieltheit und kleine Rituale halten die Verbindung lebendig. Höflichkeit und Respekt – wie in der Tradition der höfischen Liebe – sind ein Gegengift gegen Vulgarität und Oberflächlichkeit. Vor allem geht es darum, einander Raum zu lassen und doch in dieselbe Richtung zu schauen, wie Antoine de Saint-Exupéry es treffend ausdrückte.

Liebe als Kunst und Weg zur Weisheit

Was lehren uns all diese Perspektiven? Erstens, dass wir uns vor Illusionen hüten müssen. Das romantische Ideal der einen wahren Hälfte ist verführerisch, führt aber oft zu Enttäuschungen. Ebenso dürfen wir nicht in einen Reduktionismus verfallen, der Liebe auf bloße Biologie oder Konsum herabsetzt.

Zweitens zeigt sich, dass Liebe immer ein Doppelgesicht hat: Sie ist zugleich Verlangen und Freiheit, Leidenschaft und Disziplin, Emotion und Können. Wer den anderen wirklich lieben will, muss zuerst sich selbst erkennen und akzeptieren. Liebe verlangt Reife, Übung und den Willen zu geben, statt nur zu nehmen.

Drittens wird deutlich, dass Liebe uns mit etwas verbindet, das uns übersteigt. Ob wir es Eros, Gott, Weisheit oder das Selbst nennen – in der Erfahrung der Liebe berührt der Mensch eine Dimension, die tiefer und größer ist als er selbst. Darum bleibt Liebe eine der mächtigsten und geheimnisvollsten Kräfte unseres Lebens.

Vielleicht ist dies letztlich die wichtigste Lehre: Liebe ist kein zufälliges Glück, das uns widerfährt, sondern eine Kunst, die wir erlernen können. Sie erfordert Mut, Einsatz und vor allem Offenheit des Herzens. Wer diesen Weg geht, entdeckt im anderen nicht nur eine „andere Hälfte“, sondern einen Spiegel des eigenen tiefsten Wesens – und einen Weg zur Weisheit.

Es lebe die Liebe!

Literaturhinweis:

Stefaan Van Brabandt – Der Vorteil des Zweifels (Het voordeel van de twijfel), Verlag Canvas, 2014

Jacqueline Kelen – Liebe, unbezwingbare Liebe (Amour, invincible amour), Verlag Points, 2016

Nora Kreft – Was ist Liebe, Sokrates?, Verlag Piper, 2019

Laura Winckler – Die Alchemie des Paares (L’alchimie du couple) – Sieben Schlüssel zum Glück, Verlag Cabedita, 2017

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Hoffnung befreit! https://www.abenteuer-philosophie.com/hoffnung-befreit/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=hoffnung-befreit Fri, 12 Dec 2025 19:46:34 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7365 Magazin Abenteuer Philosophie

Die Medien zeigen es uns überdeutlich. Die Übel aus der berühmten Büchse der Pandora – Leiden, Krisen, Schmerz, Tod – sind allgegenwärtig. Kriege und Katastrophen wirken global, kaum ein Ort bleibt verschont. Doch der antike Mythos erinnert uns daran: Trotz allem gibt es Hoffnung.

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TEXT Patricia Winkler-Payer 

Die Medien zeigen es uns überdeutlich. Die Übel aus der berühmten Büchse der Pandora – Leiden, Krisen, Schmerz, Tod – sind allgegenwärtig. Kriege und Katastrophen wirken global, kaum ein Ort bleibt verschont. Doch der antike Mythos erinnert uns daran: Trotz allem gibt es Hoffnung.

Wenn wir heute das Wort Hoffnung hören, denken viele wohl an Trost in dunklen Zeiten, an ein Aufrichten in Momenten der Schwäche. Angesichts der „harten Realität“ erscheint Hoffnung oft weich, zart, manchmal naiv oder gar als Illusion. Doch was, wenn Hoffnung nicht nur eine bloße Vertröstung auf ein besseres Morgen ist, sondern eine existenzielle Kraft? Eine innere Bewegung, die uns verwandelt?

Elpis – die Hoffnung im Mythos

In der antiken Figur der Elpis, der Personifikation der Hoffnung, verdichtet sich diese Frage auf faszinierende Weise.

Die älteste Quelle, die Elpis erwähnt, ist Hesiods „Werke und Tage“ (ca. 700 v. Chr.). In seinem Mythos erschaffen die Götter die erste Frau – Pandora – als verhängnisvolles Geschenk an die Menschen, nachdem Prometheus (der „Vorausdenkende“) das himmlische Feuer gestohlen und den Menschen das Licht des Erkennens gebracht hatte. Pandora, die „All-Begabte“, trägt viele göttliche Gaben in sich, aber auch einen Krug (oft als „Büchse“ oder als Fass bezeichnet) mit allen Übeln der Welt. Epimetheus, der „erst nachher-denkende“ Bruder des Prometheus, nimmt sie trotz Warnung als Geschenk an. Und so kommt es, wie es kommen muss: Pandora öffnet ihren Krug und alle Übel ergießen sich über die Menschen. Nur eines bleibt darin eingeschlossen: Elpis – die Hoffnung.

Aber was bedeutet das? Hat Pandora uns mit Elpis einen Trost hinterlassen – oder auch sie uns vorenthalten?

Der Mythos schweigt – und öffnet damit das Deutungsfeld: Für viele ist Elpis, die Hoffnung, der letzte Halt der Menschheit, der Sinn im Chaos. Für Nietzsche hingegen ist sie das gemeinste aller Übel, weil sie das Leiden verlängert – als süßes Gift der Illusion. In beiden Fällen bleibt Elpis passiv – ein Etwas, das man hat oder verliert.

Platon und die Geburt der Hoffnung im Menschen

Ganz anders sieht das Platon, der große Philosoph des inneren Aufstiegs. In seinem „Symposion“, einem der tiefgründigsten Texte über die Liebe, beschreibt er Eros – die Liebe – nicht als schönen Gott, sondern als Daimon: geboren aus Mangel (Penia) und Reichtum (Poros). Eros liebt das Schöne, weil er es nicht besitzt, er dessen Sein jedoch anerkennt.

Denn das Wesen des Eros ist: zu lieben, was ihm fehlt.“ (Platon, Symposion 200e)

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Hier wird Hoffnung nicht als Zustand, sondern als kraftvolles Werden gedacht. Elpis, die im Pandora-Mythos stumm im Krug bleibt, bekommt bei Platon eine Stimme: als implizite Triebkraft des Eros, als geistige Spannung zwischen dem Jetzt und dem Noch-nicht.

Diese Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen. Hoffnung wird zu einer dynamischen Ethik des Handelns.

Beethoven lässt seine Leonore auf der Suche nach Fidelio, ihrem verschleppten und eingekerkerten Ehemann, die bewegenden Worte singen:

„Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!

O komm, erhell mein Ziel, sei’s noch so fern,

Die Liebe, sie wird’s erreichen!“

Auch hier wird die Hoffnung Antriebskraft, auch hier ist der innere Motor für diese Überanstrengung und das Weiterkämpfen trotz aller äußeren Widerstände Eros, die Liebe …

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Elpis in der existenziellen Moderne: Viktor Frankl und die schöpferische Lücke

Auch der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, Überlebender der Konzentrationslager, beschreibt Hoffnung als Sinnbewegung. In seinem Werk „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ schildert er, wie gerade das „Wozu“ – der Sinn – Menschen durch das Unmenschliche trug.

Frankl schreibt: „Der Mensch ist das Wesen, das entscheidet, was es aus dem macht, was man ihm angetan hat.“

Hier klingt wieder an, was bei Platon schon leise mitschwang: Hoffnung als schöpferischer Akt. Nicht bloß Warten auf Besserung, sondern Gestaltung aus dem Mangel heraus.

Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen.

