Disciplina – Von der Kunst, Mensch zu werden
Von der Kunst, Mensch zu werden
TEXT Hannes Weinelt
Mir gegenüber sitzt ein 21 Jahre junger Mann. Matura mit Ach und Krach, Studium mehrfach gewechselt, jetzt abgebrochen. Orientierungslosigkeit und Frust. Suchttendenzen – Kiffen, Handy, Spiele. „Schuld sind eigentlich meine Eltern“, sagt er, „sie haben mir alles durchgehen lassen, sie haben mir keine Disziplin beigebracht!“
So hatte ich das noch nie gesehen. Seit mindestens zwei Generationen bemühen sich Eltern, antiautoritäre Erziehung zu verstehen und in die Praxis zu bringen. Sie versuchen, das autoritäre Nein durch einfühlsame und kindgerechte Erklärungen zu ersetzen. Sie vertrauen auf Eigenmotivation und Einsicht ihres Nachwuchses. Denn eine ganze Philosophen-Generation, angeführt vom großen Kritiker der westlichen Disziplinargesellschaft Michel Foucault, hatte Disziplin als pädagogisches Unwort gebrandmarkt. Und jetzt klagt ein 21-Jähriger genau dafür seine Eltern an. Also begann ich mich dafür zu interessieren.
Lob der Disziplin
Gleich am Anfang meiner Suche stieß ich auf das Buch des Pädagogen Bernhard Bueb „Lob der Disziplin“ (2006, List-Verlag). Dazu erschien ein Spiegel-Interview mit dem Titel „Disziplin ist das Tor zum Glück“. Bueb muss es wissen: Er war vier Jahre Erziehungswissenschaftler an der Universität, danach Erziehungspraktiker, davon über 30 Jahre Leiter der Schule Schloss Salem. Für Bueb ist der Bildungsnotstand die Folge eines Erziehungsnotstandes. Auf die Frage, was denn die Inhalte dieser Erziehung sein müssten, antwortete er: „Die großen Werte unserer Gesellschaft: Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit. Aber auch die Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pünktlichkeit und Ordnungssinn.“
Da sind sie, die Tugenden, deren Mangel mein 21-jähriger Klient beklagte. Seine Unfähigkeit, sich anzustrengen und mit Fehlern und Misserfolgen umzugehen, hatte ihn ins Unglück gestürzt. Disziplin ist dagegen „das Tor zum Glück der Anstrengung und des Gelingens“, sagt Bueb. Zudem kann Disziplin bei orientierungslosen Kindern heilend wirken. Sie brauchen Krücken und Geländer zum Festhalten, Regeln und Verbote. Und er verkündet prosaisch: „Die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.“ Auf die Kritik, er würde einer erzkonservativen Programmatik das Wort reden, und die Zukunft Deutschlands würde wohl eher von Kreativität und Solidarität abhängen, entgegnet er: „Kreativität und Solidarität setzen Disziplin voraus. Um im Unterricht kreativ arbeiten zu können, müssen Schüler Ordnungssinn mitbringen, sich konzentrieren können und sorgfältig arbeiten. Und sie müssen Gehorsam und Autorität anerkennen.“ Na bumm! Da würde sich Michel Foucault, der hinter jeder Regel ein Machtverhältnis sah, nicht nur im Grabe umdrehen, er würde rotieren.

Zusammenfassend skizziert Bueb folgenden Kreislauf: Wir wollen unsere Kinder berechtigt zur Selbstdisziplin und Eigenverantwortung erziehen. Selbstdisziplin jedoch entsteht nicht spontan, sie muss durch äußere Disziplin eingeübt werden. Die antiautoritäre Erziehung aber hat Disziplin delegitimiert. Eltern und Lehrer scheuen Konflikte, sie wollen lieber Freunde statt Autoritäten sein. Kinder wachsen also in Freiheit und ohne Orientierung auf, eine Freiheit, mit der sie noch nicht umgehen können. Sie werden zu Spielbällen ihrer eigenen Egozentrik, ihrer ungezügelten Neugierde, ihrer mangelnden Widerstandskräfte gegen alle Arten von Süchten. Die Folgen sind Prokrastination, Unverbindlichkeit, Unverantwortlichkeit, mangelnde Selbststeuerung, mangelnde Frustrationstoleranz – kurz: das Gegenteil von der beabsichtigten Selbstdisziplin und Eigenverantwortung.
Dieser Kreislauf leuchtete nicht nur mir ein. Auch mein 21-jähriges „Antiautoritätsopfer“ bestätigte ihn. Mit der Opferhaltung und den Schuldzuweisungen an seine Eltern räumten wir als Erstes auf. Opfer ergeben sich ihrem unvermeidbaren Schicksal, dafür wollte ich nicht bezahlt werden. Also beschlossen wir gemeinsam, den Kreislauf an der Stelle „Selbstdisziplin muss durch äußere Disziplin eingeübt werden“ zu durchbrechen. Er in seiner neuen Rolle als Übender, ich in meiner neuen Rolle als Disziplinarcoach. Und die erzielten Fortschritte schienen Aristoteles Recht zu geben: Man wird diszipliniert, indem man diszipliniert handelt. Dennoch war es noch nicht der entscheidende Durchbruch.
