Leseproben Archive • Abenteuer Philosophie Magazin https://www.abenteuer-philosophie.com/category/leseproben/ Magazin für praktische Philosophie Sun, 28 Jun 2026 07:13:49 +0000 de hourly 1 Disciplina – Von der Kunst, Mensch zu werden https://www.abenteuer-philosophie.com/disciplina-von-der-kunst-mensch-zu-werden/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=disciplina-von-der-kunst-mensch-zu-werden Sun, 28 Jun 2026 06:40:36 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7544 Magazin Abenteuer Philosophie

Auch über Bildung wird immer kontroverser debattiert: Faktenwissen versus Kompetenzen, Elite versus Inklusion, Leistungsanspruch versus psychische Entlastung. Und jetzt noch die KI – unbegrenzte Möglichkeiten versus endgültige Verblödung! Wären möglicherweise all diese Debatten überflüssig, wenn wir Folgendes nicht vergessen hätten: Bildung heißt ursprünglich Disziplin und handelt von der Kunst, Mensch zu werden?

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TEXT Hannes Weinelt

Mir gegenüber sitzt ein 21 Jahre junger Mann. Matura mit Ach und Krach, Studium mehrfach gewechselt, jetzt abgebrochen. Orientierungslosigkeit und Frust. Suchttendenzen – Kiffen, Handy, Spiele. „Schuld sind eigentlich meine Eltern“, sagt er, „sie haben mir alles durchgehen lassen, sie haben mir keine Disziplin beigebracht!“

So hatte ich das noch nie gesehen. Seit mindestens zwei Generationen bemühen sich Eltern, antiautoritäre Erziehung zu verstehen und in die Praxis zu bringen. Sie versuchen, das autoritäre Nein durch einfühlsame und kindgerechte Erklärungen zu ersetzen. Sie vertrauen auf Eigenmotivation und Einsicht ihres Nachwuchses. Denn eine ganze Philosophen-Generation, angeführt vom großen Kritiker der westlichen Disziplinargesellschaft Michel Foucault, hatte Disziplin als pädagogisches Unwort gebrandmarkt. Und jetzt klagt ein 21-Jähriger genau dafür seine Eltern an. Also begann ich mich dafür zu interessieren.

Lob der Disziplin

Gleich am Anfang meiner Suche stieß ich auf das Buch des Pädagogen Bernhard Bueb „Lob der Disziplin“ (2006, List-Verlag). Dazu erschien ein Spiegel-Interview mit dem Titel „Disziplin ist das Tor zum Glück“. Bueb muss es wissen: Er war vier Jahre Erziehungswissenschaftler an der Universität, danach Erziehungspraktiker, davon über 30 Jahre Leiter der Schule Schloss Salem. Für Bueb ist der Bildungsnotstand die Folge eines Erziehungsnotstandes. Auf die Frage, was denn die Inhalte dieser Erziehung sein müssten, antwortete er: „Die großen Werte unserer Gesellschaft: Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit. Aber auch die Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pünktlichkeit und Ordnungssinn.“

Da sind sie, die Tugenden, deren Mangel mein 21-jähriger Klient beklagte. Seine Unfähigkeit, sich anzustrengen und mit Fehlern und Misserfolgen umzugehen, hatte ihn ins Unglück gestürzt. Disziplin ist dagegen „das Tor zum Glück der Anstrengung und des Gelingens“, sagt Bueb. Zudem kann Disziplin bei orientierungslosen Kindern heilend wirken. Sie brauchen Krücken und Geländer zum Festhalten, Regeln und Verbote. Und er verkündet prosaisch: „Die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.“ Auf die Kritik, er würde einer erzkonservativen Programmatik das Wort reden, und die Zukunft Deutschlands würde wohl eher von Kreativität und Solidarität abhängen, entgegnet er: „Kreativität und Solidarität setzen Disziplin voraus. Um im Unterricht kreativ arbeiten zu können, müssen Schüler Ordnungssinn mitbringen, sich konzentrieren können und sorgfältig arbeiten. Und sie müssen Gehorsam und Autorität anerkennen.“ Na bumm! Da würde sich Michel Foucault, der hinter jeder Regel ein Machtverhältnis sah, nicht nur im Grabe umdrehen, er würde rotieren.

Michel Foucault (1926 – 1984), französischer Philosoph und Professor für Geschichte der Denksysteme am Collège de France in Paris© Copilot
Michel Foucault (1926 – 1984), französischer Philosoph und Professor für Geschichte der Denksysteme am Collège de France in Paris © Copilot

Zusammenfassend skizziert Bueb folgenden Kreislauf: Wir wollen unsere Kinder berechtigt zur Selbstdisziplin und Eigenverantwortung erziehen. Selbstdisziplin jedoch entsteht nicht spontan, sie muss durch äußere Disziplin eingeübt werden. Die antiautoritäre Erziehung aber hat Disziplin delegitimiert. Eltern und Lehrer scheuen Konflikte, sie wollen lieber Freunde statt Autoritäten sein. Kinder wachsen also in Freiheit und ohne Orientierung auf, eine Freiheit, mit der sie noch nicht umgehen können. Sie werden zu Spielbällen ihrer eigenen Egozentrik, ihrer ungezügelten Neugierde, ihrer mangelnden Widerstandskräfte gegen alle Arten von Süchten. Die Folgen sind Prokrastination, Unverbindlichkeit, Unverantwortlichkeit, mangelnde Selbststeuerung, mangelnde Frustrationstoleranz – kurz: das Gegenteil von der beabsichtigten Selbstdisziplin und Eigenverantwortung.

Dieser Kreislauf leuchtete nicht nur mir ein. Auch mein 21-jähriges „Antiautoritätsopfer“ bestätigte ihn. Mit der Opferhaltung und den Schuldzuweisungen an seine Eltern räumten wir als Erstes auf. Opfer ergeben sich ihrem unvermeidbaren Schicksal, dafür wollte ich nicht bezahlt werden. Also beschlossen wir gemeinsam, den Kreislauf an der Stelle „Selbstdisziplin muss durch äußere Disziplin eingeübt werden“ zu durchbrechen. Er in seiner neuen Rolle als Übender, ich in meiner neuen Rolle als Disziplinarcoach. Und die erzielten Fortschritte schienen Aristoteles Recht zu geben: Man wird diszipliniert, indem man diszipliniert handelt. Dennoch war es noch nicht der entscheidende Durchbruch.

Über die Disziplin zum Willen

Die meisten beklagen ihren Mangel an Willen. Sie denken, ich brauche einen starken Willen, um diszipliniert zu sein, um meine gesteckten Ziele zu erreichen. Nur, wer oder was ist das überhaupt, mein Wille? Und wie hängt er mit den mir gesteckten Zielen zusammen? Will mein Klient sich tatsächlich in der Disziplin üben? Und warum? Sieht er darin einfach eine Möglichkeit, den Willen seiner Eltern, ein Studium abzuschließen, zu erfüllen? Oder den Willen seines sonstigen sozialen Umfelds, der Gesellschaft, um dazuzugehören, um anerkannt zu werden? Sind wir plötzlich mitten in der foucaultschen Kritik an der Disziplin?

Mit seinem berühmten Zitat „Disziplin macht Individuen“ beschreibt Michel Foucault, wie Disziplin den modernen Menschen als gesellschaftlich formiertes und normiertes Subjekt formt. Disziplin „als spezifische Technik einer Macht“, die nicht primär mit Gewalt und offener Unterdrückung agiert, sondern Menschen dazu bringt, Normen zu internalisieren. Das heißt, der Einzelne beginnt quasi „freiwillig“, permanent seine täglichen Schritte, seinen Schlaf, seine Kalorien, seine Körperfette, seine Arbeitszeit, seine Fokuszeit, seine Bildschirmzeit, seine Stimmungen, seine emotionalen Trigger, sein Stresslevel, seine Work-Life-Balance, seinen ökologischen Fußabdruck, seinen Konsum, seine Political Correctness zu bemessen, zu kontrollieren und zu korrigieren. Und die Selbstinszenierungen auf Social Media, wo Verhalten permanent an erwartete Reaktionen angepasst wird, sind das perfekte foucaultsche Panoptikum. In den Worten Foucaults: „Sichtbarkeit ist eine Falle“. Für ihn sind die Schulen, Universitäten, Kliniken, Fabriken und Kasernen die modernen Disziplinarinstitutionen. In diesen „produziert Disziplin unterworfene und eingeübte Körper – fügsame Körper.“

Ist mein junger Klient also gerade dabei, sich zu einem solchen „fügsamen Körper“ zu erziehen, um zu einer normierten und funktionalen Komponente unserer Gesellschaft zu werden, und ich mit meiner philosophischen Praxis bin seine Disziplinarinstitution? Ein furchtbarer Gedanke – der allerdings unser philosophisches Coaching auf eine neue Ebene hob: Wir erörterten die Frage, was ihn denn nun genau dazu motivieren würde, seine täglichen Übungen zu machen? Warum überhaupt wolle er ein disziplinierter Mensch werden? Er konnte es nicht beantworten. Er wusste es nicht wirklich – vielleicht, um kein Loser zu sein? Da war sie also – die selbstgewählte Unterwerfung unter die gesellschaftliche Norm, die bestimmt, wer ein Loser und wer ein Winner ist! Ist eher der ein Loser, der ein Studium nicht schafft, oder der, der seine Berufung und seinen inneren Traum nicht kennt oder nicht den Mut hat, ihn zu verwirklichen? Ist eher der ein Winner, der seine gesellschaftliche Rolle perfekt spielt, oder der, der sich selbst wahrhaft kennt? Die Antworten waren eindeutig – aber …? Wie gehe ich mit den Erwartungen der Eltern um? Wie mit dem Druck der Gesellschaft? Was, wenn ich dafür nicht respektiert, vielleicht sogar verspottet und gemobbt werde?

Die Streitschrift Lob der Disziplin von Bernhard Bueb (geb. 1938 in Ostafrika, deutscher Pädagoge, Autor und ehem. Leiter der Schule Schloss Salem) hat viele Diskussionen ausgelöst© Copilot
Die Streitschrift Lob der Disziplin von Bernhard Bueb (geb. 1938 in Ostafrika, deutscher Pädagoge, Autor und ehem. Leiter der Schule Schloss Salem) hat viele Diskussionen ausgelöst
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Jetzt waren wir am Punkt! Für die Philosophen und Schulen der Philosophie in der Antike bestand die Disziplin genau darin, sich von den Ängsten und Zwängen der eigenen Persönlichkeit zu befreien, um ein wahrhaft unabhängiges und selbstbestimmtes Individuum zu werden. Wie in Platons Höhle ist der Mensch in seinen Begierden, seiner Trägheit, seinen falschen Urteilen, seiner Zerstreutheit und natürlich in seinen Ängsten, nicht dazuzugehören und nicht anerkannt zu werden, gefangen. Und der Weg der Befreiung hin zu seinem wahren Selbst war die Disciplina. Und im wahren Selbst wohnt der Wille, vielmehr das wahre Selbst ist der Wille. An diese antike Tradition knüpft auch der italienische Psychiater Roberto Assagioli an, der die viktorianische Vorstellung des Willens als etwas Strenges, Verbietendes und Unterdrückendes als „eine Karikatur des Willens“ bezeichnete. Vielmehr ist der Wille engstens an den menschlichen Wesenskern, an sein wahres Ich gebunden. In seinem Werk „Schulung des Willens“ lesen wir: „Durch den Willen wirkt das Ich auf die anderen psychologischen Funktionen, reguliert und leitet sie.“ Aber dieser Wille muss durch eine Disziplin geschult werden.

Genauso lehren es die antiken Schulen der Philosophie: Es ist nicht zuerst ein Wille da, der uns diszipliniert sein lässt. Sondern das Praktizieren einer Lebensdisziplin befreit uns von den Fesseln unserer unvollkommenen Natur und führt uns zu unserem wahren Ich und damit zur unerkannten und unermesslichen Potenz unseres Willens. Das ist die berühmte Befreiung unserer gefangenen Seele, unseres gefangenen Willens. Über die Disziplin zum Willen!

Die vergessene Kunst des Werdens

Jetzt traten die Disziplin-Übungen in den Hintergrund. In den Vordergrund drängten sich bei meinem – ich möchte ihn nun meinen philosophischen Schüler nennen – viel essenziellere Fragen. Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich sein? Womit identifiziere ich mich? Was ist mir wirklich wichtig? Schüler heißt ja lateinisch discipulus – von discere, das Lernen bedeutet. Daraus leitet sich auch die disciplina ab. Die Disciplina war ursprünglich das Lernen, der Unterricht, die Bildung. Das, was man im antiken Griechenland die Paideia nannte (siehe den Artikel von Christoph Quarch in dieser Ausgabe). Die römische Disciplina sowie die griechische Paideia waren nicht einfach Schulbildung und Wissensvermittlung. Hier ging es um Tugend, um Charakter, um den Sinn für Schönheit, die Sprache, das Denken, auch um den politischen Sinn, um Selbstführung, kurz um eine Kultivierung des Mensch-Seins, um das Mensch-Sein an sich.

Roberto Assagioli (1888 – 1974), italienischer Psychi ater, Psychoanalytiker und Begründer der Psychosynthese; mit seinem Buch Die Schulung des Willens© Copilot
Roberto Assagioli (1888 – 1974), italienischer Psychi ater, Psychoanalytiker und Begründer der Psychosynthese; mit seinem Buch Die Schulung des Willens
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Ist es nicht allzu verständlich, wenn sich junge Menschen heute gegen eine Überflutung mit Informationen wehren, deren Verwendbarkeit für das Leben fragwürdig ist, und die sie überdies viel kompakter und oft besser erklärt von der KI zusammengefasst bekommen? Ist es verwunderlich, dass sich junge Menschen heute bewusst oder unbewusst verweigern, sich zu einem Funktionsbestandteil einer Welt formen zu lassen, deren Werte sie oft gar nicht verstehen und mehr und mehr sogar ablehnen? Wen kann die Orientierungslosigkeit der heutigen jungen Menschen noch überraschen, wenn es in Erziehung und Bildungsinstitutionen gar nicht um Orientierung und Berufung geht, sondern nur noch darum, sich im Konkurrenz- und Existenzkampf um einen Beruf durchzusetzen?

Nach einem Welt- und Menschenbild wird heute nicht gefragt. Das gängige, gültige? Welches ist das? Das christliche oder muslimische? Ein religiöses? Oder ein atheistisches, ein materialistisches, ein kommunistisches, ein utilitaristisches, ein existentialistisches? Was ist der Mensch überhaupt? Ich habe darauf vor einiger Zeit in einem Vortrag an der pädagogischen Fakultät der Universität Graz keine wirkliche Antwort erhalten. Sind wir uns also überhaupt einig, was es bedeutet, einen Menschen zum Menschen zu erziehen? Welche Tische würden Tischler schaffen, wenn sie sich nicht einig wären, was ein Tisch überhaupt ist? Heute werden junge Menschen entmündigt, indem ihnen alle Schwierigkeiten und Mühseligkeiten aus dem Weg geräumt werden. Oder man suggeriert ihnen, sie sind perfekt, so wie sie sind, mit all ihren Fehlern, Unzulänglichkeiten und Dummheiten. Und oft sogar beides gleichzeitig. In der Antike war jedem Menschen klar, dass er ein unfertiges Wesen ist, und dass die disciplina ihm hilft, ein vollkommeneres Wesen zu werden.

Die heutige Bildungsdebatte dreht sich nur darum, was der Mensch können soll. Wir haben vergessen, was Mensch-Werden bedeutet.

Meinen Schüler habe ich mittlerweile aus den Augen verloren. Feststellen konnte ich im Laufe unserer letzten Gespräche einen gewaltigen Zuwachs an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Ist es nicht genau das, was unsere Erziehung und unsere Bildungsinstitutionen schaffen sollen – Menschen, die sich ihres Selbst bewusst sind? Und Menschen, die sich selbst vertrauen können, die sich selbst gehorchen, um das entlang ihres Tages und ihres Lebens zu verwirklichen, was sie sich aus tiefster Seele vorgenommen haben?