Hoffnung als Lebenskunst: Zwischen Ungewissheit und Sinn

Die moderne Lebenskunst – ob in der Philosophie, Psychologie oder spirituellen Praxis – steht heute vor der Herausforderung, Hoffnung nicht zu verwässern, sondern zu radikalisieren:

  • Hoffnung als Mut zur Lücke.
  • Hoffnung als Vertrauen ins Offene.
  • Hoffnung als Gestaltungskraft, nicht als Flucht.

Denn wie Ernst Bloch in „Das Prinzip Hoffnung“ schrieb, ist Hoffnung kein „Sich-zurück-Lehnen“, sondern ein „Sich-vorwärts-Stellen“. Sie zeigt nicht nur das, was fehlt – sondern das, was möglich ist.

Als Reflexionsimpuls:

  • Was in dir ist noch nicht – will es jedoch werden?
  • Wo verweilst du im Mangel – und könntest stattdessen hoffen?
  • Welche Idee von dir liegt wie Elpis im Krug deiner Seele bereit, befreit zu werden?

Elpis als Einladung

So gesehen ist Elpis keine Statue, keine Figur aus der Vergangenheit, sondern ein Ruf in jedem von uns. Sie wohnt dort, wo wir etwas lieben, das wir noch nicht sind – ein Mensch, ein Zustand, eine Idee. Hoffnung ist dort, wo wir werden wollen. Hoffnung ist dort, wo wir – als Menschheit –werden wollen: aktive Gestalter unserer Zukunft, Baumeister einer neuen menschenwürdigen Zivilisation, inspiriert vom Feuer des Prometheus … Eine Utopie? „Nein, etwas, das sein KANN“ flüstert uns Elpis zu.

Nicht umsonst bleibt Elpis bei Hesiod im Krug – nicht, weil sie uns verweigert wird, sondern weil sie darauf wartet, von innen befreit zu werden.

Literaturhinweis:

Platon: Symposion, 200d–212c (Übersetzung z. B. von Friedrich Schleiermacher oder Thomas Paulsen)

Hesiod: Werke und Tage, Verse 90–105, Reclam, 1995

Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Aphorismus 71

Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen, Penguin Verlag, 2004

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a.M., Verlag Suhrkamp, 1959

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Nr. 182 (4/2025) https://www.abenteuer-philosophie.com/nr-182-4-2025/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=nr-182-4-2025 https://www.abenteuer-philosophie.com/nr-182-4-2025/#respond Sun, 05 Oct 2025 18:03:52 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7284 Magazin Abenteuer Philosophie

Wer WAGT, gewinnt! Die Philosophie des Risikos

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Don Quijote und das Selbst https://www.abenteuer-philosophie.com/don-quijote-und-das-selbst/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=don-quijote-und-das-selbst Sun, 05 Oct 2025 18:02:00 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7305 Magazin Abenteuer Philosophie

Während C. G. Jung eine reale Person ist, stellt Alonso Quijano – Don Quijote – eine fiktive Figur dar. Dennoch gibt es eine enge Beziehung zwischen ihnen, und ihr realer und imaginärer Charakter ergänzen sich gegenseitig. Beide sind auf ihre eigene Weise geheimnisvoll ...

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TEXT María Jesús Iglesias, Übersetzung aus dem Spanischen: Michael Hofer

Während C. G. Jung eine reale Person ist, stellt Alonso Quijano – Don Quijote – eine fiktive Figur dar. Dennoch gibt es eine enge Beziehung zwischen ihnen, und ihr realer und imaginärer Charakter ergänzen sich gegenseitig. Beide sind auf ihre eigene Weise geheimnisvoll … 

«Es ist fast unmöglich zu beschreiben, wie Jung war», sagte Joseph Henderson, der zunächst eine Therapie bei C. G. Jung durchlief und später selbst Therapeut wurde. Er sei eine Mischung aus einem Schweizer Bauern, einem Gelehrten und einem Menschen von sehr spiritueller Natur. Das beschreibe einen Mann, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, der aber trotzdem existiert hat. C. G. Jung wird heute von der Orthodoxie der Universitäten ausgeschlossen, ja sogar lächerlich gemacht oder sowohl beruflich als auch persönlich kritisiert. Dennoch hat er in anderen Bereichen der Gesellschaft eine immense Anhängerschaft – Gelehrte, Bewunderer, fast schon Jünger.

Wenn wir über die fiktive Figur Don Quijote sprechen, ist es allein schon schwierig, den Charakter von seinem Schöpfer, Miguel de Cervantes, zu trennen. Liegt Don Quijote in Miguel de Cervantes oder ist es umgekehrt – steckt Cervantes in Don Quijote? Zwischen beiden besteht eine seltsame Verbindung, denn die historische Beschreibung von Cervantes’ Leben zeigt eine abenteuerliche und großherzige Persönlichkeit – erinnern uns diese Eigenschaften doch an die Erlebnisse von Alonso Quijano und seine Haltung gegenüber den Herausforderungen, denen er begegnet.

In Don Quijote begegnen uns zwei Dimensionen: Die Figur selbst und die Welt, in der er lebt. Das Rätsel des Werkes liegt nicht nur in seinem archetypischen Charakter, sondern auch in all den Geschichten, Figuren und Episoden, die sich durch die Erzählung ziehen. Darüber hinaus finden sich Beschreibungen der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit: soziale Klassen, Bildungsstufen, menschliches Verhalten, ethische Werte und unmoralisches Verhalten. Im Kern ist „Don Quijote“ ein philosophisch-moralisches Traktat, das mit der analytischen Psychologie Jungs korrespondiert – als eine alchemistische Arbeit der Transformation.

Die Verbindung zu Jungs Psychologie 

Für C. G. Jung und seine Tiefenpsychologie ist das Ziel der Entwicklung des Menschen, sich selbst zu erkennen. Diese Suche nach Identität, die er als «Pfad der Individuation» beschreibt, ist ein Streben nach dem inneren Göttlichen, das uns aus der Zeitlichkeit herausreißt und in eine zeitlose Dimension führt. Genau das finden wir auch in der Erzählung über „Don Quijote“, die uns von Raum und Zeit entkoppelt. Sowohl in Jungs Arbeiten als auch in der Erzählung von Don Quijote finden wir also eine Botschaft, die auf das Lebensprojekt jedes Menschen abzielt: das Beste zu werden, was wir sein können, und uns dieses Prozesses bewusst zu werden.

Don Quijote als Archetyp 

Don Quijote umfasst alle archetypischen Projektionen der Menschheit. Fjodor Dostojewski schrieb in einem Brief von 1876: „Es gibt weltweit kein Werk der Fiktion, das tiefer und kraftvoller ist als dieses. Bis heute stellt es die höchste und größte Ausdrucksform des menschlichen Denkens dar, die bitterste Ironie, die ein Mensch formulieren kann.” Und so wird mit Dostojewski Don Quijote zur Schlussfolgerung über das Leben. Don Quijote ist mehr als ein einzelner Archetyp – er ist eine Zusammenfassung aller Archetypen, aller universellen Muster menschlichen Verhaltens. Und wenn wir den Begriff „Ritter“ verwenden, beziehen wir uns auf den männlichen Archetypen, der jedoch die gesamte Menschheit widerspiegelt. Der Begriff „Held“ umfasst also auch immer die „Heldin“.

