Wo fängst du an und wo höre ich auf?

Unsere Existenz als Grenzflächenprozess

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In den Anfängen meiner wissenschaftlichen Laufbahn an der Universität Oxford habe ich mich mit sogenannten Liquid Junction Potentials (Flüssigkeitsgrenzflächenpotenzialen) beschäftigt. Dabei handelt es sich um elektromagnetische Spannungen, die zwischen zwei Flüssigkeitsphasen, z. B. zwischen einer öligen und einer wässrigen, entstehen. Solche Grenzflächen stellen z. B. auch die Zellmembranen dar, die elementarsten Bausteine allen Lebens. Die Funktion unserer Herzmuskelzellen und Nervenzellen wäre unmöglich, ohne die sich ständig ändernden Spannungsverhältnisse an diesen Grenzflächen verschiedener Flüssigkeitsphasen. Es ist genau jene Grenzfläche, jene Stelle, an welcher die lipide Phase gerade nicht mehr ist, aber die wässrige Phase gerade noch nicht begonnen hat. Jene unendlich kleine Leere, in welcher sich die elektromagnetische Spannung aufbaut und die alles Leben erst ermöglicht (die wir dann durch mathematische Gleichungen wie Nernst- oder Goldmanngleichung beschreiben können). Die Faszination dieses Prinzips hat mich bis heute nicht losgelassen und im Laufe der letzten 35 Jahre zu verschiedenen Betrachtungen inspiriert, die ich darstellen möchte.

Zeit

Vorweg möchte ich zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen: Stellen wir uns folgende Frage: „Wo ist die Vergangenheit?“ Unser erster Gedanke wird unwillkürlich sein: „Hinter mir!“ Und auf die Frage „Wo ist die Zukunft?“, wird die erste Antwort sein: „Vor mir.“ Nun, bei genauerer Betrachtung aber ist hinter mir die Lehne meines Stuhles und vor mir der Bildschirm oder die Zeitschrift, aber weder Vergangenheit noch Zukunft lassen sich dort finden. Wo ist aber nun die Vergangenheit, wo ist die Zukunft? Beide existieren ausschließlich in meinem Kopf – in Form von Erinnerungen, Engrammen, Vorstellungen und Projektionen.

Die eigene Vergangenheit ist bis zu einem gewissen Grad ein plastischer Prozess, der sich im Hier und Jetzt abspielt.

Im Zuge dieses permanenten Prozesses wird die Vergangenheit konstruktivistisch geformt und spiegelt das, was stattgefunden hat, eingepasst und angepasst an das eigene Selbstbild und Weltbild wider. So erscheint dann die Vergangenheit hier und jetzt in unserer Erinnerung, das heißt, die Vergangenheit passiert genau in diesem Augenblick in unserem Kopf. Und genau dieser Augenblick, diese „zeitlose Zeit“, ist gerade schon wieder vorbei. Unser Bewusstsein bewegt sich nämlich genau an jener Grenzfläche zwischen Vergangenheit und Zukunft, genau dort, wo die Gegenwart gerade noch nicht aufgehört hat und die Zuknft gerade noch nicht begonnen hat. Und wie verhält es sich mit dieser Zukunft? Sie entsteht ebenfalls hier und jetzt in unserem Kopf als Projektion unserer Erinnerungen.

Physikalische Körper/Raum

Bezüglich physikalischer Körper kann man sagen, dass zwei physikalische Körper nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können und deshalb im Universum erst als Wahrnehmung durch die Sinne existieren. Sie tauchen erst in unserer Wahrnehmung und in unserem Bewusstsein dadurch auf, dass sie von anderen Körpern begrenzt werden. Prinzipiell gibt es keine leeren Räume im Universum, die Räume zwischen den Gestirnen sind ebenfalls gefüllt, dort finden sich dann vielleicht weniger Teilchen oder weniger verständliche Objekte: z. B. Lichtkorpuskel, Moleküle, Gesteinsbrocken, Antimaterie, schwarze Materie usw. Und wenn wir die Materie betrachten, wissen wir genau, wo ein Körper anfängt und wo ein anderer aufhört. Jetzt gibt es aber genau an der Stelle, an welcher das eine gerade aufgehört hat und das andere gerade noch nicht begonnen hat, ebenso eine Art Grenzfläche, wo das eine gerade nicht mehr und das andere gerade noch nicht ist. Das ist jene Grenzfläche, mit deren Bedeutung für unsere Existenz wir uns in den folgenden Absätzen beschäftigen werden.

