Das Wunder der Geburt

Das Wunder der Geburt

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Während die Philosophen seit Platon vor allem über die Sterblichkeit des Menschen nachgedacht haben, beschäftigte sich die Philosophin und politische Denkerin Hannah Arendt mit der „Gebürtlichkeit“, wie sie „Natalität“ übersetzt hat. Ihre Philosophie ist eine des Anfangs und des Anfangens.

 

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annah Arendt war laizistische Jüdin, geboren 1906 in Hannover und aufgewachsen in Königsberg. In Marburg studierte sie Griechisch und protestantische Theologie – der Grund für diesen Studienzweig ist mir nie ganz klar geworden, Ideen und Ausdrucksweisen finden sich aber überall in ihrem Werk; wir werden noch darauf zurückkommen, – vor allem aber Philosophie bei Martin Heidegger, dem „shooting star“ unter den deutschen Philosophen. Der damals fünfunddreißigjährige verheiratete Heidegger und die brillante achtzehnjährige Studentin begannen ein geheimes Liebensverhältnis, denn Heidegger wollte seine Karriere auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Abgesehen von der physischen Attraktivität bestanden auch eine tiefe und langandauernde intellektuelle Anziehungskraft und geistige „Befruchtung“ zwischen den beiden, denn Heidegger schrieb in dieser Zeit sein 1927 erschienenes Werk „Sein und Zeit“, das zu den bedeutendsten philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts gehört. Darin sieht er das menschliche Leben als ein „Sein zum Tode“, dem Hannah Arendt später ihr Konzept von der Gebürtlichkeit des Menschen entgegenstellt. (Manchmal wird von „Geburtlichkeit“ gesprochen, aber Hannah Arendt verwendet durchgehend „Gebürtlichkeit“.)

Sie schließt ihr Philosophiestudium bei Karl Jaspers in Heidelberg über den „Liebesbegriff bei Augustinus“ ab. Augustinus war ein sehr einflussreicher frühchristlicher Kirchenvater und Bischof (354 – 430), in dessen Werk „Vom Gottesstaat“ sich folgende Aussage findet: „Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.“ Das ist vermutlich das Samenkorn, das in ihrem 1958 erschienenen Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ aufgegangen ist. Darin präzisiert sie: „…, dass mit jedem von uns ein Anfang in die Welt kam und das Handeln im Sinne des Einen-Anfang-Setzens nur die Gabe eines Wesens sein kann, das selbst ein Anfang ist.“ Sie meint damit, dass durch die Tatsache unsere Geburt jeder von uns einen Anfang, lateinisch ein „initium“ hat, und wir deshalb die „Initiative“ ergreifen, also handeln können.

„Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.“

Handeln wiederum bedeutet für Hannah Arendt immer, in Beziehung zu anderen Menschen zu treten und mit ihnen zusammen, durch Sprache und Tat, die Welt in eine menschliche Welt zu verwandeln.

Vita activa oder Vom tätigen Leben

Der Rückzug ins Private, die „weltlose“ Liebe, die nur der eigenen Person und Familie gilt, war Hannah Arendt ein Gräuel. Deutlich zeigte sich diese Haltung bei vielen Mitläufern im Nationalsozialismus, auch bei ihrem geliebten Lehrer Heidegger, aber das war Hannahs Sache nicht. Sie floh zuerst nach Paris, wo sie einige Jahre für eine jüdische Organisation arbeitete („Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich auch als Jude verteidigen“) und fand dann mit ihrem zweiten Mann und ihrer Mutter Aufnahme in den USA. Das war die Zeit, in der sie zu einer politischen Denkerin wurde. Als solche, und nicht als Philosophin, sah sie sich selbst, wie sie in dem berühmten Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964 betonte.

Die Anfänge in New York waren in jeder Hinsicht schwierig. Das änderte sich erst mit dem Erscheinen ihres Buches „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951. Ab diesem Zeitpunkt lehrte sie an verschiedenen Universitäten und war als Vortragende sehr gefragt. Ihre Geburtsphilosophie, die zwar in „Vita activa“ ausgearbeitet wird, ist jedoch ein Kern ihres gesamten Denkens. Es geht ihr um das Handeln, und handeln, wie sie es versteht, ist immer politisch, nicht notwendigerweise in dem Sinne, dass jemand die Politik zu seinem Beruf macht, sondern als Mitgestaltung der Welt, als ein „zur Welt kommen“ im eigentlichen Sinne.

Der wirklichkeitsverändernde Zug freien Handelns

Zur Welt zu kommen bedeutet auch, sich auf die Welt einzulassen. Es steht dem Menschen jedoch frei, diese Chance, die ihm mit seiner Geburt gegeben ist, nicht wahrzunehmen. Wer jedoch handelt, macht damit seine Freiheit geltend, denn, so Hannah Arendt: „Solange man handelt, ist man frei, nicht vorher und nicht nachher, weil Handeln und Freisein ein und dasselbe sind.“ Solange man handelt, wäre noch anzufügen, macht man Fehler. Deshalb, sagt Hannah Arendt, brauchen wir Vergebung. Wir müssen uns gegenseitig unsere Fehler vergeben, auch weil wir nie genau wissen können, welche Konsequenzen unser Handeln hat. Auch seinen Mitmenschen ein Versprechen zu geben, gehört für sie zum Handeln, weil das bedeutet, sich auf etwas festzulegen. Wichtig sind hier die anderen: Ein Versprechen, das man sich selbst gibt, ist wertlos.