„Bete großzügig, barmherzig, McGregor;
bete keusch, rein, himmlisch, mutig;
tritt für uns ein, bitte für uns,
denn wir sind fast schon ohne Saft, ohne Spross, 
ohne Seele, ohne Leben, ohne Licht, ohne Quijote, 
ohne Haut und ohne Flügel, ohne Sancho und ohne Gott.“

Strophe aus den Litaneien zu unserem Herrn Don Quijote von Rubén Darío

Der Heldenweg und die Transformation

Sein erster archetypischer Ausdruck ist der Heldenweg, der das Leben jedes Menschen widerspiegelt. Es ist ein Weg voller unvermeidlicher Ungewissheit, mit vielen Etappen, in denen Werte, Kräfte, Schatten und Herausforderungen auftauchen, die wir überwinden müssen, um unsere Ganzheit zu erreichen. Don Quijote vermittelt die Botschaft, dass dieser Lebensweg – den Cervantes seinem Helden auferlegt – voller Schwierigkeiten, Frustrationen, Spott und Schmerz ist. Und doch offenbart sich in ihm eine unerschütterliche Kraft: Er wird vom Pferd gestoßen, geschlagen und verhöhnt, doch er steht auf und setzt seine Mission fort – eine Mission nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschheit.

In einem Abschnitt der Geschichte spricht er mit Sancho über das Goldene Zeitalter, das erreicht werden muss, aber in einem Eisernen Zeitalter erfordert dies Arbeit und Kampf. Dieses Gespräch lässt uns an unsere eigene historische Zeit denken, in der alles Verwirrung, Unsicherheit und Chaos ist, wo nichts in seiner natürlichen Essenz manifestiert ist und die harmonische Integration der Gegensätze – das alchemistische Ziel – nicht einmal begrifflich erfasst wird. Diese Reise ist jedoch keine Reise des neuronalen Bewusstseins, das mit dem Gehirn verbunden ist, sondern ein innerer Impuls, der uns mit unserer zeitlosen Realität verbindet.

Don Quijote ist mehr als ein einzelner Archetyp – er ist eine Zusammenfassung aller Archetypen, aller universellen Muster menschlichen Verhaltens.

Die Reise des Alonso Quijano beginnt mit der Unzufriedenheit mit seinem Leben. Er fühlt sich als verarmter Hidalgo (ein Angehöriger des niederen spanischen Adels, Anm. d. Red.), der nichts tut, kein Geld hat, keine Kinder, keine Familie, nur teilnahmslose Verwandte, die ihn nicht verstehen. Er hat nichts, was ihm Zufriedenheit bringt, niemanden, der ihn versteht, weder materiell noch spirituell. Alonso Quijano fühlt aber, dass er mehr ist als dieser verarmte Hidalgo, der ein graues Leben führt. Seine Mission besteht darin, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu verteidigen, den Leidenden zu helfen. In seinem Inneren fordert Don Quijote seine Manifestation in der Welt. Und er will handeln. Er reflektiert darüber, was er für seine Mission benötigt. In Jungs Werk finden wir diese Notwendigkeit des Menschen, die Fähigkeiten seiner Psyche, seine Lichter und Schatten zu erkennen.

Jede Reise erfordert Vorbereitung, und der Ritter überlegt, was er auf seiner Reise benötigt. Miguel de Cervantes erzählt hier eine der schönsten und poetischsten Szenen seines Werkes. Alonso Quijano benötigt unbedingt ein Pferd. Doch im Stall befindet sich ein mageres, gealtertes Pferd, fast in seinen letzten Zügen. Drei Tage lang sucht er nach einem Namen, der dem Tier die notwendige Geisteskraft für die Mission verleiht. Schließlich steht er fest: Rosinante.

Ab diesem Moment beginnt der magische Prozess der Dynamisierung des Archetyps. Der Prozess wird mit dem Namen fortgesetzt, den Alonso Quijano sich selbst gibt, denn ab diesem Moment ist er Don Quijote. Und er begeht das unverzichtbare Ritual, seine Waffen vorzubereiten.

Don Quijote sieht die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten. 

Die Bedeutung des Rituals 

Wenn C. G. Jung, von Archetypen spricht, bezieht er sich auf universelle Modelle, die aus dem Geist des Universums stammen und sich in den unendlichen Leben manifestieren, die von ihm ausgehen. Die Menschen sind direkt damit verbunden. Jung sagt nichts Neues, was nicht bereits Philosophen wie Platon oder Plotin ausgedrückt haben, aber sein Beitrag liegt in der Verbindung, die er zwischen der Symbolisierung des Archetyps und der menschlichen Psyche herstellt.

Die Bedeutung der Vorbereitung der Waffen durch Don Quijote besteht darin, unsere Fähigkeiten, Eigenschaften und Potenziale zu erkennen, um mit dem Aufbau unseres Lebens zu beginnen. Die Waffen, die Don Quijote sich vorstellt, sind verrostet, verbeult, es sind keine wirklichen Waffen, sondern Elemente des täglichen Lebens. Das spielt keine Rolle; hier manifestiert sich erneut die Macht des Helden, der transformative Blick. Don Quijote sieht die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten.

  1. G. Jung erklärt die außergewöhnlichen Fähigkeiten der menschlichen Psyche, indem er von dem rätselhaften Archetyp des Schattens spricht. Dieser unbekannte innere Bereich, der noch chaotisch und nicht akzeptiert ist, wartet darauf, beleuchtet zu werden, um uns in der Verwirklichung unseres Lebens voranzutreiben. Don Quijote kann der Schatten nicht sein, der vielmehr an eine Flamme erinnert, erhoben und vertikal. Aber was ist mit Sancho? Ist er der Schatten von Don Quijote?
  2. G. Jung erklärt stets die duale Realität unseres manifestierten Universums. Diese Dualität zeigt sich in der Spannung zwischen dem Spirituellen und Materiellen – beides ist im Menschen untrennbar verbunden. Und unser Geist ist ebenfalls dual: Er ist wie eine Brücke, die uns ermöglicht, unsere materielle, zeitliche und räumliche Realität wahrzunehmen, aber auch eine andere zu erahnen, jenseits von Raum und Zeit, aber nicht weniger real.

Die Beziehung zwischen Quijote und Sancho wird als alchemistischer Integrationsprozess dargestellt. Die Idee eines Archetyps als universelles Modell, das Jung „Pfad der Individuation“ nennt, ist vor allem eine Reise nach innen, zum verborgenen Schatz, der in unserem tiefsten Inneren liegt. Dies kann mit dem schwierigen, aber nicht weniger grandiosen Weg in Verbindung gebracht werden, den der Held durchlaufen muss, begleitet von Spott und Unverständnis. Doch durch seinen transformierenden Blick erkennt er darin nicht bloß Ablehnung, sondern wandelt das Erlebte in archetypische Größe um. Es ist eine harte Arbeit der Integration von Licht und Schatten, von Materiellem und Spirituellem, von Bewusstem und Unbewusstem, um das gewählte Ziel zu erreichen, auch wenn er zuvor mit dem Ritter vom weißen Mond kämpfen muss, der seine Ritterlichkeit anerkennt. Es ist seine letzte Prüfung. Der Held hat seine Unsicherheit, Schmerz und Demütigung überwunden. Am Ziel dieses Weges warten die Transmutation und der Tod auf ihn.

In Cervantes’ Erzählung mag das Ende unverständlich und entmutigend erscheinen, wenn man nicht in seine transzendente, auch kryptische Botschaft eindringt, denn die Interpretationsschlüssel sind vielfältig auf verschiedenen Bewusstseinsebenen. Aber wenn wir uns an den menschlichen Schlüssel halten, verstehen wir, dass die Reise zu Ende und die Figur bereits transmutiert ist. Sie hat ihr Ziel erreicht, und in seinen eigenen Worten: Er ist ein guter Mann.

Ist dies nicht die Reise, die jeder von uns durchlaufen und überwinden muss? In jedem Leben das Beste zu erreichen, was wir in uns selbst werden können, in Bezug auf das, was uns umgibt, auf unsere Situation in der Gesellschaft und der Geschichte?  In der Analogie zu den Archetypen von C. G. Jung bedeutet das, sich so weit wie möglich dem Selbst anzunähern, unsere Natur zu erkennen und zu verstehen, dass das Leben voller Sinn ist und es als großes Abenteuer zu leben.