Über die Disziplin zum Willen
Die meisten beklagen ihren Mangel an Willen. Sie denken, ich brauche einen starken Willen, um diszipliniert zu sein, um meine gesteckten Ziele zu erreichen. Nur, wer oder was ist das überhaupt, mein Wille? Und wie hängt er mit den mir gesteckten Zielen zusammen? Will mein Klient sich tatsächlich in der Disziplin üben? Und warum? Sieht er darin einfach eine Möglichkeit, den Willen seiner Eltern, ein Studium abzuschließen, zu erfüllen? Oder den Willen seines sonstigen sozialen Umfelds, der Gesellschaft, um dazuzugehören, um anerkannt zu werden? Sind wir plötzlich mitten in der foucaultschen Kritik an der Disziplin?
Mit seinem berühmten Zitat „Disziplin macht Individuen“ beschreibt Michel Foucault, wie Disziplin den modernen Menschen als gesellschaftlich formiertes und normiertes Subjekt formt. Disziplin „als spezifische Technik einer Macht“, die nicht primär mit Gewalt und offener Unterdrückung agiert, sondern Menschen dazu bringt, Normen zu internalisieren. Das heißt, der Einzelne beginnt quasi „freiwillig“, permanent seine täglichen Schritte, seinen Schlaf, seine Kalorien, seine Körperfette, seine Arbeitszeit, seine Fokuszeit, seine Bildschirmzeit, seine Stimmungen, seine emotionalen Trigger, sein Stresslevel, seine Work-Life-Balance, seinen ökologischen Fußabdruck, seinen Konsum, seine Political Correctness zu bemessen, zu kontrollieren und zu korrigieren. Und die Selbstinszenierungen auf Social Media, wo Verhalten permanent an erwartete Reaktionen angepasst wird, sind das perfekte foucaultsche Panoptikum. In den Worten Foucaults: „Sichtbarkeit ist eine Falle“. Für ihn sind die Schulen, Universitäten, Kliniken, Fabriken und Kasernen die modernen Disziplinarinstitutionen. In diesen „produziert Disziplin unterworfene und eingeübte Körper – fügsame Körper.“
Ist mein junger Klient also gerade dabei, sich zu einem solchen „fügsamen Körper“ zu erziehen, um zu einer normierten und funktionalen Komponente unserer Gesellschaft zu werden, und ich mit meiner philosophischen Praxis bin seine Disziplinarinstitution? Ein furchtbarer Gedanke – der allerdings unser philosophisches Coaching auf eine neue Ebene hob: Wir erörterten die Frage, was ihn denn nun genau dazu motivieren würde, seine täglichen Übungen zu machen? Warum überhaupt wolle er ein disziplinierter Mensch werden? Er konnte es nicht beantworten. Er wusste es nicht wirklich – vielleicht, um kein Loser zu sein? Da war sie also – die selbstgewählte Unterwerfung unter die gesellschaftliche Norm, die bestimmt, wer ein Loser und wer ein Winner ist! Ist eher der ein Loser, der ein Studium nicht schafft, oder der, der seine Berufung und seinen inneren Traum nicht kennt oder nicht den Mut hat, ihn zu verwirklichen? Ist eher der ein Winner, der seine gesellschaftliche Rolle perfekt spielt, oder der, der sich selbst wahrhaft kennt? Die Antworten waren eindeutig – aber …? Wie gehe ich mit den Erwartungen der Eltern um? Wie mit dem Druck der Gesellschaft? Was, wenn ich dafür nicht respektiert, vielleicht sogar verspottet und gemobbt werde?

© Copilot
Jetzt waren wir am Punkt! Für die Philosophen und Schulen der Philosophie in der Antike bestand die Disziplin genau darin, sich von den Ängsten und Zwängen der eigenen Persönlichkeit zu befreien, um ein wahrhaft unabhängiges und selbstbestimmtes Individuum zu werden. Wie in Platons Höhle ist der Mensch in seinen Begierden, seiner Trägheit, seinen falschen Urteilen, seiner Zerstreutheit und natürlich in seinen Ängsten, nicht dazuzugehören und nicht anerkannt zu werden, gefangen. Und der Weg der Befreiung hin zu seinem wahren Selbst war die Disciplina. Und im wahren Selbst wohnt der Wille, vielmehr das wahre Selbst ist der Wille. An diese antike Tradition knüpft auch der italienische Psychiater Roberto Assagioli an, der die viktorianische Vorstellung des Willens als etwas Strenges, Verbietendes und Unterdrückendes als „eine Karikatur des Willens“ bezeichnete. Vielmehr ist der Wille engstens an den menschlichen Wesenskern, an sein wahres Ich gebunden. In seinem Werk „Schulung des Willens“ lesen wir: „Durch den Willen wirkt das Ich auf die anderen psychologischen Funktionen, reguliert und leitet sie.“ Aber dieser Wille muss durch eine Disziplin geschult werden.
