philoSPIRIT Archive • Abenteuer Philosophie Magazin https://www.abenteuer-philosophie.com Magazin für praktische Philosophie Tue, 14 Dec 2021 16:42:41 +0000 de-DE hourly 1 Wo wohnt die Seele? https://www.abenteuer-philosophie.com/wo-wohnt-die-seele/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wo-wohnt-die-seele https://www.abenteuer-philosophie.com/wo-wohnt-die-seele/#respond Tue, 14 Dec 2021 15:41:06 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=4974 Magazin Abenteuer Philosophie

Die Vorstellung einer Seele hat das Abendland und seine größten Geister über Jahrtausende geprägt. Heute wird die Seele vom wissenschaftlichen Diskurs gemieden, ersetzt durch den Begriff des „Selbstes“. Doch Selbstoptimierung führt uns in eine andere Richtung als Seelenentwicklung. Und der selbstbezogene Mensch führt zu einer anderen Gesellschaft als der auf die Seele bezogene Mensch. Die Wiederentdeckung der Seele wird daher zum Gebot der Stunde.

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ie Vorstellung einer Seele hat das Abendland und seine größten Geister über Jahrtausende geprägt. Heute wird die Seele vom wissenschaftlichen Diskurs gemieden, ersetzt durch den Begriff des „Selbstes“. Doch Selbstoptimierung führt uns in eine andere Richtung als Seelenentwicklung. Und der selbstbezogene Mensch führt zu einer anderen Gesellschaft als der auf die Seele bezogene Mensch. Die Wiederentdeckung der Seele wird daher zum Gebot der Stunde.

Wo wohnt die Seele?, lässt sich ganz unterschiedlich lesen: zunächst mit der Betonung auf wo. Wo prinzipiell, an welchem Ort in uns bzw. in der Welt lebt die Seele? Bei all den unterschiedlichen Betrachtungen und Deutungen quer durch Zeiten, Kulturen und Religionen gilt die Seele als das belebende Prinzip von allem. Bei Platon besteht der ganze Kosmos aus geordneter Materie umgeben und durchdrungen von der Weltseele. Wie die Weltseele sind auch die Einzelseelen Bindeglied zwischen Geist und Körper, zwischen Sein und Werden. Die Seele ist demnach das Wesen des Menschen, unzerstörbar und unsterblich, wesensverwandt mit den Ideen des Wahren, Guten und Schönen, wodurch sie diese auch erkennen kann. Je mehr sich die Seele jedoch von den reinen Ideen abwendet und dem Körperlich-Sinnlichen hingibt, umso mehr „verunreinigt“ sie sich, lässt sich von Begierden leiten und hält irgendwann nur noch das Körperlich-Sinnliche für wahr. Die Seele wohnt demnach im menschlichen Körper und hat das Potenzial, sich in die höchsten geistigen Sphären zu erheben, genauso wie sich mit den körperlichen Trieben zu identifizieren.

Wo wohnt die Seele?, lässt sich auch mit der Betonung auf das Wohnen lesen: Wo wohnt die Seele, wie ist dieses Zuhause beschaffen? Der Philosoph Jorge Angel Livraga (1930-1991) sieht die Seele in einer Art Gefängnis. In seiner „Theorie der gefangenen Seele“ beschreibt er die Seele – wie in vielen Traditionen – als einen Vogel, der jedoch mit gelähmten Flügeln im Käfig des persönlichen Egos sitzt. Unser Körper, aber auch unsere sinnlichen Wahrnehmungen, unsere emotionalen und mentalen Muster und Gewohnheiten sowie unsere ichbezogenen Wünsche und Bestrebungen bilden die engmaschigen Gitterstäbe eines Gefängnisses, durch die nur wenig zu unserer darin gefangenen Seele durchdringen kann. Nur allzu leicht werden Gefängniswärter und Gefängnisinsasse miteinander verwechselt. Ist das heute viel gepriesene „Selbst“ nicht genau jenes sich selbst behauptende, sich selbst verwirklichende und optimierende, selbstbezogene persönliche Ego, also der sich aufplusternde Gefängniswärter? Und wie können wir diesen von unserem gefangenen Seelenpiepmatz unterscheiden?

Die Seele wird als Vogel dargestellt, der mit gelähmten Flügeln im Käfig des persönlichen Egos sitzt.

Ich möchte diese Unterschiede und die sich daraus ergebenden Konsequenzen weniger als Probleme, sondern mehr als Notwendigkeiten darstellen. Warum es notwendig ist, die Seele wieder in den Fokus zu rücken:

  1. Ein anderer Blick auf Krankheit und Gesundheit

Für das selbstoptimierte Ego ist Krankheit der große Feind. Krankheit greift uns von außen an und wird daher auch nicht nach inneren Ursachen, sondern nach äußeren Symptomen untersucht und auch so behandelt. Ziel ist es, durch rund um die Uhr computerüberwachte Körperfunktionen Gesundheit dauerhaft zu erhalten bzw. durch sogenannte Gen-Scheren Krankheiten quasi schon in der Erbmasse zu ersticken.

Mit dem Blick auf die Seele jedoch integrieren wir die Krankheit als einen natürlichen Teil des Lebens. Krankheiten sind immer wieder ein Anstoß, um geduldiger und mitfühlender zu werden, auch um Prioritäten und Gewohnheiten zu hinterfragen und Veränderungen einzuleiten. Sie sind oft notwendige Reinigungsprozesse auf allen Ebenen und dienen der Aktivierung unserer Selbstheilungskräfte. In den Worten des großen Paracelsus: „Der Arzt verbindet deine Wunden. Dein innerer Arzt aber wird dich gesunden.“

  1. Ein anderer Blick auf Jugend und Alter

Selbstoptimierung ist auch ein ständiger Kampf gegen das Alter. Jugendliche Fitness, jugendliche Leistungsfähigkeit und jugendliches Aussehen fordern Arbeitgeber, Partner und auch der Einzelne von sich selbst. Eine ganze Fitness-, Wellness- und Kosmetikindustrie stehen bereit.

Mit dem Blick auf die Seele erfährt auch das Alter wieder seine Wertschätzung. Gerade durch das Abnehmen der körperlichen Triebe und das Ruhigerwerden des Gemüts können die höheren Seelenanteile leichter kultiviert werden und besser zum Vorschein gelangen. Narben und Falten sind Ausdruck äußerer und innerer Lebensproben, die das Seelische des Menschen in Form von Erfahrung und Lebensweisheit in den Vordergrund rücken. Es ist letztlich die Seele, die einem Menschen Schönheit und Charakter verleiht.

  1. Ein anderer Blick auf Leben und Tod

Die derzeitige Pandemie zeigt uns, wie sehr wir den Tod aus dem Leben verdrängt haben. Es wird mit der Angst vor dem Tod gearbeitet. Alles dreht sich um Todeszahlen, obwohl diese letztlich gering und kaum Übersterblichkeiten in den einzelnen Ländern gegeben sind. Insgesamt wird versucht, Leben um jeden Preis zu verlängern, denn der Tod gilt als das endgültige Ende des Lebens.

Mit dem Blick auf die Seele ist der Tod nichts anderes als ein Übergang in ein anderes Leben. Die Seele entledigt sich ihres Gefängnisses und wird frei. In fast allen Kulturen und Traditionen leben die Verstorbenen in einer eigenen – paradiesischen – Dimension, bevor sie neuerlich inkarnieren, um ihren Lebens- und Erfahrungsweg fortzusetzen.

  1. Ein anderer Blick auf die Zeit

Je mehr man nach außen orientiert ist, umso mehr beginnt man sich in der Fülle der Dinge zu verlieren. Es gibt immer noch etwas zu sehen, noch etwas zu erleben, noch etwas zu kaufen, noch etwas auszuprobieren, noch etwas zu optimieren. Damit ist man immer hinter etwas her und vor allem hinter der Zeit her, die einem ewig davonzulaufen scheint.

Mit dem Blick auf die Seele geht der Blick nach innen. Man verbindet sich mit dem Rhythmus des Lebens, mit Herzschlag und Atem. Man erlebt eine innere Fülle, weshalb man nichts von außen beschaffen muss, um in Wirklichkeit seine innere Leere zu befüllen. Da man hinter nichts her ist, dehnt sich die Zeit. Sie wird als ein Kontinuum erfahren, das immer ist, weshalb auch immer genug davon da ist.

Mit dem Blick auf die Seele nehme ich die Verbindung zu allem und jedem anderen wahr. Alles und jeder hat Anteil an derselben Seele, an demselben Leben.

  1. Ein anderer Blick auf Welt und Umwelt

Selbst-Behauptung ist immer eine Behauptung gegenüber jemandem anderen oder etwas anderem. In dieser Betrachtung steckt der Keim der Trennung, des Misstrauens und der Feindseligkeit. Wer weiß, was mein Chef wirklich vorhat, was mein Kollege wirklich im Schilde führt – ich muss mich behaupten. Letztlich muss sich der Mensch auch der Natur gegenüber behaupten. Die Natur mit all ihren Gewalten muss bezwungen werden. Als Herr über die Natur dürfen wir sie auch benutzen, wie wir es für unsere Selbst-Verwirklichung brauchen. Diese seelenlose Betrachtung und Behandlung der Natur ist die Basis aller ökologischen Probleme.