Wird der Sinn des Lebens das Leben selbst sein?

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Wer wagt, gewinnt https://www.abenteuer-philosophie.com/wer-wagt-gewinnt/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wer-wagt-gewinnt Sun, 05 Oct 2025 18:00:04 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7292 Magazin Abenteuer Philosophie

Status-quo-Bias, Verlustaversion, Sozialstaat, Versicherungen, Überregulierung, Komfortzone, Helikoptereltern, Überbehütung: Das gute und bequeme Leben hat Europa in die Falle der Risikovermeidung geführt. Doch das neue Risiko heißt Sicherheit – und das in zweifacher Hinsicht.

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TEXT Hannes Weinelt

Status-quo-Bias, Verlustaversion, Sozialstaat, Versicherungen, Überregulierung, Komfortzone, Helikoptereltern, Überbehütung: Das gute und bequeme Leben hat Europa in die Falle der Risikovermeidung geführt. Doch das neue Risiko heißt Sicherheit – und das in zweifacher Hinsicht.

IBM war Ende der 1960er einer der ersten globalen Konzerne mit Niederlassungen in mehr als 70 Ländern. Man dachte, Management sei universell, musste aber feststellen, dass viele Dinge in den USA funktionierten, in anderen Ländern jedoch nicht. Geert Hofstede war Psychologe bei IBM International und bekam die Aufgabe, die Ursachen dafür zu erforschen. Und seine Entdeckung war bahnbrechend und ist bis heute Standard im interkulturellen Management: Nationale Kultur hat einen stärkeren Einfluss auf Arbeitsverhalten als Unternehmenspolitik. Die Unterschiede beschrieb er in sechs Dimensionen. Darunter war der UAI, der Uncertainly Avoidance Index, zu Deutsch: Unsicherheits-Vermeidungs-Index. Länder mit einem hohen UAI streben nach Sicherheit, Stabilität, Planbarkeit. Länder mit einem niedrigen UAI sind risiko- und experimentierfreudiger. Es wird wohl niemanden überraschen, dass die Länder Europas größtenteils einen doppelt so hohen UAI aufweisen wie beispielsweise die USA. Und dies hat enorme Auswirkungen, vor allem in der heute sogenannten VUCA-Welt.

Was ist VUCA?

Mit VUCA bezeichnete das U. S. Army War College die neue geopolitische Situation nach dem Kalten Krieg Anfang der 1990er-Jahre. Das Ende des Ost-West-Konflikts löste die klaren Feindbilder und Vorhersagbarkeit der Weltordnung auf. Ab den 2000ern wurde der Begriff auch in Wirtschaft und Gesellschaft allgemein für eine Welt voller Unvorhersehbarkeit übernommen. VUCA ist ein Akronym für

  • Volatility (Volatilität), die ständigen und immer schnelleren Veränderungen unserer Zeit.
  • Uncertainty (Unsicherheit), wodurch traditionelle Gewissheiten zusammengebrochen sind.
  • Complexity (Komplexität), sodass die Ursache-Wirkungs-Ketten nicht mehr erkennbar sind.
  • Ambiguity (Mehrdeutigkeit), was keine fixen Zuordnungen von „Richtig-Falsch“ erlaubt.

Europa wurde von dieser neuen Realität am linken Fuß erwischt. Denn nach zwei Weltkriegen und der dazwischenliegenden Weltwirtschaftskrise mit all den Erfahrungen von Instabilität, Hunger und Tod wurde Sicherheit zum obersten Gebot. Starke Sozialstaaten wurden aufgebaut, eine Konsum- und Wohlstandsgesellschaft sollte alle materiellen Grundbedürfnisse abdecken und sozialen und politischen Frieden garantieren.

Die Europäische Union wurde genau auf dieser ökonomischen Basis begründet: Wer wirtschaftlich voneinander abhängig ist, bevorzugt sichere und stabile Verhältnisse und führt keinen Krieg. Doch in der VUCA-Welt mit ihren neuen Herausforderungen von Migration, geopolitischen Verschiebungen, Terrorismus, Klimakrise, Artensterben, Digitalisierung, Energiekrisen, Ressourcenkonflikten, Finanzkrisen, Inflation u. a. m. reicht eine reine Wirtschaftsunion nicht. Und dies wird umso deutlicher, wenn man sich mit einer möglichen Gegenstrategie von VUCA beschäftigt: VUCA-Prime.

VUCA

Was ist VUCA-Prime?

Am Institute for the Future (IFTF) in Kalifornien entwickelte der Zukunftsforscher Bob Johansen eine konkrete Antwort auf jede VUCA-Komponente und nennt dies VUCA-Prime:

  • Vision (Vision), denn klare und inspirierende Zukunftsbilder geben gerade in unsicheren Zeiten eine Richtung.
  • Understanding (Verstehen), um Zusammenhänge und Muster zu erkennen, aber auch anzuerkennen, dass nicht alles vorhersehbar ist.
  • Clarity (Klarheit), selbst wenn es nur die Klarheit über unsere Unwissenheit ist, schafft Handlungsfähigkeit, während das Verharren in der Komplexität das Entscheiden und Handeln lähmt.
  • Agility (Anpassungsfähigkeit), damit wir rasch aus Fehlentwicklungen lernen und uns laufend und flexibel an neue Gegebenheiten anpassen.

Während die meisten europäischen Politiker gebetsmühlenartig Sicherheit und Stabilität wahlversprechen, um ihre Wähler vermeintlich „zurück in die gute alte Zeit“ zu führen, verspricht VUCA-Prime erst gar keine Sicherheit, sondern lehrt, wie man in unsicheren Zeiten und Situationen handlungsfähig bleibt. Dazu jedoch braucht es nach Johansen eine neue Qualität von Führungskräften. Eines seiner Bücher trägt den Titel: „Leaders Make the Future: Ten New Leadership Skills for an Uncertain World”. Selbst eine oberflächliche Prüfung dieser zehn Qualitäten macht klar, dass die politischen Eliten der EU über keine einzige davon verfügen. Zum Beispiel lautet die erste Qualität „Maker Instinct“, also die Zukunft aktiv zu gestalten, anstatt immer nur zu reagieren. Oder die Qualität des „Rapid Prototyping“, das heißt, Mut aus Fehlern zu lernen und rasch Neues auszuprobieren. Angesichts der überbordenden Bürokratie, der Schwerfälligkeit und des „Power Instinct“, also des Fokus auf Machterhalt der eigenen Person und Partei innerhalb der EU, erübrigt sich jeder Kommentar.

Natürlich sind neue Ideen rasch und leicht geschrieben, aber schwer und auch nur mit viel Geduld umsetzbar. Ich selbst prangere laufend die arrogante Selbstverständlichkeit von Schreibtischtätern – Berufsbezeichnung Journalisten – an, mit der sie Akteuren in Wirtschaft und Politik ihre Allheilmittel unter die Nase reiben. Aber eines ist und bleibt klar: Geänderte Umstände und Probleme verlangen geänderte Haltungen und Lösungen. In Europa wird die VUCA-Welt lieber klein geredet, anstatt große Visionen und Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Genau die Sicherheit und Stabilität, die Europa nicht verlieren möchte und selbstmörderisch zu verteidigen sucht, genau die fehlende Bereitschaft zum Risiko ist das Risiko. Das erste Risiko. Das zweite liegt in uns, also in jedem Einzelnen.

„Wenn der Schüler nicht geht, wird der Weg zu ihm kommen.“
Zen-Weisheit

Risiko „Komfortzone“

Obwohl lange bekannt, wachsen täglich die Erkenntnisse über die fatalen Auswirkungen des Verharrens in der Komfortzone. Natürlich sind Angst und Stress auf ein Minimum reduziert, wenn man nur in seinen Routinen bleibt, nur bis zum Tellerrand seiner bekannten Fähigkeiten agiert und nur in seinen gewohnten Blasen denkt und spricht.

