Wandel

Eine bessere Welt ist möglich

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hat If … Was wäre, wenn …, fragt Rob Hopkins, der Begründer der Transition-Town-Bewegung (Stadt im Wandel) in seinem neuesten Buch „From What Is to What If“. Es ist keine wirkliche Frage, sondern viel mehr die Motivation, ja die Anstiftung dazu, wieder zu träumen zu beginnen und Visionen zu entwickeln von einer Welt, in der wir leben wollen. What If … endet nicht mit der Vision, sondern lässt jeden Einzelnen mitgestalten. Denn die „bessere Welt“ findet nicht irgendwo statt, sondern in den eigenen vier Wänden und vor der eigenen Tür.

Die Zukunft ändert ihre Richtung

Es erscheint beinahe zynisch in einer Zeit, die durchgeschüttelt wird von einem Komplex an Krisen, den wir in diesem weltweiten Ausmaß noch nicht erlebt haben, von einer besseren Welt zu sprechen. Dabei ist die Gesundheitskrise, ausgelöst durch die weltweite Covid-19 Pandemie, nur eine Facette. Die wirtschaftlichen Folgen, verbunden mit den noch nicht abschätzbaren Konsequenzen für unsere Gesellschaft, wiegen hier noch um einiges schwerer. Nicht zu vergessen, die Klima-Krise, das Verschwinden der Arten, die zur Neige gehenden Ressourcen … Gründe genug, um endgültig zu resignieren. Oder darauf zu warten, dass andere, die Großen und Mächtigen, die „richtigen“ Strategien entwickeln werden. Oder die großen Herausforderungen ignorieren und sich auf die Wiederherstellung des alten Zustandes konzentrieren. Die Strategien sind unterschiedlich und jede einzelne ist nachvollziehbar. Denn die alte Realität hat uns gut gedient, zumindest uns Menschen des globalen Nordens. Sie hat uns auch ein wenig träge gemacht und die Fähigkeit für kreative, neue Lösungen, die letztlich in jedem Menschen steckt, in den Standby-Modus versetzt.

Doch tief im Inneren ahnen wir, dass es diesen alten Zustand nicht mehr geben wird. Oder so wie der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx feststellt: „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert.“ Eine elegante Umschreibung dessen, was wir als Krise kennen. Aber nicht die Sorte von Krisen, die wir über mehr oder weniger große Anpassungen überwinden können, sondern jene, die die Fachwelt als Tiefenkrisen bezeichnet. „Am First des Daches, wo es kein Weiterkommen in derselben Richtung mehr gibt, sondern nur mehr links runter oder rechts runter“, so beschreibt der deutsche Philosoph Christoph Quarch die Bedeutung des alten griechischen Wortes „crisis“ in einem eindrucksvollen Bild.

Wie „geht“ Wandel?

„Die Krise als Chance betrachten“ – dieser Satz ist gerade in den letzten Monaten allzu oft und manchmal auch zu leichtfertig gefallen. Auch wenn dahinter das ehrliche Bemühen steht, dem Ganzen einen Sinn abzuringen. Krisen sind aber zu allererst heftige Erschütterungen, die Menschen in Not, Verzweiflung und Ängste stürzen und außerstande setzen können, irgendeine Alternative zu sehen. Erst dort, wo sich eine andere, vielleicht noch ferne neue Perspektive auftut, kann die Krise zur Chance werden. „Erst wenn sie zu einem Change, zu einem Wandel wird, kann sie ihr transformatives Potenzial entfalten“, meint Matthias Horx.

Nicht nur in der „Generation Greta“, sondern quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen wird der Ruf nach dem Wandel immer lauter. Wirtschaftswandel, Gesellschaftswandel, Bewusstseinswandel – er hat viele Namen. Gleichzeitig bewegt sich aber wenig. Denn viele stehen vor der Frage: Wie geht Wandel? Je öfter wir diese Frage stellen, desto größer und Respekt einflößender wird er. Der Wandel wird zu einer übermächtigen, unbewältigbaren, ja titanischen Aufgabe, weit entfernt von unseren bescheidenen Möglichkeiten.

Oder vielleicht doch nicht? Wenn wir zurückgehen zur eigentlichen Bedeutung des Wortes, verliert der Wandel viel von seinem „Schrecken“, denn es ist kein finaler Zustand, sondern ein Übergangsstadium: Er bezeichnet nicht ein Angekommen-Sein, sondern ein Unterwegs-Sein. Noch deutlicher wird die Botschaft des Wandels, wenn wir den Begriff „Transition“ dazunehmen. Dieser leitet sich vom Lateinischen „transire“ ab, was so viel bedeutet, wie von einem Zustand zu einem anderen hinüberzugehen.

