Die Pflicht zur Zuversicht

Die Pflicht zur Zuversicht

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Hoffnung statt Endzeitstimmung tut Not! Schopenhauer sieht in der Hoffnung das höchste aller Güter. Doch Nietzsche das übelste aller Übel. Nicht zuletzt wegen dieser ewigen Widersprüchlichkeit sollten wir Hoffnung durch Zuversicht ersetzen. Und mit Kant die Pflicht hinzufügen.

Die Hoffnung ist eine Erwartung an etwas Äußeres. Die Zuversicht sucht nach den Möglichkeiten im eigenen Inneren. Hoffnung ist passiv, Zuversicht dagegen aktiv.

 

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rei Frösche fallen jeweils in einen Topf voll Milch. Der eine ist Pessimist. Er ruft: „Oh je, da gibt es keine Rettung mehr, ich bin verloren!“ Sagt´s und ertrinkt. Der zweite verkündet voll Optimismus: „Wozu sich Sorgen machen, am Ende wird Gott mich retten!“ Er wartet und wartet, bis er schließlich ebenfalls ertrinkt. Der dritte sagt sich: „Das ist eine ernste Lage. Da fällt mir nichts anderes ein, als wild zu strampeln!“ Und er strampelt und strampelt, bis die Milch zu Butter wird und er mit einem Satz aus dem Topf springt. Es ist die Zuversicht, die ihn gerettet hat.

Hoffnung versus Zuversicht

Hoffnung, Optimismus und Zuversicht werden oft in denselben Topf geworfen. Doch wie die Geschichte von den Fröschen zeigt, verbleibt die Zuversicht nicht im selben Topf. Während im Optimismus illusionäre Hoffnungen gehegt werden, stellt sich die Zuversicht dem Ernst der Lage. Während die Hoffnung eine Erwartung an etwas Äußeres ist, sucht die Zuversicht nach den Möglichkeiten im eigenen Inneren. Hoffnung ist passiv, Zuversicht dagegen aktiv.

Im griechischen Mythos von Hesiod über die „Büchse der Pandora“ entweichen aus dieser alle Übel der Welt, alleine die Hoffnung verbleibt darin. Heißt dies nun, dass alle Übel in der ganzen Welt verstreut sind, uns jedoch zumindest die Hoffnung bleibt? Oder ist die Hoffnung ein weiteres Übel, das „übelste der Übel“ nach Nietzsche, weil es uns in trügerischen Illusionen gefangen hält und damit das Leid verlängert? Beides! Tatsächlich hatte die Hoffnung, griech. elpis, sowohl eine positive als auch eine negative Konnotation: Es war die freudige Erwartung, aber auch die lähmende Furcht, was sich noch im jägersprachlichen Verhoffen des Wildes zeigt, das beim Wittern einer Gefahr wie gelähmt stehen bleibt. Im Neuen Testament wird die Hoffnung neben dem Glauben und der Liebe als eine der drei „theologischen Tugenden“ genannt (1. Kor 13,13). Dabei richtet sich die Hoffnung hier nicht auf einzelne Ereignisse, sondern auf die Erlösung im Ganzen. Sie ist eine Erwartung im Diesseits auf eine Verheißung im Jenseits.

Zuversicht dagegen ist eine Haltung im Hier und Jetzt. Eine innere Stärke, die den Schwierigkeiten ins Auge blickt, die Ängste überwindet und die eigenen Kräfte und Möglichkeiten mobilisiert. Damit ist zumindest die Grundvoraussetzung geschaffen, dass sich Dinge tatsächlich zum Besseren wenden. In den Worten von Vaclav Havel: „Es geht nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern um die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, egal, wie es ausgeht.“ Das ist das Geheimnis von Zuversicht. Aus dem althochdeutschen zuofirsiht mit den Präfixen zuo und fir bedeutet es so viel wie ein Voraussehen auf die Zukunft, egal, ob diese als gut oder schlecht angesehen wird. Zuversicht sieht die Welt von der Zukunft aus. Sie konzentriert sich weniger auf die Probleme, die dadurch scheinbar auch immer größer werden, sondern auf die Vision, auf die Lösungen und auf die Kräfte, um diese umzusetzen.

Zuversicht konzentriert sich weniger auf die Probleme, sondern auf die Vision, auf die Lösungen und auf die Kräfte, um diese umzusetzen.