Genauso lehren es die antiken Schulen der Philosophie: Es ist nicht zuerst ein Wille da, der uns diszipliniert sein lässt. Sondern das Praktizieren einer Lebensdisziplin befreit uns von den Fesseln unserer unvollkommenen Natur und führt uns zu unserem wahren Ich und damit zur unerkannten und unermesslichen Potenz unseres Willens. Das ist die berühmte Befreiung unserer gefangenen Seele, unseres gefangenen Willens. Über die Disziplin zum Willen!
Die vergessene Kunst des Werdens
Jetzt traten die Disziplin-Übungen in den Hintergrund. In den Vordergrund drängten sich bei meinem – ich möchte ihn nun meinen philosophischen Schüler nennen – viel essenziellere Fragen. Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich sein? Womit identifiziere ich mich? Was ist mir wirklich wichtig? Schüler heißt ja lateinisch discipulus – von discere, das Lernen bedeutet. Daraus leitet sich auch die disciplina ab. Die Disciplina war ursprünglich das Lernen, der Unterricht, die Bildung. Das, was man im antiken Griechenland die Paideia nannte (siehe den Artikel von Christoph Quarch in dieser Ausgabe). Die römische Disciplina sowie die griechische Paideia waren nicht einfach Schulbildung und Wissensvermittlung. Hier ging es um Tugend, um Charakter, um den Sinn für Schönheit, die Sprache, das Denken, auch um den politischen Sinn, um Selbstführung, kurz um eine Kultivierung des Mensch-Seins, um das Mensch-Sein an sich.

© Copilot
Ist es nicht allzu verständlich, wenn sich junge Menschen heute gegen eine Überflutung mit Informationen wehren, deren Verwendbarkeit für das Leben fragwürdig ist, und die sie überdies viel kompakter und oft besser erklärt von der KI zusammengefasst bekommen? Ist es verwunderlich, dass sich junge Menschen heute bewusst oder unbewusst verweigern, sich zu einem Funktionsbestandteil einer Welt formen zu lassen, deren Werte sie oft gar nicht verstehen und mehr und mehr sogar ablehnen? Wen kann die Orientierungslosigkeit der heutigen jungen Menschen noch überraschen, wenn es in Erziehung und Bildungsinstitutionen gar nicht um Orientierung und Berufung geht, sondern nur noch darum, sich im Konkurrenz- und Existenzkampf um einen Beruf durchzusetzen?
Nach einem Welt- und Menschenbild wird heute nicht gefragt. Das gängige, gültige? Welches ist das? Das christliche oder muslimische? Ein religiöses? Oder ein atheistisches, ein materialistisches, ein kommunistisches, ein utilitaristisches, ein existentialistisches? Was ist der Mensch überhaupt? Ich habe darauf vor einiger Zeit in einem Vortrag an der pädagogischen Fakultät der Universität Graz keine wirkliche Antwort erhalten. Sind wir uns also überhaupt einig, was es bedeutet, einen Menschen zum Menschen zu erziehen? Welche Tische würden Tischler schaffen, wenn sie sich nicht einig wären, was ein Tisch überhaupt ist? Heute werden junge Menschen entmündigt, indem ihnen alle Schwierigkeiten und Mühseligkeiten aus dem Weg geräumt werden. Oder man suggeriert ihnen, sie sind perfekt, so wie sie sind, mit all ihren Fehlern, Unzulänglichkeiten und Dummheiten. Und oft sogar beides gleichzeitig. In der Antike war jedem Menschen klar, dass er ein unfertiges Wesen ist, und dass die disciplina ihm hilft, ein vollkommeneres Wesen zu werden.
Die heutige Bildungsdebatte dreht sich nur darum, was der Mensch können soll. Wir haben vergessen, was Mensch-Werden bedeutet.
Meinen Schüler habe ich mittlerweile aus den Augen verloren. Feststellen konnte ich im Laufe unserer letzten Gespräche einen gewaltigen Zuwachs an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Ist es nicht genau das, was unsere Erziehung und unsere Bildungsinstitutionen schaffen sollen – Menschen, die sich ihres Selbst bewusst sind? Und Menschen, die sich selbst vertrauen können, die sich selbst gehorchen, um das entlang ihres Tages und ihres Lebens zu verwirklichen, was sie sich aus tiefster Seele vorgenommen haben?
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