„Begehre unermüdlich Frieden!“ Zur spirituellen Dimension eines verweltlichten Begriffs

„Begehre unermüdlich Frieden!“ Zur spirituellen Dimension eines verweltlichten Begriffs

149

Auf mysteriöse Weise entstand 1885 eine ebenso mysteriöse Schrift mit dem Titel „Licht auf den Pfad“. Eine Sammlung von spirituellen Regeln, darunter: Begehre unermüdlich Frieden. Frieden nicht als Abwesenheit von Krieg, sondern als Lösung eines inneren Konflikts.

 

E

in innerer Konflikt zeigt sich schon in den ersten beiden Regeln von „Licht auf den Pfad“: Ertöte den Ehrgeiz! Aber arbeite wie jene, die ehrgeizig sind. Und ertöte den Wunsch nach Leben! Aber achte das Leben wie jene, die es lieben. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen? Genau genommen ist es ein Widerspruch, ein Paradoxon. Wie erfülle ich das Arbeitspensum eines Ehrgeizigen, ohne ehrgeizig zu sein? Jedenfalls nicht, indem ich den Ehrgeiz töte und mich in einen gleichgültigen und trägen Menschen verwandle. Gleichgültigkeit wäre nur die zweite Seite derselben Medaille, genauso destruktiv wie der Ehrgeiz es sein kann.

Leider neigen wir immer wieder dazu, das eine Extrem durch das andere zu ersetzen: Auf die Leistungssucht, der das Vergnügen untergeordnet wurde, folgte die Vergnügungssucht, der die Leistung untergeordnet wird; auf die sexuelle Unterdrückung folgte die sexuelle Ausschweifung usw.

Die Lösung aber liegt nie in den Extremen, sondern immer in der Mitte.

Und darüber. Den destruktiven Dualismus von persönlichem Ehrgeiz und von Gleichgültigkeit kann ich nur durch eine Art von „spirituellem Ehrgeiz“, von höherer Motivation oder auch innerlicher Berufung überwinden. Was aber hat dies alles mit dem Frieden zu tun?

Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg

Wenn wir dem Extrem des Krieges den Frieden gegenüberstellen, verwandelt sich dieser – ähnlich wie beim Ehrgeiz und der Gleichgültigkeit – in eine ebenso destruktive Kraft wie der Krieg selbst. Es ist der Frieden des Superreichen, der hinter der mit elektrifiziertem Stacheldraht versehenen Mauer am mit Solarstrom beheiztem Pool nicht vom Anblick der bösen Welt gestört werden möchte; es ist der Frieden des Mittelstandes, der selbst den demokratischen Pflichtgang in die Wahlzelle als Einkerkerung seines Lust-und-Laune-Freiheitsdranges empfindet; es ist der Frieden des „kleinen Mannes“, der ohnehin nur durch die Erhöhung des Bierpreises gestört werden kann.

Doch genau dieser Friede ist für unser individuelles Menschsein und noch mehr für unser Gemeinwesen destruktiv. Und vor allem ist er Illusion. Je mehr sich der Einzelne in diese Art von Frieden flüchtet, umso stärker wird er unter den natürlichen und unvermeidlichen Konflikten des Lebens leiden: Alter, Krankheit und Tod.

Frieden ist keine untätige und gegenüber den Problemen des Menschen und der Welt abgestumpfte Ruhe. Frieden ist nicht die „Abwesenheit von Krieg“, wie schon der holländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) angemerkt hat, sondern Frieden ist „eine Tugend, eine Geisteshaltung“. Und um den Erwerb einer Tugend und einer Geisteshaltung muss man ringen. Und für den Erhalt einer Tugend und einer Geisteshaltung in der Welt muss man kämpfen. Jedenfalls gegen die „fünf großen Feinde des Friedens“, von denen Francesco Petrarca (1304-1374) geschrieben hat: „Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz“. „Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten“, schreibt Petrarca weiter, „würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen.“

Frieden gehört zur Wortfamilie „frei“

Und „frei“ kommt aus der indoeuropäischen Sprachwurzel „prai“, was „schützen, schonen und lieben“ bedeutet. Frieden hat demnach mit einem geschützten Raum zu tun, verschont von zum Beispiel Ehrgeiz, Wut und Stolz. Und Frieden hat mit Liebe zu tun. Nur wenn wir einander lieben, können wir in Frieden leben. Nur wenn wir uns selbst lieben, sind wir frei in uns selbst und leben in Frieden mit uns selbst. Genauso betrachteten und erlebten die großen Weisen und Mystiker den inneren, den wahren Frieden: Die befreite Seele in ihrem vor allen Leidenschaften, Bedürfnissen und Erregungen geschützten Raum.

Der griechische Begriff für Frieden „eirene“ kommt aus der Musik. Es ist das Zusammenklingen der verschiedenen Töne, der eine Harmonie ergibt. Wenn wir es in uns schaffen, alle Töne zusammenklingen zu lassen, dann sind wir im Einklang mit uns selbst, im Frieden. Und der Einklang mit sich selbst ist Voraussetzung für den Zusammenklang mit anderen. Eirene ist als eine der drei Horen auch der personifizierte Friede. Als Tochter des Göttervaters Zeus und der Göttin der Gerechtigkeit Themis zeigt sich wenig überraschend die Verbindung von Frieden und Gerechtigkeit. Sehr überraschend jedoch ist die Verbindung von Friede und Macht. Ein weiteres Paradoxon.