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Nietzsches Dividuum https://www.abenteuer-philosophie.com/nietzsches-dividuum-der-zerrissene-mensch/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=nietzsches-dividuum-der-zerrissene-mensch Sun, 28 Jun 2026 06:31:40 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7554 Magazin Abenteuer Philosophie

Friedrich Nietzsche auf seiner Reise, das Geheimnis des Menschen und der Welt zu entschleiern © ChatGPT

Nicht mehr einheitlich im Inneren zu leben, wie es einem Individuum gegeben sein könne, sondern geteilt, zerrissen zwischen widerstreitenden Kräften. Mit dieser Aufgabe des Dividuums macht sich im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche auf die Reise, das Geheimnis des Menschen und der Welt zu entschleiern.

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Friedrich Nietzsche auf seiner Reise, das Geheimnis des Menschen und der Welt zu entschleiern © ChatGPT

TEXT Martin Oßberger

In Mitteldeutschland, Röcken, kommt Nietzsche 1844 zur Welt, in einem friedlichen Pfarrhaus. Seine Schulzeit verbringt er in dem damals wegen seiner hervorragenden Lehrer bekannten Internat Schulpforte bei Naumburg. Hier erwacht seine Liebe zu Latein und Griechisch, was ihm das Studium antiker philosophischer Originalliteratur ermöglicht. Ebenso entdeckt er einen tiefen Zugang zur Musik, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird. 1864 beginnt er in Bonn ein Studium der Altphilologie, Theologie, Politik und Kulturgeschichte. Wegen seiner Zweifel am Christentum verlässt er die theologische Fakultät und widersetzt sich dadurch dem Wunsch seiner Mutter, als Pfarrer Karriere zu machen. Er setzt nicht mehr auf gläubige Hingabe, sondern auf enthusiastisches Hervorbringen und er möchte als „Jünger der Wahrheit“ forschen und nicht nur glauben.

Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch: das Spätfeudale zerbricht, es fehlt eine übergreifende Idee, der wirtschaftliche Utilitarismus beherrscht das heraufdämmernde Maschinenzeitalter. Nun wird die Kultur „realistisch“, der Idealismus wird trockengelegt zugunsten eines Materialismus. Der Mensch soll klein gehalten werden, jede Form von idealistischen Höhenflügen stören den Gemeinsinn. Arbeit ist der sinnstiftende Mythos, das neue Heiligtum. Natur und Geschichte werden in eine Maschine verwandelt und durch wissenschaftliche Erkenntnisse entzaubert; es fehlen sinnerfüllte Anfänge und sinnhafte Prozesse. Die Verbindung von Naturerkenntnis und Spiritualität ist zerrissen.

Jede Einheit ist fern, im Dividuum aufgelöst

Nietzsche erkennt die Gefahr, die sich bis heute in unserer Kultur breit gemacht hat – beispielsweise in der zweischneidigen Demokratisierung der Bildung durch Bismarck. Die Entwicklung der Volksschulen gehöre zu den „beliebten nationalökonomischen Dogmen der Gegenwart. Möglichst viel Erkenntnis und Bildung – daher möglichst viel Produktion und Bedürfnis – daher möglichst viel Glück … hier haben wir den Nutzen als Ziel und Zweck der Bildung, noch genauer … den möglichst großen Gelderwerb.“ Kultur also nur so weit, wie es sich rechne.

1868 wird er Teil der höheren Bildungsroutinen und folgt dem Ruf nach Basel als Professor für Philologie. Die geistige Enge des Wissenschaftsbetriebes wird ihm schnell zuwider. Er möchte völlig Neues erschaffen. Nietzsche sah sich zeitlebens als Soldat, obwohl oder gerade weil sein eigener Kriegsdienst wenig heldenhaft verlief. Er tritt auf dem Feld des Schreibens umso energischer auf, seine Waffen sind seine Worte. Mit der Tapferkeit eines Soldaten fordert er auf, gegen die eigene Zeit zu denken.

Er sah sich als „Abenteurer, Weltumsegler jener inneren Welt, die Mensch heisst.“ Er möchte sich entwickeln – von seiner ersten Natur (Abstammung, Schicksal, Prägung) hinein in die zweite Natur der Selbstgestaltung. Er will in den „eigentlichen Besitz“ seiner selbst gelangen.

„Werde, der du bist“

Hier liege die Wahrheit. Ein Vorbild sei Sokrates, dem der Wille zur Wahrheit selbst über den individuellen Tod hinaus wesentlich blieb. Der Wille wird für Nietzsche ein zentraler Begriff, das hat er von Schopenhauer gelernt („Die Welt als Wille und Vorstellung“). Und auch das Folgende: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Hier erfährt er das „Gefühl der Entrücktheit“, eine mystische Erhebung. Musik führt ihn ins Herz der Welt. Fällt er aus ihr jedoch heraus, empfindet er, ganz als gelehriger Schüler von Schopenhauer, „Ekel“ über diese grausame Welt. Sie ist etwas Dunkles, ein vitaler Trieb, nicht vernunftartig erkennbar, geprägt von Gefühlen der Sinnlosigkeit. Das letzte Geheimnis des Menschen offenbart sich nur in einem ästhetischen Augenblick auf dem Berg des musikalischen Glücks – ein „Schwanengesang“, bevor der Mensch schmerzhaft wieder in die Welt zurückstürzt und das Tierische, Instinktive die Oberhand gewinnt. So wie Siegfried in Wagners Mythos stirbt, so sterbe die ganze Menschheit, keiner dürfe daran zweifeln.

Mit der Tapferkeit eines Soldaten fordert er auf, gegen die eigene Zeit zu denken.

Die Liebe zur Musik verbindet ihn für kurze Zeit mit Wagner. Beide sehen – wie die Philosophen der Romantik vor ihnen – die Notwendigkeit, neue Mythen zu schaffen. Beide wollen eine große Renaissance vorantreiben. Für Nietzsche ist Kunst Lebenssteigerung des Dividuums, kein Religionsersatz, wie er ihn bei Wagner wahrnimmt.

Macht über sich selbst zu gewinnen,

der Regisseur dieser vielfältigen Lebensimpulse, ein Dirigent des dividualistischen Stimmengewirrs zu sein. Das sind die Qualitäten eines „Übermenschen“, eines Zarathustra. „Du sollst Herr über dich werden. Herr auch über deine eigenen Tugenden.“ Ein nächster darwinistisch inspirierter evolutiver Schritt des Menschen. Er gibt sich sein individuelles Gesetz, seine eigene Moral. Er spielt nach seinen Regeln. Nietzsche schließt explizit die Masse aus, da er sie für nicht fähig genug ansieht. Der Übermensch, der Auserwählte, ist eine Antwort auf den Tod Gottes. „Tod sind alle Götter: Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.“

1889 erleidet er einen nervlichen Zusammenbruch, verbleibt elf Jahre in geistiger Umnachtung und stirbt 1900 in Weimar.

Friedrich Nietzsche auf seiner Reise, das Geheimnis des Menschen und der Welt zu entschleiern© ChatGPT
Friedrich Nietzsche auf seiner Reise, das Geheimnis des Menschen und der Welt zu entschleiern © ChatGPT

So reizvoll eine Abenteuerreise mit Nietzsche ins Innere des Menschen auch ist, so strahlen die nihilistischen Untergangsrufe doch eine tiefe Kälte aus. Er kappt alle Bindungen, wonach sich Menschen sehnen: Einheit, Sinn, Ziel. Solidarität und Vervollkommnung gehen bei ihm nicht zusammen. Alles findet im selbstbezogenen, pessimistischen Denken statt; bestätigende Handlungen sind zweitrangig. Nietzsche lebt meist als Einsiedler, seine sozialen Kontakte sind beschränkt. Die Schönheit liegt bei ihm im Erkennen, die Wahrheit nur im Denken. Übergeordnete, archetypische Ideen des Schönen oder Wahren seien eine Illusion.

In Nietzsches Dividuum trennen sich Geist, Seele und Körper voneinander

Nicht mehr einheitlich leben können, sondern geteilt sein, innerlich zerrissen. Nietzsches Analyse und gleichzeitig Vision des Dividuums in seiner psychologischen Disharmonie passen zum Lebensgefühl der heutigen Zeit, in der Trennung vor Verbindung steht, Social Media vor Offline-Gemeinschaft, Wettbewerb vor Solidarität, Krieg vor Frieden, äußere Stärke vor innerer Moral.

„Bleibet der Erde treu“, lässt er Zarathustra seinen Anhängern zurufen. Doch verschärft die Abtrennung der metaphysischen Welt nicht die Krisen der modernen Welt? Wo bleibt die Suche nach einer überzeitlichen Sittlichkeit, wo die Suche nach einem tiefen Glück der Seele, wo das Handeln aus Demut und Großzügigkeit heraus, wo ein Idealismus, der Spiritualität mit dem Alltag verknüpft? Der Aufbau von erneuerten, verlorengegangenen Bindungen scheint eine zentrale Aufgabe für uns alle zu sein. Wir sollten die uns gegebene Zeit nutzen. „Bleib der Welt treu“, möchte man ihm zurufen. „Mit ihrer physischen Erde und ihrem geistigen Himmel. Und verbinde diese Gegensätze miteinander.“

Literaturhinweis:

Ausstellung „Nietzsche-Haus Naumburg“, Plakat „deutscher Geist statt deutscher Kultur“

Rüdiger Safranski: Nietzsche: Biographie seines Denkens. Carl Hanser Verlag, 2000.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Vollmer Verlag o.J.

 

Autor:

Martin OssbergerMARTIN OSSBERGER hat im Schreiben eine Ausdrucksform der Reflexion gefunden. Als Wissenschaftler versucht er immer wieder neue Perspektiven zu eröffnen und das ihm Unbekannte zu erforschen. Auf seinen Reisen hat er gelernt, dass das Abenteuer bei ihm selbst beginnt und die Suche nach der Weisheit im nächsten Schritt liegt

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FREIHEIT – Ein fatales Missverständnis und seine globalen Folgen https://www.abenteuer-philosophie.com/freiheit/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=freiheit Fri, 27 Mar 2026 14:24:59 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7457 Magazin Abenteuer Philosophie

Es zieht immer mehr Menschen in seinen Bann und verbreitet sich weltweit ähnlich erfolgreich wie einst der neoliberale Kapitalismus: ein fatales Missverständnis von Freiheit, das selbst in der akademischen Welt kaum beachtet wird. Es begünstigt die Selbstzerstörung des Menschen und wirkt auf den ersten Blick sogar überzeugend. Seine Botschaft lautet: Wahre Freiheit ist Grenzenlosigkeit. Doch dies ist ein Irrtum – und das lässt sich sogar logisch beweisen.

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TEXT: Manuel Stelzl

Der blinde Fleck unseres Freiheitsdenkens

Es gibt mindestens drei nicht vergleichbare Begriffe von Freiheit, die auf verschiedene Bereiche von Freiheit verweisen. Wird einer dieser Bereiche übersehen, – und dies ist ein sehr verbreitetes Phänomen –, ist das jeweilige Verständnis von Freiheit irrtümlich. Der erste ist der Bereich politischer Freiheit. Hier geht es um das Verhältnis individueller Handlungsfreiheit zu uns übergeordneter, staatlicher Gewalt. Der zweite ist der unserer Willensfreiheit. Dabei geht es um die Frage, inwiefern trotz biologischer Determination freie Willensentscheidungen möglich sind. Damit hätten wir unser verbreitetes Freiheitsverständnis bereits ausgeschöpft, weil wir heute in der Regel nicht daran denken, dass es darüber hinaus noch einen dritten Freiheitsbereich gibt, ohne den menschliche Freiheit unmöglich ist. Fragen Sie sich zunächst selbst, ob nicht auch Sie von jenem Missverständnis von Freiheit betroffen sind, das nur zwei Freiheitsbereiche kennt. Denn dieses konstituiert inzwischen unsere gesamte Kultur auf fundamentale Weise – mit fatalen Folgen.

Psychologische Freiheit ist nur möglich, wenn ein Mensch bewusst reflektierte Entscheidungen langfristig durchsetzen kann.

Die dritte Dimension menschlicher Freiheit

Viele von uns wissen, dass Menschen meist dazu neigen, ihren Wünschen und Bedürfnissen nachzugeben. Das ist an sich noch kein Zeichen von Unfreiheit. Allerdings kann es sehr schnell eine innere Unfreiheit besiegeln, nämlich ab dem Moment, da wir zum Sklaven unserer Wünsche und Bedürfnisse werden. Dazu kommt es, sobald Triebe, Bedürfnisse oder Wünsche in uns stärkeren Einfluss auf unsere Urteile und Handlungen ausüben als unsere nüchtern und bewusst erwogenen Entscheidungen. Wir sprechen hier von der psychologischen Dimension von Freiheit, die insbesondere bei Suchtverhalten sichtbar wird. Der Süchtige kann oft nicht anders, als seinem Konsum nachzugeben. Dabei gilt: Je stärker sein Verlangen, umso verzerrter ist meist seine Problemwahrnehmung, Urteilskraft und situative Handlungsfähigkeit. Doch auch außerhalb von Suchtverhalten gibt es gute Beispiele psychologischer Unfreiheit, wie etwa im Fall starker Ergriffenheit von Emotionen wie Angst, Zorn, Eifersucht oder Stolz. Diese Emotionen können einen stark einschränkenden Einfluss auf Selbstwahrnehmung, Urteilskraft und Handlungsoptionen ausüben. Immer wieder in der Geschichte gab es Menschen, die eher bereit waren zu töten, als Irrtümer in Bezug auf einen mit Stolz verbundenen, identitätsstiftenden Glauben zuzugeben, der sie mit einer geliebten sozialen Gruppe verband. Themenrelevante, unerwünschte Fakten werden dann automatisch ignoriert, verleugnet oder umgedeutet. Z. B. wären Schusswaffenmassaker in den USA großteils vermeidbar, wenn der private Schusswaffenbesitz dort nur unter extrem hohen Auflagen möglich wäre. Das Problem ist die psychologische Befangenheit vieler US-Bürger hinsichtlich patriotischer Identitätsgefühle, die sie mit ihrem Recht auf Schusswaffenbesitz verbinden.

Was ist psychologische Freiheit?

Psychologische Freiheit ist von Willensfreiheit abzugrenzen, weil die Ausprägung ersterer von individuellen Lernprozessen abhängt und nicht allein biologisch erklärt werden kann. Psychologische Freiheit ist nur möglich, wenn ein Mensch bewusst reflektierte Entscheidungen auch unbeschadet von affektiven Neigungen langfristig durchsetzen kann. Sie betrifft sowohl die Bereitschaft, unerwünschte Tatsachen anzuerkennen als auch die Fähigkeit, konsequent Ziele zu verfolgen. Süchtige zeigen oft beachtliche Einsicht, wenn sie nüchtern und in Momenten geringen Konsumverlangens über ihre Haltung zur Sucht sprechen. Das betrifft sowohl stoffgebundene als auch Verhaltenssüchte, gilt aber auch darüber hinaus. Menschen etwa, die von Emotionen wie Angst oder Wut erfüllt sind und sich ihre Meinung zu strittigen politischen Themen über Social Media bilden, können leicht übersehen, dass sie dort mit genau jenen Informationen versorgt werden, die ihre eigenen Vorurteile verstärken, wodurch sie leichter steuerbar werden (etwa nutzten am Sturm aufs US-Kapitol beteiligte Trump-Anhänger Social Media als Infoquellen). Ein psychologisch freier Mensch würde den Einfluss starker Emotionen auf seine Problemwahrnehmung meiden, um möglichst nüchtern zu seinen eigenenÜberzeugungen zu gelangen. Psychologische Freiheit betrifft daher nicht nur die Freiheit von Bedürfniszwängen im Handeln, sondern auch das Erkennen und Zurückdrängen des Einflusses bedürfnisorientierten Wahrnehmens und Denkens auf die eigene Beurteilung der Wirklichkeit. Dies erfordert die Fähigkeit zu Selbstreflexion, Disziplin und Selbsterkenntnis – Fähigkeiten, die umso leichter abbauen, je stärker digitale Hilfsmittel bedürfnisorientiertes Wunschdenken fördern.