Aber die Neurowissenschaften zeigen auf, wie dadurch unser Gehirn schrumpft und die neuronale Plastizität verlorengeht. Wie sich dadurch die Angst vor Neuem mehr und mehr bis zur sogenannten „erlernten Hilflosigkeit“ verstärkt. Wie die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, abnimmt und kleinste Störungen zu hoher Belastung führen. Wie die fehlende Herausforderung in Langeweile, Unzufriedenheit und letztlich Depression mündet. Wie durch einen bequemen Rückzug die sozialen Kompetenzen verlorengehen, wie durch laufende Unterforderung nicht nur Potenzial ungenutzt bleibt, sondern Leistungsfähigkeit sogar rapide abnimmt.

Wem das noch nicht genügt, um die Komfortzone als Schreckgespenst auf den finsteren Dachboden zu verbannen, dem seien noch die Auswirkungen auf unsere Erziehung und damit die nächste Generation aufgelistet. Denn Eltern, die sich selbst nach Komfortzonen sehnen, werden zu „Helikopter-Eltern“, die das Leben ihrer Kinder ständig überwachen und ihren Kindern alle Entscheidungen abnehmen. Und zu „Rasenmäher-Eltern“, die ihren Kindern alle Steine aus dem Weg räumen und jedes Hindernis planieren. Die Folgen sind geringe Frustrationstoleranz – schon kleinste Kränkungen können zu monströsen Amokläufen führen –, fehlende Problemlösungskompetenz und damit fehlendes Vertrauen in sich selbst, verstärkte Angst vor Risiko – heute traut man Gymnasiasten nicht einmal mehr den Schulweg zu –, vor allem aber eine eklatante Zunahme von Angststörungen, Burn-out und anderen psychischen Beeinträchtigungen. In den markanten Worten der Psychologin Esther Wojcicki: „Überbehütung ist Unterentwicklung“. Und sie muss es wissen, hat sie doch ihre drei Töchter zu höchst engagierten und erfolgreichen Menschen erzogen.

Fazit: „Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone!“ (Neale Donald Walsch, bekannt von den „Gesprächen mit Gott“) Wer also seine Komfortzone nicht verlässt, wer in der trügerischen Sicherheit verharrt und kein Risiko auf sich nimmt, hat tatsächlich eine Gewissheit: die Gewissheit, das Leben und seine eigene Entwicklung zu verpassen.

„Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone.“
Neale Donald Walsch

Der „Sprung des Glaubens“

Haben Sie gewusst, dass dieses Zitat von Søren Kierkegaard stammt? Und hätten Sie gedacht, dass dieser Religions- und Existenzphilosoph als der Philosoph des Risikos gilt? Bei ihm ist Risiko nicht ökonomisch oder Mittel zum Zweck, sondern das Wesen der Existenz. Risiko ist der Preis von Freiheit und Selbstverwirklichung. „Wer wagt, der verliert vielleicht. Wer nicht wagt, der verliert gewiss“, lautet sein Credo. Dieses Wagnis, trotz Unsicherheit zu entscheiden und zu handeln, nennt Kierkegaard den „Sprung des Glaubens“. Damit meint er nicht nur den Akt des Glaubens in Gott ohne Sicherheiten und Beweise.

Der Sprung des Glaubens ist ein universelles Prinzip, wir alle müssen immer wieder ohne Sicher- und Gewissheiten entscheiden: Wir verlieben uns – haben wir die Sicherheit, dass diese Liebe für immer hält? Wir wechseln unseren Job. Wir ziehen in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land. Wir gründen eine Familie. Wir starten ein neues Projekt. All diese existenziellen Entscheidungen beinhalten das Risiko von Verletzung, Trennung, Verlust, Scheitern und Enttäuschungen aller Art. Es sind keine sanften Übergänge, es sind Sprünge – vom Zweifel ins Vertrauen, von der Kontrolle in die Hingabe, von rational begründbaren Sicherheiten in das Glauben. „Der Glaube beginnt dort, wo das Denken aufhört“, schreibt Kierkegaard. Er war kein Gegner des Denkens, aber Denken hat seine Grenzen. So sehr wir auch prüfen und analysieren, es wird uns keine absolute Gewissheit liefern. Und an dieser Stelle müssen wir springen. Wir leben von und durch Entscheidungen, nicht von und durch Garantien.

Genauso deutlich formulieren es die östlichen Philosophien. Darin heißt es, dass Leiden durch die Anhaftung an Sicherheiten entsteht. Und sie fügen noch einen weiteren Gedanken dazu: Wer sich an Sicherheiten klammert und sich nicht freiwillig den Herausforderungen stellt, wird nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma) dazu gezwungen. „Wenn der Schüler nicht geht, wird der Weg zu ihm kommen“, sagen die Zen-Meister. Im Taoismus heißt es: „Wer sich dem Wandel widersetzt, wird vom Wandel überwältigt.“

„Wandel“ ist wohl das treffendste Konzept für unsere aktuelle Situation in der Welt. Kollektiv ist es längst ein Wandel, der uns überwältigt: Geopolitische und wirtschaftliche Kriege, KI und Digitalisierung, Extremwetter, Migrationsbewegungen. Individuell liegt es an jedem von uns. Im Kleinen ist jeder Tag eine Gelegenheit, unsere Komfortzone zu verlassen und etwas Unbekanntes zu wagen: Ein Gespräch mit einer fremden Person beginnen, einen neuen Weg zu unserem Arbeitsplatz ausprobieren, ein unangenehmes Problem ansprechen oder eine Entschuldigung aussprechen. Im Großen müssen wir uns ehrlich fragen, wo wir uns zwar sicher fühlen, aber gleichzeitig das Leben und Wachstum verpassen: der sichere Job, der nur noch Routine und keine Weiterentwicklung ermöglicht; der langjährige Freundeskreis, der längst nicht mehr unseren Interessen entspricht; die immer gleichen Konflikte, ohne dass wir die Probleme ehrlich ansprechen oder die halbherzige Beziehung, weil uns die Einsamkeit ängstigt.

Bevor Sie vom Wandel überwältigt werden, wagen Sie den „Sprung des Glaubens“.

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GemeinSINN - warum zählt das WIR?

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Wie wird Alltag fassbar und wo grenzt Wachstum an Beschränkung? Clemens Setz erzählt über seine Liebe zur Metaphysik der Dinge, das Herausbluten des Details aus der Literatur und die monothematische Ausrichtung der Individuen.
Ein Gespräch über Entfaltung, Begrenzung und den wunderbaren Glauben an Geschichten.

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Wie wird Alltag fassbar und wo grenzt Wachstum an Beschränkung? Clemens Setz erzählt über seine Liebe zur Metaphysik der Dinge, das Herausbluten des Details aus der Literatur und die monothematische Ausrichtung der Individuen.

Ein Gespräch über Entfaltung, Begrenzung und den wunderbaren Glauben an Geschichten.

Als Schriftsteller werden Sie sicher vermehrt zu Gesprächen eingeladen. Entspricht das Ihren Intentionen?

Ich habe schon ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, denke ich. Vielleicht ist es auch Selbstdarstellungsdrang oder Eitelkeit, dass ich mich gerne zu Themen äußere. Aber ich bin vorsichtiger geworden, was das Annehmen dieser Lizenz betrifft, die man aufgrund der historischen Bedeutung von „Schriftsteller“ ausgestellt bekommt.

 

Was ist mit dieser Lizenz gemeint?

