Nietzsches Dividuum
Der zerrissene Mensch
TEXT Martin Oßberger
In Mitteldeutschland, Röcken, kommt Nietzsche 1844 zur Welt, in einem friedlichen Pfarrhaus. Seine Schulzeit verbringt er in dem damals wegen seiner hervorragenden Lehrer bekannten Internat Schulpforte bei Naumburg. Hier erwacht seine Liebe zu Latein und Griechisch, was ihm das Studium antiker philosophischer Originalliteratur ermöglicht. Ebenso entdeckt er einen tiefen Zugang zur Musik, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird. 1864 beginnt er in Bonn ein Studium der Altphilologie, Theologie, Politik und Kulturgeschichte. Wegen seiner Zweifel am Christentum verlässt er die theologische Fakultät und widersetzt sich dadurch dem Wunsch seiner Mutter, als Pfarrer Karriere zu machen. Er setzt nicht mehr auf gläubige Hingabe, sondern auf enthusiastisches Hervorbringen und er möchte als „Jünger der Wahrheit“ forschen und nicht nur glauben.
Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch: das Spätfeudale zerbricht, es fehlt eine übergreifende Idee, der wirtschaftliche Utilitarismus beherrscht das heraufdämmernde Maschinenzeitalter. Nun wird die Kultur „realistisch“, der Idealismus wird trockengelegt zugunsten eines Materialismus. Der Mensch soll klein gehalten werden, jede Form von idealistischen Höhenflügen stören den Gemeinsinn. Arbeit ist der sinnstiftende Mythos, das neue Heiligtum. Natur und Geschichte werden in eine Maschine verwandelt und durch wissenschaftliche Erkenntnisse entzaubert; es fehlen sinnerfüllte Anfänge und sinnhafte Prozesse. Die Verbindung von Naturerkenntnis und Spiritualität ist zerrissen.
Jede Einheit ist fern, im Dividuum aufgelöst
Nietzsche erkennt die Gefahr, die sich bis heute in unserer Kultur breit gemacht hat – beispielsweise in der zweischneidigen Demokratisierung der Bildung durch Bismarck. Die Entwicklung der Volksschulen gehöre zu den „beliebten nationalökonomischen Dogmen der Gegenwart. Möglichst viel Erkenntnis und Bildung – daher möglichst viel Produktion und Bedürfnis – daher möglichst viel Glück … hier haben wir den Nutzen als Ziel und Zweck der Bildung, noch genauer … den möglichst großen Gelderwerb.“ Kultur also nur so weit, wie es sich rechne.
1868 wird er Teil der höheren Bildungsroutinen und folgt dem Ruf nach Basel als Professor für Philologie. Die geistige Enge des Wissenschaftsbetriebes wird ihm schnell zuwider. Er möchte völlig Neues erschaffen. Nietzsche sah sich zeitlebens als Soldat, obwohl oder gerade weil sein eigener Kriegsdienst wenig heldenhaft verlief. Er tritt auf dem Feld des Schreibens umso energischer auf, seine Waffen sind seine Worte. Mit der Tapferkeit eines Soldaten fordert er auf, gegen die eigene Zeit zu denken.
Er sah sich als „Abenteurer, Weltumsegler jener inneren Welt, die Mensch heisst.“ Er möchte sich entwickeln – von seiner ersten Natur (Abstammung, Schicksal, Prägung) hinein in die zweite Natur der Selbstgestaltung. Er will in den „eigentlichen Besitz“ seiner selbst gelangen.
„Werde, der du bist“
Hier liege die Wahrheit. Ein Vorbild sei Sokrates, dem der Wille zur Wahrheit selbst über den individuellen Tod hinaus wesentlich blieb. Der Wille wird für Nietzsche ein zentraler Begriff, das hat er von Schopenhauer gelernt („Die Welt als Wille und Vorstellung“). Und auch das Folgende: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Hier erfährt er das „Gefühl der Entrücktheit“, eine mystische Erhebung. Musik führt ihn ins Herz der Welt. Fällt er aus ihr jedoch heraus, empfindet er, ganz als gelehriger Schüler von Schopenhauer, „Ekel“ über diese grausame Welt. Sie ist etwas Dunkles, ein vitaler Trieb, nicht vernunftartig erkennbar, geprägt von Gefühlen der Sinnlosigkeit. Das letzte Geheimnis des Menschen offenbart sich nur in einem ästhetischen Augenblick auf dem Berg des musikalischen Glücks – ein „Schwanengesang“, bevor der Mensch schmerzhaft wieder in die Welt zurückstürzt und das Tierische, Instinktive die Oberhand gewinnt. So wie Siegfried in Wagners Mythos stirbt, so sterbe die ganze Menschheit, keiner dürfe daran zweifeln.