Mit dem Blick auf die Seele nehme ich die Verbindung zu allem und jedem anderen wahr. Alles und jeder hat Anteil an derselben Seele, an demselben Leben. Freude und Schmerz jedes anderen Wesens finden einen Widerhall in der eigenen Seele. Höflichkeit und Achtsamkeit werden zu einer selbstverständlichen Haltung.

  1. Ein anderer Blick auf Sinn und Entwicklung

Der selbstoptimierende Blick ist immer auch einer des Sich-Vergleichens. Wer ist „der Schönste im ganzen Land?“ Da die körperliche Optimierung ihre Grenzen hat, müssen Medizin und Technik weiterhelfen. Plastische Chirurgie ist der Anfang, Transhumanismus das Ende. Im Transhumanismus sollen mithilfe der Erweiterung des Menschen durch die Maschine „die gebrechlichen Körper mit all ihren Einschränkungen überwunden und der Mensch schließlich unsterblich werden“. Der Mensch nimmt seine Entwicklung aus der Unvollkommenheit in Angriff, indem er mit der Vollkommenheit der Maschine verschmilzt.

Mit dem Blick auf die Seele löst sich das Sich-Vergleichen in einem von- und miteinander Lernen auf. In der Seele wohnt ein natürlicher Drang, alles zu verbessern, zu veredeln und zu vervollkommnen. Damit ist der Seele auch der Lebenssinn innewohnend: Entwicklung. Es ist kein Utilitarismus „besser zu sein als“ oder „besser zu sein, um“, sondern ein natürliches Streben, die einst im Himmel geschauten und noch wage erinnerten reinen Ideen auf der Erde zu verwirklichen. Untrügliche Zeichen des Entwicklungsweges der Seele sind Liebe und Geduld – als Folge einer wahrhaftigen inneren Überzeugung: es wird eines Tages so sein.

  1. Ein anderer Blick auf die Bildung

Bildung heißt heute mehr denn je Selbstoptimierung. Suchte man bis vor Kurzem noch das Optimum für den Aufstieg auf der Erfolgs- und Karriereleiter, geht es heute um den persönlichen Wohlfühlfaktor, die Work-Life-Balance. Es ist ein regelrechter Kult um den eigenen Körper und das eigene Glück. Diese sinnentleerte und selbstbezogene Suche nach Spaß und Glück muss notgedrungen in einer Suchtspirale bzw. großer Frustration und/oder Depression enden.

Mit dem Blick auf die Seele löst sich die Bildung vom Nützlichkeitsdenken. Ausgebildet werden nicht nur nützliche Fertigkeiten, sondern vor allem der Charakter, der Mensch als solcher. Von jeher dienten dem Menschen dazu das Musische und das Künstlerische – Fächer, die aus den modernen Stundenplänen beinahe schon verschwunden sind. Musik und Kunst im Allgemeinen bringen unsere Seele zum Wachsen. Die wahre musisch-künstlerische Arbeit bringt unser lärmendes persönliches Ego zum Schweigen.

ID 146568329 © Nadiaforkosh | Dreamstime.com

 

Das Selbst ist immer berechnend und berechenbar, oberflächlich und egozentrisch. Die Seele jedoch ist unmittel- und unberechenbar lebendig, sie ist inniglich und gerade dadurch in Resonanz mit allem.

Wie wäre es, mehrmals am Tag in unserer Hektik innezuhalten und uns einfach nur dem Beobachten zu widmen. Kein Geräusch zu machen, nicht einmal mit unserem unentwegt plappernden Verstand, sondern reines Hören, Zuhören. Wer seine Seele solcherart öffnet, dem öffnet sich die Seele des Beobachteten und des Gehörten. Und wir beginnen Dinge wahrzunehmen, die dem persönlichen Ego verborgen bleiben. Ziel einer solchen Betrachtung und einer solchen Bildung ist es, Mensch zu werden. Ein Mensch, von dem man eines Tages sagen kann: „Eine Seele von Mensch!“

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Stärke https://www.abenteuer-philosophie.com/staerke/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=staerke https://www.abenteuer-philosophie.com/staerke/#respond Sun, 24 Oct 2021 13:53:19 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=3030 Magazin Abenteuer Philosophie

In einem philosophischen Kongress Anfang des Jahres hat ein Vortragender folgendes Statement abgegeben. : „Hätten wir Europäer nur ein Viertel der Probleme eines durchschnittlichen Menschen aus Bangladesch, würden wir verzweifeln. Uns fehlt die moralische Stärke.“ Jetzt, einige Monate später, wird die Notwendigkeit von Stärke angesichts der Krise immer deutlicher …

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n einem philosophischen Kongress Anfang des Jahres hat ein Vortragender folgendes Statement abgegeben: „Hätten wir Europäer nur ein Viertel der Probleme eines durchschnittlichen Menschen aus Bangladesch, würden wir verzweifeln. Uns fehlt die moralische Stärke.“ Jetzt, einige Monate später, wird die Notwendigkeit von Stärke angesichts der Krise immer deutlicher …

Ist Stärke überhaupt ein Wert, eine erstrebenswerte Eigenschaft? Der Stärke haftet in unseren Ländern ein zweifelhafter Ruf an. Dunkle historische Zyklen haben sie uns suspekt gemacht. Und es stimmt: „Starke Männer“ haben in vielen Ländern mehr Schaden als Nutzen gebracht. Doch wird der Ruf nach ihnen nicht vor allem dann laut, wenn es den meisten Menschen an Stärke fehlt und sie deshalb von anderen gefordert wird?

Im Internet bin ich auf das folgende Bild mit einer zwar vereinfachten, dennoch treffenden Botschaft aufmerksam geworden:

Wohlstand birgt eine gut getarnte, aber umso heimtückischere Gefahr in sich: die Bequemlichkeit. Viele philosophische Schulen haben das erkannt und versucht, gegenzusteuern: die griechischen Kyniker, die indischen Asketen oder die gemäßigteren Stoiker.

Im einen oder anderen Aspekt braucht jeder Stärke. Egal, in welchem Lebensbereich: Ohne Wille, Durchhaltevermögen und Stärke angesichts von Widrigkeiten ist kaum ein größeres Ziel zu erreichen. Wer diesen moralischen Wert stärken will, dem seien folgende Punkte aus den Schriften verschiedener Philosophen empfohlen:

1. Schwierigkeiten akzeptieren

„Man muss es nötig haben, stark zu sein: sonst wird man’s nie.“  Friedrich Nietzsche

Auch wenn wir es in unserem eigenen Leben oft nicht wahrhaben wollen: Es sind die schwierigen Zeiten und Phasen, die uns wirklich weiterbringen. Entweder die Schwierigkeiten, die uns das Leben beschert oder die Herausforderungen, für die wir uns selbst entscheiden, um an ihnen zu wachsen. Ein Sportler kann niemals stärker werden, wenn er nicht trainiert. Er muss an seine Grenzen gehen, sonst kann er sie nicht überschreiten. Das ist ein Naturgesetz, das auch im übertragenen Sinn gilt.
Eine Geschichte aus Indien bringt die Notwendigkeit der Schwierigkeiten prägnant auf den Punkt:
Als Gott Brahma die Welt erschaffen hatte, betrachtete er sein Werk, seine Schöpfung. Da sah er einige verpuppte Raupen, die sich abmühten, aus ihrem engen Kokon zu schlüpfen. Eine der Raupen mühte sich besonders stark und da empfand Brahma Mitleid. Er öffnete den Kokon und half somit dem kleinen Geschöpf, leichter herauszuschlüpfen. Ein wenig später sah er bunte Schmetterlinge, die sich in die Lüfte erhoben. Doch bei genauerem Hinsehen stellte er fest, dass ein Wesen noch am Boden kauerte: dasjenige, das er aus dem Kokon befreit hatte. Daraufhin – sagt die Geschichte – erkannte er, dass die Wesen der Schöpfung die Schwierigkeiten und den Schmerz brauchen, um zu dem zu werden, was ihre Bestimmung ist. So wie der Schmetterling, der erst durch seine Anstrengung genügend Blut in die Flügel zu pumpen vermag, damit sich diese entfalten können.

Die Schwierigkeiten alleine genügen nicht, auch das zu akzeptieren ist wichtig: ein (Grund-)Vertrauen ins Leben bzw. ein spirituelles Weltbild aufzubauen und sich immer wieder daran zu erinnern. Das Gute sowie Schwierige anzunehmen und es als Gelegenheit bzw. sogar als Geschenk zu sehen, um sich zu entwickeln. Also Dankbarkeit zu empfinden für das, was man im Leben hat. Menschen mit spirituellem Weltbild sind nachweislich resilienter, d. h., sie sind in der Lage, konstruktiver mit Schwierigkeiten umzugehen*.