Transition setzt keine fixfertige Gewissheit von diesem anderen Zustand voraus, aber es braucht eine Ahnung, eine Vision, die unsere Sehnsucht schürt. Transition braucht auch nicht die große Katastrophe, um unseren Status quo zu verlassen, sondern ein geschärftes Bewusstsein für das, was nicht mehr stimmt. Und schließlich ist Transition kein hektisches Rennen, sondern ein Gehen, das auch ein Stehenbleiben, Nachdenken und Umwege einschließt. Ausprobieren, Fehler machen, das Scheitern riskieren. So verstanden wird der Wandel zu einem lebendigen Prozess, der eines voraussetzt – das eigene Aktivwerden.

Warum wir die Vorstellungskraft brauchen

Wandel lässt sich in kein fertiges Schema pressen, auch wenn die verschiedenen Change-Management-Schulen uns das mit ihren minutiösen Handlungsanleitungen suggerieren. Denn es ist zuallererst ein innerer Prozess. Ein Prozess, in dem die Vorstellungskraft eine besondere Rolle spielt. Es ist die Fähigkeit, sich eine andere Welt vorzustellen in Bildern, die uns mitreißen, die uns emotional bewegen, die uns tief innen berühren und zur Realisierung anspornen. Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Vorstellung eines Menschen“, sagt Astrid Lindgren, eine Meisterin der Vorstellungswelten. Noch einen Schritt weiter geht der französische Philosoph Gilbert Durand, wenn er sagt, dass die Vorstellungskraft die Königin aller menschlichen Fähigkeiten ist, da sie uns hilft, Ereignisse in der Welt und unser eigenes Leben bildhaft, symbolisch zu verstehen und ihnen damit Sinn und Bedeutung zu geben.

Das neue Buch von Rob Hopkins, Begründer der Transition-Bewegung. © Rob Hopkins

 

Imagination ist ein anderes Wort für die Vorstellungskraft, das sich vom Lateinischen „Imago“ ableitet, was „Bild“ bedeutet. Es geht weniger darum, ein beliebiges äußeres Bild reproduzieren zu können, sondern sich mit dem eigenen Reservoir an inneren Bildern in Beziehung zu setzen und so etwas Neues zu gestalten. Dieses Neue beinhaltet den Antrieb, sich zu verwirklichen, zu manifestieren, nach außen zu treten. Das ist es, was uns anspornt, etwas in unserem Leben zu verändern – ein starkes inneres Bild. Auch der deutsche Gehirnforscher Gerald Hüther spricht von der Macht der inneren Bilder und der Kraft der Imagination, die wir einem Überangebot an äußeren Bildern entgegenstellen müssen, um den drängenden Fragen unserer Zeit zu begegnen.

„Die Klimakrise ist ein Mangel an Vorstellungskraft“, stellt Rob Hopkins fest und verweist damit auf eine andere Krise, die schon in den 1990ern offensichtlich wurde – die Krise der Kreativität. Studien zeigten, dass der IQ als Indikator für das rationale-kognitive Denken weltweit beständig ansteigt, während die Entwicklung der Kreativität einem kontinuierlichen Abwärtstrend folgt. Doch gehen uns wirklich die Ideen aus? Mitnichten, meinen Neurobiologen, denn diese Fähigkeit ist plastisch und erneuerbar bis ins hohe Alter. Wenn wir unsere Kreativität wieder benutzen, wächst sie und bringt immer wieder Neues hervor, von dem wir nicht wussten, es denken, vorzustellen, es tun zu können. Genau an dieser Stelle beginnt der Wandel.

Transition Town – Ein Beispiel geht um die Welt

Es gibt kein Rezept für den Wandel. Aber es gibt Beispiele – weltweit, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, unter unterschiedlichen Namen – die eindrucksvoll beweisen, dass eine bessere Welt möglich ist. Sind es nicht gerade diese Beispiele, die uns am meisten motivieren? Mit all ihrem Ringen um das Bessere, mit ihren Erfolgen, mit ihren Fehlern und ihren Unvollkommenheiten. Sie sind es, die Dokumentationen, wie „Tomorrow“ zu Best-Viewern machten. Weil sie Menschen zeigen, die Initiative ergreifen. Oft kaum mit Mitteln ausgestattet, aber dafür mit einer starken Vorstellungskraft und einem tiefen Sinn für die Gemeinschaft.

Totnes in England: eine ganz „normale“ Stadt, die zum Zentrum und pulsierenden Laboratorium einer weltweiten Bewegung wurde. © 70124681 © Tomas Marek | Dreamstime.com

 

What if … war auch der Ausgangspunkt für die erste Transition Town. Totnes in der südenglischen Grafschaft Devon mit seinen 8.000 Einwohnern hatte eigentlich nichts Besonderes vor. Bis zum Jahr 2006, als sie von Rob Hopkins, einem irischen Permakultur-Experten und Begründer der Transition-Town-Bewegung entdeckt wurde. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Schließung einer Fabrik und einer Kunsthochschule stellten die Stadt vor die Entscheidung – Wandel oder Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Heute ist Totnes Hauptstadt und pulsierendes Laboratorium für eine weltweite Bewegung, die mittlerweile in 50 Ländern und über 4.000 Initiativen aktiv ist. Die Grundidee ist einfach „Lokal handeln und damit die Welt verändern“.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass jährlich Tausende Menschen nach Totnes pilgern, denn hier kann man „in echt“ erleben, wie ökologische Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und soziales Miteinander ineinandergreifen. Nicht alle Projekte sind neu, nicht alle sind sensationell und natürlich sind nicht alle erfolgreich. Aber sie zeigen, wie aus einer Krise durch die Initiative der BürgerInnen eine neue Stärke entstehen kann.

  • „Unglaublich essbar“: Unter diesem Motto arbeitet Totnes seit 2007 konsequent daran, zu einer „essbaren Stadt“ zu werden. Seither werden jedes Jahr Nuss- und Obstbäume gepflanzt, auf Freiflächen neue Kräuter- und Gemüsebeete angelegt und damit das ganze Stadtgebiet in einen großen öffentlichen Garten verwandelt. Die gemeinschaftliche Betreuung, genauso wie die gemeinsame Ernte, bringt Menschen zusammen und macht den öffentlichen Raum zu einem Ort der Begegnung.
  • Das „Hafer-Projekt“: Sich selbst versorgen zu können, ist eine der Visionen von Totnes. Den Anfang machte der Hafer, mittlerweile auch Urkorn, zwei perfekt an die lokalen Klimabedingungen angepasste Getreidesorten. Eine Mühle, eine Artisan Bäckerei sowie eine Craft-Bier Brauerei entstanden in der Stadt.
  • „Transition Homes“: Auch das gemeinschaftliche Bauen und Wohnen darf in Totnes nicht fehlen. Unter dem Motto „Von der Gemeinde für die Gemeinde“ entstanden 27 Eigenheime, die den Standards des ökologischen und energieeffizienten Bauens entsprechen mit einer Reihe von Gemeinschaftsräumen, die der allgemeinen Nutzung zur Verfügung steht.
  • „Inner Transition“: In Workshops und Veranstaltungen wird dabei die Frage erörtert, wie individuelle Resilienz, aber auch die Resilienz der Gemeinschaft gestärkt werden kann.
  • „Play Group“: Mit einem bunten wöchentlichen Programm werden vor allem Erwachsene dazu angeregt, dem Spiel fixe Zeiten einzuräumen.
  • „Das Skillshare Projekt“: Wurzelt in der Idee, dass jeder Mensch wertvolle Fähigkeiten und Talente hat. Handwerkliche Fähigkeiten oder Computerkenntnisse haben hier genauso ihren Platz wie die Fähigkeit, zuhören zu können. Für den Einzelnen entsteht dadurch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Totnes ist nicht das Paradies. Und eine Transition Town ist nicht die einzige Möglichkeit, um einen Wandel herbeizuführen. Aber es zeigt, dass eine bessere Welt möglich ist.

Wir dürfen nur nicht aufhören, zu träumen …

 

Literaturhinweis:

  • HOPKINS, Rob: From What If to What Is, Chelsea Green Verlag, 2019
  • HOPKINS, Rob: Einfach. Jetzt. Machen! Oekom Verlag, 2014
  • HORX, Matthias: Die Zukunft nach Corona, Econ Verlag, 2020
  • QUARCH, Christoph: Neustart: 15 Lehren aus der Corona-Krise, legenda Q Verlag, 2020

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