Ihr Buch, das im Deutschen den Titel „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ trägt, war zuerst in Amerika auf Englisch erschienen. Dort heißt das Buch „The Human Condition“, was so viel wie die Bedingungen und die Umstände des menschlichen Daseins bedeutet.

Der Rückzug ins Private, die „weltlose“ Liebe, die nur der eigenen Person und Familie gilt, war Hannah Arendt ein Gräuel.

Hannah Arendt auf dem 1. Kultur- kritikerkongress 1958, Fotografie von Barbara Niggl Radloff

 

Für Hannah Arendt sind das „das Leben selbst und die Erde, Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität“. „Menschliche Pluralität ist eine Vielheit, die die paradoxe Eigenschaft hat, dass jedes ihrer Glieder in seiner Art einzigartig ist.“ Man sieht schon, dass Religion, Spiritualität, Transzendenz in ihrem Denken keinen Platz haben. Dennoch verwendet sie Begriffe wie Vergebung, Wunder, Glaube und Hoffnung, deren „Stoßrichtung“ sie jedoch umdreht. Wo diese Begriffe im religiösen Bereich „aus der Welt hinaus“ in einen transzendenten Bereich verweisen, gebraucht sie diese „innerweltlich“. Vergebung müssen sich die Menschen gegenseitig zusprechen. „Das Wunder, das den Lauf der Welt und den Gang menschlicher Dinge immer wieder unterbricht und vor dem Verderben rettet, …, ist schließlich die Tatsache der Natalität, welches die ontologische [auf das Dasein bezogene] Voraussetzung dafür ist, dass es so etwas wie Handeln überhaupt geben kann. … Nur wo dies voll erfahren ist, kann es so etwas geben wie, Glaube und Hoffnung‘.“

Wenn ich könnte, würde ich jetzt Händels „Messias“ einspielen, vielleicht nicht alles, aber das berühmte „Halleluja“ und „…for unto us a child is born“, uns ist ein Kind geboren; beides und mehr kann man sich auf YouTube anhören. Hannah Arendt hat dieses Oratorium 1952 in München gehört und ihrem Mann begeistert davon berichtet.

Amor mundi, die Liebe zur Welt

Das Wort Natalität kommt vom lateinischen „natalis“, die Geburt betreffend. Weihnachten, das Fest, an dem die Christen die Geburt Jesu feiern, hat in den romanischen Sprachen diese Wurzel behalten, am deutlichsten im Italienischen, wo es „Natale“ heißt. Im Lichte dessen, was wir jetzt von ihr wissen – politische Denkerin und laizistische Jüdin –, ist folgende Aussage von Hannah Arendt doch sehr erstaunlich, die ich zur Gänze zitieren möchte (sie steht in der von mir verwendeten Ausgabe von Vita Activa auf Seite 243) und die zeigt, welchen Umfang und welche Offenheit ihr Denken hatte: „Dass es in dieser Welt eine durchaus diesseitige Fähigkeit gibt, ,Wunder‘ zu vollbringen, und dass diese wunderwirkende Fähigkeit nichts anderes ist als das Handeln, dies hat Jesus von Nazareth (dessen Einsicht in das Wesen des Handelns so unvergleichlich tief und ursprünglich war wie sonst nur noch Sokrates‘ Einsichten in die Möglichkeiten des Denkens) nicht nur gewusst, sondern ausgesprochen, wenn er die Kraft zu verzeihen mit der Machtbefugnis dessen verglich, der Wunder vollbringt, wobei er beides auf die gleiche Stufe stellte und als Möglichkeiten verstand, die dem Menschen als einem diesseitigen Wesen zukommen.“

Hannah Arendt war in den beiden letzten Jahrzehnten ihres Lebens (sie ist 1975 in New York City gestorben) eine weltbekannte Intellektuelle. Kurz sei noch auf ihre Rolle als Beobachterin beim Eichmann-Prozess in Jerusalem verwiesen und auf ihren diesbezüglichen Bericht, der im „The New Yorker“ erschienen ist.

„Solange man handelt, ist man frei, nicht vorher und nicht nachher, weil Handeln und Freisein ein und dasselbe sind.“

Ihre auf Eichmann gemünzte Formulierung von der „Banalität des Bösen“ hat ihr viel Kritik eingebracht, aber getreu ihrer Wertschätzung des Handelns hatte sie sich nie gescheut, sich in die politische Arena zu begeben und sich der Öffentlichkeit auszusetzen. Der Eichmann-Bericht hat sie viele Freunde gekostet. Dabei gehörte die Freundschaft zu ihren besonderen Begabungen. Sie besuchte selbst Martin Heidegger und seine Frau, die jetzt von der ehemaligen Beziehung wusste, immer wieder. Heideggers „braune“ Vergangenheit war für sie ein Grund, kritisch darüber zu sprechen, aber kein Grund, die Freundschaft aufzukündigen. Auch ihren ehemaligen Doktorvater Karl Jaspers und dessen Frau sah sie bei jedem ihrer Besuche in Europa. Als er 1958 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hielt sie die Laudatio in der Frankfurter Paulskirche.

Hannah Arendt feiert den Anfang und die Freiheit des menschlichen Handelns. Packen wir’s an!

Quelle: Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Serie Piper, Piper Verlag München 1981

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