2. Ein klares Ziel vor Augen haben

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“ Friedrich Nietzsche (angeblich)

Es gibt Berichte darüber, dass Menschen in Extremsituation unglaubliche Kräfte entwickeln:
Eine Frau in den USA, die das Auto ihres Vaters hochhob, als ihn dieses einquetschte. Eine Mutter in Kanada, die mit einem Eisbären kämpfte, als dieser ihren Sohn angriff. Soldaten, die – selbst schwer verwundet – Kameraden retteten etc**. In Extremsituationen ist das Warum so evident, dass es keine Alternative gibt. Und genau darin liegt das Geheimnis starker Menschen: Sie haben – nicht nur in Extremsituationen – ein klares Bild davon, warum bzw. wofür sie sich anstrengen, wofür sie etwas aushalten bzw. wofür sie Schmerzen ertragen.
Arnold Schwarzenegger hat es geschafft, in drei vollkommen unterschiedlichen Bereichen stark und erfolgreich zu sein: im Bodybuilding (im wahrsten Sinne des Wortes „stark“), als Schauspieler und in der Politik. In einem Vortrag über das Geheimnis seines Erfolges sagte er, dass das Wichtigste im Leben ist, herauszufinden, wo man hinmöchte: „Finde deine Vision, nicht die deiner Eltern, deiner Lehrer oder deiner Freunde, sondern deine eigene Vision.“ Wer diese Vision klar vor sich hat und sich immer wieder vergegenwärtigt, hat die Basis dafür geschaffen, sie trotz aller Hindernisse zu verwirklichen. Und diese Vision, so fügte er hinzu, solle kühn sein. Von Michelangelo ist folgendes Zitat überliefert: „Die größere Gefahr besteht nicht darin, dass wir uns zu hohe Ziele setzen und sie nicht erreichen, sondern darin, dass wir uns zu niedrige Ziele setzen und sie erreichen. “
Ein großes Ziel, das man zwar nicht vollkommen erreicht, ist dennoch der beständige Motor, der uns antreibt, es immer wieder von Neuem anzupeilen.

3. Emotionale Bekräftigung

Vielfach ist das Warum für unsere Anstrengungen im täglichen Leben nicht so evident wie bei den großen Persönlichkeiten der Geschichte. Oder wir bewahren unsere Vision nur für kurze Zeit und verlieren sie dann wieder aus den Augen.
Florian Wildgruber, Ironman-Teilnehmer und Motivationstrainer, beschreibt in seinem Buch „Stärke“, warum die meisten Menschen, die sich als Ziel setzen, ein paar Kilo abzunehmen, scheitern: Meistens haben sie keine emotionale Beziehung zu ihren Zielen. Er berichtet von einem Manager, der nach einem Herzinfarkt von seinem Arzt die Empfehlung bekam, zehn Kilogramm abzunehmen und Sport zu betreiben. Die anfänglichen Versuche waren erfolglos, denn aufgrund der zeitlichen Knappheit wollte er nicht zusätzlich noch zwei Abende der Woche „opfern“, an denen er seine Kinder nicht sehen konnte, um Sport zu betreiben. Daraufhin stellte der Motivationstrainer die Frage: „Wie wäre es, wenn du zweimal die Woche trainierst und du siehst deine Töchter an diesen beiden Abenden nicht, dafür aber 20 Jahre länger?“ Das war die nötige „emotionale Ladung“, die er als Motivation brauchte.
Das Warum, das nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz anspricht, muss natürlich jeder selbst finden. Roberto Assagioli, italienischer Psychotherapeut, empfiehlt in seinem Buch „Die Schulung des Willens“ folgende Übung:

„Bringe dich in eine bequeme Position und entspanne die Muskeln. Dann stelle dir so lebendig wie möglich vor, wie du die Sache, die du dir vorgenommen hast, nicht schaffst. Stelle dir den Schaden und das Leiden für dich und andere vor. Schreibe diese Begebenheit nieder und erlaube den Gefühlen, die diese Situation mit sich bringt, intensiv auf dich zu wirken, sodass sich der starke Wunsch regt, diesen Zustand zu ändern.
Nun stelle dir vor, was passiert, wenn du das Vorgenommene erreichst. Schreibe alles nieder, versetze dich in die Freude und positiven Emotionen, die damit in Verbindung stehen, und verspüre den Drang, sofort damit anzufangen.“


4. Disziplin

Auch wenn es wichtig ist, den Gipfel immer im Bewusstsein zu haben, so wird ihn niemand erklimmen, wenn er den Weg nicht geht. Und dieser Weg ist der Weg der Disziplin. Jeder Sportler weiß: No pain, no gain. Ohne Schmerz und tägliche Anstrengung geht es nicht. „Die meisten Menschen finden das Wort Disziplin ungefähr so sexy wie das Wort Finanzamt“, sagt Florian Wildgruber, aber den schlechten Ruf hat die Disziplin zu Unrecht.
Disziplin bedeutet nicht, sich so sehr zu kasteien, dass man jegliche Freude verliert. Sie ist keine Unterdrückung oder Verdrängung von Bedürfnissen, sondern lenkt sie. Und gerade diese Fähigkeit des Willens, nicht jedem Impuls seiner Persönlichkeit unmittelbar nachgehen zu müssen, führt zu einem höheren Genuss, wenn man sich für ihn entscheidet. Das zehnte Stück Schokolade schmeckt nicht so gut wie das eine, das man bewusst genießt. Die Erholung nach dem Sport ist schöner, als wenn man sich vorher nicht angestrengt hat etc. Das Resultat einer adäquaten Disziplin ist also ein Gefühl von Freude, Selbstvertrauen und Zufriedenheit.

Stärke gewinnt man nicht unmittelbar: Ein starker Baum braucht Jahrzehnte, um stark zu werden. Stärke ist das Produkt vom Glauben an das Leben und an sich selbst, der Sinnfindung bzw. der eigenen Mission, der vielen kleinen Entscheidungen und einem oftmaligen „Wieder-von-vorne-Anfangen“, wenn man hingefallen ist. Sie ist nicht Starrheit, sondern Elastizität. Und sie kann trainiert werden. Fangen wir damit an! Unsere Welt braucht starke Menschen!

 

 

Literaturhinweis:
WILDGRUBER, Florian, Stärke: Warum wir alle mehr können, als wir glauben. Verlag BoD, 2017

ASSAGIOLI, Roberto. Die Schulung des Willens. Verlag Junfermann, 2008

GRUHL*, Monika. Resilienz – Die Strategie der Stehauf-Menschen, Herder, 2014

** https://web.de/magazine/wissen/mystery/hysterische-kraft-gefahr-ploetzlich-superhelden-32248928

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Wir reden – viel! 16.000 Worte pro Tag! 73 % Tratsch. 66 % Preise. 43 % Wetter. Wie uns die Frage „Warum sprechen wir?“ aus der Banalität des Alltagspalavers retten kann.

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ienen tänzeln, Vögel zwitschern, Wildschweine grunzen, Frösche quaken, Delfine klicken, Ameisen schaben …, aber nur der Mensch spricht.

WARUM?

Dies führt uns zur Frage nach dem Ursprung der menschlichen Sprache. Die Antwort darauf suchen wir selbstverständlich in der Wissenschaft, deren Hypothesen wir oft mit demselben blinden Glauben folgen wie die Menschen vor einigen Jahrhunderten der Bibel. In diesem Falle geht es um die Sprachwissenschaft, die Linguistik. Hat man die Verwirrung der einzelnen Disziplinen wie Morphologie, Phonetik, Phonologie, Pragmatik, Semantik, Syntax, forensische-, klinische-, Neuro-, Patho- und Internetlinguistik endlich beseitigt, steht man bezüglich der Frage nach dem Ursprung der menschlichen Sprache buchstäblich vor dem Nichts. Vielfach wird dies auch zugegeben. Trotzdem bemüht man sich um Theorien wie zum Beispiel, dass die Entwicklung der Sprache durch den aufrechten Gang erfolgte. Denn plötzlich hatten wir die Hände frei und begannen mit Gebärden zu kommunizieren. Dann aber brauchten wir die Hände doch wieder, um Werkzeuge herzustellen und diese auch zu benutzen, sodass wir die Gebärdensprache kurzerhand durch die stimmliche Sprache ersetzten. Ganz einfach.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Johannes 1,1

In der Tat hat die Wissenschaft heute Großartiges in Bezug auf die physischen Voraussetzungen für die menschliche Sprache entdeckt wie das sogenannte Sprechgen Fox P2 oder die Entwicklung der Broca-Region im Stirnbereich unseres Großhirns. Das alles kann je-doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir zwar immer mehr über das Wie desmenschlichen Sprechens wissen, nicht aber über das Warum. Wieder einmalstoßen wir an die Grenzen unseres materialistischen Paradigmas. Wir wollen den Ursprung einer geistigen Leistung – der Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen ist gut erforscht – auf physio-logische Veränderungen zurückführen. Und scheitern. Zumindest bis jetzt. Ver-suchen wir uns also dem Geheimnis der Sprachentstehung auf anderem Wege anzunähern: dem Mythos.