Mit der Tapferkeit eines Soldaten fordert er auf, gegen die eigene Zeit zu denken.
Die Liebe zur Musik verbindet ihn für kurze Zeit mit Wagner. Beide sehen – wie die Philosophen der Romantik vor ihnen – die Notwendigkeit, neue Mythen zu schaffen. Beide wollen eine große Renaissance vorantreiben. Für Nietzsche ist Kunst Lebenssteigerung des Dividuums, kein Religionsersatz, wie er ihn bei Wagner wahrnimmt.
Macht über sich selbst zu gewinnen,
der Regisseur dieser vielfältigen Lebensimpulse, ein Dirigent des dividualistischen Stimmengewirrs zu sein. Das sind die Qualitäten eines „Übermenschen“, eines Zarathustra. „Du sollst Herr über dich werden. Herr auch über deine eigenen Tugenden.“ Ein nächster darwinistisch inspirierter evolutiver Schritt des Menschen. Er gibt sich sein individuelles Gesetz, seine eigene Moral. Er spielt nach seinen Regeln. Nietzsche schließt explizit die Masse aus, da er sie für nicht fähig genug ansieht. Der Übermensch, der Auserwählte, ist eine Antwort auf den Tod Gottes. „Tod sind alle Götter: Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.“
1889 erleidet er einen nervlichen Zusammenbruch, verbleibt elf Jahre in geistiger Umnachtung und stirbt 1900 in Weimar.

So reizvoll eine Abenteuerreise mit Nietzsche ins Innere des Menschen auch ist, so strahlen die nihilistischen Untergangsrufe doch eine tiefe Kälte aus. Er kappt alle Bindungen, wonach sich Menschen sehnen: Einheit, Sinn, Ziel. Solidarität und Vervollkommnung gehen bei ihm nicht zusammen. Alles findet im selbstbezogenen, pessimistischen Denken statt; bestätigende Handlungen sind zweitrangig. Nietzsche lebt meist als Einsiedler, seine sozialen Kontakte sind beschränkt. Die Schönheit liegt bei ihm im Erkennen, die Wahrheit nur im Denken. Übergeordnete, archetypische Ideen des Schönen oder Wahren seien eine Illusion.
In Nietzsches Dividuum trennen sich Geist, Seele und Körper voneinander
Nicht mehr einheitlich leben können, sondern geteilt sein, innerlich zerrissen. Nietzsches Analyse und gleichzeitig Vision des Dividuums in seiner psychologischen Disharmonie passen zum Lebensgefühl der heutigen Zeit, in der Trennung vor Verbindung steht, Social Media vor Offline-Gemeinschaft, Wettbewerb vor Solidarität, Krieg vor Frieden, äußere Stärke vor innerer Moral.
„Bleibet der Erde treu“, lässt er Zarathustra seinen Anhängern zurufen. Doch verschärft die Abtrennung der metaphysischen Welt nicht die Krisen der modernen Welt? Wo bleibt die Suche nach einer überzeitlichen Sittlichkeit, wo die Suche nach einem tiefen Glück der Seele, wo das Handeln aus Demut und Großzügigkeit heraus, wo ein Idealismus, der Spiritualität mit dem Alltag verknüpft? Der Aufbau von erneuerten, verlorengegangenen Bindungen scheint eine zentrale Aufgabe für uns alle zu sein. Wir sollten die uns gegebene Zeit nutzen. „Bleib der Welt treu“, möchte man ihm zurufen. „Mit ihrer physischen Erde und ihrem geistigen Himmel. Und verbinde diese Gegensätze miteinander.“
Literaturhinweis:
Ausstellung „Nietzsche-Haus Naumburg“, Plakat „deutscher Geist statt deutscher Kultur“
Rüdiger Safranski: Nietzsche: Biographie seines Denkens. Carl Hanser Verlag, 2000.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Vollmer Verlag o.J.
Autor:
MARTIN OSSBERGER hat im Schreiben eine Ausdrucksform der Reflexion gefunden. Als Wissenschaftler versucht er immer wieder neue Perspektiven zu eröffnen und das ihm Unbekannte zu erforschen. Auf seinen Reisen hat er gelernt, dass das Abenteuer bei ihm selbst beginnt und die Suche nach der Weisheit im nächsten Schritt liegt
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Bestelle diese Ausgabe oder abonniere ein Abo. Viel Inspiration und Freude beim Lesen.