Der Körper des Menschen und sein Ichempfinden

Ist es nicht so, dass unser Körper – zumindest das, was wir dafür halten – genau dort anfängt, wo ein anderer physikalischer Körper aufhört? Wenn ich plötzlich woanders anfange und aufhöre, bin ich dann eine andere Person? Als ich jung war, gab es in meiner Heimatstadt viele Kriegsversehrte, die im Krieg einen Arm oder ein Bein verloren hatten. Ist ein solcher Kriegsversehrter noch dieselbe Person? – Eigentlich Ja. Wenn wir uns jetzt also die physikalische Ebene anschauen, dann würde ich sagen: Unserem Empfinden nach sind wir der, der in seiner Haut steckt.  Das ist zumindest das Lebensgefühl, das wir haben. Hören wir wirklich dort auf, wo unsere Haut aufhört? Sind wir wirklich nach außen begrenzt? Sind wir auch ein physikalischer Körper, der dort aufhört, wo ein anderer anfängt? Machen wir nun einen kleinen Gedankensprung. In unserem Darm leben mehrere Kilogramm Bakterien, ohne deren Hilfe wir selbst nicht lange leben würden, weil die Verdauung nicht mehr funktionieren würde. Sind nun diese Bakterien, die in uns leben, wir selbst? Haben wir ihnen gegenüber ein Ichempfinden, weil wir ohne sie nicht leben, obwohl sie doch eigenständige Lebewesen sind? Oder ist die Darminnenhaut meine Außengrenze? Das könnte man weiterspinnen und könnte sagen, dass auch unsere Mitochondrien ein Teil des empfundenen ICH sind. Doch entwicklungsgeschichtlich sind sie eigene Lebewesen mit eigener DNA, die sich in unseren Körperzellen eingenistet haben. Sie haben sich vor Millionen von Jahren, als die Meere immer salziger wurden, in unseren Zellen ein Urmeermilieu geschaffen, in dem sie überleben können. Außerhalb von uns würden sie nicht mehr existieren können. Sie geben unseren Zellen dafür Energie ab und es entsteht eine Symbiose. Sie bezahlen sozusagen eine Untermiete an uns. Die Mitochondrien, obwohl eigenständige Lebewesen, sind für uns doch sicher ein Teil von dem, was wir als ICH empfinden. Wir empfinden sie wie eigene Organe. Übrigens, wenn ich ein Kunstherz bekomme…, ist dieses Kunstherz, ohne das ich nicht leben kann, ein Teil dessen, was ich als ICH empfinde?

Kann es vielleicht sein, dass wir überhaupt gar nicht dort aufhören, wo wir glauben, dass wir aufhören?

Kann es sein, dass unsere Darmbakterien doch ein Teil von uns sind? Oder vielleicht sogar Bakterien, die irgendwo außerhalb sind, zum Beispiel auf der Haut? Oder solche, die ganz wo anders sind? Die wir uns manchmal holen, wenn wir eine Infektionskrankheit brauchen, die unser Immunsystem aufrüttelt und dadurch vielleicht eine Krebserkrankung verhindert wird? Bei den Antworten auf diese Frage scheint es fließende Übergänge zu geben. So können wir feststellen: Auf physikalischer Ebene gibt es offensichtlich keine genaue Abgrenzung von uns, wir können nicht genau definieren, wer oder was wir sind. Die Grenzflächen sind unscharf. Wir verändern uns auch ständig. In einem Zeitraum von 12–14 Jahren wird unser gesamter Körper ausgetauscht, alle Zellbestandteile, alle Ionen, Aminosäuren und Eiweiße. Es scheint also eher so zu sein, dass wir ein Prozess sind: Aufnahme von Stoffen, Einbau, Funktion, Ausschleusung. Ich würde sagen, wir sind eine Zusammenfügung von Prozessen mit offenen Verbindungen nach außen.  Wir sind eine zeitabhängige Zusammenfügung von Teilchen und komplexen thermodynamischen Abläufen, die in einen konstanten Prozess münden, den wir Leben nennen. Das, was physikalisch als ICH empfunden wird, ist eine Art Fokussierungspunkt von biochemischen Prozessen und biologischen Abläufen, von Zellen mit ihrer DNA und deren unterschiedlichen Funktionen. Nennen wir es vielleicht eine fokussierte Zusammenfügung. Auf physikalischer Ebene können wir also nicht genau sagen: Das ist eine bestimmte Person, die lebt oder bereits verstorben ist. Letztere gibt es ja auch noch, aber in einer anderen Konsistenz: einerseits in der Erinnerung anderer, andererseits in verändertem Aggregatszustand, z. B. als Mineral und Kohlenstoff.