IM ANFANG WAR DAS WORT

So heißt es in der biblischen Genesis. „Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott … Alles ist durch das Wort geworden“, fügt das Johannesevangelium hinzu. Das Wort wird hier als Schöpfungsmacht beschrieben und ist als solche Gott gleichgesetzt. Mit dem Worterschafft Gott das gesamte Universum, vom Licht bis zu den Tieren. Auch den Menschen, nur dass der Mensch davor in seinem Wesen beschrieben wird: als Abbild Gottes und als Stellvertreter Gottes auf Erden. Dazu wird dem Menschen die Sprache verliehen, als schöpferisches Instrument und als Verbreiter seines Wortes, also seiner Macht. Auch in anderen Sprachursprungsmythen ist die Schöpfung der Spracheeng mit der Schöpfung des Menschenverbunden. Meist stehen sie zusätzlich in enger Verbindung zur Übertragung kultureller Fähigkeiten wie Jagd, Ackerbau, Viehzucht, Stein- und Metallverarbeitung. Im Hopi-Mythos wird den Menschen vom Zwilling Sotukriang die Sprache verliehen. In einem Mythos aus Mikronesien muss Gott die einfältigen und taubstummen Menschen erst vervollkommnen und ihre Zungen lösen. Beiden amerikanischen Winnebago verleiht der Erdenbildner dem Menschen zuerst Verstand, dann Zunge und Seele. Im Inka-Mythos lehrt Gott die Menschensprechen und zeigt ihnen die Namen aller Dinge. Bei den sibirischen Tschuktschen sind die Raben die sprachlichen Lehrmeister des Menschen. Im Mythos der Tolteken taucht im Zuge des Zyklus von Schöpfung und Zerstörung das interessante Detail auf, dass sich Menschen in Affen verwandeln, was als eine Stufe der Regression angesehen wird. Letzteres findet sich in ähnlicher Form in den von Helena P. Blavatsky überlieferten alttibetischen Stanzen des Dzyan, wo es heißt, dass es bei der Begabung des Menschen mit dem Verstand und unmittelbar danach auch mit der Sprache zunächst zu einer Vermischung von Tieren und Menschen kam. Dadurch entstan-

Im Inka-Mythos lehrt Gott die Menschen sprechen und zeigt ihnen die Namen aller Dinge.

den stumme Wesen, die in der Evolutionsstufe der Anthropoiden bis heute überlebt haben. Ähnlich wie bei den Tolteken sind hier die Anthropoiden aus der Entwicklungsgeschichte des Menschenentstanden und nicht umgekehrt. Der griechische Dichter Hesiod erzählt ebenfalls, wie die unsterblichen Götter die redenden Menschen schufen. Bei den Naturphilosophen entsteht die Sprachedurch natürliche Prozesse aufgrund der inneren Seelenkraft des Menschen, bei Sokrates und Platon steht die Verbindung von Vernunft (nous) und Sprache (logos)im Zentrum. All den Sprachursprungs-mythen ist eines gemeinsam:

SPRACHE IST EINE GÖTTLICHE GABE

Ob diese göttliche Gabe durch Gott odergöttliche Wesen im Mythos personifiziert wird oder ob sie als eine innere Kraft des Menschen aufgefasst wird, ändert nichts daran: Sprache ist eine göttliche Gabe. Was aber können wir uns unter „Sprache als göttliche Gabe“ vorstellen? In der Vorstellung der alten Ägypter hatte der Mensch ursprünglich die Fähigkeit, direkt im Buch der Natur zu lesen. Jede Sache hat einen wahren Namen, der ihr wahres Wesen widerspiegelt. Den wahren Namen einer Sache zu kennen, bedeutet Macht über sie zu haben, ähnlich wie im Märchen von Rumpelstilzchen. Dann aber verlor der Mensch diese Fähigkeit. Die Hieroglyphen, die heiligen Zeichen der Ägypter, dienten den speziell darin Eingeweihten als Brücke zum Wesen der Natur, dem Nicht-Eingeweihten vermittelten sie einfache Bildergeschichten. Schließlich ging dieses Wissen vom wahren Namen aller Dinge verloren, übrigblieben eine oberflächliche alphabetische Sprache und Schrift. Genau so beschreibt es der rätselhafte Denker und Philosoph Walter Benjamin. Für ihn hat jedes Geschehen und jedes Ding insofern an der Sprache teil, als dass sich in ihm ein geistiges Wesen mitteilt. Das geistige Wesen ist mit dem sprachlichen identisch, das heißt, mittels der Sprache offenbart sich das geistige Wesen jeder Sache. Diese ursprüngliche Sprache als Mitteilbarkeit des Wesens der Dinge ist bei Benjamin die göttliche Gabe. Indem der Mensch das Wesen-hafte benennen kann, wird er selbst zum Schaffenden. Er hat teil am göttlichen Willen. Aus dieser mythischen Gemeinschaft mit Gott aber ist der Menschherausgefallen. Der Sündenfall als ein „Sondern“ von Wesen und Sprache. Es kam zur Sprache der Dinge, zu einer Degradierung der Sprache mit bloßem Zeichencharakter. Es entstand die Sprachenvielfalt als Beliebigkeit, die babylonische Sprachverwirrung. Aus einer gemeinsamen Ursprache, aus dem ursprünglichen Verständnis des Wesens der Natur, kam es zum allgemeinen Unverständnis: Mit dem Verlust der Sprache als göttliche Gabe kam es auch zum Verlust des Verständnisses der Menschen untereinander. Das ist es auch, was Platon in seiner Logos-Idee zum Ausdruck bringt. Wenn der Logos als Sprache der Dinge und der Menschen nicht mehr mit dem We-senhaften übereinstimmt, ist er eine Art Scheingebilde. So charakterisiert Platon den Sophisten, der das Medium des Denkens und der Sprache nutzt, um etwas als logisch erscheinen zu lassen, was aber mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, also weder gut noch wahr ist. Jede Sache hat unendlich viele Logiken. Jedes Sein hat unendlich viele Formen des Erscheinens. Willkommen im Zeitalter von Fake News, Shitstorms und Sprachverfall. Heute mehr denn je müssen wir uns die Frage stellen:

WARUM SPRECHEN WIR?

Im Sinne von: Was bezwecken wir, wenn wir sprechen? Wollen wir uns damit interessant und wichtig machen? Als klug erscheinen? Wollen wir andere in ein schlechtes Licht rücken – und uns damit in ein besseres? Wollen wir uns einfach nur die Zeit vertreiben? Oder reden wir, weil wir die Stille nicht ertragen? Für all das empfiehlt der als Sadhguru bekannte indische Yogi: Worte sparen! 16.000 Worte pro Tag sind einfach zu viel. Von Sokrates kennen wir die Geschichte der drei Siebe: Bevor wir etwas erzählen, sollten wir es durch das Sieb der Notwendigkeit, der Wahrhaftigkeit und der moralischen Güte überprüfen. Wenn ein Inhalt weder notwendig noch wahr noch gut ist, ist es besser zu schweigen. Das Volk der Aymara in Südamerika empfiehlt in ihren 13 „Geboten“ suma qamaña, zu Deutsch „Richtig leben“, zunächst das „Richtige Zuhören“. Nicht nur mit den Ohren zuhören, sondern mit dem ganzen Körper und der ganzen Seele. Ich muss als Erstes wirklich verstehen, was der andere mir sagen will. Ich muss also zum Wesenhaften vordringen, das sich durch die Sprache mitteilt. Dann erst folgt das „Richtig Reden“. Und dieses ist gekoppelt an das „Richtig Denken“ und „Richtig Fühlen“. Nichts sagen, was wir nicht auch so denken und so fühlen. Das bedeutet, erst zu reden, wenn wir genau wissen, was wir sagen wollen und vor allem auch, was wir nicht sagen

„Die Menschen scheinen die Sprache nicht empfangen zu haben, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben. “   Søren Kierkegaard

wollen. Kein Wort kann man in Wirklichkeit zurücknehmen. Jedes Wort prägt sich ins Herz unseres Gesprächspartners ein. Gleichzeitig gilt es dem anderen zuzutrauen, dass er die Wahrheit verträgt. Unsere Sprache muss das Wesenhafteste, das wir im Augenblick begreifen, zum Ausdruck bringen. Dann benutzen wir die Sprache als göttliche Gabe. Dann werden uns das Zuhören und das Reden dem Wesen aller Dinge näherbringen. Eines dieser 13 „Gebote“ möchte ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen: „Richtig Meditieren“. Im Sinne von Reflektieren, von Innenschau, Introspektion. Es bedeutet, uns selbst mit unserem Denken in einen inneren Dialog zu begeben. Uns mit unserem Denken über unser Verhalten, über alle Dinge und Geschehnisse zu beugen. Und uns in dieser Stille klarer zu werden, indem wir unserem eigenen Wesen und dem Wesen aller Dinge zuhören. Warum also sprechen wir? Vielleicht, um das in dieser Stille Entdeckte ans Licht zu holen und mit anderen zu teilen?  ap

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What If … Was wäre, wenn …, fragt Rob Hopkins, der Begründer der Transition-Town-Bewegung (Stadt im Wandel) in seinem neuesten Buch „From What Is to What If“. Es ist keine wirkliche Frage, sondern viel mehr die Motivation, ja die Anstiftung dazu, wieder zu träumen zu beginnen und Visionen zu entwickeln von einer Welt, in der wir leben wollen. What If …

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hat If … Was wäre, wenn …, fragt Rob Hopkins, der Begründer der Transition-Town-Bewegung (Stadt im Wandel) in seinem neuesten Buch „From What Is to What If“. Es ist keine wirkliche Frage, sondern viel mehr die Motivation, ja die Anstiftung dazu, wieder zu träumen zu beginnen und Visionen zu entwickeln von einer Welt, in der wir leben wollen. What If … endet nicht mit der Vision, sondern lässt jeden Einzelnen mitgestalten. Denn die „bessere Welt“ findet nicht irgendwo statt, sondern in den eigenen vier Wänden und vor der eigenen Tür.

