Warum Erasmus der bessere Luther war

Zwei Kontrahenten der Kirchenreform

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Im Gedenkjahr 2017, 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation Martin Luthers, ist es sinnvoll, auch über seinen Gegenspieler Erasmus nachzudenken. Beide waren Mönche und Mitglieder eines Augustinerordens, aber beide haben sich völlig konträr entwickelt. Der Denker aus Rotterdam war in der antiken Philosophie gut gebildet, während Luther allein auf die Bibel setzte. Daher schrieb F. Nietzsche, Erasmus wäre der bessere Reformator gewesen als Luther, wenn er rezipiert worden wäre.

Martin Luther (1483 bis 1546)

Er wurde 1483 als Sohn eines Bergwerksunternehmers (Kupferbau) in Eisleben geboren, besuchte die Lateinschule in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. 1501 konnte er das Grundstudium (Trivium und Quadrivium) an der Universität in Erfurt beginnen. Nach vier Jahren hatte er dieses abgeschlossen und wollte Jurisprudenz studieren. Doch während eines Sommergewitters versprach er Gott, in einen Orden einzutreten.

Im Juli 1505 trat er in den Orden der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein, absolvierte das Noviziat und im Frühjahr 1507 wurde er schon zum Priester geweiht. Im Orden prägte ihn der Gründer Aurelius Augustinus. Denn dieser lehrte, durch die Erbsünde (vitium originale) sei der Mensch durch und durch verdorben, und deshalb könne er aus eigener Kraft keine guten Taten mehr vollbringen. Allein durch die göttliche Gnade und den Glauben an Christus sei ihm dies möglich. Der Mensch habe keinen freien Willen, er werde von Gott oder vom Teufel gelenkt. Das Schicksal jedes Menschen werde von Gott vorherbestimmt (praedestinatio).

Martin Luther hat diese Lehren voll übernommen, er setzte das Studium der Theologie in Erfurt und dann in Wittenberg fort. Im Jahr 1512 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert, danach ernannte man ihn zum Professor der Bibelauslegung in Wittenberg. Er las die Bibel in Latein und Griechisch und begann mit dem Studium des Hebräischen. Zuerst legte er die Psalmen aus, danach die Briefe des Apostels Paulus. Die Philosophie der Scholastik verachtete er, die stoischen Denker kannte er nicht. Der christliche Glaube sollte allein von der Bibel her (sola scriptura) gelebt werden.

Luther wollte nun alles aus dem Leben der Kirche entfernen, was nicht in der Bibel stand. Vom Ablass der Sündenstrafen, vom Fegefeuer, von der Verehrung der Heiligen, vom Mönchtum und vom Priesteramt, von den sieben Sakramenten oder von den Dogmen der Kirche war in der Bibel nicht die Rede. Also sollten sie aufgegeben werden. Zwei Sakramente, die Taufe und die Eucharistie, sollten fortan genügen; die Priester, die Mönche und Nonnen sollten heiraten und Kinder bekommen; die Messe sollte in deutscher Sprache gefeiert werden, die Bischöfe sollten von ihren Ämtern abtreten, in den Kirchen solle nur noch aus der Bibel gepredigt werden; der Unterschied zwischen den Klerikern und Laien sei aufzuheben; die Eucharistie soll für alle in den Gestalten von Brot und Wein gefeiert werden.

Wegen dieser Lehren wurde Luther in Worms 1519 als Ketzer verurteilt, aber sein Kurfürst Friedrich von Sachsen schützte seinen Professor. So wurde der Mönch auf die Wartburg entführt, wo er in zehn Monaten das ganze Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Dabei schuf er an die 120 neue Ausdrücke, z. B. den „Sündenbock”. Die Vorarbeiten für diese Übersetzung hatte er schon sieben Jahre zuvor begonnen. Seine Anhänger führten nun in Wittenberg und in anderen Städten die Kirchenreform durch. Doch dem Reformator Luther drohte weiterhin der Scheiterhaufen, wenn der Kurfürst seinen militärischen Schutz aufgegeben hätte. Deswegen schlug sich Luther im Jahr der Bauernaufstände auf die Seite der Fürsten und rief sie dazu auf, die revoltierenden Bauern mit Gewalt niederzuschlagen. Denn die politische Herrschaft sei von Gott eingesetzt, so stehe es schon in der Bibel (Röm 13). Hätte Luther sich gegen die Fürsten gewandt, wäre er auf dem Scheiterhaufen der Inquisition gelandet wie Jan Hus vor ihm.