Es gibt eine gewisse Rolle im deutschen Sprachraum. Günter Grass, Heinrich Böll, diese großen Figuren haben immer wirklich zu allem etwas gesagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es wichtig, deutschsprachige Geistesgrößen – dieses alberne Konzept – als Archetyp zu kultivieren, der die Menschen wieder ein bisschen versammelt, ihre Aufmerksamkeit bündelt. Das war kulturell notwendig, um zu zeigen, dass wir nicht komplette Barbaren sind, und das verstehe ich auch.

Aber das gibt es auch heute noch, vielleicht eher im populär philosophischen Bereich, nämlich die sogenannten „Alles-Kommentatoren“, die ausnahmslos zu allem etwas sagen.

Meist ist es jedoch eine ziemliche Eselei, ein anachronistisches, überholtes Spiel. Trotzdem bekommt man diese „Rolle“ immer wieder angeboten. Also in dem Sinne: Da gab es jetzt ein Massaker, was meinst du dazu?

Und da sage ich dann schon: Stopp! Nur so viel kann ich sagen, nur so viel lässt meine eigene Eitelkeit zu.

 

Oft möchte man vielleicht nur die Gedanken eines Schriftstellers dazu hören …

Um interessante Sätze zu hören, ist man sicher eine gute Anlaufstelle, aber vom Publikum, also der Leserschaft her, wird das dann doch oft als die Stimme eines Experten missverstanden. Gut formulieren zu können heißt nicht automatisch, dass man eine Ahnung hat.

Betrachtet man jetzt aber uns hier – wir leben ja relativ sicher und in Wohlstand –, dann ist das Hauptprogramm bei uns wohl „maximale Freiheit“. Und das ist sehr viel fragwürdiger und undurchdachter.

Ihnen wird in Ihrem literarischen Schaffen eine außerordentliche Detailverliebtheit zugeschrieben: Worin wurzelt diese?

Man schreibt wahrscheinlich oft das, was man selbst gerne liest. Ich sammle, wähle und liebe Dinge, die einem die Kenntnis des schon Bekannten vermitteln, aber eben frischer oder ganz neu.

Es ist nicht mehr populär, das zu machen. Früher haben Leute noch ganze Romane über so eine Art Forschungsreise in den Alltag geschrieben. Diese Metaphysik der Dinge mag ich sehr gerne. In antiken Texten findet man das auch, wo das Meer oder die Morgenröte auf diese Art beschrieben wird, dass all das irgendwie fassbar scheint. Das war wohl immer etwas, das Leute mit dem Augenblick des Zuhörens oder des Lesens versöhnte und wo man erkannte: Ah, da hat jemand etwas gesehen, das ich einerseits kenne, aber zugleich jetzt ganz neu sehe.

Das ist ein schöner Hauptmotor für mich beim Schreiben.

Heute ist das leider langsam ein bisschen herausgeblutet oder herausgetropft aus der Literatur. Das Detail wird eher als preziös, als verlangsamend angesehen.

 

Glauben Sie, dass sich, davon ausgehend, auch die allgemeine Gesprächskultur in den letzten 20, 30 Jahren gewandelt hat?

Ja, die hat sich sicher stark verändert. Das klingt jetzt vielleicht kontraintuitiv und paradox, aber ich glaube, dass es witzigerweise viel weniger Themen gibt.

Viele Menschen erzählen, was sie in den Nachrichten gehört haben und das ist dann ihr Thema. Oder sie sprechen nur von der Arbeit. Das ist ein bisschen eine monothematische Ausrichtung des Individuums. Und ich verstehe überhaupt nicht, wie es dazu kommen konnte, weil die Bedingungen im Grunde umgekehrt wirken: Durch die sozialen Medien sieht es so aus, als gäbe es alles nebeneinander, allerdings genau das wird seltsamerweise im Alltag nicht nachgespielt.

Ich muss aber auch sagen, das stammt aus dem Blickwinkel von jemandem wie mir, der sich nicht mit vielen Menschen trifft, das heißt, es könnte sein, dass mein Eindruck ohnehin schon Jahre her ist, ein vielleicht auch in der Covid-Zeit entstandener und gefestigter Eindruck, der gar nicht mehr stimmt, weil die Zeiten sich extrem schnell wandeln.

 

Denken Sie, hat sich auch der Umgang mit diesen Themen im Gespräch verändert?

Die Themen werden heute stark von außen vorgegeben und auch befolgt.

Man sieht das sehr stark in der Buchbranche, aber auch in vielen anderen Bereichen. Es ist eine Art von der Kindergarten-Betreuerseite vorgegebenes „Trending Topic“.

Zum Beispiel eine spezielle Diät, wo sich alle nun irgendwie zu dieser Diät verhalten müssen. Stehst du außerhalb oder kritisch dagegen? Du wirst wirklich buchstäblich von allen Menschen dazu aufgefordert.

Diese fixen Ideen, die man sich einfängt, solche Ohrwürmer des Geistes sind offenbar stärker geworden, härter und schwerer abzuschütteln.

Das mag aber auch mit den Smartphones und den sozialen Medien zu tun haben. Vielleicht, weil all das mit Freundschaften, mit Verbindungen zu Menschen verwirkt ist.

 

Ihr Buch „Das All im eigenen Fell“ hat eines dieser sozialen Medien, nämlich Twitter, heute X, als Basis. Die Poesie Ihrer dort gesammelten Texte speist sich unter anderem aus der damals beschränkten Zeichenanzahl. Inwiefern können denn „Begrenzungen“ auch für das eigene Leben förderlich sein?

Menschen leben auf unserem Planeten oft unter den ungeheuerlichsten Beschränkungen, was Versorgung mit Nahrung oder auch Bildung betrifft. Das sind Beschränkungen, die man natürlich gerne aufheben würde.

Betrachtet man jetzt aber uns hier – wir leben ja relativ sicher und in Wohlstand –, dann ist das Hauptprogramm bei uns wohl „maximale Freiheit“. Und das ist sehr viel fragwürdiger und undurchdachter.

© Rafaela Pröll/Suhrkamp Verlag Eigene und „geschürfte“ Gedichte der ehemaligen Plattform Twitter (jetzt „X“) sind Teil dieser 2024 erschienenen poetischen Sammlung, die sich als ästhetische Hommage an eine aussterbende Gattung erweist

 

Wohin führt das Ihres Erachtens?

Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Wenn ein Großteil meiner Energie in die Idee fließen würde, dass ich mehr Rechte bekomme, mehr Freiheit und weniger Beschränkungen im Leben habe, kann das sehr schnell zu einem zerstörerischen Projekt werden. Freiheit ist mit Bedingungen und mit Schwindelgefühl verbunden, unter anderem mit dem Wegfall von Verantwortung.

Aber ohne Verantwortung kann man, banal gesprochen, kein Kind aufziehen. Man kann nicht Eltern ohne Verantwortung sein. Das haben Menschen schon probiert. Aber diese Versuche enden für gewöhnlich nicht in der Blüte eines stimulierend und förderlich aufwachsenden Kindes, sondern in ziemlich schlimmen Szenarien.

 

Beschränkung und Freiheit gehören demnach zusammen …

Ja, es ist eine Binsenweisheit, dass gewisse Beschränkungen für das Wachstum der Vitalität und auch für die Kompetenz im Leben förderlich sind.

Aber wir sind gerade in einer Pendelbewegung. Die Leute, die jetzt ins Erwachsenenalter kommen, werden nicht empfangen von einer Generation, die ihnen zuruft: „Achte auf das richtige Maß an Beschränkungen, auf Verantwortung und du wirst wachsen, gedeihen und das Leben wird ein wunderbares, von Rätseln und von Entdeckungen reiches Abenteuer werden!“ Nein, sie rufen ihnen zu: „Sei so frei wie möglich, du genügst, und du musst so bleiben, wie du bist, für immer. Ändere das System!“ Das ist die Frequenz, die den jungen Menschen entgegenkommt, glaube ich.

Durch die sozialen Medien sieht es so aus, als gäbe es alles nebeneinander, allerdings genau das wird seltsamerweise im Alltag nicht nachgespielt.