Warum psychologische Freiheit gerade heute schwer erreichbar ist

1) Psychologische Freiheit wird üblicherweise nicht als notwendige Dimension menschlicher Freiheit erkannt –weder in unserem Lebensalltag noch an Universitäten. Das ist insbesondere auf ein Defizit der akademischen Philosophie zurückzuführen, obwohl es ganz klare Vordenker dieser Freiheitsdimension gibt wie etwa Platon, Aristoteles, die Stoiker oder Immanuel Kant.

2) „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ lautet ein berühmter Satz Ludwig Wittgensteins. Gemeint ist, dass für uns kaum existiert, was wir nicht klar benennen können. Das ist ein Defizit unserer Sprache – obwohl es heute bildungsspezifisch kaum etwas Wichtigeres gibt, als sich der Folgen psychologischer Unfreiheit und dadurch bedingter Manipulierbarkeit voll bewusst zu werden.

3) Solange wir psychologische Unfreiheit nicht erkennen, sind wir ein leichtes Opfer von Großkonzernen, die uns mithilfe eines „addictive design“ ihrer Produkte manipulieren. Folge ist eine Pandemie Internet-, Social Media-, Smartphone- und Gaming-süchtiger Menschen, die Bequemlichkeit/Realitätsflucht der „mühsamen“ Auseinandersetzung mit realen Menschen vorziehen und dabei entscheidende Fähigkeiten abbauen (z. B. Empathie, Geduld, Kritikfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Impulskontrolle, Konfliktlösungskompetenz).

Selbst ein König, der Sklave seiner Bedürfnisse ist, kann nicht frei sein.

Die logische Struktur jenes Irrtums

Grenzenlosigkeit kann für Menschen unmöglich Freiheit bedeuten. Da dieser Irrtum allerdings weltweit stark verbreitet ist, soll dies nun rein logisch gezeigt werden. Das Argument lautet:

  1. Menschliche Freiheit umfasst sowohl politische als auch Willensfreiheit und psychologische Freiheit.
  2. Psychologische Freiheit ist eine notwendig zu erfüllende Bedingung für menschliche Freiheit.
  3. (B) ist genau dann erfüllt, wenn ein Mensch fähig und willens ist, nötigenfalls auch gegen seine inneren Neigungen (Wünsche, Bedürfnisse, affektive Emotionen, Triebe) und unabhängig von manipulativen Hilfsmitteln zu eigenen wohlreflektierten Urteilen und Einstellungen zu gelangen und in Übereinstimmung mit diesen zu handeln.
  4. Grenzenlosigkeit würde bedeuten (B) aufzuheben (weil Grenzenlosigkeit auch Maßlosigkeit im eigenen Konsum und Ergebenheit gegenüber eigenen Trieben, Instinkten und Wünschen bedeutet).
  5. Ergo gilt: (I) Grenzenlosigkeit kann für Menschen unmöglich Freiheit bedeuten und (II) Menschen, die (C) nicht erfüllen, können nicht frei sein (egal wie viel Geld, politische Macht, Follower oder Konsummöglichkeiten sie auch haben mögen).

Selbst ein König, der Sklave seiner Bedürfnisse ist, kann nicht frei sein. Es ist wichtig zu erkennen, dass die logische Struktur des Irrtums, Grenzenlosigkeit bedeute Freiheit, auf die Idee zurückgeht, dass Grenzen Freiheit widersprechen. Genau das ist jedoch ein Irrtum, weil wir zu hilflosen Konsumsklaven und zudem leicht manipulierbar werden, wenn wir Konsumwünschen und Wunschdenken keine Grenzen setzen.

Die praktische Widerlegung …

… wird verständlich, wenn wir erkennen, dass viele technologische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte (C) torpedieren. Denn wir verlieren zunehmend an psychologischer Freiheit – einer Voraussetzung für Autonomie – wenn unsere Nutzung dieser Hilfsmittel zu einem Abbau für Autonomie benötigter kognitiver Fähigkeiten führt. Es gibt viele praktische Beispiele dafür. Manche Dienstleistungen befördern im Interesse ihrer Hersteller Suchtverhalten mit Hilfe von Algorithmen, die unsere Schwächen und Sehnsüchte ausnutzen (Social Media, Virtual Reality Experiences, Dating-Apps, Pornografie etc.). User verstärken ihre Abhängigkeit indem sie diese maßlos konsumieren. Doch Maßlosigkeit ist kein Gewinn an Freiheit, sondern Ausdruck psychologischer Unfreiheit. Auch psychische Krankheit kann das langfristige Ergebnis dieser Maß- und Orientierungslosigkeit sein, welche durch immer verlockendere Angebote gefördert wird. Dies wird zudem dadurch begünstigt, dass es unserer Gegenwartskultur an einem Bildungsfach fehlt, das Selbstwissen über eigene Schwächen, Neigungen und individuelle Suchtanfälligkeiten gezielt vermittelt. Dies wäre aber wichtig, um immer verlockendere Hilfsmittel so nutzen zu können, dass wir dadurch nicht langfristig individuell und als Gesellschaft Schaden nehmen. Zudem verstehen wir manipulations- und überflussbedingt immer schlechter, was wir wirklich brauchen und was nicht.

Weltweit leben immer mehr Menschen in Großstädten in Singlewohnungen, weil es bequemer ist, alleine zu leben und sich einfach hinzuzukaufen, was scheinbar fehlt, als Bindungen einzugehen. Laut der Ökonomin Noreena Hertz gibt es inzwischen einen ganzen „Wirtschaftszweig der Einsamkeit“. Langfristig hat das jedoch denselben Effekt auf uns wie immer verlockendere, virtuelle Welten, die wir täglich konsumieren: Ohne jenes Selbstwissen und ohne erfolgreiches Maßhalten verlieren wir an entscheidenden Fähigkeiten und damit an Freiheit und Menschlichkeit. Der Anschein, dass wir durch Chatbots, Hugging Partner-, Rent a Friend-Agenturen, KI-gesteuerte Hologramme oder Roboter an Freiheit gewinnen, ist trügerisch. Der kurzfristige Gewinn an Handlungsfreiheit kann langfristig leicht einen Rückgang sozialer Fähigkeiten und psychologischer Freiheit befördern. Dies wird sich auch auf die Stabilität demokratischer Systeme auswirken. Denn diese sind auf Bürger angewiesen, die ohne technische Hilfsmittel Argumente formulieren, als Familien miteinander leben sowie geduldig, aufmerksam und empathisch miteinander diskutieren können.

Ohne Selbstwissen, Disziplin und Maßhalten im Umgang mit suchterzeugenden Gewohnheiten verlieren wir langfristig an Freiheit und Menschlichkeit.

Freie Menschen brauchen und respektieren Grenzen

In unserer Gegenwartskultur wird Maßlosigkeit und Orientierungslosigkeit als Freiheit und Gier als Tugend missverstanden. Wahre Fremdbestimmtheit wird hingegen oft übersehen. Entsprechend glauben wir nur allzu gerne individuell und autonom zu sein, ohne zu merken, wie stark wir inzwischen unser Urteilen lieber Social Media und KI überlassen. Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Geschichte, weil die realen Folgen des Irrtums, Freiheit bedeute Grenzenlosigkeit, für uns alle existenzbedrohlich werden – nicht nur ökologisch. Länder wie die USA haben an Freiheit verloren, seitdem deren Bevölkerung die Lügen ihres Präsidenten weniger beachtet als die Gefühle, die er auslöst. Superreiche gewinnen dort immer mehr an politischem Einfluss, technologischer Macht und freuen sich über unser Unwissen, Manipulierbarkeit und Ablenkbarkeit um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Psychologisch freie Menschen brauchen eine Urteilskraft, die sich der Willkür ihres Wunschdenkens entzieht. Autonome Menschen brauchen Grenzen des Konsums, um Suchtverhalten vorzubeugen, und ausreichend Disziplin, um eigene Ziele erreichen zu können. Wer seine Ziele oder Werte verfehlt, weil er spontanen Bedürfnissen zu oft nachgibt, hat an Freiheit verloren, nicht gewonnen. Eine komplexe Emotion, die die eigene Urteilskraft manchmal hingegen sogar erweitern könnte, ist die Liebe.

 

Literaturhinweis:

Noreena Hertz: Das Zeitalter der Einsamkeit. Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt. Hamburg: Harper Collins, 2021

Manuel Stelzl: Dopamine Economy und die Folgen für die Gesellschaft. In: abenteuer philosophie Ausgabe Nr.180, 2/2025

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Die Versuchung der Macht https://www.abenteuer-philosophie.com/die-versuchung-der-macht/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-versuchung-der-macht Fri, 27 Mar 2026 14:09:07 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7447 Magazin Abenteuer Philosophie

Wer macht sich heute noch Gedanken über Tugend, wenn es um politische Macht geht? Skandale, Lügen und Machtkämpfe prägen das Bild moderner Politik. Viele Wähler haben sich daran gewöhnt, dass Herrscher nicht moralisch sein müssen – solange sie „funktionieren“. Doch war das immer so? Und was verliert eine Gesellschaft, wenn sie Tugend nicht mehr von ihren Führenden erwartet?

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TEXT: Hannes Weinelt

Eigentlich ist jedes gedruckte Wort über den aktuellen moralischen Verfall in der Politik eine Verschwendung von Platz und Zeit. Wir lesen und sehen es ohnehin täglich quer durch alle Medien. Und doch macht es mich noch immer betroffen, wenn Regierungschefs nachweislich lügen, Korruptionsaffären und sogar Gewaltverbrechen unbeschadet überstehen, selbstverständlich ohne zurückzutreten. Wahlversprechen haben mittlerweile ohnehin die meisten als taktische Unwahrheiten akzeptiert. Populisten diffamieren Medien und letztlich jeden, der ihre Meinung nicht teilt, als „Feinde“, relativieren Gewalt oder untergraben rechtsstaatliche Institutionen. In sozialen Netzwerken werden Hass, Desinformation und Verschwörungserzählungen gezielt eingesetzt, um Macht zu sichern. Politik erscheint immer weniger als Dienst am Gemeinwohl, sondern als skrupelloser Wettbewerb um Einfluss. Was früher als Skandal galt, wird heute als normal angesehen – das ist vielleicht das alarmierendste Zeichen.

Doch die Frage, ob Macht ohne Moral überhaupt legitim sein kann, begleitet die Menschheit seit jeher. Und in fast allen großen Denktraditionen – von den antiken Philosophen im Westen über chinesische Denker im Osten bis hin zu modernen politischen Theoretikern – gilt Tugend nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für stabile und gerechte Herrschaft.

Wenn Weisheit herrscht – das antike Ideal der Macht

Das Universum als harmonische Ordnung. Gute Ordnung entsteht aus Einsicht. Wer führen will, muss zuerst sich selbst ordnen. Solche Ideen machen deutlich, dass schon Pythagoras und die Vorsokratiker Führung und damit Macht an Weisheit knüpften. Als einer der ersten, der Macht und Moral praktisch miteinander verband, gilt der berühmte Gesetzgeber Solon im 6. Jahrhundert v. Chr.: Ein Staat kann nur stabil sein, wenn seine Gesetze gerecht sind und nicht nur den Mächtigen dienen. Ohne Maß, Selbstbegrenzung und soziale Gerechtigkeit führt Herrschaft für ihn zwangsläufig zu Unruhe und Zerfall. Solon legte damit gewissermaßen den Grundstein dafür, dass Macht an moralische Selbstkontrolle geknüpft sein muss. Doch eine systematische politische Philosophie beginnt mit Platon und Aristoteles.

Macht ohne Weisheit und moralische Einsicht führte für Platon letzten Endes immer zur Tyrannei.

Platon entwickelte in seinem Werk Politeia die berühmte Idee des Philosophenkönigs. Dabei muss man klar haben, dass der Philosoph der Antike kein Theoretiker oder rein Intellektueller ist, sondern jemand, der die Wahrheit, Gerechtigkeit und alle Tugendhaftigkeit liebt und danach strebt und auch danach lebt. Im Buch V heißt es: „Bis Philosophen Könige werden und die Könige und Herrscher dieser Welt wirklich und wahrhaftig philosophieren, und politische Macht und Philosophie in einer Hand vereinigt sind … werden die Städte niemals Ruhe von ihren Übeln haben – auch nicht die Menschheit selbst …“. Nach Platons Auffassung darf nur derjenige herrschen, der die Wahrheit und das Gute erkannt hat. Macht ohne Weisheit und moralische Einsicht führt für ihn letzten Endes immer zur Tyrannei. Herrschaft ist bei Platon keine Frage von Stärke oder Herkunft, sondern von Charakter und Erkenntnis.

Aristoteles knüpft an diese Gedanken an, formuliert sie jedoch realistischer. Für ihn existiert der Staat, damit Menschen ein „gutes Leben“ führen können. Dieses gute Leben ist ohne Tugenden wie Gerechtigkeit, Maß und Klugheit nicht möglich. Der Herrscher trägt dabei eine besondere Verantwortung: Er soll nicht nur selbst tugendhaft sein, sondern auch die moralische Entwicklung der Bürger fördern. Politik ist bei Aristoteles eine ethische Praxis.

Das antike Ideal der Herrschaft lautet also: Wer herrscht, muss moralisch vorbildlich sein. Ohne Tugend verliert Macht ihren Sinn und ihre Legitimität. Damit war klar, dass politische Stabilität nicht allein auf Gesetzen und schon gar nicht auf staatlicher Gewalt beruht, sondern auf der moralischen Qualität der Führenden.

Das „Mandat des Himmels“ oder warum im Fernen Osten Macht moralisch sein muss

In der konfuzianischen Tradition ist politische Macht untrennbar mit persönlicher Tugend verbunden. Für Konfuzius beruht stabile Herrschaft nicht auf Zwang, sondern auf moralischem Vorbild. Ein Herrscher soll durch Rechtschaffenheit, Menschlichkeit (Ren) und Selbstdisziplin führen. Nur so entsteht freiwilliger Gehorsam und gesellschaftliche Harmonie. In den Analekten (13,6) notiert Konfuzius: „Wenn der Herrscher selbst aufrichtig ist, wird alles ohne Befehle gelingen. Wenn er nicht aufrichtig ist, werden selbst Befehle nicht befolgt.“ Das bedeutet, wer im Inneren korrupt ist, verliert im Außen Autorität. Versagt die Tugend an der Spitze, zerbricht letztlich die Ordnung des Staates.

Und die staatliche Ordnung soll nach der klassischen chinesischen Philosophie ein Abbild einer kosmisch-himmlischen Ordnung sein. Für Konfuzius ist der „Himmel“ keine Gottheit, sondern Ordnung, Maß, Gerechtigkeit und Harmonie. Daher gilt der Kaiser als „Sohn des Himmels“ und nicht, weil er ein von Gott eingesetzter Herrscher ist. Besonders deutlich wird dies bei Mencius: „Der Himmel sieht mit den Augen des Volkes.“

Versagt die Tugend an der Spitze, zerbricht letztlich die Ordnung des Staates.

Faszinierend ist in diesem Zusammenhang der Begriff „Mandat des Himmels“ (Tianming). Dieser geht auf das frühe China zur Zeit der Zhou-Dynastie im 11. Jh. v. Chr. zurück und wurde erstmals systematisch im Shujing(Buch der Urkunden) erwähnt. Die Zhou-Herrscher nutzten das Konzept, um den Sturz der vorherigen Shang-Dynastie zu legitimieren: Nicht Gewalt, sondern moralisches Versagen habe den Machtwechsel notwendig gemacht. Das Mandat des Himmels bedeutet, dass politische Macht nicht automatisch durch Geburt oder Tradition gerechtfertigt ist, sondern an Tugend, Gerechtigkeit und Verantwortung gebunden bleibt. Der „Himmel“ steht dabei wie schon erwähnt nicht für einen persönlichen Gott, sondern für eine übergeordnete moralische Ordnung. Regiert ein Herrscher gerecht, besitzt er das Mandat. Wird er korrupt oder grausam, verliert er es. Aufstände gelten dann als legitime Wiederherstellung der Ordnung. Damit versteht das Tianming Herrschaft als moralische Leihgabe auf Zeit – nicht als unveräußerliches Recht.

