Geistige Immunität

Der Dalai Lama verrät, wie Sie durch Meditation die Kraft aus der Mitte stärken

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Viele Menschen glauben, Meditation bedeute einfach nur, mit geschlossenen Augen dazusitzen. Diese Art von Meditation kann sogar meine Katze, sie sitzt ruhig da und schnurrt. Wir Tibeter rezitieren oft so viele Mantras wie das „Om mani padme hum“, dass wir vergessen, den Ursachen des Leidens wirklich auf den Grund zu gehen. Vielleicht rezitiert meine Katze in Wirklichkeit „Om mani padme hum“ wenn sie schnurrt?“ Mit diesen Worten zeigt der Dalai Lama wie so oft seinen Sinn für   Humor, der nicht einmal vor seiner eigenen Religion zurückschreckt. Doch wie funktioniert sinnvolle Meditation?

Der amerikanische Journalist Douglas Abrams hat den Dalai Lama 2015 eine Woche lang zu seinen Gedanken zum Thema Freude und zu seiner spirituellen Übungspraxis interviewt. Anlass war ein  treffen des Dalai Lama mit Desmond Tutu, dem ehemaligen Erzbischof von Südafrika, einer der moralischen Leitfiguren des friedlichen Kampfes gegen die Apartheid. Aus diesen Gesprächen ging ein Buch hervor, „Das Buch der Freude“, das 2016 im Lotos Verlag erschien. Es ist eine Quelle der Inspiration, ein Einblick in den philosophischen Geist des Dalai Lama und ein Handbuch voller praktischer spiritueller Übungen.

Einige Formen der Meditation sollen einfach nur einen Zustand des Nichtdenkens herbeiführen. Sie funktionieren wie ein Schmerzmittel: Angst und Wut verschwinden für eine Weile, aber sie kommen wieder, wenn die Meditation zu Ende ist.

Dalai Lama

Alle spirituellen Traditionen haben das Ziel, Schmerz zu überwinden und zum Glück zu führen. Der Buddha lehrte vor zweieinhalbtausend Jahren, dass man dem Schmerz nicht ausweichen kann: „Das Leben ist Schmerz“ ist die erste Edle Wahrheit des Buddhismus. Vermeidung funktioniert nur bedingt, Stress, Sorgen und Schwierigkeiten holen jeden Menschen immer wieder ein. Also ist es nicht zielführend, den Belastungen und Sorgen zu entfliehen und sich nach einem „ewigen Urlaub“ zu sehnen. Viel sinnvoller ist es, mit innerer Stärke den Belastungen des Lebens zu trotzen, so wie es das Immunsystem des Körpers zeigt. Unzählige Krankheitserreger werden täglich davon abgehalten, uns zu schaden. Wir werden dann krank, wenn unser Abwehrsystem schwach wird.

„Geistige Immunität wird dadurch erworben, dass wir lernen, destruktive Gefühle zu vermeiden und positive zu entwickeln.“ Und deswegen, so führt der Dalai Lama aus, beschäftigt er sich bei seinen eigenen Meditationen mehr damit, die Ursache der Dinge zu suchen, anstatt ihre Symptome zu bekämpfen. Diese Meditationsform nennt er „analytische Meditation“. Sie hat das Ziel, Abstand zu den Alltagsgedanken und flüchtigen Emotionen zu gewinnen.

„Bei der analytischen Meditation kann man seine Gedanken als Gedanken sehen und lernt, nicht an sie gekettet zu sein, sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Man erkennt, dass die eigenen Gedanken nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Man stellt ständig die Frage: Was ist die Realität? Was ist dieses Selbst oder Ich, das wir so sehr lieben und das so viel von unserer Anteilnahme in Anspruch nimmt? Wir stellen Betrachtungen über die Unbeständigkeit und die vergängliche Natur unserer Existenz an.“ Dalai Lama Mit anderen Worten, man erkennt, wer man wirklich ist und was nur flüchtige Äußerlichkeiten sind. Meditation kommt vom Wort „meditare“, was bedeutet zur Mitte gehen, sozusagen zum Wesen einer Sache. In unserer schnelllebigen Zeit werden wir aber durch viele Einflüsse, insbesondere die Medien, die Werbung und die vielen Ablenkungen immer nach außen gezogen. Wir leben in einer Welt der Zerstreuung. Viele Menschen empfinden sich wie ein Hamster im Rad, immer am Rennen, nie ankommend. Das frustriert und macht unglücklich. Im Sanskrit bedeutet Leid „Dukkha“, was so viel bedeutet wie „eine schlechte Achse haben“, also ein Rad, das „eiert“, ist die Achse nicht in der Mitte, sondern irgendwo exzentrisch. Umgekehrt bedeutet Glück „Sukkha“, „eine gute Achse haben“, also ein Rad, das rund läuft. Wenn uns das Leben also aus unserer Achse wirft, so werden wir solange leiden, bis wir uns besinnen und zu unserem Zentrum zurückkehren. Das Zentrum steht für alle unvergänglichen Dinge, das Äußere für die flüchtigen Gedanken, Emotionen, für Besitzdenken. Diese vergänglichen Elemente zu überwinden, lehrt der Buddhismus in seinen vier Erhabenen Wahrheiten und ist das Ziel der analytischen Meditation.