 

Für wie relevant halten Sie in diesem Zusammenhang die mit Begrenzungen verbundenen Regeln?

Wie interessant wäre denn ein Spiel, ein Sport ohne Regeln?

Aber auch emergente Phänomene wie die Entfaltung einer Persönlichkeit oder die Entfaltung einer Community, einer Kultur sind ja nur mit Spielregeln, mit fast schon algorithmischen Regeln denkbar.

Doch ich sehe mich jetzt auch nicht als großen Fürsprecher für das eine oder andere. Ich verstehe, warum Menschen sich heute leidenschaftlich für konservative Werte einsetzen. Gleichzeitig hat auch die Seite der Freiheit, des Beiseiteschiebens der Unterschiede, des Gleichmachens ihre historische Berechtigung.

Wenn ein Großteil meiner Energie in die Idee fließen würde, dass ich mehr Rechte bekomme, mehr Freiheit und weniger Beschränkungen im Leben habe, kann das sehr schnell zu einem zerstörerischen Projekt werden.

 

Regelungen fußen meist auf Werten. Gibt es in Ihrem Leben etwas Spirituelles, das Sie antreibt?

Also, ich habe keine Religion, was ich jetzt ein bisschen bedaure, es wäre vielleicht besser. Aber was heißt schon „besser“…. Ich bin ohne das aufgewachsen, und das bildet sich später meist nicht mehr so leicht aus.

 

© Rafaela Pröll/Suhrkamp Verlag Clemens Setz schreibt, was er auch selbst gerne liest

 

Formulieren wir es etwas anders: Was rührt Sie als Schriftsteller und als Mensch am meisten?

Es ist vor allem die Hoffnung oder der Glaube daran, dass man Geschichten finden kann, die bedeutsame Gedankenketten ergeben, und dass diese Geschichten überall stecken und dann auch überall herauskommen können. Das ist so meine „Prima materia“, „jungianisch“, alchemistisch gesprochen.

Es ist sicher ein gelebter Glaube, dass die Welt insgeheim voll davon ist und ich irgendwie die sehr schöne ehrenvolle Aufgabe habe, dies für andere aufzubereiten.

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Germanistik und Mathematik, fokussierte sich jedoch in weiterer Folge auf sein literarisches Schaffen.
Mit seinem Roman „Söhne und Planeten“, der 2007 erschien, feierte der damals 25-Jährige sein Debüt als Schriftsteller. Es folgten zahlreiche Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke.

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Dein Platz im Ganzen https://www.abenteuer-philosophie.com/dein-platz-im-ganzen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=dein-platz-im-ganzen Sun, 29 Jun 2025 15:54:11 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7218 Magazin Abenteuer Philosophie

Viele Herausforderungen warten in der Welt auf uns. Vielleicht liegt der Schlüssel zur Lösung im Verhalten jedes Einzelnen: in unserer Haltung zur Welt, zu den Menschen und zum Leben. Es gilt, ein menschliches Potenzial zu entwickeln, von dem Philosophen sagen, dass es den Menschen erst zum Menschen macht  den Gemeinsinn.

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Viele Herausforderungen warten in der Welt auf uns. Vielleicht liegt der Schlüssel zur Lösung im Verhalten jedes Einzelnen: in unserer Haltung zur Welt, zu den Menschen und zum Leben. Es gilt, ein menschliches Potenzial zu entwickeln, von dem Philosophen sagen, dass es den Menschen erst zum Menschen macht den Gemeinsinn.

Das Konzept des Gemeinwohls ist in der öffentlichen Diskussion fest verankert und bezieht sich auf das Wohl einer Gruppe. Es wird vorrangig im politischen, ökonomischen oder rechtlichen Sinn verstanden. In den letzten Jahren taucht jedoch immer häufiger das Konzept des Gemeinsinns in der öffentlichen Diskussion auf. Was wird darunter verstanden? Gemeinsinn wird als Bewusstsein und Bereitschaft eines Menschen bezeichnet, sich aktiv für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Dies zeigt sich in Solidarität, Empathie, Verantwortungsbewusst­sein und dem Mitbedenken der Auswirkung seiner Handlungen für die Gemeinschaft. Kurz gesagt nicht nur aus Eigeninteresse zu handeln, sondern auch im Interesse der Allgemeinheit.

Das führt uns zur alten Frage, ob eine solche Haltung im Menschen von Natur aus angelegt ist? Diese Frage, ob der Mensch grundsätzlich gut oder schlecht ist, wurde entlang der Jahrhunderte unterschiedlich in Philosophie, Politik oder Wissenschaft beantwortet. Seit dem 16. Jahrhundert gewann die Sicht von Thomas Hobbes, eines englischen Staatstheoretikers und Philosophen, in der westlichen Welt immer mehr an Gewicht. Er stellt die Hypothese auf, dass der Naturzustand des Menschen egoistisch sei. Seine pessimistische Sicht auf den Menschen ging durch seinen Ausspruch „Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf“ in die Geschichte ein. Diese Idee von Konkurrenz und Wettkampf unter den Lebewesen wurde mit den Theorien von Charles Darwin im 19. Jahrhundert wissenschaftlich untermauert und mündete in dem berühmten Ausspruch vom „Überleben des Stärkeren“. Damit etablierte sich ein Menschenbild, das perfekt die heute vorhandenen wirtschaftlichen und politischen Systeme inklusive Konkurrenzdenken und Wettkampf legitimierte. Es hat uns viele materielle und technische Errungenschaften ermöglicht und zu Höchstleistungen angetrieben – doch der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, wird erst jetzt ersichtlich.

Aber so sind wir nicht

Es mehren sich jedoch auch Stimmen, die erkennen, dass mit diesem Menschenbild etwas schiefläuft, denn es hat neben allen Errungenschaften auch die Probleme hervorgebracht, die wir jetzt gemeinsam zu bewältigen haben. So wird immer deutlicher: „So sind wir (doch) nicht“. Dafür können wir auch aus unserer jüngsten Vergangenheit viele Beispiele aufzählen, die uns eine andere Seite des Menschen zeigen: Da gibt es die viel beachtete und fast unerwartete Solidarität beim ersten Lockdown zu Beginn der COVID-Pandemie, wo in ganz privater Initiative Menschen unterstützt wurden, die – plötzlich allein gelassen – sich selbst nicht helfen konnten; oder die unzähligen helfenden Hände bei der Hochwasserkatastrophe in Niederösterreich im letzten Herbst; oder auch die anfangs große Bereitschaft, Flüchtlingen aus der Ukraine aufzunehmen; oder die privaten Hilfskonvois in Kriegs- oder Katastrophengebiete in den letzten Jahren.

Auch die Untersuchungen des amerikanischen Entwicklungspsychologen und Anthropologen Michael Tomasello zeigen eindrucksvoll, dass der Mensch bereits in den ersten Lebensjahren eine angeborene Neigung zum kooperativen Handeln besitzt – eine Fähigkeit, die jedoch durch unsere heutige Erziehung immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint.

Sinn findet sich dort, wo der Augenblick von uns fordert, an der Verwirklichung der großen Archetypen des Wahren, Guten, Gerechten und Schönen mitzuwirken.  

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte und viele Forscher stimmen mit der Sicht der Naturphilosophie überein, dass im Menschen von Natur aus sowohl egoistische als auch altruistische Tendenzen angelegt sind – also beides. Anders formuliert könnte man sagen, dass tief in jedem Menschen dieser Sinn für die Gemeinschaft, der Gemeinsinn, wurzelt, dass er aber nur in besonderen Situationen zutage tritt, beispielsweise in Notsituationen.

Das führt weiter zur Frage, was denn im alltäglichen Lauf des Lebens diesen im Menschen angelegten Sinn für das gemeinsame Wohl überlagert?