Der missverstandene Machiavelli

Bis heute gilt Niccolò Machiavelli (1469-1527) als Inbegriff skrupelloser Machtpolitik. In der gängigen Lesart seines Werkes Il Principe erscheint er geradezu als Lehrmeister der Täuschung, der Grausamkeit und der Gewissenlosigkeit. Politik, so scheint es, müsse sich von Moral lösen, um erfolgreich zu sein. Diese Interpretation prägt bis heute viele politische Strategien. Machiavellismus steht für: „Der Zweck heiligt die Mittel!“ Wahrheit wird zur Verhandlungsmasse, Moral zur Nebensache.

Doch greift diese Sicht zu kurz? In der neueren Forschung mehren sich die Stimmen, die Machiavelli differenzierter lesen. Wollte er möglicherweise weder eine Anleitung für gewissenlose Politiker verfassen noch sich bei den Medici einschmeicheln, sondern vor der realen Funktionsweise der Macht warnen. Il Principelässt sich auch als schonungslose Analyse tyrannischer Herrschaft verstehen: Machiavelli beschreibt, wie Macht tatsächlich funktioniert – nicht unbedingt, wie sie funktionieren sollte. Indem er die Mechanismen der Manipulation offenlegt, macht er sie sichtbar und damit kritisierbar.

Tugend bedeutet für Machiavelli politische Integrität, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, dem Gemeinwohl zu dienen.

Besonders deutlich wird diese andere Seite Machiavellis in seinem zweiten Hauptwerk, den Discorsi. Dort tritt er als Verteidiger republikanischer Freiheit auf: „Nicht das Wohl der Einzelnen, sondern das öffentliche Wohl macht Staaten groß.“ Oder: „Republiken sind Staaten, in denen das Volk Fürst ist.“ Er betont die Bedeutung von Gesetzen, Institutionen und Bürgertugend. Korruption, Machtkonzentration und moralischer Verfall erscheinen hier als Hauptursachen politischer Niedergänge. Eine stabile Ordnung entsteht für ihn nicht durch Angst, sondern durch Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein.

In den Discorsi zeigt sich somit ein anderer Machiavelli: ein Denker, der überzeugt ist, dass Macht ohne moralische Kontrolle langfristig zerstörerisch wirkt. Er warnt davor, dass Herrscher, die nur auf kurzfristigen Erfolg setzen, den Staat von innen aushöhlen. Tugend bedeutet für ihn nicht Frömmigkeit, sondern politische Integrität, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, dem Gemeinwohl zu dienen.

Machiavelli trennt also nicht einfach Macht und Moral. Er verschiebt den moralischen Maßstab. Statt idealistischer Tugend fordert er politische Verantwortung, Stabilität und Schutz der Freiheit. Seine eigentliche Warnung lautet: Wo Macht sich völlig von ethischer Selbstbegrenzung löst, wird sie zerstörerisch – für den Staat und für die Herrschenden selbst.

Der „machiavellistische“ Zynismus moderner Politik ist daher weniger eine Konsequenz seines Denkens als ein Zeichen seiner Fehlinterpretation. Machiavelli zeigt, wie gefährlich Macht ohne Moral ist. Ob er diese Gefahr bekämpfen oder nur beschreiben wollte, bleibt umstritten.

Verantwortung statt Gesinnung

Das 20. Jahrhundert liefert eine ganze Reihe interessanter Theorien und Reflexionen zum Thema Macht und Moral. Darunter Hannah Arendt (1906-1975), die zeigte, dass das größte politische Unheil oft nicht aus fanatischem Bösen entsteht, sondern aus Gedankenlosigkeit. Wenn Menschen aufhören, moralisch zu reflektieren, werden sie zu Werkzeugen unmoralischer Systeme.

Einen wichtigen demokratietheoretischen Ansatz liefert John Rawls (1921-2002) mit seiner Theorie der „Gerechtigkeit als Fairness“. In seinem Werk A Theory of Justice verschiebt er den Fokus von der moralischen Vollkommenheit einzelner Herrscher auf die moralische Qualität politischer Strukturen. Macht ist für Rawls nur dann legitim, wenn sie auf Regeln beruht, denen auch die Schwächsten zustimmen könnten – gedacht aus der Perspektive des „Schleiers des Nichtwissens“. Tugend erscheint hier nicht mehr als persönliche Größe, sondern als institutionalisierte Fairness. Doch gerade darin liegt auch die Grenze dieses Modells: Gerechte Ordnungen funktionieren nur, solange politische Akteure bereit sind, sie zu achten. Ohne Charakter, Verantwortungsbewusstsein und Selbstbegrenzung verkommt selbst das beste System zur leeren Hülle. Ohne moralische Integrität an der Spitze bleibt politische Gerechtigkeit ein Versprechen ohne Wirklichkeit.

Für Weber liegt politische Tugend in der Bereitschaft, für die Konsequenzen des eigenen Handelns einzustehen.

Herausgreifen möchte ich jedoch den bedeutenden Soziologen Max Weber (1864-1920), der den Konflikt zwischen Moral und Macht neu zu denken versuchte. Er unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Gesinnungsethik orientiert sich an reinen moralischen Prinzipien. Verantwortungsethik hingegen fragt nach den Folgen des Handelns. Politiker, so Weber, müssen beides berücksichtigen. Gute Absichten reichen nicht, wenn sie katastrophale Ergebnisse produzieren.

Ein besonders anschauliches Beispiel für diese Spannung liefert Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf“, den er 1919 in München hielt. Darin beschreibt er den politischen Umgang mit staatlicher Gewalt als moralisches Dilemma. Der Gesinnungsethiker lehnt Gewalt grundsätzlich ab, weil sie seinen moralischen Prinzipien widerspricht – selbst dann, wenn dadurch Chaos, Leid oder Bürgerkrieg entstehen. Er bewahrt seine „reine“ Gesinnung, entzieht sich jedoch der Verantwortung für die Folgen. Der Verantwortungsethiker hingegen erkennt, dass Nicht-Handeln oft größere Schäden verursacht. Er entscheidet sich notfalls für harte Maßnahmen und übernimmt bewusst die moralische Schuld dafür. Für Weber liegt politische Tugend daher nicht in moralischer Unschuld, sondern in der Bereitschaft, für die Konsequenzen des eigenen Handelns einzustehen. Weber fordert keine naive Moral, aber auch keinen Zynismus. Er plädiert für eine reflektierte Tugend: Verantwortungsbewusstsein, Selbstkontrolle und Ernsthaftigkeit im Umgang mit Macht.

Moralischer Verfall und politischer Niedergang

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie eng moralischer Verfall und politischer Niedergang zusammenhängen. Die späte Römische Republik, die Weimarer Republik oder das späte chinesische Kaiserreich, sie alle litten unter ähnlichen Symptomen: Korruption, Machtmissbrauch, Vertrauensverlust, Polarisierung, Blockade politischer Prozesse. Die politische Führung verlor ihre moralische Glaubwürdigkeit. Bürger begannen, Institutionen zu misstrauen. Populisten und autoritäre Figuren gewannen an Einfluss. Am Ende standen oft Diktatur, Chaos oder Zusammenbruch.

Ohne Charakter, Verantwortung und Selbstbegrenzung verkommt selbst das beste System zur leeren Hülle. Ohne moralische Integrität an der Spitze bleibt politische Gerechtigkeit ein Versprechen ohne Wirklichkeit.

Und dieser Blick in die Geschichte deutet auf erschreckende Weise auf unsere Gegenwart. Die angeführten Symptome sind kein Zufall. Wenn Führende ihre Vorbildfunktion verlieren, sinkt auch die moralische Schwelle in der Gesellschaft. Rücksichtslosigkeit wird normalisiert, Lügen werden akzeptiert, Verantwortung wird abgeschoben. Der Verfall beginnt oben und breitet sich nach unten aus. Das alte Sprichwort „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“ beschreibt genau diesen Prozess.

Die Frage, ob Herrscher zur Tugend verpflichtet sind, ist daher eine, die über die Zukunft politischer Ordnungen entscheidet. Ohne moralische Führung verliert Macht ihre Seele – und am Ende auch ihre Stabilität. Die Zukunft unserer Staaten – unsere Zukunft – liegt nicht allein in den Institutionen, sondern im Charakter derer, die sie gestalten.

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Liebe https://www.abenteuer-philosophie.com/liebe/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=liebe Fri, 12 Dec 2025 19:49:36 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7368 Magazin Abenteuer Philosophie

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschheit so sehr wie die Liebe. Seit Jahrhunderten ringen Dichter, Philosophen, Künstler und Wissenschaftler um dieses schwer fassbare Phänomen – und doch bleibt die Frage, was Liebe ist, offen. Sie erscheint als mythische Kraft, biologische Triebkraft, erhabene spirituelle Erfahrung – oder als Kunst, die man lernen kann.

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Text: Chloé Ackaert

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschheit so sehr wie die Liebe. Seit Jahrhunderten ringen Dichter, Philosophen, Künstler und Wissenschaftler um dieses schwer fassbare Phänomen – und doch bleibt die Frage, was Liebe ist, offen. Sie erscheint als mythische Kraft, biologische Triebkraft, erhabene spirituelle Erfahrung – oder als Kunst, die man lernen kann.

Romantischer Mythos und moderne Illusionen

Eine der bekanntesten Geschichten über den Ursprung der Liebe findet sich bei Platon in seinem Werk Symposion. Aristophanes erzählt dort den Mythos vom ursprünglich kugelförmigen Menschen mit vier Armen und Beinen. Aus Übermut trotzte dieser den Göttern, worauf Zeus ihn in zwei Hälften spaltete. Seitdem sucht jede Hälfte verzweifelt nach der anderen, in der Hoffnung, wieder ein Ganzes zu werden. Diese Vorstellung, dass irgendwo die „wahre andere Hälfte“ existiert, prägt bis heute das romantische Ideal der Liebe.

Doch dieses Ideal ist nicht harmlos. Durch Filme, Romane, Musik und Serien werden wir täglich mit sentimentalen und oft oberflächlichen Bildern der Liebe bombardiert. Meist steht das Verliebtsein oder die dramatische Trennung im Vordergrund, während das gemeinsame Leben – die eigentliche Herausforderung – kaum gezeigt wird. Viele treten deshalb mit unrealistischen Erwartungen in Beziehungen ein. Man glaubt, dass mit dem Finden der „einen wahren Liebe“ Glück und Harmonie selbstverständlich folgen. Die Realität sieht oft anders aus: Beziehungen erfordern Arbeit und Enttäuschungen führen nicht selten zu Trennungen oder oberflächlichem „Beziehungszapping“.

Liebe ist keine Laune des Gefühls, sondern eine Kunst – sie verlangt Übung, Disziplin und die Bereitschaft zu geben.

Historisch betrachtet ist das romantische Ideal der Liebe relativ jung. Jahrhunderte lang wurden Ehen vor allem aus ökonomischen oder sozialen Gründen geschlossen; Liebe war selten der Anlass, manchmal aber eine Folge. Erst seit dem 20. Jahrhundert – mit der wachsenden Mittelschicht und der Emanzipation der Frau – wurde romantische Liebe zur Norm. Freiheit in der Liebe ist somit eine Errungenschaft, zugleich folgen ungebeten neue Illusionen.

Philosophen und Soziologen weisen darauf hin, dass Liebe heute oft individualistisch und konsumistisch verstanden wird. Beziehungen werden wie Transaktionen behandelt, in die man „investiert“, solange die „Rendite“ stimmt. Kommen Langeweile oder Schwierigkeiten auf, wird der Partner ausgetauscht. Diese Mentalität kollidiert jedoch mit dem tiefen menschlichen Wunsch nach einer dauerhaften, bedeutsamen Bindung. So schwanken wir zwischen Freiheit und Sehnsucht, zwischen Konsum und dem Verlangen nach Einheit.

Philosophische Gegenstimmen

Um unsere romantischen Illusionen zu entlarven, greifen Denker oft zu scharfen Analysen. Arthur Schopenhauer enthüllte die Liebe als eine List der Natur: Unsere Leidenschaft sei im Grunde nur der Wille zur Fortpflanzung. Verliebtheit sei eine Illusion, die uns zu passenden Partnern führe. Sobald der biologische Zweck erfüllt sei, verflüchtigten sich die Gefühle. Sein Rat: Die Liebe nicht zu ernst nehmen und besser ein asketisches, unabhängiges Leben führen.

Diese nüchterne Sicht reduziert die Liebe auf die Biologie, hat aber eine relativierende Funktion. Sie warnt davor, sich von romantischen Idealen blenden zu lassen. Schopenhauer betonte zudem den Wert der Einsamkeit und Selbstgenügsamkeit. Wer den anderen nicht krampfhaft braucht, kann freier und gesünder lieben. Michel de Montaigne schloss sich dem an: Jeder Mensch brauche eine „Hinterkammer“ in sich, einen inneren Raum der Unabhängigkeit und Freiheit. Nur wer gut allein sein kann, kann den anderen wahrhaft uneigennützig lieben.

Andere Denker suchten nach Alternativen. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir versuchten mit ihrem „existenzialistischen Liebesvertrag“ die romantische Lüge zu überwinden: keine Monogamie, keine Eifersucht, völlige Offenheit. So wollten sie Freiheit und Ehrlichkeit ins Zentrum rücken. In der Praxis erwies sich dies jedoch als schwer tragbar und führte zu viel Schmerz. Dennoch zeigt ihr Experiment, wie eng die Liebe mit Fragen nach Freiheit, Besitz und Macht verknüpft ist.

Der zeitgenössische Denker Jan Geurtz legt den Finger auf ein anderes Problem: Viele Beziehungen machen im Grunde süchtig, weil sie auf Selbstablehnung und Angst vor Verlassenwerden beruhen. Aus buddhistischer Sicht meint er, wahre Liebe sei nur möglich, wenn man sich selbst voll und ganz akzeptiert. Solange man Bestätigung sucht, um sich wertvoll zu fühlen, benutzt man den anderen, um ein inneres Defizit zu füllen. Selbstakzeptanz und innere Freiheit sind daher die Voraussetzungen für echte Liebe.

Erich Fromm schließlich formulierte vielleicht die konstruktivste Vision. In seinem Klassiker Die Kunst des Liebens argumentiert er, dass die Liebe kein passives Gefühl sei, das uns zufällig widerfahre, sondern eine Kunst und ein Können, die wir aktiv entwickeln müssen. Liebe erfordert Disziplin, Geduld, Einsatz und vor allem die Bereitschaft zu geben, statt zu nehmen. In einer kapitalistischen Kultur, die alles auf Konsum reduziert, droht die Liebe zu oberflächlicher Sentimentalität zu verkommen. Fromm betont dagegen, dass sie eine gesellschaftliche Aufgabe sei: Wir müssen lernen zu lieben – individuell wie kollektiv.

Der romantische Mythos von der „einen wahren Hälfte“ verführt – und lässt Beziehungen an unrealistischen Erwartungen scheitern.

Eros und die erhabene Liebe

Die Griechen und die mittelalterlichen Troubadoure gaben der Liebe eine erhabenere Bedeutung. Für sie war Eros nicht bloß das Verlangen nach einer anderen Person, sondern eine kosmische Kraft, die Ordnung und Einheit im Universum schafft. Dichter und Mystiker sahen in der Liebe einen Zugang zum Göttlichen.

Im 12. Jahrhundert entstand die Tradition der „höfischen Liebe“ (minne): eine verfeinerte Liebeskunst, in der Askese, Ehrfurcht und spirituelle Suche im Mittelpunkt standen. Liebe wurde nicht als Besitz oder Konsum verstanden, sondern als Weg zur Veredelung und Vollendung. Troubadoure und Mystiker sprachen die gleiche Sprache: Ob man Gott oder die Geliebte besang – stets pries man die Macht der Liebe, die die Seele über sich selbst hinausführt.