Was Frankl, Hawking und Salgado gemeinsam haben

Zuversicht! Und Weltberühmtheit! Alle drei befanden sich in ausweglosen Situationen. Viktor Frankl war ein Todgeweihter in mehreren Konzentrationslagern. Stephen Hawking erhielt mit 21 eine Diagnose für eine Muskelkrankheit ohne Therapie. Wie lange er noch zu leben hätte, konnten ihm die Ärzte nicht sagen. Sebastiao Salgado war als Welt-Fotograf jahrzehntelang mit den schrecklichsten Katastrophen dieser Erde konfrontiert, bis er schließlich fast ums Leben kam und in eine tiefe Burn-out-Krise stürzte.

Frankl erkannte im Konzentrationslager, dass letztlich nicht wir etwas vom Leben zu erwarten hätten, sondern das Leben an uns Erwartungen und Fragen heranträgt, die wir zu beantworten, sprich wofür wir Verantwortung zu übernehmen haben. Mit seiner sogenannten Logotherapie wurde er zu einem weltberühmten Psychologen. Hawking saß über 40 Jahre im Rollstuhl. Die letzten 30 Jahre konnte er sich nur mithilfe eines Sprachcomputers verständigen. Dennoch wurde er zum bekanntesten Physiker seiner Zeit und Bestsellerautor. Als er 1979 auf den Lehrstuhl für Mathematik in Cambridge berufen wurde, den einst Isaac Newton innehatte, meinte der Rollstuhlfahrer humorvoll, dass sich dieser Stuhl offensichtlich stark verändert hätte, da er jetzt elektrisch betrieben würde. Und Salgado zog sich auf die riesige Fazenda seiner Kindheit zurück, die jedoch inzwischen durch Abholzung verödet war. Er pflanzte dort fast 3 Millionen Bäume, wodurch sich das Klima und der Wasserhaushalt wieder erholten. Das Gelände schenkte er dem brasilianischen Staat als Nationalpark und gründete mit seiner Frau das Instituto Terra für Wiederaufforstung.

Toxische Positivität

Frankl, Hawking und Salgado sind Beispiele wahrer Zuversicht, indem sie ihre Umstände und das damit verbundene Leid auf sich nahmen, ohne sich davon gefangen nehmen zu lassen. Im Gegenteil: Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf einen höheren, außerhalb von ihnen liegenden Sinn. Frei nach Nietzsche: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Übrigens auch ein Leitsatz Frankls.

Heute dagegen hat sich eine infantile Form der Zuversicht in unsere Gesellschaft eingeschlichen: Sei positiv, egal, was kommt! Jeder kann es zum Millionär schaffen! Jeder kann sein Mindset neu programmieren! Jeder kann seine Ängste für immer überwinden! Wer positiv denkt, dem widerfährt Gutes! Die einfachen Allerweltssprüche wie „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus“ oder „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund“ sind nicht grundsätzlich falsch, suggerieren aber, dass jeder sein Schicksal in der Hand hat und uns nichts Negatives widerfahren kann, wenn wir nur richtig positiv gedacht haben. Das erzeugt in den Menschen einen unnatürlichen und gefährlichen Glücksdruck. Wem nicht Glück und Positives widerfährt, hat versagt. Man nennt dies „Toxische Positivität“, ein Phänomen, das Schuldgefühle in einem selbst und Distanz zu anderen schafft.

Heute hat sich eine infantile Form der Zuversicht in unsere Gesellschaft eingeschlichen: „Sei positiv, egal, was kommt!“

Letztlich ist diese infantile Form von Zuversicht eine neue Form des Paradiesglaubens. Am Ende wird alles gut, nur dass der Mensch nun selbst Gott spielen muss, um sein ewiges Glück auf Erden zu garantieren. Kollektiv wurde der Paradiesglaube durch den Mythos des unendlichen Fortschritts ersetzt. Irgendwann werden wir nicht mehr arbeiten müssen, alle Krankheiten sind heilbar, alle leben in Freiheit in nach den Menschenrechten ausgerichteten Demokratien, und sogar der Tod ist überwunden. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, postulierte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Ende der Geschichte, die liberalen westlichen Demokratien würden sich nun überall durchsetzen. Alles wird gut!

