Wieviel Ich sind wir wirklich?

Eine kleine Geschichte der Individualität

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ir geben Geld aus, um uns von anderen abzuheben. Wir besuchen Seminare, um uns selbst zu finden. Wir wollen individuell sein. Nein, wir müssen es: Unseren eigenen Lebensstil haben, unsere eigenen Werte und Meinungen, unseren eigenen Humor und unsere eigenen Verrücktheiten. War dies schon immer so? Und vor allem: Ist es wirklich so?

Was an mir ist individuell? Sofort denke ich: alles! Denn alles ist in seinem Moment und in seiner Form einzigartig und unwiederholbar. Selbst wenn ich die abgedroschenste Lobesfloskel „Super“ verwende oder alternativ „Supi“, nur noch zu toppen, wenn ich es mit dem Daumen hoch kombiniere, so ist es doch aus meinem Munde und mit meinem Daumen einzigartig. Im selben Moment aber denke ich: nichts! Gerade schreibe ich an diesem Artikel. Werde ich auch nur einen einzigen wirklich individuellen Gedanken zu Papier bringen? Und Sie? Ist es eine spezielle Mode, die uns individuell macht? Oder ist es nicht genau die Mode, die uns als Konformisten, als Mainstreamer entlarvt? Denn aus dem lateinischen modus kommend steht Mode für das normierte Maß, für den allgemeingültigen Geschmack. Also für das, was Mann/Frau gerade so tut, trägt und konsumiert.

Was aber macht unsere Individualität nun aus? Als das „Unteilbare“ (griech. atomos, lat. individuum) wird es mit unserer Essenz in Beziehung gebracht. Etwas, das bereits in uns angelegt ist, und das durch die Erziehung und durch die Arbeit an uns selbst kultiviert wird. Um dies zu verdeutlichen, werfen wir einen kurzen Blick auf …

Die Geschichte der Individualität    

Die griechischen Sophisten ab dem 5. Jahrhundert. v. Chr. sollen als Erstes das Individuelle über das Allgemeine gestellt haben. Die Protagoras zugeordnete Aussage, wonach

„der Mensch das Maß aller Dinge“

sei, wurde von Platon heftig kritisiert. Denn damit würde alles subjektiv und den menschlichen Bedürfnissen und Befindlichkeiten untergeordnet. Für ihn und auch seinen Schüler Aristoteles ist der Mensch ein zoon politikon, ein soziales und politisches Wesen. Derjenige, der sich nur um sich selbst und seine privaten Angelegenheiten kümmert, bekam die damals neutrale – heute weniger schmeichelhafte Bezeichnung – idiotes.

Was an mir ist individuell?
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Solche „Idioten“ waren einige Jahrhunderte später unter den römischen Kaisern willkommen. Denn diese brauchten keine eigenständig denkenden, politischen Individuen, sondern von „Brot und Spiele“ abgelenkte und eingelullte Gefolgsmänner. So wurde die ungebildete, aber schnell erregbare Masse ruhig gestellt.

Im europäischen Mittelalter war der Mensch der Willkür Gottes und dessen Stellvertreter auf Erden, Adel und Klerus, unterworfen. Das Diesseits konnte durchaus leidvoll sein, die Erfüllung wartete im Jenseits. Dies änderte sich radikal in der Renaissance mit ihrer wichtigsten Geistesströmung, dem Humanismus. Hier rückte die Bedeutung jedes einzelnen Menschen und seine freie Entfaltung im Hier und Jetzt ins Zentrum.

Der Mensch als Individuum mit seinen individuellen Begierden, Hoffnungen und Sehnsüchten war geboren.

Vor allem in der Kunst zeigte sich dieses wiederentdeckte Ich: Dürer, Raffael, Tizian und Co malten Selbstporträts. Rembrandt sogar 90! Denker und Literaten verfassten Autobiografien. Der große Renaissance-Gelehrte Erasmus von Rotterdam berichtete ausführlich über seine persönlichen Interessen, Freuden und Leiden.
All diese Entwicklungen des Menschen zu einem Individuum konkretisierten sich in der Aufklärung und gipfelten in den Kant´schen Parolen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Und: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Der Mensch ist also umso mehr Individuum, umso mündiger und verantwortungsbewusster er wird, umso mehr er selbstständig denkt und seine eigene, einzigartige Sicht auf die Welt entwickelt.

Dieses subjektive Denken und die damit einhergehende Individualisierung griff mit der Revolutionsrhetorik „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zunächst auf das Bürgertum und schließlich auf die Arbeiterschichten über.

Die Individualisierung wurde zu einem Massenphänomen.

Damit gingen jedoch nicht automatisch die Mündigkeit, das Verantwortungsbewusstsein und das

Wir sind eine anonyme Masse geworden
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selbstständige Denken jedes Einzelnen einher. Vielmehr kam es Ende des 19. Jahrhunderts, basierend auf den Erkenntnissen Siegmund Freuds über das Unbewusste im Menschen, zu einem Verständnis und einem Umgang mit der Psychologie der Massen. Das gerade geborene Individuum wurde in die Unmündigkeit des Konsummenschen zurückgedrängt. Geschickte Marketingstrategen drehten am Bedürfnisrad und verstrickten den Einzelnen in persönliche Wünsche, Befindlichkeiten und Selbstverwirklichungsstreben. Der deutsche Philosoph Max Stirner hatte Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlage dafür geschaffen:

„Mir geht nichts über mich.“

Die Individualisierung war endgültig zum Individualismus mutiert, also zum Vorrang des Individuums vor der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft und der Staat sollen nur noch die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen der Einzelne seine Bedürfnisse befriedigen und seine Ziele verwirklichen kann.