Die Zukunft ändert ihre Richtung

Es erscheint beinahe zynisch in einer Zeit, die durchgeschüttelt wird von einem Komplex an Krisen, den wir in diesem weltweiten Ausmaß noch nicht erlebt haben, von einer besseren Welt zu sprechen. Dabei ist die Gesundheitskrise, ausgelöst durch die weltweite Covid-19 Pandemie, nur eine Facette. Die wirtschaftlichen Folgen, verbunden mit den noch nicht abschätzbaren Konsequenzen für unsere Gesellschaft, wiegen hier noch um einiges schwerer. Nicht zu vergessen, die Klima-Krise, das Verschwinden der Arten, die zur Neige gehenden Ressourcen … Gründe genug, um endgültig zu resignieren. Oder darauf zu warten, dass andere, die Großen und Mächtigen, die „richtigen“ Strategien entwickeln werden. Oder die großen Herausforderungen ignorieren und sich auf die Wiederherstellung des alten Zustandes konzentrieren. Die Strategien sind unterschiedlich und jede einzelne ist nachvollziehbar. Denn die alte Realität hat uns gut gedient, zumindest uns Menschen des globalen Nordens. Sie hat uns auch ein wenig träge gemacht und die Fähigkeit für kreative, neue Lösungen, die letztlich in jedem Menschen steckt, in den Standby-Modus versetzt.

Doch tief im Inneren ahnen wir, dass es diesen alten Zustand nicht mehr geben wird. Oder so wie der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx feststellt: „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert.“ Eine elegante Umschreibung dessen, was wir als Krise kennen. Aber nicht die Sorte von Krisen, die wir über mehr oder weniger große Anpassungen überwinden können, sondern jene, die die Fachwelt als Tiefenkrisen bezeichnet. „Am First des Daches, wo es kein Weiterkommen in derselben Richtung mehr gibt, sondern nur mehr links runter oder rechts runter“, so beschreibt der deutsche Philosoph Christoph Quarch die Bedeutung des alten griechischen Wortes „crisis“ in einem eindrucksvollen Bild.

Wie „geht“ Wandel?

„Die Krise als Chance betrachten“ – dieser Satz ist gerade in den letzten Monaten allzu oft und manchmal auch zu leichtfertig gefallen. Auch wenn dahinter das ehrliche Bemühen steht, dem Ganzen einen Sinn abzuringen. Krisen sind aber zu allererst heftige Erschütterungen, die Menschen in Not, Verzweiflung und Ängste stürzen und außerstande setzen können, irgendeine Alternative zu sehen. Erst dort, wo sich eine andere, vielleicht noch ferne neue Perspektive auftut, kann die Krise zur Chance werden. „Erst wenn sie zu einem Change, zu einem Wandel wird, kann sie ihr transformatives Potenzial entfalten“, meint Matthias Horx.

Nicht nur in der „Generation Greta“, sondern quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen wird der Ruf nach dem Wandel immer lauter. Wirtschaftswandel, Gesellschaftswandel, Bewusstseinswandel – er hat viele Namen. Gleichzeitig bewegt sich aber wenig. Denn viele stehen vor der Frage: Wie geht Wandel? Je öfter wir diese Frage stellen, desto größer und Respekt einflößender wird er. Der Wandel wird zu einer übermächtigen, unbewältigbaren, ja titanischen Aufgabe, weit entfernt von unseren bescheidenen Möglichkeiten.

Oder vielleicht doch nicht? Wenn wir zurückgehen zur eigentlichen Bedeutung des Wortes, verliert der Wandel viel von seinem „Schrecken“, denn es ist kein finaler Zustand, sondern ein Übergangsstadium: Er bezeichnet nicht ein Angekommen-Sein, sondern ein Unterwegs-Sein. Noch deutlicher wird die Botschaft des Wandels, wenn wir den Begriff „Transition“ dazunehmen. Dieser leitet sich vom Lateinischen „transire“ ab, was so viel bedeutet, wie von einem Zustand zu einem anderen hinüberzugehen.

Transition setzt keine fixfertige Gewissheit von diesem anderen Zustand voraus, aber es braucht eine Ahnung, eine Vision, die unsere Sehnsucht schürt. Transition braucht auch nicht die große Katastrophe, um unseren Status quo zu verlassen, sondern ein geschärftes Bewusstsein für das, was nicht mehr stimmt. Und schließlich ist Transition kein hektisches Rennen, sondern ein Gehen, das auch ein Stehenbleiben, Nachdenken und Umwege einschließt. Ausprobieren, Fehler machen, das Scheitern riskieren. So verstanden wird der Wandel zu einem lebendigen Prozess, der eines voraussetzt – das eigene Aktivwerden.

Warum wir die Vorstellungskraft brauchen

Wandel lässt sich in kein fertiges Schema pressen, auch wenn die verschiedenen Change-Management-Schulen uns das mit ihren minutiösen Handlungsanleitungen suggerieren. Denn es ist zuallererst ein innerer Prozess. Ein Prozess, in dem die Vorstellungskraft eine besondere Rolle spielt. Es ist die Fähigkeit, sich eine andere Welt vorzustellen in Bildern, die uns mitreißen, die uns emotional bewegen, die uns tief innen berühren und zur Realisierung anspornen. Alles, was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Vorstellung eines Menschen“, sagt Astrid Lindgren, eine Meisterin der Vorstellungswelten. Noch einen Schritt weiter geht der französische Philosoph Gilbert Durand, wenn er sagt, dass die Vorstellungskraft die Königin aller menschlichen Fähigkeiten ist, da sie uns hilft, Ereignisse in der Welt und unser eigenes Leben bildhaft, symbolisch zu verstehen und ihnen damit Sinn und Bedeutung zu geben.

Das neue Buch von Rob Hopkins, Begründer der Transition-Bewegung. © Rob Hopkins

 

Imagination ist ein anderes Wort für die Vorstellungskraft, das sich vom Lateinischen „Imago“ ableitet, was „Bild“ bedeutet. Es geht weniger darum, ein beliebiges äußeres Bild reproduzieren zu können, sondern sich mit dem eigenen Reservoir an inneren Bildern in Beziehung zu setzen und so etwas Neues zu gestalten. Dieses Neue beinhaltet den Antrieb, sich zu verwirklichen, zu manifestieren, nach außen zu treten. Das ist es, was uns anspornt, etwas in unserem Leben zu verändern – ein starkes inneres Bild. Auch der deutsche Gehirnforscher Gerald Hüther spricht von der Macht der inneren Bilder und der Kraft der Imagination, die wir einem Überangebot an äußeren Bildern entgegenstellen müssen, um den drängenden Fragen unserer Zeit zu begegnen.

„Die Klimakrise ist ein Mangel an Vorstellungskraft“, stellt Rob Hopkins fest und verweist damit auf eine andere Krise, die schon in den 1990ern offensichtlich wurde – die Krise der Kreativität. Studien zeigten, dass der IQ als Indikator für das rationale-kognitive Denken weltweit beständig ansteigt, während die Entwicklung der Kreativität einem kontinuierlichen Abwärtstrend folgt. Doch gehen uns wirklich die Ideen aus? Mitnichten, meinen Neurobiologen, denn diese Fähigkeit ist plastisch und erneuerbar bis ins hohe Alter. Wenn wir unsere Kreativität wieder benutzen, wächst sie und bringt immer wieder Neues hervor, von dem wir nicht wussten, es denken, vorzustellen, es tun zu können. Genau an dieser Stelle beginnt der Wandel.

Transition Town – Ein Beispiel geht um die Welt

Es gibt kein Rezept für den Wandel. Aber es gibt Beispiele – weltweit, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, unter unterschiedlichen Namen – die eindrucksvoll beweisen, dass eine bessere Welt möglich ist. Sind es nicht gerade diese Beispiele, die uns am meisten motivieren? Mit all ihrem Ringen um das Bessere, mit ihren Erfolgen, mit ihren Fehlern und ihren Unvollkommenheiten. Sie sind es, die Dokumentationen, wie „Tomorrow“ zu Best-Viewern machten. Weil sie Menschen zeigen, die Initiative ergreifen. Oft kaum mit Mitteln ausgestattet, aber dafür mit einer starken Vorstellungskraft und einem tiefen Sinn für die Gemeinschaft.