Diese Sichtweise kontrastiert stark mit den heutigen zynischen oder reduktionistischen Bildern. Sie erinnert uns daran, dass Liebe mehr sein kann als Emotion oder Trieb: Sie kann eine spirituelle Kraft sein, die uns mit etwas verbindet, das größer ist als wir selbst.

Platons Symposion bietet ein weiteres Bild durch die Stimme Diotimas, die Sokrates unterwies. Nach ihr ist Liebe ein Verlangen, das uns zum Guten führt und schließlich in der Weisheit gipfelt. Die Schönheit des Geliebten erinnert uns an die ewigen Ideen. Verliebtheit ist somit nicht bloß körperliche Anziehung, sondern ein spiritueller Prozess: Der andere weckt in uns Erinnerungen an die Wahrheit und Güte und hilft uns, geistige „Kinder“ hervorzubringen – Gedanken, Einsichten, Kunst.

Liebe ist daher ein Geschenk des Himmels, weil sie uns zur Philosophie und Selbsterkenntnis anspornt. Wer liebt, sehnt sich nicht nur nach dem anderen, sondern ahnt auch die eigene Unvollständigkeit und die Suche nach Weisheit. Der Geliebte ist nicht das Endziel, sondern ein Spiegel, der uns an unsere tiefste Natur erinnert.

Liebe ist daher ein Geschenk des Himmels, weil sie uns zur Philosophie und Selbsterkenntnis anspornt.

Die Alchemie der Liebe

Wie können wir diese Einsichten praktisch umsetzen? Die Philosophin Laura Winckler spricht von der „Alchemie des Paares“. So wie Alchemisten Blei in Gold verwandeln wollten, kann auch eine Beziehung von Leidenschaft zu Weisheit reifen.

Dabei unterscheidet sie drei Stadien: Zunächst die leidenschaftliche Verliebtheit, total und absorbierend, oft jedoch zerstörerisch. Dann das schöpferische Stadium, in dem Partner gemeinsam etwas aufbauen – biologisch in Form von Kindern oder symbolisch in Projekten. Schließlich das Stadium der Sublimation, in dem die Liebe eine spirituelle Dimension erhält und beide Partner gemeinsam an ihrer Selbstvervollkommnung arbeiten.

Carl Gustav Jung liefert dazu entscheidende Einsichten. Neben unserem bewussten Ich tragen wir ein unbewusstes Gegenstück in uns, das wir oft auf die geliebte Person projizieren. In Jungs Terminologie heißen diese inneren Gegenbilder Anima (weibliche Seelenfigur im Mann) und Animus (männliche Seelenfigur in der Frau). Verliebtheit entsteht, wenn jemand jene Eigenschaften verkörpert, die mit diesen unbewussten Archetypen resonieren. Beziehungen bieten so die Chance zur Selbsterkenntnis, verlangen aber auch Mut: Man muss der eigenen „Schattenseite“ ins Auge blicken und sie integrieren.

Eine dauerhafte Beziehung erfordert daher Autonomie, Kommunikation und die Bereitschaft, gemeinsam zu wachsen. Humor, Verspieltheit und kleine Rituale halten die Verbindung lebendig. Höflichkeit und Respekt – wie in der Tradition der höfischen Liebe – sind ein Gegengift gegen Vulgarität und Oberflächlichkeit. Vor allem geht es darum, einander Raum zu lassen und doch in dieselbe Richtung zu schauen, wie Antoine de Saint-Exupéry es treffend ausdrückte.

Liebe als Kunst und Weg zur Weisheit

Was lehren uns all diese Perspektiven? Erstens, dass wir uns vor Illusionen hüten müssen. Das romantische Ideal der einen wahren Hälfte ist verführerisch, führt aber oft zu Enttäuschungen. Ebenso dürfen wir nicht in einen Reduktionismus verfallen, der Liebe auf bloße Biologie oder Konsum herabsetzt.

Zweitens zeigt sich, dass Liebe immer ein Doppelgesicht hat: Sie ist zugleich Verlangen und Freiheit, Leidenschaft und Disziplin, Emotion und Können. Wer den anderen wirklich lieben will, muss zuerst sich selbst erkennen und akzeptieren. Liebe verlangt Reife, Übung und den Willen zu geben, statt nur zu nehmen.

Drittens wird deutlich, dass Liebe uns mit etwas verbindet, das uns übersteigt. Ob wir es Eros, Gott, Weisheit oder das Selbst nennen – in der Erfahrung der Liebe berührt der Mensch eine Dimension, die tiefer und größer ist als er selbst. Darum bleibt Liebe eine der mächtigsten und geheimnisvollsten Kräfte unseres Lebens.

Vielleicht ist dies letztlich die wichtigste Lehre: Liebe ist kein zufälliges Glück, das uns widerfährt, sondern eine Kunst, die wir erlernen können. Sie erfordert Mut, Einsatz und vor allem Offenheit des Herzens. Wer diesen Weg geht, entdeckt im anderen nicht nur eine „andere Hälfte“, sondern einen Spiegel des eigenen tiefsten Wesens – und einen Weg zur Weisheit.

Es lebe die Liebe!

Literaturhinweis:

Stefaan Van Brabandt – Der Vorteil des Zweifels (Het voordeel van de twijfel), Verlag Canvas, 2014

Jacqueline Kelen – Liebe, unbezwingbare Liebe (Amour, invincible amour), Verlag Points, 2016

Nora Kreft – Was ist Liebe, Sokrates?, Verlag Piper, 2019

Laura Winckler – Die Alchemie des Paares (L’alchimie du couple) – Sieben Schlüssel zum Glück, Verlag Cabedita, 2017

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Hoffnung befreit! https://www.abenteuer-philosophie.com/hoffnung-befreit/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=hoffnung-befreit Fri, 12 Dec 2025 19:46:34 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7365 Magazin Abenteuer Philosophie

Die Medien zeigen es uns überdeutlich. Die Übel aus der berühmten Büchse der Pandora – Leiden, Krisen, Schmerz, Tod – sind allgegenwärtig. Kriege und Katastrophen wirken global, kaum ein Ort bleibt verschont. Doch der antike Mythos erinnert uns daran: Trotz allem gibt es Hoffnung.

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TEXT Patricia Winkler-Payer 

Die Medien zeigen es uns überdeutlich. Die Übel aus der berühmten Büchse der Pandora – Leiden, Krisen, Schmerz, Tod – sind allgegenwärtig. Kriege und Katastrophen wirken global, kaum ein Ort bleibt verschont. Doch der antike Mythos erinnert uns daran: Trotz allem gibt es Hoffnung.

Wenn wir heute das Wort Hoffnung hören, denken viele wohl an Trost in dunklen Zeiten, an ein Aufrichten in Momenten der Schwäche. Angesichts der „harten Realität“ erscheint Hoffnung oft weich, zart, manchmal naiv oder gar als Illusion. Doch was, wenn Hoffnung nicht nur eine bloße Vertröstung auf ein besseres Morgen ist, sondern eine existenzielle Kraft? Eine innere Bewegung, die uns verwandelt?

Elpis – die Hoffnung im Mythos

In der antiken Figur der Elpis, der Personifikation der Hoffnung, verdichtet sich diese Frage auf faszinierende Weise.

Die älteste Quelle, die Elpis erwähnt, ist Hesiods „Werke und Tage“ (ca. 700 v. Chr.). In seinem Mythos erschaffen die Götter die erste Frau – Pandora – als verhängnisvolles Geschenk an die Menschen, nachdem Prometheus (der „Vorausdenkende“) das himmlische Feuer gestohlen und den Menschen das Licht des Erkennens gebracht hatte. Pandora, die „All-Begabte“, trägt viele göttliche Gaben in sich, aber auch einen Krug (oft als „Büchse“ oder als Fass bezeichnet) mit allen Übeln der Welt. Epimetheus, der „erst nachher-denkende“ Bruder des Prometheus, nimmt sie trotz Warnung als Geschenk an. Und so kommt es, wie es kommen muss: Pandora öffnet ihren Krug und alle Übel ergießen sich über die Menschen. Nur eines bleibt darin eingeschlossen: Elpis – die Hoffnung.

Aber was bedeutet das? Hat Pandora uns mit Elpis einen Trost hinterlassen – oder auch sie uns vorenthalten?

Der Mythos schweigt – und öffnet damit das Deutungsfeld: Für viele ist Elpis, die Hoffnung, der letzte Halt der Menschheit, der Sinn im Chaos. Für Nietzsche hingegen ist sie das gemeinste aller Übel, weil sie das Leiden verlängert – als süßes Gift der Illusion. In beiden Fällen bleibt Elpis passiv – ein Etwas, das man hat oder verliert.

Platon und die Geburt der Hoffnung im Menschen

Ganz anders sieht das Platon, der große Philosoph des inneren Aufstiegs. In seinem „Symposion“, einem der tiefgründigsten Texte über die Liebe, beschreibt er Eros – die Liebe – nicht als schönen Gott, sondern als Daimon: geboren aus Mangel (Penia) und Reichtum (Poros). Eros liebt das Schöne, weil er es nicht besitzt, er dessen Sein jedoch anerkennt.

Denn das Wesen des Eros ist: zu lieben, was ihm fehlt.“ (Platon, Symposion 200e)

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Hier wird Hoffnung nicht als Zustand, sondern als kraftvolles Werden gedacht. Elpis, die im Pandora-Mythos stumm im Krug bleibt, bekommt bei Platon eine Stimme: als implizite Triebkraft des Eros, als geistige Spannung zwischen dem Jetzt und dem Noch-nicht.

Diese Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen. Hoffnung wird zu einer dynamischen Ethik des Handelns.

Beethoven lässt seine Leonore auf der Suche nach Fidelio, ihrem verschleppten und eingekerkerten Ehemann, die bewegenden Worte singen:

„Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!

O komm, erhell mein Ziel, sei’s noch so fern,

Die Liebe, sie wird’s erreichen!“

Auch hier wird die Hoffnung Antriebskraft, auch hier ist der innere Motor für diese Überanstrengung und das Weiterkämpfen trotz aller äußeren Widerstände Eros, die Liebe …

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Elpis in der existenziellen Moderne: Viktor Frankl und die schöpferische Lücke

Auch der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, Überlebender der Konzentrationslager, beschreibt Hoffnung als Sinnbewegung. In seinem Werk „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ schildert er, wie gerade das „Wozu“ – der Sinn – Menschen durch das Unmenschliche trug.

Frankl schreibt: „Der Mensch ist das Wesen, das entscheidet, was es aus dem macht, was man ihm angetan hat.“

Hier klingt wieder an, was bei Platon schon leise mitschwang: Hoffnung als schöpferischer Akt. Nicht bloß Warten auf Besserung, sondern Gestaltung aus dem Mangel heraus.

Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen.

Hoffnung als Lebenskunst: Zwischen Ungewissheit und Sinn

Die moderne Lebenskunst – ob in der Philosophie, Psychologie oder spirituellen Praxis – steht heute vor der Herausforderung, Hoffnung nicht zu verwässern, sondern zu radikalisieren:

  • Hoffnung als Mut zur Lücke.
  • Hoffnung als Vertrauen ins Offene.
  • Hoffnung als Gestaltungskraft, nicht als Flucht.

Denn wie Ernst Bloch in „Das Prinzip Hoffnung“ schrieb, ist Hoffnung kein „Sich-zurück-Lehnen“, sondern ein „Sich-vorwärts-Stellen“. Sie zeigt nicht nur das, was fehlt – sondern das, was möglich ist.

Als Reflexionsimpuls:

  • Was in dir ist noch nicht – will es jedoch werden?
  • Wo verweilst du im Mangel – und könntest stattdessen hoffen?
  • Welche Idee von dir liegt wie Elpis im Krug deiner Seele bereit, befreit zu werden?

Elpis als Einladung

So gesehen ist Elpis keine Statue, keine Figur aus der Vergangenheit, sondern ein Ruf in jedem von uns. Sie wohnt dort, wo wir etwas lieben, das wir noch nicht sind – ein Mensch, ein Zustand, eine Idee. Hoffnung ist dort, wo wir werden wollen. Hoffnung ist dort, wo wir – als Menschheit –werden wollen: aktive Gestalter unserer Zukunft, Baumeister einer neuen menschenwürdigen Zivilisation, inspiriert vom Feuer des Prometheus … Eine Utopie? „Nein, etwas, das sein KANN“ flüstert uns Elpis zu.

Nicht umsonst bleibt Elpis bei Hesiod im Krug – nicht, weil sie uns verweigert wird, sondern weil sie darauf wartet, von innen befreit zu werden.

Literaturhinweis:

Platon: Symposion, 200d–212c (Übersetzung z. B. von Friedrich Schleiermacher oder Thomas Paulsen)

Hesiod: Werke und Tage, Verse 90–105, Reclam, 1995

Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Aphorismus 71

Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen, Penguin Verlag, 2004

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a.M., Verlag Suhrkamp, 1959

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Don Quijote und das Selbst https://www.abenteuer-philosophie.com/don-quijote-und-das-selbst/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=don-quijote-und-das-selbst Sun, 05 Oct 2025 18:02:00 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7305 Magazin Abenteuer Philosophie

Während C. G. Jung eine reale Person ist, stellt Alonso Quijano – Don Quijote – eine fiktive Figur dar. Dennoch gibt es eine enge Beziehung zwischen ihnen, und ihr realer und imaginärer Charakter ergänzen sich gegenseitig. Beide sind auf ihre eigene Weise geheimnisvoll ...

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TEXT María Jesús Iglesias, Übersetzung aus dem Spanischen: Michael Hofer

Während C. G. Jung eine reale Person ist, stellt Alonso Quijano – Don Quijote – eine fiktive Figur dar. Dennoch gibt es eine enge Beziehung zwischen ihnen, und ihr realer und imaginärer Charakter ergänzen sich gegenseitig. Beide sind auf ihre eigene Weise geheimnisvoll … 

«Es ist fast unmöglich zu beschreiben, wie Jung war», sagte Joseph Henderson, der zunächst eine Therapie bei C. G. Jung durchlief und später selbst Therapeut wurde. Er sei eine Mischung aus einem Schweizer Bauern, einem Gelehrten und einem Menschen von sehr spiritueller Natur. Das beschreibe einen Mann, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, der aber trotzdem existiert hat. C. G. Jung wird heute von der Orthodoxie der Universitäten ausgeschlossen, ja sogar lächerlich gemacht oder sowohl beruflich als auch persönlich kritisiert. Dennoch hat er in anderen Bereichen der Gesellschaft eine immense Anhängerschaft – Gelehrte, Bewunderer, fast schon Jünger.

Wenn wir über die fiktive Figur Don Quijote sprechen, ist es allein schon schwierig, den Charakter von seinem Schöpfer, Miguel de Cervantes, zu trennen. Liegt Don Quijote in Miguel de Cervantes oder ist es umgekehrt – steckt Cervantes in Don Quijote? Zwischen beiden besteht eine seltsame Verbindung, denn die historische Beschreibung von Cervantes’ Leben zeigt eine abenteuerliche und großherzige Persönlichkeit – erinnern uns diese Eigenschaften doch an die Erlebnisse von Alonso Quijano und seine Haltung gegenüber den Herausforderungen, denen er begegnet.

In Don Quijote begegnen uns zwei Dimensionen: Die Figur selbst und die Welt, in der er lebt. Das Rätsel des Werkes liegt nicht nur in seinem archetypischen Charakter, sondern auch in all den Geschichten, Figuren und Episoden, die sich durch die Erzählung ziehen. Darüber hinaus finden sich Beschreibungen der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit: soziale Klassen, Bildungsstufen, menschliches Verhalten, ethische Werte und unmoralisches Verhalten. Im Kern ist „Don Quijote“ ein philosophisch-moralisches Traktat, das mit der analytischen Psychologie Jungs korrespondiert – als eine alchemistische Arbeit der Transformation.