 

„Wir sind so individualistisch geworden, man kann uns kaum mehr unterscheiden.“

Dieser Aphorismus des Schweizer Medienanalysten Heimito Nollé bringt das Dilemma auf den Punkt: Denn Individuum bedeutet, unteilbar und einzig zu sein. Gelingt diese Unterscheidung von unserer Umwelt jedoch nicht über ein inneres Sein durch eigenständiges Denken und einen eigens herausgearbeiteten Charakter, dann versuchen wir es über den äußeren Schein wie Kleidung, Auto, Frisur, Urlaubsziele oder Extremsport. Was aber sollen wir in unserer Massengesellschaft noch anstellen, anziehen, anstreben, uns und anderen antun, was nicht schon Tausende vor uns gemacht haben? So sehr uns die Werbeindustrie mit jedem Produkt Individualität verkaufen will, so bleiben es doch nur Produkte, die von außen kommen. Die wir weder selbst erdacht noch geschaffen haben. Dass wir jetzt beim britischen Label Burberry oder bei Tiffany & Co die verschiedensten Accessoires mit individuellen Monogrammen versehen lassen können, dass wir unseren Adidas- und Nike-Sportschuhen neuerdings ein individuelles Muster verpassen können, macht es nicht wirklich besser.

Es zeigt nur noch deutlicher, wie sehr wir durch Individualismus versuchen, der Bedeutungslosigkeit der Masse zu entkommen.

Während der individuell karierte Turnschuh zu den harmlosen Auswirkungen des Individualismus gehört, liegen weit gravierendere Folgen auf der Hand: Vor allem der Selbstverwirklichungs-Individualismus im Gefolge der 68er-Bewegung mit der ständigen Selbstbespiegelung „Hallo, wie geht´s mir gerade?“ und dem ständig aktiven Bauchgefühlsbarometer „Es fühlt sich gerade nicht stimmig an!“ haben uns regelrecht beziehungsunfähig gemacht. Vereinzelung, Vereinsamung und Geburtenarmut befinden sich im Schlepptau. Behinderung der beruflichen Karriere und der individuellen Freizeitgestaltung werden als Hauptgründe für den fehlenden Kinderwunsch genannt.

Seit der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert wurde von einem Individuum als „Charakter“ gesprochen. Ab dem 20. Jahrhundert kam es mehr und mehr zum Begriff der „Persönlichkeit“. Der US-amerikanische Kulturhistoriker Warren Susman verglich die jeweils dafür gebräuchlichsten Begriffe: Mit Charakter wurden im 19. Jahrhundert Begriffe wie Moral, Verantwortlichkeit, Ehre, Integrität, Demokrat, Bürger, Heldentaten und Manieren assoziiert. Mit Persönlichkeit im 20. Jahrhundert dagegen faszinierend, umwerfend, attraktiv, kreativ, strahlend, überragend usw. Susman beschreibt den Wandel des Individuums von der Charakterbildung mit der Entwicklung von Moral und Tugend hin zur Persönlichkeitsverwirklichung mit der Entwicklung von persönlichen Hobbys, Moden und Besitztümern. Ging es in der „Kultur des Charakters“ um das gute Benehmen und die gute Tat, ausgehend von einem edlen Herzen und einer noblen Gesinnung, geht es heute in der „Kultur der Persönlichkeit“ um den guten Eindruck, wie man am besten auffallen und gelikt werden kann. Benötigt demnach wirkliche Individualität eine Rückkehr zu

 

Charakterbildung statt Performance?

Der Mensch am Gipfel der Selbstverwirklichung?
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Charakter stammt aus dem Griechischen und bedeutet Prägung. Es ist das Monogramm, das eingravierte Zeichen, mit dem beispielsweise ein Künstler sein Kunstwerk signiert. Ab dem 17. Jahrhundert wird dieser Begriff mit der Summe aller Qualitäten assoziiert, die einen Menschen einzig und unverwechselbar, also zu einem Individuum machen. Charakter ist angeborene Prägung, die Prägung durch die Erziehung sowie die Prägung durch unsere alltäglichen Erfahrungen und die fortwährende Arbeit an uns selbst.

James Davison Hunter beschreibt in seinem Buch The Death of Character die drei Eigenschaften eines wahren Charakters: Die erste nennt er „Moralische Disziplin“, die Fähigkeit der Selbstbeherrschung und Selbstführung, vor allem in schwierigen Lebenssituationen. Die zweite heißt „Moralische Unterstützung“, da sich der wahre Charakter immer für etwas Höheres und Größeres einsetzt, das die eigene Persönlichkeit und die eigenen Interessen übersteigt. Und die dritte ist die „Moralische Autonomie“.

Die konsequente Arbeit am eigenen Charakter braucht manchmal Helm
und Feuerlöscher
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Denn ein Charakter entscheidet sich freiwillig und unabhängig für sein Handeln, nicht weil äußere Faktoren wie Ansehen, gesetzlicher Zwang oder Political Correctness ihn dazu zwingen.
Individualität lässt also jede Form von Egomanie weit hinter sich zurück. Sie entsteht durch eine konsequente Arbeit am Charakter.

Die reine, wenn auch gelungene Performance reicht nicht. Individualität ist Sein, nicht Schein. In diesem Sinne halte ich die Aussage von Dirk de Sousa für nachdenkenswert:

„Individualität besteht nicht darin, sich von anderen zu unterscheiden, sondern in dem Gefühl, eins mit ihnen zu sein.“

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