Totnes in England: eine ganz „normale“ Stadt, die zum Zentrum und pulsierenden Laboratorium einer weltweiten Bewegung wurde. © 70124681 © Tomas Marek | Dreamstime.com

 

What if … war auch der Ausgangspunkt für die erste Transition Town. Totnes in der südenglischen Grafschaft Devon mit seinen 8.000 Einwohnern hatte eigentlich nichts Besonderes vor. Bis zum Jahr 2006, als sie von Rob Hopkins, einem irischen Permakultur-Experten und Begründer der Transition-Town-Bewegung entdeckt wurde. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Schließung einer Fabrik und einer Kunsthochschule stellten die Stadt vor die Entscheidung – Wandel oder Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Heute ist Totnes Hauptstadt und pulsierendes Laboratorium für eine weltweite Bewegung, die mittlerweile in 50 Ländern und über 4.000 Initiativen aktiv ist. Die Grundidee ist einfach „Lokal handeln und damit die Welt verändern“.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass jährlich Tausende Menschen nach Totnes pilgern, denn hier kann man „in echt“ erleben, wie ökologische Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und soziales Miteinander ineinandergreifen. Nicht alle Projekte sind neu, nicht alle sind sensationell und natürlich sind nicht alle erfolgreich. Aber sie zeigen, wie aus einer Krise durch die Initiative der BürgerInnen eine neue Stärke entstehen kann.

  • „Unglaublich essbar“: Unter diesem Motto arbeitet Totnes seit 2007 konsequent daran, zu einer „essbaren Stadt“ zu werden. Seither werden jedes Jahr Nuss- und Obstbäume gepflanzt, auf Freiflächen neue Kräuter- und Gemüsebeete angelegt und damit das ganze Stadtgebiet in einen großen öffentlichen Garten verwandelt. Die gemeinschaftliche Betreuung, genauso wie die gemeinsame Ernte, bringt Menschen zusammen und macht den öffentlichen Raum zu einem Ort der Begegnung.
  • Das „Hafer-Projekt“: Sich selbst versorgen zu können, ist eine der Visionen von Totnes. Den Anfang machte der Hafer, mittlerweile auch Urkorn, zwei perfekt an die lokalen Klimabedingungen angepasste Getreidesorten. Eine Mühle, eine Artisan Bäckerei sowie eine Craft-Bier Brauerei entstanden in der Stadt.
  • „Transition Homes“: Auch das gemeinschaftliche Bauen und Wohnen darf in Totnes nicht fehlen. Unter dem Motto „Von der Gemeinde für die Gemeinde“ entstanden 27 Eigenheime, die den Standards des ökologischen und energieeffizienten Bauens entsprechen mit einer Reihe von Gemeinschaftsräumen, die der allgemeinen Nutzung zur Verfügung steht.
  • „Inner Transition“: In Workshops und Veranstaltungen wird dabei die Frage erörtert, wie individuelle Resilienz, aber auch die Resilienz der Gemeinschaft gestärkt werden kann.
  • „Play Group“: Mit einem bunten wöchentlichen Programm werden vor allem Erwachsene dazu angeregt, dem Spiel fixe Zeiten einzuräumen.
  • „Das Skillshare Projekt“: Wurzelt in der Idee, dass jeder Mensch wertvolle Fähigkeiten und Talente hat. Handwerkliche Fähigkeiten oder Computerkenntnisse haben hier genauso ihren Platz wie die Fähigkeit, zuhören zu können. Für den Einzelnen entsteht dadurch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Totnes ist nicht das Paradies. Und eine Transition Town ist nicht die einzige Möglichkeit, um einen Wandel herbeizuführen. Aber es zeigt, dass eine bessere Welt möglich ist.

Wir dürfen nur nicht aufhören, zu träumen …

 

Literaturhinweis:

  • HOPKINS, Rob: From What If to What Is, Chelsea Green Verlag, 2019
  • HOPKINS, Rob: Einfach. Jetzt. Machen! Oekom Verlag, 2014
  • HORX, Matthias: Die Zukunft nach Corona, Econ Verlag, 2020
  • QUARCH, Christoph: Neustart: 15 Lehren aus der Corona-Krise, legenda Q Verlag, 2020

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Wir geben Geld aus, um uns von anderen abzuheben. Wir besuchen Seminare, um uns selbst zu finden. Wir wollen individuell sein. Nein, wir müssen es: Unseren eigenen Lebensstil haben, unsere eigenen Werte und Meinungen, unseren eigenen Humor und unsere eigenen Verrücktheiten. War dies schon immer so? Und vor allem: Ist es wirklich so?

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ir geben Geld aus, um uns von anderen abzuheben. Wir besuchen Seminare, um uns selbst zu finden. Wir wollen individuell sein. Nein, wir müssen es: Unseren eigenen Lebensstil haben, unsere eigenen Werte und Meinungen, unseren eigenen Humor und unsere eigenen Verrücktheiten. War dies schon immer so? Und vor allem: Ist es wirklich so?

Was an mir ist individuell? Sofort denke ich: alles! Denn alles ist in seinem Moment und in seiner Form einzigartig und unwiederholbar. Selbst wenn ich die abgedroschenste Lobesfloskel „Super“ verwende oder alternativ „Supi“, nur noch zu toppen, wenn ich es mit dem Daumen hoch kombiniere, so ist es doch aus meinem Munde und mit meinem Daumen einzigartig. Im selben Moment aber denke ich: nichts! Gerade schreibe ich an diesem Artikel. Werde ich auch nur einen einzigen wirklich individuellen Gedanken zu Papier bringen? Und Sie? Ist es eine spezielle Mode, die uns individuell macht? Oder ist es nicht genau die Mode, die uns als Konformisten, als Mainstreamer entlarvt? Denn aus dem lateinischen modus kommend steht Mode für das normierte Maß, für den allgemeingültigen Geschmack. Also für das, was Mann/Frau gerade so tut, trägt und konsumiert.

Was aber macht unsere Individualität nun aus? Als das „Unteilbare“ (griech. atomos, lat. individuum) wird es mit unserer Essenz in Beziehung gebracht. Etwas, das bereits in uns angelegt ist, und das durch die Erziehung und durch die Arbeit an uns selbst kultiviert wird. Um dies zu verdeutlichen, werfen wir einen kurzen Blick auf …

Die Geschichte der Individualität    

Die griechischen Sophisten ab dem 5. Jahrhundert. v. Chr. sollen als Erstes das Individuelle über das Allgemeine gestellt haben. Die Protagoras zugeordnete Aussage, wonach

„der Mensch das Maß aller Dinge“

sei, wurde von Platon heftig kritisiert. Denn damit würde alles subjektiv und den menschlichen Bedürfnissen und Befindlichkeiten untergeordnet. Für ihn und auch seinen Schüler Aristoteles ist der Mensch ein zoon politikon, ein soziales und politisches Wesen. Derjenige, der sich nur um sich selbst und seine privaten Angelegenheiten kümmert, bekam die damals neutrale – heute weniger schmeichelhafte Bezeichnung – idiotes.

Was an mir ist individuell?
© Alexander Limbach | Dreamstime.com

Solche „Idioten“ waren einige Jahrhunderte später unter den römischen Kaisern willkommen. Denn diese brauchten keine eigenständig denkenden, politischen Individuen, sondern von „Brot und Spiele“ abgelenkte und eingelullte Gefolgsmänner. So wurde die ungebildete, aber schnell erregbare Masse ruhig gestellt.

Im europäischen Mittelalter war der Mensch der Willkür Gottes und dessen Stellvertreter auf Erden, Adel und Klerus, unterworfen. Das Diesseits konnte durchaus leidvoll sein, die Erfüllung wartete im Jenseits. Dies änderte sich radikal in der Renaissance mit ihrer wichtigsten Geistesströmung, dem Humanismus. Hier rückte die Bedeutung jedes einzelnen Menschen und seine freie Entfaltung im Hier und Jetzt ins Zentrum.

Der Mensch als Individuum mit seinen individuellen Begierden, Hoffnungen und Sehnsüchten war geboren.

Vor allem in der Kunst zeigte sich dieses wiederentdeckte Ich: Dürer, Raffael, Tizian und Co malten Selbstporträts. Rembrandt sogar 90! Denker und Literaten verfassten Autobiografien. Der große Renaissance-Gelehrte Erasmus von Rotterdam berichtete ausführlich über seine persönlichen Interessen, Freuden und Leiden.
All diese Entwicklungen des Menschen zu einem Individuum konkretisierten sich in der Aufklärung und gipfelten in den Kant´schen Parolen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Und: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Der Mensch ist also umso mehr Individuum, umso mündiger und verantwortungsbewusster er wird, umso mehr er selbstständig denkt und seine eigene, einzigartige Sicht auf die Welt entwickelt.

Dieses subjektive Denken und die damit einhergehende Individualisierung griff mit der Revolutionsrhetorik „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zunächst auf das Bürgertum und schließlich auf die Arbeiterschichten über.

Die Individualisierung wurde zu einem Massenphänomen.

Damit gingen jedoch nicht automatisch die Mündigkeit, das Verantwortungsbewusstsein und das

Wir sind eine anonyme Masse geworden
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selbstständige Denken jedes Einzelnen einher. Vielmehr kam es Ende des 19. Jahrhunderts, basierend auf den Erkenntnissen Siegmund Freuds über das Unbewusste im Menschen, zu einem Verständnis und einem Umgang mit der Psychologie der Massen. Das gerade geborene Individuum wurde in die Unmündigkeit des Konsummenschen zurückgedrängt. Geschickte Marketingstrategen drehten am Bedürfnisrad und verstrickten den Einzelnen in persönliche Wünsche, Befindlichkeiten und Selbstverwirklichungsstreben. Der deutsche Philosoph Max Stirner hatte Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlage dafür geschaffen:

„Mir geht nichts über mich.“

Die Individualisierung war endgültig zum Individualismus mutiert, also zum Vorrang des Individuums vor der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft und der Staat sollen nur noch die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen der Einzelne seine Bedürfnisse befriedigen und seine Ziele verwirklichen kann.