Die Verbindung zu Jungs Psychologie 

Für C. G. Jung und seine Tiefenpsychologie ist das Ziel der Entwicklung des Menschen, sich selbst zu erkennen. Diese Suche nach Identität, die er als «Pfad der Individuation» beschreibt, ist ein Streben nach dem inneren Göttlichen, das uns aus der Zeitlichkeit herausreißt und in eine zeitlose Dimension führt. Genau das finden wir auch in der Erzählung über „Don Quijote“, die uns von Raum und Zeit entkoppelt. Sowohl in Jungs Arbeiten als auch in der Erzählung von Don Quijote finden wir also eine Botschaft, die auf das Lebensprojekt jedes Menschen abzielt: das Beste zu werden, was wir sein können, und uns dieses Prozesses bewusst zu werden.

Don Quijote als Archetyp 

Don Quijote umfasst alle archetypischen Projektionen der Menschheit. Fjodor Dostojewski schrieb in einem Brief von 1876: „Es gibt weltweit kein Werk der Fiktion, das tiefer und kraftvoller ist als dieses. Bis heute stellt es die höchste und größte Ausdrucksform des menschlichen Denkens dar, die bitterste Ironie, die ein Mensch formulieren kann.” Und so wird mit Dostojewski Don Quijote zur Schlussfolgerung über das Leben. Don Quijote ist mehr als ein einzelner Archetyp – er ist eine Zusammenfassung aller Archetypen, aller universellen Muster menschlichen Verhaltens. Und wenn wir den Begriff „Ritter“ verwenden, beziehen wir uns auf den männlichen Archetypen, der jedoch die gesamte Menschheit widerspiegelt. Der Begriff „Held“ umfasst also auch immer die „Heldin“.

„Bete großzügig, barmherzig, McGregor;
bete keusch, rein, himmlisch, mutig;
tritt für uns ein, bitte für uns,
denn wir sind fast schon ohne Saft, ohne Spross, 
ohne Seele, ohne Leben, ohne Licht, ohne Quijote, 
ohne Haut und ohne Flügel, ohne Sancho und ohne Gott.“

Strophe aus den Litaneien zu unserem Herrn Don Quijote von Rubén Darío

Der Heldenweg und die Transformation

Sein erster archetypischer Ausdruck ist der Heldenweg, der das Leben jedes Menschen widerspiegelt. Es ist ein Weg voller unvermeidlicher Ungewissheit, mit vielen Etappen, in denen Werte, Kräfte, Schatten und Herausforderungen auftauchen, die wir überwinden müssen, um unsere Ganzheit zu erreichen. Don Quijote vermittelt die Botschaft, dass dieser Lebensweg – den Cervantes seinem Helden auferlegt – voller Schwierigkeiten, Frustrationen, Spott und Schmerz ist. Und doch offenbart sich in ihm eine unerschütterliche Kraft: Er wird vom Pferd gestoßen, geschlagen und verhöhnt, doch er steht auf und setzt seine Mission fort – eine Mission nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschheit.

In einem Abschnitt der Geschichte spricht er mit Sancho über das Goldene Zeitalter, das erreicht werden muss, aber in einem Eisernen Zeitalter erfordert dies Arbeit und Kampf. Dieses Gespräch lässt uns an unsere eigene historische Zeit denken, in der alles Verwirrung, Unsicherheit und Chaos ist, wo nichts in seiner natürlichen Essenz manifestiert ist und die harmonische Integration der Gegensätze – das alchemistische Ziel – nicht einmal begrifflich erfasst wird. Diese Reise ist jedoch keine Reise des neuronalen Bewusstseins, das mit dem Gehirn verbunden ist, sondern ein innerer Impuls, der uns mit unserer zeitlosen Realität verbindet.

Don Quijote ist mehr als ein einzelner Archetyp – er ist eine Zusammenfassung aller Archetypen, aller universellen Muster menschlichen Verhaltens.

Die Reise des Alonso Quijano beginnt mit der Unzufriedenheit mit seinem Leben. Er fühlt sich als verarmter Hidalgo (ein Angehöriger des niederen spanischen Adels, Anm. d. Red.), der nichts tut, kein Geld hat, keine Kinder, keine Familie, nur teilnahmslose Verwandte, die ihn nicht verstehen. Er hat nichts, was ihm Zufriedenheit bringt, niemanden, der ihn versteht, weder materiell noch spirituell. Alonso Quijano fühlt aber, dass er mehr ist als dieser verarmte Hidalgo, der ein graues Leben führt. Seine Mission besteht darin, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu verteidigen, den Leidenden zu helfen. In seinem Inneren fordert Don Quijote seine Manifestation in der Welt. Und er will handeln. Er reflektiert darüber, was er für seine Mission benötigt. In Jungs Werk finden wir diese Notwendigkeit des Menschen, die Fähigkeiten seiner Psyche, seine Lichter und Schatten zu erkennen.

Jede Reise erfordert Vorbereitung, und der Ritter überlegt, was er auf seiner Reise benötigt. Miguel de Cervantes erzählt hier eine der schönsten und poetischsten Szenen seines Werkes. Alonso Quijano benötigt unbedingt ein Pferd. Doch im Stall befindet sich ein mageres, gealtertes Pferd, fast in seinen letzten Zügen. Drei Tage lang sucht er nach einem Namen, der dem Tier die notwendige Geisteskraft für die Mission verleiht. Schließlich steht er fest: Rosinante.

Ab diesem Moment beginnt der magische Prozess der Dynamisierung des Archetyps. Der Prozess wird mit dem Namen fortgesetzt, den Alonso Quijano sich selbst gibt, denn ab diesem Moment ist er Don Quijote. Und er begeht das unverzichtbare Ritual, seine Waffen vorzubereiten.

Don Quijote sieht die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten. 

Die Bedeutung des Rituals 

Wenn C. G. Jung, von Archetypen spricht, bezieht er sich auf universelle Modelle, die aus dem Geist des Universums stammen und sich in den unendlichen Leben manifestieren, die von ihm ausgehen. Die Menschen sind direkt damit verbunden. Jung sagt nichts Neues, was nicht bereits Philosophen wie Platon oder Plotin ausgedrückt haben, aber sein Beitrag liegt in der Verbindung, die er zwischen der Symbolisierung des Archetyps und der menschlichen Psyche herstellt.

Die Bedeutung der Vorbereitung der Waffen durch Don Quijote besteht darin, unsere Fähigkeiten, Eigenschaften und Potenziale zu erkennen, um mit dem Aufbau unseres Lebens zu beginnen. Die Waffen, die Don Quijote sich vorstellt, sind verrostet, verbeult, es sind keine wirklichen Waffen, sondern Elemente des täglichen Lebens. Das spielt keine Rolle; hier manifestiert sich erneut die Macht des Helden, der transformative Blick. Don Quijote sieht die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten.

  1. G. Jung erklärt die außergewöhnlichen Fähigkeiten der menschlichen Psyche, indem er von dem rätselhaften Archetyp des Schattens spricht. Dieser unbekannte innere Bereich, der noch chaotisch und nicht akzeptiert ist, wartet darauf, beleuchtet zu werden, um uns in der Verwirklichung unseres Lebens voranzutreiben. Don Quijote kann der Schatten nicht sein, der vielmehr an eine Flamme erinnert, erhoben und vertikal. Aber was ist mit Sancho? Ist er der Schatten von Don Quijote?
  2. G. Jung erklärt stets die duale Realität unseres manifestierten Universums. Diese Dualität zeigt sich in der Spannung zwischen dem Spirituellen und Materiellen – beides ist im Menschen untrennbar verbunden. Und unser Geist ist ebenfalls dual: Er ist wie eine Brücke, die uns ermöglicht, unsere materielle, zeitliche und räumliche Realität wahrzunehmen, aber auch eine andere zu erahnen, jenseits von Raum und Zeit, aber nicht weniger real.

Die Beziehung zwischen Quijote und Sancho wird als alchemistischer Integrationsprozess dargestellt. Die Idee eines Archetyps als universelles Modell, das Jung „Pfad der Individuation“ nennt, ist vor allem eine Reise nach innen, zum verborgenen Schatz, der in unserem tiefsten Inneren liegt. Dies kann mit dem schwierigen, aber nicht weniger grandiosen Weg in Verbindung gebracht werden, den der Held durchlaufen muss, begleitet von Spott und Unverständnis. Doch durch seinen transformierenden Blick erkennt er darin nicht bloß Ablehnung, sondern wandelt das Erlebte in archetypische Größe um. Es ist eine harte Arbeit der Integration von Licht und Schatten, von Materiellem und Spirituellem, von Bewusstem und Unbewusstem, um das gewählte Ziel zu erreichen, auch wenn er zuvor mit dem Ritter vom weißen Mond kämpfen muss, der seine Ritterlichkeit anerkennt. Es ist seine letzte Prüfung. Der Held hat seine Unsicherheit, Schmerz und Demütigung überwunden. Am Ziel dieses Weges warten die Transmutation und der Tod auf ihn.

In Cervantes’ Erzählung mag das Ende unverständlich und entmutigend erscheinen, wenn man nicht in seine transzendente, auch kryptische Botschaft eindringt, denn die Interpretationsschlüssel sind vielfältig auf verschiedenen Bewusstseinsebenen. Aber wenn wir uns an den menschlichen Schlüssel halten, verstehen wir, dass die Reise zu Ende und die Figur bereits transmutiert ist. Sie hat ihr Ziel erreicht, und in seinen eigenen Worten: Er ist ein guter Mann.

Ist dies nicht die Reise, die jeder von uns durchlaufen und überwinden muss? In jedem Leben das Beste zu erreichen, was wir in uns selbst werden können, in Bezug auf das, was uns umgibt, auf unsere Situation in der Gesellschaft und der Geschichte?  In der Analogie zu den Archetypen von C. G. Jung bedeutet das, sich so weit wie möglich dem Selbst anzunähern, unsere Natur zu erkennen und zu verstehen, dass das Leben voller Sinn ist und es als großes Abenteuer zu leben.

Wird der Sinn des Lebens das Leben selbst sein?

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Wer wagt, gewinnt https://www.abenteuer-philosophie.com/wer-wagt-gewinnt/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wer-wagt-gewinnt Sun, 05 Oct 2025 18:00:04 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7292 Magazin Abenteuer Philosophie

Status-quo-Bias, Verlustaversion, Sozialstaat, Versicherungen, Überregulierung, Komfortzone, Helikoptereltern, Überbehütung: Das gute und bequeme Leben hat Europa in die Falle der Risikovermeidung geführt. Doch das neue Risiko heißt Sicherheit – und das in zweifacher Hinsicht.

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TEXT Hannes Weinelt

Status-quo-Bias, Verlustaversion, Sozialstaat, Versicherungen, Überregulierung, Komfortzone, Helikoptereltern, Überbehütung: Das gute und bequeme Leben hat Europa in die Falle der Risikovermeidung geführt. Doch das neue Risiko heißt Sicherheit – und das in zweifacher Hinsicht.

IBM war Ende der 1960er einer der ersten globalen Konzerne mit Niederlassungen in mehr als 70 Ländern. Man dachte, Management sei universell, musste aber feststellen, dass viele Dinge in den USA funktionierten, in anderen Ländern jedoch nicht. Geert Hofstede war Psychologe bei IBM International und bekam die Aufgabe, die Ursachen dafür zu erforschen. Und seine Entdeckung war bahnbrechend und ist bis heute Standard im interkulturellen Management: Nationale Kultur hat einen stärkeren Einfluss auf Arbeitsverhalten als Unternehmenspolitik. Die Unterschiede beschrieb er in sechs Dimensionen. Darunter war der UAI, der Uncertainly Avoidance Index, zu Deutsch: Unsicherheits-Vermeidungs-Index. Länder mit einem hohen UAI streben nach Sicherheit, Stabilität, Planbarkeit. Länder mit einem niedrigen UAI sind risiko- und experimentierfreudiger. Es wird wohl niemanden überraschen, dass die Länder Europas größtenteils einen doppelt so hohen UAI aufweisen wie beispielsweise die USA. Und dies hat enorme Auswirkungen, vor allem in der heute sogenannten VUCA-Welt.

Was ist VUCA?

Mit VUCA bezeichnete das U. S. Army War College die neue geopolitische Situation nach dem Kalten Krieg Anfang der 1990er-Jahre. Das Ende des Ost-West-Konflikts löste die klaren Feindbilder und Vorhersagbarkeit der Weltordnung auf. Ab den 2000ern wurde der Begriff auch in Wirtschaft und Gesellschaft allgemein für eine Welt voller Unvorhersehbarkeit übernommen. VUCA ist ein Akronym für

  • Volatility (Volatilität), die ständigen und immer schnelleren Veränderungen unserer Zeit.
  • Uncertainty (Unsicherheit), wodurch traditionelle Gewissheiten zusammengebrochen sind.
  • Complexity (Komplexität), sodass die Ursache-Wirkungs-Ketten nicht mehr erkennbar sind.
  • Ambiguity (Mehrdeutigkeit), was keine fixen Zuordnungen von „Richtig-Falsch“ erlaubt.

Europa wurde von dieser neuen Realität am linken Fuß erwischt. Denn nach zwei Weltkriegen und der dazwischenliegenden Weltwirtschaftskrise mit all den Erfahrungen von Instabilität, Hunger und Tod wurde Sicherheit zum obersten Gebot. Starke Sozialstaaten wurden aufgebaut, eine Konsum- und Wohlstandsgesellschaft sollte alle materiellen Grundbedürfnisse abdecken und sozialen und politischen Frieden garantieren.

Die Europäische Union wurde genau auf dieser ökonomischen Basis begründet: Wer wirtschaftlich voneinander abhängig ist, bevorzugt sichere und stabile Verhältnisse und führt keinen Krieg. Doch in der VUCA-Welt mit ihren neuen Herausforderungen von Migration, geopolitischen Verschiebungen, Terrorismus, Klimakrise, Artensterben, Digitalisierung, Energiekrisen, Ressourcenkonflikten, Finanzkrisen, Inflation u. a. m. reicht eine reine Wirtschaftsunion nicht. Und dies wird umso deutlicher, wenn man sich mit einer möglichen Gegenstrategie von VUCA beschäftigt: VUCA-Prime.

VUCA

Was ist VUCA-Prime?

Am Institute for the Future (IFTF) in Kalifornien entwickelte der Zukunftsforscher Bob Johansen eine konkrete Antwort auf jede VUCA-Komponente und nennt dies VUCA-Prime:

  • Vision (Vision), denn klare und inspirierende Zukunftsbilder geben gerade in unsicheren Zeiten eine Richtung.
  • Understanding (Verstehen), um Zusammenhänge und Muster zu erkennen, aber auch anzuerkennen, dass nicht alles vorhersehbar ist.
  • Clarity (Klarheit), selbst wenn es nur die Klarheit über unsere Unwissenheit ist, schafft Handlungsfähigkeit, während das Verharren in der Komplexität das Entscheiden und Handeln lähmt.
  • Agility (Anpassungsfähigkeit), damit wir rasch aus Fehlentwicklungen lernen und uns laufend und flexibel an neue Gegebenheiten anpassen.

Während die meisten europäischen Politiker gebetsmühlenartig Sicherheit und Stabilität wahlversprechen, um ihre Wähler vermeintlich „zurück in die gute alte Zeit“ zu führen, verspricht VUCA-Prime erst gar keine Sicherheit, sondern lehrt, wie man in unsicheren Zeiten und Situationen handlungsfähig bleibt. Dazu jedoch braucht es nach Johansen eine neue Qualität von Führungskräften. Eines seiner Bücher trägt den Titel: „Leaders Make the Future: Ten New Leadership Skills for an Uncertain World”. Selbst eine oberflächliche Prüfung dieser zehn Qualitäten macht klar, dass die politischen Eliten der EU über keine einzige davon verfügen. Zum Beispiel lautet die erste Qualität „Maker Instinct“, also die Zukunft aktiv zu gestalten, anstatt immer nur zu reagieren. Oder die Qualität des „Rapid Prototyping“, das heißt, Mut aus Fehlern zu lernen und rasch Neues auszuprobieren. Angesichts der überbordenden Bürokratie, der Schwerfälligkeit und des „Power Instinct“, also des Fokus auf Machterhalt der eigenen Person und Partei innerhalb der EU, erübrigt sich jeder Kommentar.