Durch die analytische Meditation können wir zur Wurzel von Angst und Wut vorstoßen. Wir können zum Beispiel entdecken, dass 90 % unserer Wut mentale Projektionen sind. Wir entdecken, dass wütende Worte in der Vergangenheit geäußert wurden und außer in unserem Gedächtnis nicht mehr existieren. Wer über diese Dinge nachdenkt, vermindert die Intensität seiner Wut und entwickelt eine mentale Immunität, sodass er selten in Zorn gerät.

Dalai Lama

 

Die analytische Meditation kann verschiedenste Themen behandeln und ist eine Möglichkeit, die Ursache von negativen Emotionen zu analysieren:

Übung der analytischen Meditation:

  1. Setzen Sie sich aufrecht hin und achten Sie auf eine ruhige und tiefe Bauchatmung.
  2. Sie können die Augen offen oder geschlossen halten.
  3. Lenken Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf Themen, die mit Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Verzweiflung verbunden sind.
  4. Versuchen Sie nun, Ihre Sicht auf diese Probleme zu erweitern: Woher kommen diese Emotionen? Was davon ist begründet, was unbegründet? Wo haben Sie ähnliche Situationen in Ihrem Leben schon einmal bewältigt? Was bedeuten die eigenen Probleme in Relation mit den Problemen der Welt? Werden die Themen am Ende Ihres Lebens immer noch gleich belastend sein? Welche Tugenden oder innere Stärken können Sie dadurch nun entwickeln?

Diese Reflexion wird Ihr Bewusstsein erheben, wird Distanz zu manchen Problemen generieren und Ihre geistige Immunität fördern. Im Buddhismus wird von drei Wurzeln des Heilsamen gesprochen:

  1. Nicht-Anhaften
  2. Weisheit
  3. Mitgefühl

Durch die analytische Meditation wird die Unterscheidungskraft des Menschen, oder mit anderen Worten die Weisheit gestärkt: Was ist wichtig? Was ist dauerhaft? Was ist die Ursache der Dinge Dadurch entsteht auch ein gewisser Abstand zu den belastenden Themen des Lebens, also das „Nicht- Anhaften“.

Aber diese beiden Faktoren sind noch nicht genug. Ganz essenziell ist der dritte Punkt, das Mitgefühl. In einem buddhistischen Text aus dem 12. Jahrhundert wird über Lojong gesprochen, das Praktizieren des Mitgefühls:

Bedenke, dass du Leiden erleben wirst, solange du dich zu sehr auf dich selbst konzentrierst. Wenn du dich darauf versteifst, zu bekommen, was du willst und zu vermeiden, was du nicht willst, wirst du kein Glück finden.

Dalai Lama

Der Dalai Lama und mit ihm viele Tibeter, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sind selbst ein wunderbares Beispiel für das Praktizieren des Mitgefühls. Tausende Tibeter wurden und werden noch immer misshandelt, in grausamen Gulags, chinesischen Konzentrationslagern, festgehalten. Der entscheidende Faktor, ob sie die Qualen überstehen konnten, oder daran zugrunde gingen, ist laut dem Dalai Lama das Mitgefühl mit den Folterern. Nicht die wilde Entschlossenheit, sondern die Warmherzigkeit dessen, der weiß, welchen grausamen Fehler gegen seine Seele der andere nun aus Unwissenheit begeht.

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen darüber, dass Verletzungen bei Mensch und Tier schneller heilen, wenn sich die Individuen um andere kümmern, statt nur um sich selbst. Botenstoffe wie Oxytocin und Serotonin werden im Gehirn ausgeschüttet, die unser Glücksgefühl steigern und sich förderlich auf Heilungsprozesse im Körper auswirken. Mitgefühl bedeutet aber nicht Mitleid. „Wenn wir einen Menschen sehen, der von einem Felsbrocken zerquetscht wird, bedeutet Mitgefühl nicht, sich auch unter den Felsbrocken zu legen, um zu spüren, was der andere spürt, sondern bei der Entfernung des Felsbrockens zu helfen.“ Dalai Lama

Übung des Mitgefühls:

  1. Nehmen Sie eine bequeme Sitzposition ein
  2. Machen Sie einige tiefe Atemzüge durch die Nase
  3. Denken Sie an einen Angehörigen, einen Freund oder auch eine Person, mit der Sie Schwierigkeiten haben. Beobachten Sie, welche Gefühle auftauchen. Wenn es positive Gefühle sind, verweilen Sie bei ihnen.
  4. Denken Sie daran, dass jeder Mensch frei von Leiden sein will. Füllen Sie Ihr Herz mit dem Wunsch, dass alle Menschen frei von Leiden sein mögen. Was können Sie dafür tun? Was können Sie sagen? Wie können Sie dazu beitragen?

Was hält uns davon ab, unser Denken zu schulen – indem wir diese oder ähnliche Übungen in die Praxis umsetzen? Der Dalai Lama steht jeden Tag zwischen drei und vier Uhr auf, um für ca. vier Stunden seine Übungen zu praktizieren! Daraus bezieht er seine Weisheit, seine scharfe Intelligenz und seine unerschütterliche und ansteckende Freude! Warum sollten Sie es nicht auch versuchen?

 

Literaturhinweis:
  • Dalai Lama, Desmond Tutu, Douglas Abrams: Das Buch der Freude. Lotos Verlag, 2016, München.
  • Franz Alt, Dalai Lama: Der Apell des Dalai Lama an die Welt, Benevento Publishing Verlag, 2015, Wals bei Salzburg

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