In der Folgezeit verfasste der Reformator und Bibelprofessor viele Flugschriften gegen den Ablass, für die innere Freiheit der Christenmenschen, gegen die Herrschaft des Papstes und der Bischöfe, über den unfreien Willen und über das Abendmahl. Im Jahr 1534 hatte er die deutsche Übersetzung des Alten Testaments fertiggestellt. Nun schrieb er einen Kleinen und einen Großen Katechismus für den neuen Glauben. Er bat Erasmus von Rotterdam um Unterstützung seiner Reformation, was der humanistische Denker aus Holland aber ablehnte. Zum Ende seines Lebens verfiel Luther in schwere Depressionen, er schrieb voll Hass gegen den Papst und die Juden („Von den Juden und ihren Lügen“). Er starb im Jahr 1546 und wurde in der Schlosskirche in Wittenberg begraben.

Erasmus von Rotterdam (1466 bis 1536)

Ganz anders verlief die geistige Entwicklung von Erasmus, der in den Orden der Augustiner-Chorherren eingetreten war. Er war der uneheliche Sohn eines Priesters, konnte die Lateinschule besuchen und trat mit 21 Jahren in Steyn (Holland) in das Kloster ein. Dort lernte er früh die Ideen des italienischen Humanismus kennen, im Kloster wurden die antiken Autoren Cicero, Quintilianus, Vergil, Horaz, Ovid, Juvenal gelesen. Es wurden die Lehren der stoischen Philosophie und der Scholastik (Thomas von Aquin) unterrichtet. Für Thomas von Aquin und die Theologen der Dominikaner war der Mensch durch die Erbsünde nur geschwächt, nicht innerlich zerstört; jeder Mensch konnte gute Taten vollbringen im Zusammenwirken mit der göttlichen Gnade. Es gibt keine göttliche Prädestination, sondern jeder Mensch hat einen freien Willen und ist daher für seine Taten voll verantwortlich. Das war die konträre Sicht zu Augustinus und zu Luther.

Im Jahr 1492 wurde Erasmus zum Priester geweiht, danach bekam er die Stelle eines Sekretärs beim Bischof von Cambrai. Er durfte das Kloster verlassen und lebte im Status eines Weltpriesters. Doch er setzte seine Studien zunächst in Paris fort, wo er im Collège Montaigu lebte. Er schloss sich den Pariser Humanisten an und studierte die Theologie des Thomas von Aquin und die Philosophie der Stoiker. Auch er dachte an eine Reform der Kultur in Europa, aber die Bibel allein war dafür eine zu schwache Basis. Eine neue christliche Kultur sollte auf zwei Säulen aufbauen, auf der stoischen Philosophie und auf der Ethik des Neuen Testaments. Damit stand er im Gegensatz zu Luther, den er als philosophisch völlig ungebildet einstufte. Er konnte ihn bei seiner Reformation nicht unterstützen, denn Luther benutzte eine derbe Sprache und rief zum Aufruhr auf.

Erasmus hatte ein Buch „Adagia” veröffentlicht mit 500 Sprüchen und Texten aus der antiken Philosophie und Literatur, das von den Gebildeten sehr geschätzt wurde. Er reiste zu Studienaufenthalten nach Bologna und nach England. In London war er mit John Colet und Thomas More in enger Freundschaft verbunden, er hörte Vorlesungen in Oxford und Cambridge und hielt selber Vorträge. In Turin wurde er 1506 zum Doktor der Theologie promoviert. Bei seinem zweiten Aufenthalt in England verfasste er sein Werk „Lob der Torheit” (moriae encomium), in dem er sich über die Eingebildetheit der scholastischen Philosophen lustig machte.