Individualismus – die Ideologie der Moderne

Hier könnte die Ideologie des Individualismus der westlichen Welt eine Erklärung bieten. Beginnend in der Renaissance besannen sich Philosophen wie Giovanni Pico della Mirandola wieder auf die Würde und den Wert des Menschen. Damit war die Idee der Freiheit des Menschen wiedergeboren. Später, in der Aufklärung, betonten Philosophen wie John Locke oder Jean-Jacques Rousseau die persönliche Freiheit und das natürliche Recht jedes Einzelnen immer stärker. Das aufkommende Bürgertum befreite sich immer mehr vom Diktat des Adels und der Kirche und seit dem 19. Jahrhundert setzte sich das Konzept des Individualismus als gesellschaftlich dominierende Lebenshaltung in unserer westlichen Kultur durch.

Diese vom Westen aus in die Welt getragene Menschensicht wurde zentral für den Fortschritt demokratischer Gesellschaften. Gerade Menschen, die nicht im Strom der Massen schwammen, die sich gegen erstarrte kollektive Strukturen wehrten und dagegen ankämpften, erzielten beachtliche Fortschritte auf vielen Gebieten in unserer Kultur. Letztendlich nahmen hier auch die Menschenrechte ihren Ausgangspunkt.

Individualistisch geprägte Gesellschaften betonen die persönliche Freiheit in allen Lebensbereichen, sind vom Ideal der Selbstverwirklichung durchdrungen und wollen die freie Entfaltung jedes Einzelnen ermöglichen, kurz gesagt das ICH steht vor dem WIR.

Das, was für uns im Westen als selbstverständlich und größte Errungenschaft erscheint, gilt nicht für alle Kulturen. Im asiatischen Raum dominiert bis heute das Bewusstsein für die Gemeinschaft und die Pflichterfüllung gegenüber Familie und Gesellschaft. Dies wurde beispielsweise sichtbar anhand der unterschiedlichen Reaktionen der Bevölkerung auf die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie.

Es ist an der Zeit, eine Neuausrichtung in unserer Gesellschaft, eine neue Lebenshaltung populär zu machen. 

Im Westen treten immer deutlicher auch Schattenseiten des übersteigerten Individualismus zutage. Zunehmende Vereinsamung ist die Folge, wenn Selbstverwirklichung ohne Bindung und Verantwortung angestrebt wird. Die unumschränkte Wichtigkeit persönlicher Freiheit macht Zusammenleben immer schwieriger und führt zu sozialer Spaltung. Wo Verantwortung schwindet, breitet sich Egozentrismus aus – bis in politische Konzepte hinein wie beispielsweise der Slogan: „Amerika First“.

Zusammengefasst: Der Gemeinsinn blieb in der modernen westlichen Gesellschaft immer mehr auf der Strecke und die Folgen des überzogenen Individualismus sind die Wurzel vieler unserer heutigen Probleme.

Es ist an der Zeit, eine Neuausrichtung in unserer Gesellschaft, eine neue Lebenshaltung populär zu machen.

Gemeinsinn – der Sinn für das Gemeinsame

Die Überlieferung vieler alter Kulturen und Religionen weisen darauf hin, dass wir uns als EINE Menschheit empfinden sollen und als solche ein gemeinsames Schicksal haben. Auch Aristoteles sah im Menschen ein „zoon politikon“, ein Wesen, das von Natur aus auf das Leben in einer Gemeinschaft ausgerichtet ist. Erst durch die Gemeinschaft wird der Mensch zum Menschen.

Zusätzlich lehrt uns die Natur sehr eindrucksvoll, dass Wachstum und Fruchtbarkeit nur über komplexe, kooperierende Systeme funktionieren, wie es z. B. Forschungen über die unterirdischen Netzwerke von Pilzen aufzeigen. Über diese Netzwerke des sogenannten „Wood Wide Web“ tauschen Bäume Nährstoffe und Informationen aus und stellen die Einheit in der Vielfalt her. Wir Menschen als Teil der Natur können dieses Naturgesetz nicht ignorieren und denken, es würde keine Folgen nach sich ziehen.

So scheint uns der gegenwärtige historische Moment zu zwingen, diese Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit und Verbindung als Menschheit in unser Bewusstsein und unsere Lebenshaltung zu integrieren.

Doch wie kann das gelingen?

Wir brauchen ein neues Menschenbild

Vielleicht liegt die Antwort im Wort Gemeinsinn selbst. Es vereint das Gemeinsame – wie Gemeinschaft, Gemeinsamkeit mit dem „Sinn“, der nach Tiefe und Bedeutung fragt. Und gerade darin eröffnet sich ein ganzer Kosmos an Antworten. Genau dieser Sinn scheint mit den Schattenseiten des Individualismus immer mehr zu verkümmern. Nur auf das eigene Wohl zu blicken, nur auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse zu achten, sich nur um die persönliche Entfaltung und Verwirklichung zu kümmern, hat mitunter die Nebenwirkung, dass der Sinn des Lebens aus den Augen verloren wird. Viktor Frankl hat sein ganzes Leben dem Aufzeigen von Wegen gewidmet, wie der Mensch aus seinem „Existenziellen Sinn-Vakuum“ herausfinden kann. Schon vor fast 80 Jahren erkannte er, dass das Gefühl der Sinnlosigkeit eines der größten Probleme der Zukunft werden wird. Aus einem Sinnvakuum heraus entwickeln sich Aggression, Depression und Sucht -Themen, die zu immer größer werdenden Problemen unserer heutigen Zeit werden.

Der Mensch ist eben nicht nur ein Wesen, das Lust oder Macht anstrebt, sondern (vielleicht) vor allem anderen sucht er Sinn. Wie Nietzsche sagte: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“. Der Sinn ist für den Menschen so lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Aber was ist mit „Sinn“ gemeint?

Für Viktor Frankl ist das Sinnvolle gut für mich UND die Welt. Darin liegt der feine Unterschied zur heutigen individualistischen Sicht, wo man zuerst darauf blickt, ob etwas für einen selbst gut ist, und damit wäre es automatisch gut für die Welt. Aber: Sinnvoll ist nur das, was der Einzelne in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit zum Gelingen des Ganzen beiträgt. Dahinter steht das Menschenbild Viktor Frankls, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist „wo er ganz aufgeht in einer Aufgabe oder ganz hingegeben ist an eine andere Person“. Sinn findet sich dort, wo der Augenblick von uns fordert, an der Verwirklichung der großen Archetypen des Wahren, Guten, Gerechten und Schönen mitzuwirken. Jeder Mensch ist wie ein Puzzlestein, der fehlen würde, wenn er nicht seinen Platz im Ganzen einnimmt, – und den finden wir nur mit Gemeinsinn. Ja, wir haben die Freiheit und mit ihr untrennbar verbunden auch die Verantwortung, unseren Platz im Ganzen einzunehmen.

Erst durch die Gemeinschaft wird der Mensch zum Menschen. 

Zum neuen Menschenbild gehört also, dass jeder von uns sich auf die Suche nach seinem Beitrag macht, um die Welt heiler, schöner, gerechter und ein Stück besser zu gestalten.

Text Christine Schramm

CHRISTINE SCHRAMM (MAG. PHARM.) geboren in Wien, war immer schon auf der Suche, wie man die Welt heiler machen kann. Dieser Weg führte sie zur Pharmazie, Homöopathie, Sozialarbeit und schon bald zur praktischen Philosophie.

 

Literaturhinweis:

  • Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Piper Verlag
  • Assmann, J. Assmann, Gemeinsinn: Der sechste soziale Sinn, Beck Verlag
  • Schnabel, Zusammen – Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen, Aufbau Verlag
  • Tomasello, Warum wir kooperieren, edition unseld 36

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Es lebe der Sport(s)Geist - Die Moral des Siegens

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