Existenz

Wenn Menschen schon sehr lange tot sind, ist das nicht so offensichtlich, wie wenn sie gerade gestorben und noch warm sind … Also hat die physikalische Ebene unserer Existenz etwas mit Offensichtlichkeit zu tun und sie hat eine gewisse Unschärfe. Cäsar ist nach wie vor im Bewusstsein der Menschen stark präsent und es gibt ihn sicher auch nach wie vor physikalisch, nur nicht so offensichtlich. Wahrscheinlich wurde er schon in Form von Mineralsalzen und Kohlenstoff ausgeschwemmt ins Meer. Es gibt ihn nicht mehr als die fokussierte Zusammenfügung, die seine Zeitgenossen kannten. Unsere gesamte Existenz hat also eine gewisse Unschärfe und diese wird dadurch erhöht, dass sich alles, wie wir gehört haben, ausschließlich im Hier und Jetzt in uns abspielt. Auch hier, im Zeitkontinuum, begegnen wir also mit der Ausschließlichkeit des Jetzt einer Grenzfläche, an welcher sich die Existenz vollzieht und in keine Richtung auf der Zeitachse entweichen kann. Und nur aus diesem Hier und Jetzt heraus und aus dieser Offensichtlichkeit können wir annehmen, es handelt sich um eine bestimmte Person.

Wirklichkeit

Als Letztes betrachten wir in diesem Kontext noch die Wirklichkeit: Auch sie unterliegt einem Grenzflächenphänomen: Sie hört dort auf, wo sie auf unser Bewusstes und unser Unbewusstes trifft, denn im Auftreffen auf unsere Sinne und unser Bewusstes/Unbewusstes unterliegt sie Interpretation und Verformung und verliert ihren phänomenologischen Anspruch einfach so zu sein wie sie ist, in ihrer Soheit, wie es die Buddhisten nennen würden. In anderen Worten:

An dieser Grenzfläche, wo die Wirklichkeit über die Sinne auf das Bewusste und das Unbewusste trifft, endet diese Wirklichkeit, und genau dort, wo die Wirklichkeit endet, fange ich selbst an und werde nie wissen, wie die Wirklichkeit draußen tatsächlich ist.

Diesen Gedanken kann man auch noch erweitern und sagen, dass das Unbewusste dort anfängt, wo das Bewusste aufhört. Manchmal verschwimmt das auch ein wenig: Manchmal ist es so, dass man etwas mehr im Unbewussten ist. In Trance zum Beispiel treibt man dann an dieser Grenzfläche zwischen Bewusstem und Unbewusstem entlang. Oder wenn man in der Früh aufwacht und gerade geträumt hat, ist man schon ein wenig im Bewussten, aber auch noch ein wenig im Unbewussten und denkt sich vielleicht: „Ich mache die Augen wieder zu und träume genau dort weiter, wo ich aufgehört habe …“ Und manchmal gelingt das sogar. Dann taucht man wieder hinunter in das große, weite Unbewusste, in das Reich der Träume. Nach diesen Betrachtungen können wir vielleicht auch einen Gedanken des großen buddhistischen Philosophen Nagarjuna aus dem 2. Jh. gut nachvollziehen, der die Existenz des Menschen mit dem Feuer vergleicht: „Nicht die Flamme ist das Feuer, nicht das Holz. – Nicht mehr Holz und noch nicht Flamme, das ist des Feuers Wesen. Es hat kein Sein in sich und deshalb ist es.“

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