Inzwischen hatte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Latein übersetzt und Martin Luther benutzte diese Übersetzung. Von 1517 bis 1521 leitete er an der Universität in Löwen ein Drei-Sprachen-Kolleg (Latein, Griechisch, Hebräisch), wie es bereits in Padua bestand. Er schrieb ein Werk über den freien Willen des Menschen (De libero arbitrio). Doch Luther antwortete ihm mit einer Gegenschrift (De servo arbitrio), in der er die Willensfreiheit des Menschen leugnete. Er schrieb, entweder werden wir von Gott gelenkt oder es sitzt uns der Teufel im Nacken. Darauf hat Erasmus den Briefkontakt mit Luther abgebrochen, er fand es verdrießlich, gegen die Dummheit der Mönche zu argumentieren. Er wollte im Prozess der Reformation neutral bleiben, vor allem aber keinen Aufruhr im Volk (tumultus) verursachen. Luther beschimpfte Erasmus fortan als „Heiden”, der gar kein Christ mehr sei, weil er den heidnischen Philosophen folge; er sei vom Teufel verführt worden.

In der Folgezeit verfasste Erasmus Schriften über die Erziehung der christlichen Fürsten (Institutio principis christiani), eine Klageschrift für den Frieden (Querela pacis), ein Werk über das Denken Ciceros (Ciceronianus), ein Buch über die Erziehung der Jugend (Declamatio pueris) und ein Lehrbuch für die Prediger (Ecclesiastes). Für ihn wie für die stoischen Philosophen war die ganze Welt die Heimat aller Menschen; die Kriege der Fürsten seien der Gipfel der menschlichen Torheit, denn sie bringen nur Schaden; alle Probleme zwischen den Ländern sollten durch Verhandlungen gelöst werden. Es sei die aufrechte und die kritische Vernunft, die uns allen ein besseres Leben ermögliche. Die Erziehung der Kinder in der Schule sollen die Laienchristen übernehmen, vor allem die Frauen seien dort die Vermittlerinnen und die Hüterinnen der Menschenwürde (dignitas humanis). Wir erkennen in diesen Lehren deutlich die Impulse der rationalen Aufklärung

Doch der päpstliche Nuntius sah Erasmus als einen Vorläufer Martin Luthers, deswegen wurden seine Schriften bereits 1557 auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Sie durften von Katholiken bis 1963 nicht gelesen werden. Die Lutheraner verteufelten Erasmus als einen Heiden, sie lasen ihn auch nicht. Dadurch wurden in Europa die Ansätze der rationalen Aufklärung durch die Reformation um fast 200 Jahre verschoben. Erst im 18. Jh. griffen die englischen Freidenker (freethinkers) und die schottischen Moralphilosophen die Ideen des Erasmus wieder auf. Luther und Erasmus trennten zwei völlig verschiedene Denklinien, Luther folgte den manichäischen Ideen des Aurelius Augustinus, Erasmus aber war von der Philosophie der Stoiker und des Aristoteles geprägt. Damit hatte F. Nietzsche mit seiner Einschätzung vermutlich nicht unrecht.

 

Literaturhinweis:

Huizinga, Erasmus und Luther, Kevelaer 2017

Flasch, Logik des Schreckens. Aurelius Augustinus. München 1999

W, Huber, Glaubensfragen, Evangelische Orientierung. München 2017

Köpf, Martin Luther. Der Reformator und sein Werk. Stuttgart 2016

Reinhardt, Luther der Ketzer. Rom und die Reformation. München 2016. M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen. Aschaffenbarg 2017

Gail, Erasmus von Rotterdam. München 1999

R.H. Bainton, Erasmus. Reformer zwischen den Fronten. Göttingen 1992

Halkin, Erasmus von Rotterdam. Eine Biographie. Zürich 2005

Grabner-Haider (Hg.); Kulturgeschichte der frühen Neuzeit. Göttingen 2015

 

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