Im Lateinischen „pax“ steckt „pacisi“, übereinkommen, miteinander sprechen. Es ist das Gespräch, das Konflikte löst und Frieden schafft. Auch hier ist der erste Schritt der innere Dialog, der alle Stimmen in mir selbst wahrnimmt, sie aber letztlich – manchmal durch ein Machtwort – in Einklang bringt. Der berühmte Friedensaltar „Ara pacis“ des römischen Kaiser Augustus war der Göttin Pax gewidmet, stand jedoch auf dem Feld des Kriegsgottes Mars.

Die Göttin des Friedens

Was Eirene in Griechenland und Pax in Rom war, hatte mit Ma´at eine Vorläuferin im alten Ägypten. Ma´at ist ebenfalls Tochter (manchmal auch Mutter und auch Frau) des Sonnen- und Schöpfergottes Ra. Sie verkörpert die kosmische Harmonie, die Ordnung, die Wahrheit, die Gerechtigkeit und damit den Frieden in der Welt. Diese Harmonie und dieser Friede sind jedoch nichts Selbstverständliches. So wie sich schon im Moment des Staubsauger-Verräumens der Staub von Neuem ansammelt, und die Unordnung im Moment der Ordnungsherstellung, so wird Ma´at permanent von Isfet bedroht. Isfet ist die natürliche Gravitation zum Destruktiven, eine Abwärtsspirale in die Unordnung und ins Chaos.

Im Menschen zeigt sich Isfet in den drei großen Vergehen gegen die Ma´at: Erstens im Nicht-einander-Zuhören, im Nicht-miteinander-Sprechen, laut einem altägyptischen Original: Wo die Sprache aufhört, übernimmt die Gewalt. Pax lässt grüßen.

Zweitens im Unterlassen, im Nicht-Handeln, im Nicht-füreinander-Handeln. Ma´at dagegen bedeutet die rechte Handlung. Und recht zu handeln bringt Zufriedenheit. Wer sich im guten Gewissen des rechten Handelns befindet, empfindet Frieden.

Und das dritte und schlimmste Vergehen gegen die Ma´at, gegen den Frieden, ist die Habgier. Denn die Habgier ist die Eigenwilligkeit, der Egoismus, der sich gegen das Gemeinwohl richtet. Vor allem aber richtet sich die Habgier gegen einen selbst, indem sie das eigene Herz beschädigt.

Unermüdlich begehre Frieden

Wie uns das altägyptische Verständnis von Ma´at zeigt, muss man immer und immer wieder um sie ringen. Man muss die Gravitationskraft, die unweigerlich nach unten in die Zerstückelung und ins Chaos zieht, durch eine positive nach oben gerichtete Kraft überwinden. Der bekannte deutsche Mönch Anselm Grün bezeichnet die Dankbarkeit, die Genügsamkeit und auch Rituale, also Momente, in denen man ganz in und für sich selbst ist, als solche Kräfte. Und genau das ist das „Begehre unermüdlich Frieden“! Auch das scheint ein innerer Konflikt, ein Widerspruch, ein Paradoxon zu sein. Denn das „Unermüdlich Begehren“ ist nichts Friedliches. Es ist ein zähes Ringen, ein andauernder Kampf, ein mühevoller Weg. Wer wirklich begehrt, strengt sich an das Begehrte zu erreichen. Und wer unermüdlich begehrt, strengt sich unermüdlich an. Wenn wir mehr Frieden in der Welt begehren, müssen wir dafür – beginnend in uns selbst – unermüdlich kämpfen.

Mabel Collins und „Licht auf den Pfad“

Autorin, Medium, Theosophin, Modekolumnistin, Tierschützerin und Geliebte von Jack the Ripper. Wer war Mabel Collins wirklich? Jedenfalls gilt sie als Autorin des theosophischen Klassikers „Licht auf den Pfad“.

Geboren am 9. September 1851 als Minna Collins auf der Kanalinsel Guensey. 1856 zog die Familie aufs englische Festland. Ihr Vater, der ihr den Kosenamen Mabel gab, unterrichtete sie zu Hause. Schwerpunkte des Unterrichts waren Poesie, Philosophie und Literatur, sodass Mabel schon mit 12 Jahren begann, kleine Erzählungen und Gedichte zu verfassen. 1875 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, 1877 dann einen Bestseller, der sie sehr bekannt machte. Insgesamt verfasste sie 46 Bücher.

Nachdem schon eine ihrer Schriften „Das Lied von der weißen Lotus“ auf rätselhafte Weise entstanden war, berichtet sie selbst 1904 über die Entstehungsgeschichte von „Licht auf den Pfad“. Sie sei ihres Körpers enthoben und zu einem ihr vollkommen fremden Ort entrückt worden, wo sie sich nur unbeholfen fortbewegen konnte. Ihr wurde in einer ungeheuren Halle eine vor Edelsteinen funkelnde Mauer gezeigt. Bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass die Edelsteine Muster und Zeichen ergaben, die Worte und ganze Sätze bildeten. Sie sollte soviel lesen und behalten, wie ihr möglich wäre, und dies sofort, wenn sie in ihren Körper zurückgekehrt sei, niederschreiben. Das Ergebnis wurde als „Licht auf den Pfad“ veröffentlicht. Die Halle sollte sie später als „Halle des Lernens“ bezeichnen.

Hannes Weinelt

Hat dir dieser Artikel gefallen?

Bestelle diese Ausgabe oder abonniere ein Abo. Viel Inspiration und Freude beim Lesen.

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren