Schön ist das, was man liebt

Christoph Quarch – Philosoph aus Leidenschaft – verrät, wie Sie sich an der Schönheit begeistern lernen

946

W

as aber ist Schönheit? Schönheit ist so viel wie der Glanz des Guten, Göttlichen und Wahren. Schönheit ist der Glanz, der alles das umgibt, was sinnvoll und bejahbar ist. (Quarch in: Platon und die Folgen)

Herr Quarch, wie definieren Sie als Philosoph den Begriff Schönheit?

Eine schwierige Frage, denn Philosophen haben Schönheit in unterschiedlichen Epochen höchst unterschiedlich interpretiert. Die griechischen Philosophen folgten der Deutung der Dichterin Sappho, die sagte: „Schön ist das, was einer liebt!“ In der griechischen Kunst und in der Renaissance suchte man das Schone in der geordneten Proportion und der Harmonie. Und ein neuzeitlicher Denker wie Immanuel Kant konnte sagen: „Schön ist, was ohne Interesse gefallt!“ – was so ziemlich das genaue Gegenteil der Interpretation Sapphos ist.

Ich halte es mit den alten Griechen: Schönheit ist das, was Menschen begeistert und unbedingt anspricht, weil es ihnen die Wahrheit über ihr eigenes Sein offenbart.

Wie stellen Sie den Zusammenhang zwischen Schönheit und dem eigenen Sein her?

Dafür müssen wir zunächst einmal den delphischen Imperativ befolgen: Erkenne dich selbst! Wir  müssen uns fragen, wie sich das Wesen des Menschseins beschreiben lasst. Und das ist weiß Gott nicht einfach – zumal die zeitgenössische Philosophie solche Fragen verbietet. Lassen Sie es mich deshalb erneut mit den Griechen versuchen! Für Platon und die Seinen war klar: Sein ist Lebendigkeit. Und Lebendigkeit folgt einer ihr eigenen Logik: Sie organisiert sich in Systemen, die allesamt die Tendenz haben, mit sich selbst übereinzustimmen.

Diesen Zustand nennt die griechische Sprache harmonía. Wenn man im Sinne der abendländischen Tradition das Schone als das Harmonische bestimmt, dann ist verständlich, inwiefern Schönheit die Wahrheit über die Lebendigkeit verrat: Sie macht ihr Grundprinzip leicht verständlich.

Als Platon-Liebhaber sprechen Sie in einem Ihrer Vorträge von der Verbindung zwischen der Philosophie und der Schönheit.

In Platons Augen ist Schönheit so etwas wie die sinnen fällige Erfahrung des Guten und Sinnvollen. Sich mit Schönem zu befassen und sich auf Schönes einzulassen, ist in seinem Verständnis deshalb eine Grundvoraussetzung für alles Philosophieren. Denn am Schönen wird erfahrbar, was das Gute und Göttliche ist: stimmige Harmonie – Übereinstimmung eines Seienden mit sich und der Welt.

„Wer mit dem Schönen und Göttlichen umgeht, wird selbst schön und göttlich“, sagte Platon.

Wie nehmen Sie diesbezüglich die Strömungen des Zeitgeistes wahr?

Das ist sein Programm der Philosophie. Wir haben uns weit von diesem Schönheitsverständnis entfernt. Schönheit gilt nur noch als das Gefällige, das bestimmten konventionellen Schönheitskriterien genügt. Dadurch hat das Schöne seine begeisternde Kraft eingebüßt. Es ist zur konsumierbaren Ware konvertiert und dadurch des Potenzials beraubt worden, Menschen zu verändern.

Kann man den Sinn für das Schöne schulen?

Durchaus. Der erste Schritt dazu ist eine Schulung der Wahrnehmung. Um Schönheit zu erfahren, muss man wahrnehmen – sich öffnen für das Ansprechende in Natur und Kunst. Das bedeutet aber auch, sich von Erwartungen und Konzepten freizumachen. Wer in ein Museum geht, um sich informieren zu lassen oder um Bilder zu konsumieren, wird ihre Schönheit nicht wahrnehmen. Man muss sich dem Anspruch des Schönen stellen und sich darauf einlassen. Sonst bleibt man nur bei sich.

In Zeiten des Wandels (Klimakrise, Digitalisierung, Werteverlust) spielt doch die Kunst auch eine Rolle.

Kunst hat immer die Kraft, Menschen zu begeistern und kulturelle und geistige Transformationen zu beflügeln. Das wird aber nicht gelingen, solange der Kunstbetrieb total kommerzialisiert ist und sich, was Kunst ist, nicht durch Schönheit, sondern durch seinen Marktwert definiert. Das ist meines Erachtens der Grund für die beispiellose kreative Flaute der gegenwärtigen Zeit. Der Homo oeconomicus hat den Künstler verdrängt.

Welche Ansätze sehen Sie, den Spieß wieder umzudrehen?

Offen gestanden sehe ich davon nur sehr wenig. Deshalb bin ich selbst aktiv geworden und habe mit einigen Gleichgesinnten eine Neue Platonische Akademie ins Leben gerufen, die es sich nach dem Vorbild der antiken Akademie Platons und der platonischen Renaissance-Akademie Marsilio Ficinos unter anderem zur Aufgabe machen wird, das Bewusstsein fur die Notwendigkeit der Schönheit neu zu wecken. Mitte 2020 wollen wir damit an die Öffentlichkeit treten.

Haben Sie einen praktischen Tipp für unsere LeserInnen, wie man seine Sensoren für das Schöne empfänglicher macht bzw. wie man mehr Schönheit in den heutigen Alltag bringen kann?

Solange die Sonne auf- und untergeht, gibt es an Schönheit keinen Mangel. Ebenso wenig, solange es Blumenläden gibt. Schönheit ist da. Man muss sie nur sehen. Wichtig dafür ist die innere Haltung: Wer immer nur cool sein will und meint, nichts und niemand durfte oder wurde einen angehen, wird ewig für den Anspruch des Schönen taub und blind bleiben. Wer sich darin gefällt, die einfachen

Schönheiten des Lebens kitschig zu finden und sich dessen schämt, von Schönheit berührt zu werden, wird nichts von der begeisternden Kraft des Schönen finden. Man kann so leben – ber man ist dann von allen guten Geistern verlassen.

 


Christoph Quarch

© Christoph Quarch

„Ich bin Philosoph aus Leidenschaft. Seit mir als jungem Mann ein Büchlein mit „Platons Meisterdialogen“ in die Hand gefallen ist, beseelt mich eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die ich als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben verstehe. Als Bestsellerautor, Redner, ZEIT-Reiseleiter/-veranstalter, Sinnstifter und Denkbegleiter für Unternehmen greife ich zurück auf die großen Werke der abendländischen Philosophie, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen.

Meine Philosophie kreist um die Frage erfüllten Menschseins im 21. Jahrhundert: Was bedeutet es, in vollem Sinne lebendig zu sein? Worin liegt im digitalen Zeitalter die unveräußerliche Würde des Menschen? Welches Denken brauchen wir, um den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen zu sein?

Antworten darauf ergeben sich für mich aus dem Umstand, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist: Unser Selbst formt sich im Gespräch mit dem anderen; wir entdecken Sinn, indem wir uns von der Welt anrühren lassen. Leben gelingt, wo wir – zurückgebunden an die lebendige Natur – gemeinsam schöpferisch tätig sind.“

Als Radiophilosoph ist er in allen öffentlichen Sendern vertreten, einmal wöchentlich in seiner SWR-aktuell-Kolumne „Der Frühstücks-Quarch“. Er lehrt Ethik und Wirtschaftsphilosophie an drei Hochschulen und ist einer der weltweit innovativsten Platon-Spezialisten und einer der besten Kenner des griechischen Geistes im deutschsprachigen Raum. Für ZEIT REISEN ist er seit 2016 als Philosophiereiseleiter tätig. Als Autor und Herausgeber sind von ihm zahlreiche Bücher erschienen, zuletzt: „Aufbrechen. Philosophische Inspirationen für Reisende“ (legendaQ 2019), „Wo die Seele singt. Über Kunst in Unternehmen“ (ReMedium-Verlag 2019), „Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“, „Platon und die Folgen“ (J.B. Metzler 2018).

Er ist verheiratet und hat zwei noch schulpflichtige Kinder und lebt mit seiner Familie in Fulda.

Mehr unter: www.christophquarch.de

 

 

Hat dir dieser Artikel gefallen?

Bestelle diese Ausgabe oder abonniere ein Abo. Viel Inspiration und Freude beim Lesen.

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren

Erhalten Sie Infos zu Neuerscheinungen
sowie Aktionen zu Abos und Büchern.

Danke. Sie wurden erfolgreich zum Newsletter hinzugefügt.

Leider ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es noch einmal. Danke.