Heute können wir angesichts von gerade einmal 29 verbliebenen – mehr oder weniger funktionierenden – Demokratien nur müde lächeln. Doch während der deutsch-britische Soziologe und Politiker Ralf Dahrendorf bereits 1997 diagnostizierte, dass wir „an der Schwelle zum autoritären Jahrhundert“ stünden, verbleibt ein Teil der Menschen der westlichen Demokratien in der „Toxischen Positivität“: Bleiben wir positiv, alles wird gut! Der andere Teil sehnt sich zurück in die „gute alte Zeit“. „Retrotopien“ nennt der Sozialphilosoph Zygmunt Baumann diese rückwärtsgewandten Hoffnungen. Die Populisten quer durch die politischen Lager wissen die Ängste der Menschen vor – notwendiger – Veränderung gut zu nützen, indem sie ihnen das Blaue vom Himmel erzählen. Alles wird so wie früher, alles wird gut.

Würde Immanuel Kant an seinem 300. Geburtstag noch leben, würde er diese „Retrotopie“ wohl als einen Rückschritt hinter die Aufklärung betrachten. Ein Rückschritt in die „selbst verschuldete Unmündigkeit“. Der Massen-Mensch, dessen unabhängiges Denken und selbstbestimmtes Handeln vom Meinungsstrom zunächst ausgehöhlt und schließlich fortgespült wurde.

Warum wir zuversichtlich sein müssen – und können

Immanuel Kant soll postuliert haben, dass es „auch in schwierigsten Zeiten eine Pflicht zur Zuversicht gibt“. Dies las ich bei Nikolaus Brandstätter. Ich selbst konnte diese Stelle nicht ausfindig machen, doch ist sie dem Pflichtenethiker durchaus zuzutrauen. Denn wann, wenn nicht in schwierigen Zeiten, benötigen wir die großen kantischen Ideen über den Menschen? Inmitten von Konflikten und Spaltung müssen wir uns daran erinnern, dass jeder Mensch Würde und Respekt verdient. Inmitten von Ungerechtigkeit und Unmoral müssen wir den kategorischen Imperativ anwenden, demnach wir so handeln, dass die Maxime unseres Handelns als allgemeines Gesetz gelten könnte. Was so viel bedeutet wie andere so zu behandeln, wie wir selbst gerne behandelt würden. Und inmitten von Meinungsströmen und zunehmenden autokratischen Formen müssen wir unser autonomes Denken und selbstbestimmtes Handeln erheben. Und mit Martin Luther können wir ergänzen: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

Wann, wenn nicht in schwierigen Zeiten, benötigen wir die großen kantischen Ideen über den Menschen?

 

Warum wir nicht nur zuversichtlich sein müssen, sondern auch können, erklärt uns Ernst Bloch in seinem umfangreichen Werk „Das Prinzip Hoffnung“. Seinen Begriff der „prinzipiellen Hoffnung“, die keine emotionale Reaktion auf Ereignisse ist, sondern ein tief im Menschen verankertes Prinzip, können wir durchaus synonym zur vorhin beschriebenen Zuversicht setzen. Für Bloch ist das utopische Bewusstsein, das unaufhörlich auf der Suche nach Verbesserung ist, im menschlichen Denken enthalten. Die „prinzipielle Hoffnung“ ist keine Wunschvorstellung und kein Optimismus, sondern ein grundlegendes Prinzip des menschlichen Seins. Sie treibt uns dazu an, uns ständig zu verbessern und auch nach einer besseren Welt zu streben. Er sieht „die Welt als Möglichkeit, nicht nur als Faktum“ und prägte den Begriff des „Noch-Nicht-Bewusstseins“. Es ist das Vorhersehen einer besseren Zukunft, die Vision dessen, was sein könnte, aber noch realisiert werden muss. Dies ist die Treibkraft des menschlichen Handels. Dies ist Zuversicht!

Welcher Frosch also wollen wir im heutigen „Druckkochtopf“ sein? Der Optimist, der erwartet, der Pessimist, der alles für verloren gibt, oder der Zuversichtliche? Im letzteren Fall gibt es zumindest eine realistische Chance, dass wir unsere Prinzessin treffen und uns irgendwann in einen Prinzen verwandeln. Alles wird gut.

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