Hoffnung befreit!

Die Büchse der Pandora ist geöffnet ...

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TEXT Patricia Winkler-Payer 

Die Medien zeigen es uns überdeutlich. Die Übel aus der berühmten Büchse der Pandora – Leiden, Krisen, Schmerz, Tod – sind allgegenwärtig. Kriege und Katastrophen wirken global, kaum ein Ort bleibt verschont. Doch der antike Mythos erinnert uns daran: Trotz allem gibt es Hoffnung.

Wenn wir heute das Wort Hoffnung hören, denken viele wohl an Trost in dunklen Zeiten, an ein Aufrichten in Momenten der Schwäche. Angesichts der „harten Realität“ erscheint Hoffnung oft weich, zart, manchmal naiv oder gar als Illusion. Doch was, wenn Hoffnung nicht nur eine bloße Vertröstung auf ein besseres Morgen ist, sondern eine existenzielle Kraft? Eine innere Bewegung, die uns verwandelt?

Elpis – die Hoffnung im Mythos

In der antiken Figur der Elpis, der Personifikation der Hoffnung, verdichtet sich diese Frage auf faszinierende Weise.

Die älteste Quelle, die Elpis erwähnt, ist Hesiods „Werke und Tage“ (ca. 700 v. Chr.). In seinem Mythos erschaffen die Götter die erste Frau – Pandora – als verhängnisvolles Geschenk an die Menschen, nachdem Prometheus (der „Vorausdenkende“) das himmlische Feuer gestohlen und den Menschen das Licht des Erkennens gebracht hatte. Pandora, die „All-Begabte“, trägt viele göttliche Gaben in sich, aber auch einen Krug (oft als „Büchse“ oder als Fass bezeichnet) mit allen Übeln der Welt. Epimetheus, der „erst nachher-denkende“ Bruder des Prometheus, nimmt sie trotz Warnung als Geschenk an. Und so kommt es, wie es kommen muss: Pandora öffnet ihren Krug und alle Übel ergießen sich über die Menschen. Nur eines bleibt darin eingeschlossen: Elpis – die Hoffnung.

Aber was bedeutet das? Hat Pandora uns mit Elpis einen Trost hinterlassen – oder auch sie uns vorenthalten?

Der Mythos schweigt – und öffnet damit das Deutungsfeld: Für viele ist Elpis, die Hoffnung, der letzte Halt der Menschheit, der Sinn im Chaos. Für Nietzsche hingegen ist sie das gemeinste aller Übel, weil sie das Leiden verlängert – als süßes Gift der Illusion. In beiden Fällen bleibt Elpis passiv – ein Etwas, das man hat oder verliert.

Platon und die Geburt der Hoffnung im Menschen

Ganz anders sieht das Platon, der große Philosoph des inneren Aufstiegs. In seinem „Symposion“, einem der tiefgründigsten Texte über die Liebe, beschreibt er Eros – die Liebe – nicht als schönen Gott, sondern als Daimon: geboren aus Mangel (Penia) und Reichtum (Poros). Eros liebt das Schöne, weil er es nicht besitzt, er dessen Sein jedoch anerkennt.

Denn das Wesen des Eros ist: zu lieben, was ihm fehlt.“ (Platon, Symposion 200e)

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Hier wird Hoffnung nicht als Zustand, sondern als kraftvolles Werden gedacht. Elpis, die im Pandora-Mythos stumm im Krug bleibt, bekommt bei Platon eine Stimme: als implizite Triebkraft des Eros, als geistige Spannung zwischen dem Jetzt und dem Noch-nicht.

Diese Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen. Hoffnung wird zu einer dynamischen Ethik des Handelns.

Beethoven lässt seine Leonore auf der Suche nach Fidelio, ihrem verschleppten und eingekerkerten Ehemann, die bewegenden Worte singen:

„Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!

O komm, erhell mein Ziel, sei’s noch so fern,

Die Liebe, sie wird’s erreichen!“

Auch hier wird die Hoffnung Antriebskraft, auch hier ist der innere Motor für diese Überanstrengung und das Weiterkämpfen trotz aller äußeren Widerstände Eros, die Liebe …

Diese Bewegung – das Streben nach dem, was noch nicht ist, aber sein kann – definiert genau, was Hoffnung ausmacht.

Elpis in der existenziellen Moderne: Viktor Frankl und die schöpferische Lücke

Auch der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl, Überlebender der Konzentrationslager, beschreibt Hoffnung als Sinnbewegung. In seinem Werk „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ schildert er, wie gerade das „Wozu“ – der Sinn – Menschen durch das Unmenschliche trug.

Frankl schreibt: „Der Mensch ist das Wesen, das entscheidet, was es aus dem macht, was man ihm angetan hat.“

Hier klingt wieder an, was bei Platon schon leise mitschwang: Hoffnung als schöpferischer Akt. Nicht bloß Warten auf Besserung, sondern Gestaltung aus dem Mangel heraus.

Hoffnung ist kein Wunschtraum. Sie ist ein inneres Feuer, das uns über uns selbst hinausführt – zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen.

Hoffnung als Lebenskunst: Zwischen Ungewissheit und Sinn

Die moderne Lebenskunst – ob in der Philosophie, Psychologie oder spirituellen Praxis – steht heute vor der Herausforderung, Hoffnung nicht zu verwässern, sondern zu radikalisieren:

  • Hoffnung als Mut zur Lücke.
  • Hoffnung als Vertrauen ins Offene.
  • Hoffnung als Gestaltungskraft, nicht als Flucht.

Denn wie Ernst Bloch in „Das Prinzip Hoffnung“ schrieb, ist Hoffnung kein „Sich-zurück-Lehnen“, sondern ein „Sich-vorwärts-Stellen“. Sie zeigt nicht nur das, was fehlt – sondern das, was möglich ist.

Als Reflexionsimpuls:

  • Was in dir ist noch nicht – will es jedoch werden?
  • Wo verweilst du im Mangel – und könntest stattdessen hoffen?
  • Welche Idee von dir liegt wie Elpis im Krug deiner Seele bereit, befreit zu werden?

Elpis als Einladung

So gesehen ist Elpis keine Statue, keine Figur aus der Vergangenheit, sondern ein Ruf in jedem von uns. Sie wohnt dort, wo wir etwas lieben, das wir noch nicht sind – ein Mensch, ein Zustand, eine Idee. Hoffnung ist dort, wo wir werden wollen. Hoffnung ist dort, wo wir – als Menschheit –werden wollen: aktive Gestalter unserer Zukunft, Baumeister einer neuen menschenwürdigen Zivilisation, inspiriert vom Feuer des Prometheus … Eine Utopie? „Nein, etwas, das sein KANN“ flüstert uns Elpis zu.

Nicht umsonst bleibt Elpis bei Hesiod im Krug – nicht, weil sie uns verweigert wird, sondern weil sie darauf wartet, von innen befreit zu werden.

Literaturhinweis:

Platon: Symposion, 200d–212c (Übersetzung z. B. von Friedrich Schleiermacher oder Thomas Paulsen)

Hesiod: Werke und Tage, Verse 90–105, Reclam, 1995

Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Aphorismus 71

Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen, Penguin Verlag, 2004

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a.M., Verlag Suhrkamp, 1959

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