 

„Wir sind so individualistisch geworden, man kann uns kaum mehr unterscheiden.“

Dieser Aphorismus des Schweizer Medienanalysten Heimito Nollé bringt das Dilemma auf den Punkt: Denn Individuum bedeutet, unteilbar und einzig zu sein. Gelingt diese Unterscheidung von unserer Umwelt jedoch nicht über ein inneres Sein durch eigenständiges Denken und einen eigens herausgearbeiteten Charakter, dann versuchen wir es über den äußeren Schein wie Kleidung, Auto, Frisur, Urlaubsziele oder Extremsport. Was aber sollen wir in unserer Massengesellschaft noch anstellen, anziehen, anstreben, uns und anderen antun, was nicht schon Tausende vor uns gemacht haben? So sehr uns die Werbeindustrie mit jedem Produkt Individualität verkaufen will, so bleiben es doch nur Produkte, die von außen kommen. Die wir weder selbst erdacht noch geschaffen haben. Dass wir jetzt beim britischen Label Burberry oder bei Tiffany & Co die verschiedensten Accessoires mit individuellen Monogrammen versehen lassen können, dass wir unseren Adidas- und Nike-Sportschuhen neuerdings ein individuelles Muster verpassen können, macht es nicht wirklich besser.

Es zeigt nur noch deutlicher, wie sehr wir durch Individualismus versuchen, der Bedeutungslosigkeit der Masse zu entkommen.

Während der individuell karierte Turnschuh zu den harmlosen Auswirkungen des Individualismus gehört, liegen weit gravierendere Folgen auf der Hand: Vor allem der Selbstverwirklichungs-Individualismus im Gefolge der 68er-Bewegung mit der ständigen Selbstbespiegelung „Hallo, wie geht´s mir gerade?“ und dem ständig aktiven Bauchgefühlsbarometer „Es fühlt sich gerade nicht stimmig an!“ haben uns regelrecht beziehungsunfähig gemacht. Vereinzelung, Vereinsamung und Geburtenarmut befinden sich im Schlepptau. Behinderung der beruflichen Karriere und der individuellen Freizeitgestaltung werden als Hauptgründe für den fehlenden Kinderwunsch genannt.

Seit der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert wurde von einem Individuum als „Charakter“ gesprochen. Ab dem 20. Jahrhundert kam es mehr und mehr zum Begriff der „Persönlichkeit“. Der US-amerikanische Kulturhistoriker Warren Susman verglich die jeweils dafür gebräuchlichsten Begriffe: Mit Charakter wurden im 19. Jahrhundert Begriffe wie Moral, Verantwortlichkeit, Ehre, Integrität, Demokrat, Bürger, Heldentaten und Manieren assoziiert. Mit Persönlichkeit im 20. Jahrhundert dagegen faszinierend, umwerfend, attraktiv, kreativ, strahlend, überragend usw. Susman beschreibt den Wandel des Individuums von der Charakterbildung mit der Entwicklung von Moral und Tugend hin zur Persönlichkeitsverwirklichung mit der Entwicklung von persönlichen Hobbys, Moden und Besitztümern. Ging es in der „Kultur des Charakters“ um das gute Benehmen und die gute Tat, ausgehend von einem edlen Herzen und einer noblen Gesinnung, geht es heute in der „Kultur der Persönlichkeit“ um den guten Eindruck, wie man am besten auffallen und gelikt werden kann. Benötigt demnach wirkliche Individualität eine Rückkehr zu

 

Charakterbildung statt Performance?

Der Mensch am Gipfel der Selbstverwirklichung?
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Charakter stammt aus dem Griechischen und bedeutet Prägung. Es ist das Monogramm, das eingravierte Zeichen, mit dem beispielsweise ein Künstler sein Kunstwerk signiert. Ab dem 17. Jahrhundert wird dieser Begriff mit der Summe aller Qualitäten assoziiert, die einen Menschen einzig und unverwechselbar, also zu einem Individuum machen. Charakter ist angeborene Prägung, die Prägung durch die Erziehung sowie die Prägung durch unsere alltäglichen Erfahrungen und die fortwährende Arbeit an uns selbst.

James Davison Hunter beschreibt in seinem Buch The Death of Character die drei Eigenschaften eines wahren Charakters: Die erste nennt er „Moralische Disziplin“, die Fähigkeit der Selbstbeherrschung und Selbstführung, vor allem in schwierigen Lebenssituationen. Die zweite heißt „Moralische Unterstützung“, da sich der wahre Charakter immer für etwas Höheres und Größeres einsetzt, das die eigene Persönlichkeit und die eigenen Interessen übersteigt. Und die dritte ist die „Moralische Autonomie“.

Die konsequente Arbeit am eigenen Charakter braucht manchmal Helm
und Feuerlöscher
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Denn ein Charakter entscheidet sich freiwillig und unabhängig für sein Handeln, nicht weil äußere Faktoren wie Ansehen, gesetzlicher Zwang oder Political Correctness ihn dazu zwingen.
Individualität lässt also jede Form von Egomanie weit hinter sich zurück. Sie entsteht durch eine konsequente Arbeit am Charakter.

Die reine, wenn auch gelungene Performance reicht nicht. Individualität ist Sein, nicht Schein. In diesem Sinne halte ich die Aussage von Dirk de Sousa für nachdenkenswert:

„Individualität besteht nicht darin, sich von anderen zu unterscheiden, sondern in dem Gefühl, eins mit ihnen zu sein.“

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Zunächst war er wie einer von uns. Er stibitzte als Kind seinen Eltern Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Als junger Student liebte er seine modischen englischen Anzüge und betrachtete sich immer wieder wohl- und selbstgefällig im Spiegel. Doch dann ging ihm das Geld aus. Er lernte, der Notwendigkeit zu gehorchen, kleidete sich ganz einfach und ging zu Fuß – 20 Kilometer pro Tag. Schließlich wurde er zum Mahatma – zur großen Seele Indiens – zu einem, der berufen war, die Weltgeschichte zu verändern.

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unächst war er wie einer von uns. Er stibitzte als Kind seinen Eltern Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Als junger Student liebte er seine modischen englischen Anzüge und betrachtete sich immer wieder wohl- und selbstgefällig im Spiegel. Doch dann ging ihm das Geld aus. Er lernte, der Notwendigkeit zu gehorchen, kleidete sich ganz einfach und ging zu Fuß – 20 Kilometer pro Tag. Schließlich wurde er zum Mahatma – zur großen Seele Indiens – zu einem, der berufen war, die Weltgeschichte zu verändern.

Heute ist er Symbol dafür, dass es nichts Unmögliches gibt, dass Veränderung möglich und machbar ist und dass jeder dazu betragen kann und muss. „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für die Welt.“ Er hat uns gezeigt, was möglich ist, was er vermochte. Und dass auch wir alle mehr vermögen, als wir glauben …
Ich persönlich lernte ihn im Kino kennen. Sie vielleicht auch? Es war der monumentale Spielfilm „Gandhi“ von Richard Attenborough aus dem Jahr 1982 mit Ben Kingsley in der Titelrolle. Als freiheitsliebender und gerechtigkeitsfanatischer Teenager war ich begeistert und bin es noch. Und daher ist es mir ein Anliegen, über ihn anlässlich seines 150. Geburtstag am 2. Oktober zu schreiben.
Ich schreibe von seinem Vermögen, das ihm nicht in die Wiege gelegt wurde, das er nicht geerbt hatte, sondern das er sich mühsam erarbeiten musste. Seine Botschaft war für mich immer eine innere gewesen. Gewiss, es gab den äußeren Kampf für die Unabhängigkeit Indiens, aber der war zu meiner Zeit schon geschlagen.

1. Vermögen: Lebe einfach!

Einfachheit, Reinheit und Verzicht waren ein Wesenskern von Gandhi. Er wollte mit der westlichen Mammon-Kultur nichts zu tun haben und vor allem Indien davor retten. Was würde er sagen, könnte er sein Land heute sehen? Er lebte in einfachsten und bescheidensten Verhältnissen, trug ausschließlich indisches Tuch. Er galt als „der nackte Heilige“. Selbst wenn er Staatsmänner empfing, setzten sich diese in seiner kleinen, bescheidenen Hütte auf die Bodenmatte neben ihn. Er träumte von einer nationalen Wirtschaft, die ohne Schwerindustrie, ohne Großstädte, ohne Luxusgüter auskommt und stattdessen die Menschen selbstständig macht und ihnen die einfache menschliche Würde zurückgibt. Daher saß er immer am Spinnrad – auch wenn er mit Staatsoberhäuptern verhandelte. Das Spinnen diente ihm der Meditation, Konzentration, Selbstbeherrschung und war darüber hinaus auch nützlich. Es sei ein Mittel gegen die Sittenverwilderung und Selbstsucht, wie er es selbst ausdrückte.