Natürlich sind neue Ideen rasch und leicht geschrieben, aber schwer und auch nur mit viel Geduld umsetzbar. Ich selbst prangere laufend die arrogante Selbstverständlichkeit von Schreibtischtätern – Berufsbezeichnung Journalisten – an, mit der sie Akteuren in Wirtschaft und Politik ihre Allheilmittel unter die Nase reiben. Aber eines ist und bleibt klar: Geänderte Umstände und Probleme verlangen geänderte Haltungen und Lösungen. In Europa wird die VUCA-Welt lieber klein geredet, anstatt große Visionen und Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Genau die Sicherheit und Stabilität, die Europa nicht verlieren möchte und selbstmörderisch zu verteidigen sucht, genau die fehlende Bereitschaft zum Risiko ist das Risiko. Das erste Risiko. Das zweite liegt in uns, also in jedem Einzelnen.

„Wenn der Schüler nicht geht, wird der Weg zu ihm kommen.“
Zen-Weisheit

Risiko „Komfortzone“

Obwohl lange bekannt, wachsen täglich die Erkenntnisse über die fatalen Auswirkungen des Verharrens in der Komfortzone. Natürlich sind Angst und Stress auf ein Minimum reduziert, wenn man nur in seinen Routinen bleibt, nur bis zum Tellerrand seiner bekannten Fähigkeiten agiert und nur in seinen gewohnten Blasen denkt und spricht.

Aber die Neurowissenschaften zeigen auf, wie dadurch unser Gehirn schrumpft und die neuronale Plastizität verlorengeht. Wie sich dadurch die Angst vor Neuem mehr und mehr bis zur sogenannten „erlernten Hilflosigkeit“ verstärkt. Wie die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, abnimmt und kleinste Störungen zu hoher Belastung führen. Wie die fehlende Herausforderung in Langeweile, Unzufriedenheit und letztlich Depression mündet. Wie durch einen bequemen Rückzug die sozialen Kompetenzen verlorengehen, wie durch laufende Unterforderung nicht nur Potenzial ungenutzt bleibt, sondern Leistungsfähigkeit sogar rapide abnimmt.

Wem das noch nicht genügt, um die Komfortzone als Schreckgespenst auf den finsteren Dachboden zu verbannen, dem seien noch die Auswirkungen auf unsere Erziehung und damit die nächste Generation aufgelistet. Denn Eltern, die sich selbst nach Komfortzonen sehnen, werden zu „Helikopter-Eltern“, die das Leben ihrer Kinder ständig überwachen und ihren Kindern alle Entscheidungen abnehmen. Und zu „Rasenmäher-Eltern“, die ihren Kindern alle Steine aus dem Weg räumen und jedes Hindernis planieren. Die Folgen sind geringe Frustrationstoleranz – schon kleinste Kränkungen können zu monströsen Amokläufen führen –, fehlende Problemlösungskompetenz und damit fehlendes Vertrauen in sich selbst, verstärkte Angst vor Risiko – heute traut man Gymnasiasten nicht einmal mehr den Schulweg zu –, vor allem aber eine eklatante Zunahme von Angststörungen, Burn-out und anderen psychischen Beeinträchtigungen. In den markanten Worten der Psychologin Esther Wojcicki: „Überbehütung ist Unterentwicklung“. Und sie muss es wissen, hat sie doch ihre drei Töchter zu höchst engagierten und erfolgreichen Menschen erzogen.

Fazit: „Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone!“ (Neale Donald Walsch, bekannt von den „Gesprächen mit Gott“) Wer also seine Komfortzone nicht verlässt, wer in der trügerischen Sicherheit verharrt und kein Risiko auf sich nimmt, hat tatsächlich eine Gewissheit: die Gewissheit, das Leben und seine eigene Entwicklung zu verpassen.

„Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone.“
Neale Donald Walsch

Der „Sprung des Glaubens“

Haben Sie gewusst, dass dieses Zitat von Søren Kierkegaard stammt? Und hätten Sie gedacht, dass dieser Religions- und Existenzphilosoph als der Philosoph des Risikos gilt? Bei ihm ist Risiko nicht ökonomisch oder Mittel zum Zweck, sondern das Wesen der Existenz. Risiko ist der Preis von Freiheit und Selbstverwirklichung. „Wer wagt, der verliert vielleicht. Wer nicht wagt, der verliert gewiss“, lautet sein Credo. Dieses Wagnis, trotz Unsicherheit zu entscheiden und zu handeln, nennt Kierkegaard den „Sprung des Glaubens“. Damit meint er nicht nur den Akt des Glaubens in Gott ohne Sicherheiten und Beweise.

Der Sprung des Glaubens ist ein universelles Prinzip, wir alle müssen immer wieder ohne Sicher- und Gewissheiten entscheiden: Wir verlieben uns – haben wir die Sicherheit, dass diese Liebe für immer hält? Wir wechseln unseren Job. Wir ziehen in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land. Wir gründen eine Familie. Wir starten ein neues Projekt. All diese existenziellen Entscheidungen beinhalten das Risiko von Verletzung, Trennung, Verlust, Scheitern und Enttäuschungen aller Art. Es sind keine sanften Übergänge, es sind Sprünge – vom Zweifel ins Vertrauen, von der Kontrolle in die Hingabe, von rational begründbaren Sicherheiten in das Glauben. „Der Glaube beginnt dort, wo das Denken aufhört“, schreibt Kierkegaard. Er war kein Gegner des Denkens, aber Denken hat seine Grenzen. So sehr wir auch prüfen und analysieren, es wird uns keine absolute Gewissheit liefern. Und an dieser Stelle müssen wir springen. Wir leben von und durch Entscheidungen, nicht von und durch Garantien.

Genauso deutlich formulieren es die östlichen Philosophien. Darin heißt es, dass Leiden durch die Anhaftung an Sicherheiten entsteht. Und sie fügen noch einen weiteren Gedanken dazu: Wer sich an Sicherheiten klammert und sich nicht freiwillig den Herausforderungen stellt, wird nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma) dazu gezwungen. „Wenn der Schüler nicht geht, wird der Weg zu ihm kommen“, sagen die Zen-Meister. Im Taoismus heißt es: „Wer sich dem Wandel widersetzt, wird vom Wandel überwältigt.“

„Wandel“ ist wohl das treffendste Konzept für unsere aktuelle Situation in der Welt. Kollektiv ist es längst ein Wandel, der uns überwältigt: Geopolitische und wirtschaftliche Kriege, KI und Digitalisierung, Extremwetter, Migrationsbewegungen. Individuell liegt es an jedem von uns. Im Kleinen ist jeder Tag eine Gelegenheit, unsere Komfortzone zu verlassen und etwas Unbekanntes zu wagen: Ein Gespräch mit einer fremden Person beginnen, einen neuen Weg zu unserem Arbeitsplatz ausprobieren, ein unangenehmes Problem ansprechen oder eine Entschuldigung aussprechen. Im Großen müssen wir uns ehrlich fragen, wo wir uns zwar sicher fühlen, aber gleichzeitig das Leben und Wachstum verpassen: der sichere Job, der nur noch Routine und keine Weiterentwicklung ermöglicht; der langjährige Freundeskreis, der längst nicht mehr unseren Interessen entspricht; die immer gleichen Konflikte, ohne dass wir die Probleme ehrlich ansprechen oder die halbherzige Beziehung, weil uns die Einsamkeit ängstigt.

Bevor Sie vom Wandel überwältigt werden, wagen Sie den „Sprung des Glaubens“.

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Im Schwindelgefühl der Freiheit https://www.abenteuer-philosophie.com/im-schwindelgefuehl-der-freiheit/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=im-schwindelgefuehl-der-freiheit Sun, 29 Jun 2025 16:15:03 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7228 Magazin Abenteuer Philosophie

Wie wird Alltag fassbar und wo grenzt Wachstum an Beschränkung? Clemens Setz erzählt über seine Liebe zur Metaphysik der Dinge, das Herausbluten des Details aus der Literatur und die monothematische Ausrichtung der Individuen.
Ein Gespräch über Entfaltung, Begrenzung und den wunderbaren Glauben an Geschichten.

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Wie wird Alltag fassbar und wo grenzt Wachstum an Beschränkung? Clemens Setz erzählt über seine Liebe zur Metaphysik der Dinge, das Herausbluten des Details aus der Literatur und die monothematische Ausrichtung der Individuen.

Ein Gespräch über Entfaltung, Begrenzung und den wunderbaren Glauben an Geschichten.

Als Schriftsteller werden Sie sicher vermehrt zu Gesprächen eingeladen. Entspricht das Ihren Intentionen?

Ich habe schon ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, denke ich. Vielleicht ist es auch Selbstdarstellungsdrang oder Eitelkeit, dass ich mich gerne zu Themen äußere. Aber ich bin vorsichtiger geworden, was das Annehmen dieser Lizenz betrifft, die man aufgrund der historischen Bedeutung von „Schriftsteller“ ausgestellt bekommt.

 

Was ist mit dieser Lizenz gemeint?

Es gibt eine gewisse Rolle im deutschen Sprachraum. Günter Grass, Heinrich Böll, diese großen Figuren haben immer wirklich zu allem etwas gesagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es wichtig, deutschsprachige Geistesgrößen – dieses alberne Konzept – als Archetyp zu kultivieren, der die Menschen wieder ein bisschen versammelt, ihre Aufmerksamkeit bündelt. Das war kulturell notwendig, um zu zeigen, dass wir nicht komplette Barbaren sind, und das verstehe ich auch.

Aber das gibt es auch heute noch, vielleicht eher im populär philosophischen Bereich, nämlich die sogenannten „Alles-Kommentatoren“, die ausnahmslos zu allem etwas sagen.

Meist ist es jedoch eine ziemliche Eselei, ein anachronistisches, überholtes Spiel. Trotzdem bekommt man diese „Rolle“ immer wieder angeboten. Also in dem Sinne: Da gab es jetzt ein Massaker, was meinst du dazu?

Und da sage ich dann schon: Stopp! Nur so viel kann ich sagen, nur so viel lässt meine eigene Eitelkeit zu.

 

Oft möchte man vielleicht nur die Gedanken eines Schriftstellers dazu hören …

Um interessante Sätze zu hören, ist man sicher eine gute Anlaufstelle, aber vom Publikum, also der Leserschaft her, wird das dann doch oft als die Stimme eines Experten missverstanden. Gut formulieren zu können heißt nicht automatisch, dass man eine Ahnung hat.

Betrachtet man jetzt aber uns hier – wir leben ja relativ sicher und in Wohlstand –, dann ist das Hauptprogramm bei uns wohl „maximale Freiheit“. Und das ist sehr viel fragwürdiger und undurchdachter.

Ihnen wird in Ihrem literarischen Schaffen eine außerordentliche Detailverliebtheit zugeschrieben: Worin wurzelt diese?

Man schreibt wahrscheinlich oft das, was man selbst gerne liest. Ich sammle, wähle und liebe Dinge, die einem die Kenntnis des schon Bekannten vermitteln, aber eben frischer oder ganz neu.

Es ist nicht mehr populär, das zu machen. Früher haben Leute noch ganze Romane über so eine Art Forschungsreise in den Alltag geschrieben. Diese Metaphysik der Dinge mag ich sehr gerne. In antiken Texten findet man das auch, wo das Meer oder die Morgenröte auf diese Art beschrieben wird, dass all das irgendwie fassbar scheint. Das war wohl immer etwas, das Leute mit dem Augenblick des Zuhörens oder des Lesens versöhnte und wo man erkannte: Ah, da hat jemand etwas gesehen, das ich einerseits kenne, aber zugleich jetzt ganz neu sehe.

Das ist ein schöner Hauptmotor für mich beim Schreiben.

Heute ist das leider langsam ein bisschen herausgeblutet oder herausgetropft aus der Literatur. Das Detail wird eher als preziös, als verlangsamend angesehen.

 

Glauben Sie, dass sich, davon ausgehend, auch die allgemeine Gesprächskultur in den letzten 20, 30 Jahren gewandelt hat?

Ja, die hat sich sicher stark verändert. Das klingt jetzt vielleicht kontraintuitiv und paradox, aber ich glaube, dass es witzigerweise viel weniger Themen gibt.

Viele Menschen erzählen, was sie in den Nachrichten gehört haben und das ist dann ihr Thema. Oder sie sprechen nur von der Arbeit. Das ist ein bisschen eine monothematische Ausrichtung des Individuums. Und ich verstehe überhaupt nicht, wie es dazu kommen konnte, weil die Bedingungen im Grunde umgekehrt wirken: Durch die sozialen Medien sieht es so aus, als gäbe es alles nebeneinander, allerdings genau das wird seltsamerweise im Alltag nicht nachgespielt.

Ich muss aber auch sagen, das stammt aus dem Blickwinkel von jemandem wie mir, der sich nicht mit vielen Menschen trifft, das heißt, es könnte sein, dass mein Eindruck ohnehin schon Jahre her ist, ein vielleicht auch in der Covid-Zeit entstandener und gefestigter Eindruck, der gar nicht mehr stimmt, weil die Zeiten sich extrem schnell wandeln.

 

Denken Sie, hat sich auch der Umgang mit diesen Themen im Gespräch verändert?

Die Themen werden heute stark von außen vorgegeben und auch befolgt.

Man sieht das sehr stark in der Buchbranche, aber auch in vielen anderen Bereichen. Es ist eine Art von der Kindergarten-Betreuerseite vorgegebenes „Trending Topic“.

Zum Beispiel eine spezielle Diät, wo sich alle nun irgendwie zu dieser Diät verhalten müssen. Stehst du außerhalb oder kritisch dagegen? Du wirst wirklich buchstäblich von allen Menschen dazu aufgefordert.

Diese fixen Ideen, die man sich einfängt, solche Ohrwürmer des Geistes sind offenbar stärker geworden, härter und schwerer abzuschütteln.

Das mag aber auch mit den Smartphones und den sozialen Medien zu tun haben. Vielleicht, weil all das mit Freundschaften, mit Verbindungen zu Menschen verwirkt ist.

 

Ihr Buch „Das All im eigenen Fell“ hat eines dieser sozialen Medien, nämlich Twitter, heute X, als Basis. Die Poesie Ihrer dort gesammelten Texte speist sich unter anderem aus der damals beschränkten Zeichenanzahl. Inwiefern können denn „Begrenzungen“ auch für das eigene Leben förderlich sein?

Menschen leben auf unserem Planeten oft unter den ungeheuerlichsten Beschränkungen, was Versorgung mit Nahrung oder auch Bildung betrifft. Das sind Beschränkungen, die man natürlich gerne aufheben würde.

Betrachtet man jetzt aber uns hier – wir leben ja relativ sicher und in Wohlstand –, dann ist das Hauptprogramm bei uns wohl „maximale Freiheit“. Und das ist sehr viel fragwürdiger und undurchdachter.

© Rafaela Pröll/Suhrkamp Verlag Eigene und „geschürfte“ Gedichte der ehemaligen Plattform Twitter (jetzt „X“) sind Teil dieser 2024 erschienenen poetischen Sammlung, die sich als ästhetische Hommage an eine aussterbende Gattung erweist

 

Wohin führt das Ihres Erachtens?

Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Wenn ein Großteil meiner Energie in die Idee fließen würde, dass ich mehr Rechte bekomme, mehr Freiheit und weniger Beschränkungen im Leben habe, kann das sehr schnell zu einem zerstörerischen Projekt werden. Freiheit ist mit Bedingungen und mit Schwindelgefühl verbunden, unter anderem mit dem Wegfall von Verantwortung.

Aber ohne Verantwortung kann man, banal gesprochen, kein Kind aufziehen. Man kann nicht Eltern ohne Verantwortung sein. Das haben Menschen schon probiert. Aber diese Versuche enden für gewöhnlich nicht in der Blüte eines stimulierend und förderlich aufwachsenden Kindes, sondern in ziemlich schlimmen Szenarien.

 

Beschränkung und Freiheit gehören demnach zusammen …

Ja, es ist eine Binsenweisheit, dass gewisse Beschränkungen für das Wachstum der Vitalität und auch für die Kompetenz im Leben förderlich sind.

