Das Heimweh der Seele

Warum die Odyssee keine Seefahrt, sondern der Weg zu uns selbst ist

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Würden Sie 20 Jahre in liebevoller Sehnsucht auf Ihren „verschwundenen“ Ehepartner warten? – Sicherlich nicht. Daher muss hinter dieser Geschichte der Odyssee mehr stecken. Spüren Sie im Inneren nicht eine tiefe Sehnsucht, ein leises, aber drängendes Sehnen nach Ankommen? Und wie können auch Sie Ihr Ithaka erreichen?

Dieser Mythos ist mehr als 3000 Jahre alt. Er wurde vermutlich um 800 v. Chr. vom griechischen Dichter Homer (auf)geschrieben. So entstanden die zwei Epen der Ilias und der Odyssee, die heute zu den ältesten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur zählen. Die Ilias beschreibt die Wirren des Trojanischen Krieges; die Odyssee schließt daran an mit der zehn Jahre dauernden Heimfahrt des Helden Odysseus von Troja nach Ithaka. Homer ist ein Meister der tiefen Gefühle. Beschreibt er in seiner Ilias die innere Erschütterung angesichts der Tragik des Krieges, so geht es in der Odyssee um das Heimweh der Seele.
Der Stoff dieser Mythen ist Teil unseres Lebens geworden. In vielen Sprachen wurde der Begriff „Odyssee“ zum Synonym für eine lange Irrfahrt, die aber letztlich doch das Ziel erreicht, und Ithaka das Synonym für Heimat. Ebenso der Kassandra-Ruf, das Trojanische Pferd (beide aus dem Trojanischen Krieg), die Wahl zwischen zwei unausweichlichen Übeln (Skylla und Charybdis) und die verführerischen Sirenen stammen beispielsweise aus diesem Mythenkreis.

Wenn wir nun Mythen nicht bloß als Fantasy betrachten wollen, sondern als wahre Schätze der Weisheit der Menschheit, brauchen wir einen Schlüssel, um sie in ihrer Tiefe zu verstehen. So werden sie symbolisch, überzeitlich, archetypisch und liegen nicht in einer fernen Vergangenheit, sondern sind jetzt – immer. Joseph Campbell behauptet: „Ein Mythos ist etwas, das nie geschehen ist, aber sich fortwährend ereignet.“

„Die Odyssee – ein Buch wie ein Meer:
vielfarbig schimmernd und von dunkler Tiefe,
verlockend und gefährlich, bald wild, bald sanft,
aber immer in Bewegung …
ein Abenteuerroman, den man als Kind schon liebt, und ein Weltgedicht, das man auch
als Erwachsener niemals ausschöpft.“
NZZ, 18.11.2007

Die Symbolik

Wenn wir den symbolischen Schlüssel anwenden, dann können wir Odysseus als archetypischen Menschen auf der philosophisch-spirituellen Suche nach seiner unsterblichen Seele sehen. Wenn wir uns unserer Seele bewusst werden, dann ist das Heimkommen in Ithaka  die Erfüllung unserer Sehnsucht.

In vierzehn Stationen überwinden wir mit Odysseus unseren Stolz, unsere Leidenschaften; lernen wir, stets Neues zu versuchen; uns mutig den Problemen zu stellen und niemals aufzugeben; … und letztlich bereit zu sein, alles zurückzulassen – einfach alles! Das ist dann der große Moment der Umarmung von Odysseus und Penelope nach langer Irrfahrt.

Penelope, Frau und Seele des Odysseus – ihr Name bedeutet: die, die sich entschleiert/offenbart – steht im Zentrum unseres Seins; sie ist immer da; nur wir irren allzu oft an ihr vorbei, ohne sie wahrzunehmen, ohne sie zu finden. Das braucht Zeit – selbst wenn die Sehnsucht nach ihr längst in uns lebt.

Die Gefährten sind die Neugierde, das Streben nach Macht und Anerkennung, unsere Befindlichkeiten, Hunger und Durst etc. Letztlich sind alle „Mitwirkenden“ Teile in uns. Und dies ist auch der Grund, warum Mythen „funktionieren“ – selbst 3000 Jahre nach ihrer Entstehung – , denn das Mensch-Sein und unser Weg der Entwicklung sind immer noch gleich.

Götter und Schicksal

Homer schrieb in der Odyssee: „O wie töricht klagen die Menschen gegen uns Götter! Nur von uns, wie sie schreien, kommt alles Übel; und dennoch schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend.“ Die Menschen sind weder Opfer des Willens oder Unwillens der Götter noch Opfer äußerer Umstände oder anderer Menschen – sondern sie schaffen sich ihr Schicksal selbst. Es sind unsere Entscheidungen, unsere Schwächen, aber auch unsere Stärken, die entscheiden, ob wir nach Hause finden.

Und wer sind die Götter? Joseph Campbell sagt in The Power of Myth: Mythen seien Geschichten über Götter … Ein Gott sei die Personifizierung einer treibenden Kraft oder eines Wertesystems, das im menschlichen Leben und im Universum eine Rolle spiele. So sehen wir zum Beispiel Zeus als die innere Stimme des Willens und des Gesetzes. Athene macht uns Mut und zeigt Möglichkeiten auf. Hermes lässt uns unseren Weg finden und Poseidon verkörpert unser Unbewusstes, das unsere Irrfahrt länger als nötig werden lässt. Auch das Meer ist ein Symbol für das Unbewusste, das durchkreuzt wird: manchmal sanft und „fischdurchwimmelt“, aber auch unbezähmbar und wild; es kann uns tragen und auch verschlingen.

„Gib nicht auf, bevor Du nicht endgültig,
nicht unwiderruflich verloren hast.“
Amado Nervo

Die vierzehn Stationen

Die vierzehn Stationen teilen die Irrfahrt in zwei Abschnitte. Der erste Zyklus führt von den Kikonen bis in die Unterwelt; der zweite von den Sirenen bis nach Ithaka und vollzieht die bisherigen sieben Stationen nochmals auf einem vertieften Niveau.

1. Bei den Kikonen

Gefahr: unbedachtes Handeln, Gewohnheiten
Probe: Neues versuchen
Odysseus und seine Gefährten reagieren noch im Kriegsmodus – kämpfen, niedermetzeln und die Beute genießen. Doch die Kikonen holen Verstärkung und schlagen die Eindringlinge in die Flucht. Nach den äußeren Eroberungen im Leben gilt es, einen inneren Weg zu gehen.
Frage: Wo stecke ich in alten Gewohnheiten fest?

2. Im Land der Lotophagen

Gefahr: Genuss und Vergessen
Probe: Ziel bewahren
Durch das Essen der Lotosfrüchte vergessen die Gefährten ihre Heimat, das Ziel ihrer Fahrt – alles. Sie schwelgen nur im momentanen Genuss. Odysseus muss sie mit Gewalt wieder auf die Schiffe bringen. Frage: Was ist meine Lotophagen-Insel?

3. Der Riese Polyphem

Gefahr: ungezügelte Gewalt, Hybris
Probe: Achtung des Gastrechts und Intelligenz
Der einäugige Polyphem hält die Gefährten und Odysseus in seiner Höhle gefangen, um sie nacheinander aufzufressen. Odysseus durchbohrt mit einem Olivenstamm das Auge des Riesen. Sie entkommen, und der geblendete Polyphem stürmt mit roher Gewalt hinterher, kann jedoch keinen Schaden mehr anrichten.
Frage: Wer oder was ist mein Polyphem?

Noch immer ist Ithaka fern.

4. Auf der Insel des Aiolos

Gefahr: Neugierde, Unbedingt-erreichen-Wollen
Probe: Vertrauen und Intuition
Aiolos, Gott der Winde oder der Intuition,  schenkt Odysseus einen Sack mit allen nötigen Winden, um nach Ithaka zu gelangen. Die Gefährten vermuteten darin geheime Schätze und öffneten ihn. Unbändige Winde entströmten dem Schlauch und verschlugen die Schiffe – schon knapp vor Ithaka – weit, weit weg. Frage: Wo brauche ich mehr Vertrauen ins Leben?

5. Im Land der Laistrygonen

Gefahr: Sorglosigkeit
Probe: Verwesentlichung
Kannibalen – riesigen Bergen gleichend – fressen die Gefährten und schleudern schwere Felsbrocken; große Verluste sind die Folge.
Frage: Was droht, mich aufzufressen und aufzuzehren?

6. Auf der Insel Aiaia bei Kirke

Gefahr: „Tierisches“ im Menschen
Probe: Treue zum Menschsein
Die Zauberin Kirke verwandelt die Gefährten des Odysseus in Schweine – in das, was sie von Natur aus seien, um sie zu lehren, menschlich zu werden. Bei Odysseus verfängt ihr Zauber nicht, und mithilfe eines Krautes von Hermes kann er seine Gefährten wieder zurückverwandeln. Wir sind hier in archaischer Symbolik: Es geht hier um die unbeherrschten und ungezügelten Elemente.
Frage: Wo fehlt mir Selbstbeherrschung?

Aber noch immer ist Ithaka fern.

7. Abstieg in die Unterwelt

Gefahr: Konfrontation mit dem Alten
Probe: Neuorientierung aus Liebe
Mutig steigt Odysseus in das Reich der Schatten, in die Unterwelt. Dort befragt er den weisen Seher Teiresias nach dem Weg nach Ithaka. Die Stimme der Weisheit kann nur in der Tiefe gefunden werden.
Frage: Bin ich bereit, meinen Schatten zu begegnen?

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8. Bei den Sirenen

Gefahr: „alte“ Wünsche und Sehnsüchte
Probe: Beherrschen der Sinne, widerstehen können
Die Sirenen singen uns in betörender Verführung die geheimsten und verbotensten Wünsche. Odysseus lässt sich an den Mast des Schiffes binden und die Ohren der Gefährten mit Wachs verstopfen. Manchmal braucht es List, um Gefahren zu umgehen.
Frage: Wo muss ich listig sein?

9. Zwischen Skylla und Charybdis

Gefahr: Angst, Flucht
Probe: das „kleinere“ Übel wählen, Unausweichlichkeit akzeptieren
Skylla, das Ungeheuer mit zwölf Füßen und sechs Köpfen, fischt sich Gefährten und verschlingt sie – Charybdis würde alles verschlingen. Skylla ist daher das kleinere Übel, und Opfer müssen gebracht werden.
Frage: Was will ich nicht akzeptieren?

10. Die Rinder des Helios

Gefahr: Anmaßung
Probe: Achtung des Heiligen
Die heiligen Rinder des Helios sind unantastbar. Doch es ist Flaute; das Schiff kann nicht aus dem Hafen. Der Hunger der Gefährten ist unbarmherzig. Die Rinder werden also geschlachtet.
Frage: Was ist mir – im besten Sinne – heilig?

Jede bestandene Prüfung bringt uns Ithaka näher.

11. Charybdis 2

Gefahr: Untergehen
Probe: tiefstes Vertrauen
Odysseus verliert alle Gefährten und auch sein Schiff. Er muss alles zurücklassen; nur er selbst kann die Heimat erreichen.
Frage: Was ist mein eigentliches Ich?

12. Auf der Insel Ogygia bei Kalypso

Gefahr: Sorglosigkeit, Lust, Vergessen
Probe: Ziel bewahren und handeln
Kalypso heißt „die, die verschleiert“. Doch es gelingt ihr nicht, Odysseus vergessen zu lassen. Schließlich hilft sie ihm, ein einfaches Floß zu bauen.
Frage: Wer oder was ist mir behilflich?

13. Bei den Phäaken

Gefahr: Anhaften, Besitz
Probe: Loslassen, Identität
Nackt, ohne Beute, als reines Selbst landet Odysseus bei den Phäaken. Dort muss er seine Geschichte erzählen, die ihn wieder mit all den tragischen Erinnerungen konfrontiert.
Frage: Welche Erinnerungen belasten mich?

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14. Heimkehr nach Ithaka

Gefahr: Stolz
Probe: Demut, Neubeginn
Die Phäaken bringen Odysseus schließlich nach Ithaka. Heimlich – wie ein Dieb – muss er sich in seine Heimat einschleichen. Niemand erkennt ihn. Penelope wurde inzwischen von Freiern belagert, die auf Kosten des Odysseus in seinem Haus wild zechten und prassten. Die Freier sind die dunkelsten Kräfte im Menschen, die die Seele zu rauben drohen. Sie selbst webt die Fäden des Schicksals – doch sie trennt in der Nacht auf, was sie tagsüber gewirkt hat. Sie verknüpft die Erfahrungen des Menschen mit seiner Seele. Erst wenn das Tuch fertig ist, kann Odysseus heimkehren. Nach einem heftigen Kampf gegen die Freier gibt sich Odysseus zu erkennen und wird mit seiner Seele eins. Endlich!

Wir sind daheim – angekommen.

„Wo gehen wir denn hin? – Immer nach Hause.“
Novalis

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