Aber wir sind gerade in einer Pendelbewegung. Die Leute, die jetzt ins Erwachsenenalter kommen, werden nicht empfangen von einer Generation, die ihnen zuruft: „Achte auf das richtige Maß an Beschränkungen, auf Verantwortung und du wirst wachsen, gedeihen und das Leben wird ein wunderbares, von Rätseln und von Entdeckungen reiches Abenteuer werden!“ Nein, sie rufen ihnen zu: „Sei so frei wie möglich, du genügst, und du musst so bleiben, wie du bist, für immer. Ändere das System!“ Das ist die Frequenz, die den jungen Menschen entgegenkommt, glaube ich.

Durch die sozialen Medien sieht es so aus, als gäbe es alles nebeneinander, allerdings genau das wird seltsamerweise im Alltag nicht nachgespielt.

 

Für wie relevant halten Sie in diesem Zusammenhang die mit Begrenzungen verbundenen Regeln?

Wie interessant wäre denn ein Spiel, ein Sport ohne Regeln?

Aber auch emergente Phänomene wie die Entfaltung einer Persönlichkeit oder die Entfaltung einer Community, einer Kultur sind ja nur mit Spielregeln, mit fast schon algorithmischen Regeln denkbar.

Doch ich sehe mich jetzt auch nicht als großen Fürsprecher für das eine oder andere. Ich verstehe, warum Menschen sich heute leidenschaftlich für konservative Werte einsetzen. Gleichzeitig hat auch die Seite der Freiheit, des Beiseiteschiebens der Unterschiede, des Gleichmachens ihre historische Berechtigung.

Wenn ein Großteil meiner Energie in die Idee fließen würde, dass ich mehr Rechte bekomme, mehr Freiheit und weniger Beschränkungen im Leben habe, kann das sehr schnell zu einem zerstörerischen Projekt werden.

 

Regelungen fußen meist auf Werten. Gibt es in Ihrem Leben etwas Spirituelles, das Sie antreibt?

Also, ich habe keine Religion, was ich jetzt ein bisschen bedaure, es wäre vielleicht besser. Aber was heißt schon „besser“…. Ich bin ohne das aufgewachsen, und das bildet sich später meist nicht mehr so leicht aus.

 

© Rafaela Pröll/Suhrkamp Verlag Clemens Setz schreibt, was er auch selbst gerne liest

 

Formulieren wir es etwas anders: Was rührt Sie als Schriftsteller und als Mensch am meisten?

Es ist vor allem die Hoffnung oder der Glaube daran, dass man Geschichten finden kann, die bedeutsame Gedankenketten ergeben, und dass diese Geschichten überall stecken und dann auch überall herauskommen können. Das ist so meine „Prima materia“, „jungianisch“, alchemistisch gesprochen.

Es ist sicher ein gelebter Glaube, dass die Welt insgeheim voll davon ist und ich irgendwie die sehr schöne ehrenvolle Aufgabe habe, dies für andere aufzubereiten.

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Germanistik und Mathematik, fokussierte sich jedoch in weiterer Folge auf sein literarisches Schaffen.
Mit seinem Roman „Söhne und Planeten“, der 2007 erschien, feierte der damals 25-Jährige sein Debüt als Schriftsteller. Es folgten zahlreiche Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke.

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Dein Platz im Ganzen https://www.abenteuer-philosophie.com/dein-platz-im-ganzen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=dein-platz-im-ganzen Sun, 29 Jun 2025 15:54:11 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=7218 Magazin Abenteuer Philosophie

Viele Herausforderungen warten in der Welt auf uns. Vielleicht liegt der Schlüssel zur Lösung im Verhalten jedes Einzelnen: in unserer Haltung zur Welt, zu den Menschen und zum Leben. Es gilt, ein menschliches Potenzial zu entwickeln, von dem Philosophen sagen, dass es den Menschen erst zum Menschen macht  den Gemeinsinn.

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Viele Herausforderungen warten in der Welt auf uns. Vielleicht liegt der Schlüssel zur Lösung im Verhalten jedes Einzelnen: in unserer Haltung zur Welt, zu den Menschen und zum Leben. Es gilt, ein menschliches Potenzial zu entwickeln, von dem Philosophen sagen, dass es den Menschen erst zum Menschen macht den Gemeinsinn.

Das Konzept des Gemeinwohls ist in der öffentlichen Diskussion fest verankert und bezieht sich auf das Wohl einer Gruppe. Es wird vorrangig im politischen, ökonomischen oder rechtlichen Sinn verstanden. In den letzten Jahren taucht jedoch immer häufiger das Konzept des Gemeinsinns in der öffentlichen Diskussion auf. Was wird darunter verstanden? Gemeinsinn wird als Bewusstsein und Bereitschaft eines Menschen bezeichnet, sich aktiv für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Dies zeigt sich in Solidarität, Empathie, Verantwortungsbewusst­sein und dem Mitbedenken der Auswirkung seiner Handlungen für die Gemeinschaft. Kurz gesagt nicht nur aus Eigeninteresse zu handeln, sondern auch im Interesse der Allgemeinheit.

Das führt uns zur alten Frage, ob eine solche Haltung im Menschen von Natur aus angelegt ist? Diese Frage, ob der Mensch grundsätzlich gut oder schlecht ist, wurde entlang der Jahrhunderte unterschiedlich in Philosophie, Politik oder Wissenschaft beantwortet. Seit dem 16. Jahrhundert gewann die Sicht von Thomas Hobbes, eines englischen Staatstheoretikers und Philosophen, in der westlichen Welt immer mehr an Gewicht. Er stellt die Hypothese auf, dass der Naturzustand des Menschen egoistisch sei. Seine pessimistische Sicht auf den Menschen ging durch seinen Ausspruch „Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf“ in die Geschichte ein. Diese Idee von Konkurrenz und Wettkampf unter den Lebewesen wurde mit den Theorien von Charles Darwin im 19. Jahrhundert wissenschaftlich untermauert und mündete in dem berühmten Ausspruch vom „Überleben des Stärkeren“. Damit etablierte sich ein Menschenbild, das perfekt die heute vorhandenen wirtschaftlichen und politischen Systeme inklusive Konkurrenzdenken und Wettkampf legitimierte. Es hat uns viele materielle und technische Errungenschaften ermöglicht und zu Höchstleistungen angetrieben – doch der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, wird erst jetzt ersichtlich.

Aber so sind wir nicht

Es mehren sich jedoch auch Stimmen, die erkennen, dass mit diesem Menschenbild etwas schiefläuft, denn es hat neben allen Errungenschaften auch die Probleme hervorgebracht, die wir jetzt gemeinsam zu bewältigen haben. So wird immer deutlicher: „So sind wir (doch) nicht“. Dafür können wir auch aus unserer jüngsten Vergangenheit viele Beispiele aufzählen, die uns eine andere Seite des Menschen zeigen: Da gibt es die viel beachtete und fast unerwartete Solidarität beim ersten Lockdown zu Beginn der COVID-Pandemie, wo in ganz privater Initiative Menschen unterstützt wurden, die – plötzlich allein gelassen – sich selbst nicht helfen konnten; oder die unzähligen helfenden Hände bei der Hochwasserkatastrophe in Niederösterreich im letzten Herbst; oder auch die anfangs große Bereitschaft, Flüchtlingen aus der Ukraine aufzunehmen; oder die privaten Hilfskonvois in Kriegs- oder Katastrophengebiete in den letzten Jahren.

Auch die Untersuchungen des amerikanischen Entwicklungspsychologen und Anthropologen Michael Tomasello zeigen eindrucksvoll, dass der Mensch bereits in den ersten Lebensjahren eine angeborene Neigung zum kooperativen Handeln besitzt – eine Fähigkeit, die jedoch durch unsere heutige Erziehung immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint.

Sinn findet sich dort, wo der Augenblick von uns fordert, an der Verwirklichung der großen Archetypen des Wahren, Guten, Gerechten und Schönen mitzuwirken.  

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte und viele Forscher stimmen mit der Sicht der Naturphilosophie überein, dass im Menschen von Natur aus sowohl egoistische als auch altruistische Tendenzen angelegt sind – also beides. Anders formuliert könnte man sagen, dass tief in jedem Menschen dieser Sinn für die Gemeinschaft, der Gemeinsinn, wurzelt, dass er aber nur in besonderen Situationen zutage tritt, beispielsweise in Notsituationen.

Das führt weiter zur Frage, was denn im alltäglichen Lauf des Lebens diesen im Menschen angelegten Sinn für das gemeinsame Wohl überlagert?

Individualismus – die Ideologie der Moderne

Hier könnte die Ideologie des Individualismus der westlichen Welt eine Erklärung bieten. Beginnend in der Renaissance besannen sich Philosophen wie Giovanni Pico della Mirandola wieder auf die Würde und den Wert des Menschen. Damit war die Idee der Freiheit des Menschen wiedergeboren. Später, in der Aufklärung, betonten Philosophen wie John Locke oder Jean-Jacques Rousseau die persönliche Freiheit und das natürliche Recht jedes Einzelnen immer stärker. Das aufkommende Bürgertum befreite sich immer mehr vom Diktat des Adels und der Kirche und seit dem 19. Jahrhundert setzte sich das Konzept des Individualismus als gesellschaftlich dominierende Lebenshaltung in unserer westlichen Kultur durch.

Diese vom Westen aus in die Welt getragene Menschensicht wurde zentral für den Fortschritt demokratischer Gesellschaften. Gerade Menschen, die nicht im Strom der Massen schwammen, die sich gegen erstarrte kollektive Strukturen wehrten und dagegen ankämpften, erzielten beachtliche Fortschritte auf vielen Gebieten in unserer Kultur. Letztendlich nahmen hier auch die Menschenrechte ihren Ausgangspunkt.

Individualistisch geprägte Gesellschaften betonen die persönliche Freiheit in allen Lebensbereichen, sind vom Ideal der Selbstverwirklichung durchdrungen und wollen die freie Entfaltung jedes Einzelnen ermöglichen, kurz gesagt das ICH steht vor dem WIR.

Das, was für uns im Westen als selbstverständlich und größte Errungenschaft erscheint, gilt nicht für alle Kulturen. Im asiatischen Raum dominiert bis heute das Bewusstsein für die Gemeinschaft und die Pflichterfüllung gegenüber Familie und Gesellschaft. Dies wurde beispielsweise sichtbar anhand der unterschiedlichen Reaktionen der Bevölkerung auf die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-Pandemie.

Es ist an der Zeit, eine Neuausrichtung in unserer Gesellschaft, eine neue Lebenshaltung populär zu machen. 

Im Westen treten immer deutlicher auch Schattenseiten des übersteigerten Individualismus zutage. Zunehmende Vereinsamung ist die Folge, wenn Selbstverwirklichung ohne Bindung und Verantwortung angestrebt wird. Die unumschränkte Wichtigkeit persönlicher Freiheit macht Zusammenleben immer schwieriger und führt zu sozialer Spaltung. Wo Verantwortung schwindet, breitet sich Egozentrismus aus – bis in politische Konzepte hinein wie beispielsweise der Slogan: „Amerika First“.

Zusammengefasst: Der Gemeinsinn blieb in der modernen westlichen Gesellschaft immer mehr auf der Strecke und die Folgen des überzogenen Individualismus sind die Wurzel vieler unserer heutigen Probleme.

Es ist an der Zeit, eine Neuausrichtung in unserer Gesellschaft, eine neue Lebenshaltung populär zu machen.

Gemeinsinn – der Sinn für das Gemeinsame

Die Überlieferung vieler alter Kulturen und Religionen weisen darauf hin, dass wir uns als EINE Menschheit empfinden sollen und als solche ein gemeinsames Schicksal haben. Auch Aristoteles sah im Menschen ein „zoon politikon“, ein Wesen, das von Natur aus auf das Leben in einer Gemeinschaft ausgerichtet ist. Erst durch die Gemeinschaft wird der Mensch zum Menschen.

Zusätzlich lehrt uns die Natur sehr eindrucksvoll, dass Wachstum und Fruchtbarkeit nur über komplexe, kooperierende Systeme funktionieren, wie es z. B. Forschungen über die unterirdischen Netzwerke von Pilzen aufzeigen. Über diese Netzwerke des sogenannten „Wood Wide Web“ tauschen Bäume Nährstoffe und Informationen aus und stellen die Einheit in der Vielfalt her. Wir Menschen als Teil der Natur können dieses Naturgesetz nicht ignorieren und denken, es würde keine Folgen nach sich ziehen.

So scheint uns der gegenwärtige historische Moment zu zwingen, diese Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit und Verbindung als Menschheit in unser Bewusstsein und unsere Lebenshaltung zu integrieren.

Doch wie kann das gelingen?

Wir brauchen ein neues Menschenbild

Vielleicht liegt die Antwort im Wort Gemeinsinn selbst. Es vereint das Gemeinsame – wie Gemeinschaft, Gemeinsamkeit mit dem „Sinn“, der nach Tiefe und Bedeutung fragt. Und gerade darin eröffnet sich ein ganzer Kosmos an Antworten. Genau dieser Sinn scheint mit den Schattenseiten des Individualismus immer mehr zu verkümmern. Nur auf das eigene Wohl zu blicken, nur auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse zu achten, sich nur um die persönliche Entfaltung und Verwirklichung zu kümmern, hat mitunter die Nebenwirkung, dass der Sinn des Lebens aus den Augen verloren wird. Viktor Frankl hat sein ganzes Leben dem Aufzeigen von Wegen gewidmet, wie der Mensch aus seinem „Existenziellen Sinn-Vakuum“ herausfinden kann. Schon vor fast 80 Jahren erkannte er, dass das Gefühl der Sinnlosigkeit eines der größten Probleme der Zukunft werden wird. Aus einem Sinnvakuum heraus entwickeln sich Aggression, Depression und Sucht -Themen, die zu immer größer werdenden Problemen unserer heutigen Zeit werden.

Der Mensch ist eben nicht nur ein Wesen, das Lust oder Macht anstrebt, sondern (vielleicht) vor allem anderen sucht er Sinn. Wie Nietzsche sagte: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“. Der Sinn ist für den Menschen so lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Aber was ist mit „Sinn“ gemeint?

Für Viktor Frankl ist das Sinnvolle gut für mich UND die Welt. Darin liegt der feine Unterschied zur heutigen individualistischen Sicht, wo man zuerst darauf blickt, ob etwas für einen selbst gut ist, und damit wäre es automatisch gut für die Welt. Aber: Sinnvoll ist nur das, was der Einzelne in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit zum Gelingen des Ganzen beiträgt. Dahinter steht das Menschenbild Viktor Frankls, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist „wo er ganz aufgeht in einer Aufgabe oder ganz hingegeben ist an eine andere Person“. Sinn findet sich dort, wo der Augenblick von uns fordert, an der Verwirklichung der großen Archetypen des Wahren, Guten, Gerechten und Schönen mitzuwirken. Jeder Mensch ist wie ein Puzzlestein, der fehlen würde, wenn er nicht seinen Platz im Ganzen einnimmt, – und den finden wir nur mit Gemeinsinn. Ja, wir haben die Freiheit und mit ihr untrennbar verbunden auch die Verantwortung, unseren Platz im Ganzen einzunehmen.

Erst durch die Gemeinschaft wird der Mensch zum Menschen. 

Zum neuen Menschenbild gehört also, dass jeder von uns sich auf die Suche nach seinem Beitrag macht, um die Welt heiler, schöner, gerechter und ein Stück besser zu gestalten.

Text Christine Schramm

CHRISTINE SCHRAMM (MAG. PHARM.) geboren in Wien, war immer schon auf der Suche, wie man die Welt heiler machen kann. Dieser Weg führte sie zur Pharmazie, Homöopathie, Sozialarbeit und schon bald zur praktischen Philosophie.

 

Literaturhinweis:

  • Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Piper Verlag
  • Assmann, J. Assmann, Gemeinsinn: Der sechste soziale Sinn, Beck Verlag
  • Schnabel, Zusammen – Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen, Aufbau Verlag
  • Tomasello, Warum wir kooperieren, edition unseld 36

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