Gandhis Spinnrad (© Anandoart | Dreamstime.com)

2. Vermögen: Habe Mut, deine Stimme zu erheben

Seinen Kampf nannte Gandhi „Satyagraha“. Satya bedeutet Wahrheit. Agraha ist das Erfassen oder feste Anhalten. Daraus ergibt sich ein „unbeirrbares Sich-an-die-Wahrheit-Halten“. Die Wahrheit, die eigene Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit müssen Richtschnur des eigenen Handelns sein. Wahrhaftigkeit ist die Wurzel aller Tugenden und Satya ist das Herz aller Dinge. Ein Satyagrahi ist daher ein Mensch, der die wahre Gerechtigkeit sucht und nicht seinen persönlichen Vorteil, ein Mensch, der für die Wahrheit eintritt. Komplizenhaftes Schweigen oder stille Resignation ist damit nicht vereinbar. Eigene Feigheit und Schwäche verdunkeln die Wahrheit.

„Ein Nein aus tiefster Überzeugung ist besser und größer als ein Ja, das nur gefallen will, oder noch schlimmer, Schwierigkeiten umgehen möchte.“

 

Die sieben sozialen Sünden der Moderne
formulierte Mahatma Gandhi 1925 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Young India

  1. Politik ohne Prinzipien
    2. Wohlstand ohne Arbeit
    3. Genuss ohne Bewusstsein
    4. Wissen ohne Charakter
    5. Geschäft ohne Moral
    6. Wissenschaft ohne Menschlichkeit
    7. Religion ohne Opferbereitschaft

Hierin zeigt er die Ursachen und gleichermaßen die Lösungen für die Welt – welche selbst heute noch Gültigkeit haben.

Der Mann, der dreihundert Millionen Menschen erweckt und das britische Weltreich erschüttert, hat

Ruhige dunkle Augen. Ein schmächtiger Leib, ein hageres Gesicht und weit abstehende Ohren. Er trägt eine weiße Mütze, hüllt sich in grobes, weißes Tuch und geht barfuß. Er nährt sich von Reis und Früchten. Er trinkt nur Wasser. Er schläft auf dem nackten Boden. Er schläft überhaupt wenig und arbeitet ohne Unterlass. Sein Körper scheint nicht zu zählen. Nichts an dem Manne fällt bei einer ersten Begegnung auf als ein Ausdruck unendlicher Geduld und Liebe. … Er denkt von sich äußerst bescheiden in einem Maß, als ob er sagen wollte: „Ich kann mich irren.“ Er verbirgt nie seine Fehler, schließt keine Kompromisse, kennt keine Diplomatie … Er lauscht seiner leisen inneren Stimme, „the still small voice“, der er folgen muss.
Aus der Gandhi-Biografie von Romain Rolland

 

3. Vermögen: Nutze deine Wut

Um gewaltlosen Widerstand gegen eine Übermacht zu zeigen, brauchte er unbedingte Selbstbeherrschung. Gewalt nicht mit Gewalt, Hass nicht mit Hass zu beantworten, gehört vielleicht zu den schwierigsten Dingen. Und trotzdem sagte Gandhi: „Selbstüberwindung ist das Gesetz unseres Daseins.“ Also hatte es gar keinen Sinn, dem Thema auszuweichen. Er gab auch zu: „Herr über die feinen Leidenschaften zu werden ist weit schwerer als die Eroberung der Welt mit Waffengewalt.“ Aber er erklärte auch – und hat es mit seinem Leben selbst bewiesen – wie es geht: Man muss die Energie der Wut nutzen und sie in eine positive und nützliche Richtung leiten. „Wut ist die Energie, die uns zwingt, zu definieren, was gerecht ist und was ungerecht.“ Das führt zum eigenen Nachdenken, den eigenen „wahren“ Standpunkt zu finden und sich dann dafür einzusetzen. Gewalt mit Gewalt zu beantworten, vermehrt nur die Gewalt. Es führt zu keiner Lösung.

4. Vermögen: Suche die Kraft der Einheit

„Ich wende mich an alle unter Euch mit der Bitte: Einigt Euch! Hindu, Mohammedaner, Parsen, Juden und Christen … überwindet Euer Misstrauen untereinander. Das Misstrauen geht aus der Furcht hervor, die Furcht aber aus der Schwäche. Ich weiß, dass wir uns im Grunde alle wie Brüder lieben.“ Eine in sich selbst gespaltene Gemeinschaft hat keine Macht. Ein in sich selbst zerrissener Mensch hat keine Kraft.

Apropos Vermögen

Ein Vermögen ist nicht etwas, das man gerne hätte, sondern was man wirklich sein Eigen nennen kann. Nicht ein Traum oder eine Sehnsucht, sondern man muss es sich mit ganzer Kraft und Anstrengung selbst erarbeitet haben. Das ist wahrlich nicht so leicht: einfach zu leben in einer Kultur des Wohlstands durch Konsum. Im feigen Schweigen der Masse seine Stimme zu erheben, sich nicht wütend oder ohnmächtig zu fühlen angesichts der Herausforderungen unserer Zeit und vor allem die Einheit und Verständigung zu suchen in einer Welt des gegenseitigen Misstrauens.

Er wollte eigentlich nie ein Mahatma – eine große Seele – sein. Vielleicht auch deshalb, da uns ein Mahatma zu weit entfernt ist, um als wirkliches Beispiel und Vorbild zu dienen. Er empfand sich selbst als alpa Atma – eine kleine bescheidene Seele, die aber auf der Suche nach der Wahrheit ist. Aber den Namen Bapu (Vater) hat er geliebt. Er war der Vater von Indien – von Millionen von Menschen, die ihn liebevoll so nannten. Und möge er uns heute ein geliebter Großvater sein. Mir fällt der Refrain eines Songs von STS ein: „Großvater, kannst du ned abakumman auf an schnellen Kaffee?“ Und in leichter Abwandlung des Textes singe ich weiter: „Großvater, i möcht‘ di so viel fragn, was i heit net versteh!“ Er kommt nicht zum Kaffee. Er trank nur Wasser. Aber stellen wir uns vor, er säße vor uns … „Danke dir, Bapuji, für dein Vorbild! Und: Happy Birthday!!!“

 

Mohandas Karamchand Gandhi

  • Geboren am 2. Oktober 1869 in Porbandar (Indien) am Golf von Oman, in der Kaste der Vaishas (Geschäftsleute)
  • Studierte Rechtswissenschaften in London
  • Begann als Rechtsanwalt in Südafrika seinen Kampf gegen Rassendiskriminierung
  • Setzte diesen Kampf in Indien fort
  • Übernahm 1920 die Führung der Unabhängigkeitsbewegung in Indien
  • Unternahm unzählige Kampagnen des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialregierung
  • Erlebte schließlich 1947 Indiens Unabhängigkeit, aber auch die Spaltung in Indien und Pakistan
  • 1948 wurde er für seine Aussöhnungsversuche zwischen Hindus und Moslems von einem fanatischen Hindu erschossen
  • Der Ehrenname „Mahatma“ wurde ihm vom indischen Philosophen Rabindranath Tagore verliehen

 

Literaturhinweis:

GANDHI, Arun: Wut ist ein Geschenk – Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi. DuMontVerlag. 2017

GANDHI, M. K.: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Aquamarin-Verlag. 2013

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„Alles!“, sagen die einen. „Nichts!“, sagen andere. „Er ist tot!“, sagte Nietzsche. „Es gibt ihn gar nicht!“, sagen die Atheisten. Vielleicht muss man die Frage überhaupt anders stellen: Nicht, was macht Gott, sondern was macht Gott mit uns?

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Alles!“, sagen die einen. „Nichts!“, sagen andere. „Er ist tot!“, sagte Nietzsche. „Es gibt ihn gar nicht!“, sagen die Atheisten. Vielleicht muss man die Frage überhaupt anders stellen: Nicht, was macht Gott, sondern was macht Gott mit uns?

„Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“

Mit diesen Worten verkündete der große persische Sufi- Mystiker Rumi (1207 – 1273), dass weder die Wissenschaft noch die Philosophie und nicht einmal die Religionen uns sagen können, wer oder was Gott ist. Dazu müssen wir unser Herz befragen. Ganz ähnlich formulierte es der christliche Mystiker Meister Eckhart (1260 – 1328): „Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen; er ist nicht weiter als vor der Tür des Herzens. Dort steht er und harrt und wartet.“

Von welchem Gott reden wir?

Rumi wie Meister Eckhart sind sich in zwei Dingen einig. Erstens: Es gibt einen Gott. Generell ist die Existenz Gottes oder von etwas Göttlichem bei allen Völkern in allen Zeitaltern anzutreffen, auch wenn die heutigen atheistischen Strömungen sich krampfhaft bemühen, Atheismus überall und zu allen Zeiten nachzuweisen. In diesem Zuge wurde selbst der Pantheismus zu einem versteckten Atheismus. Jedenfalls ist dieser Consensus gentium eines universellen Glaubens an Gott Anlass für Ciceros Gottesbeweis:

 „Es gibt kein Volk, das so wild, und niemanden unter allen, der so roh wäre, dass er in seinem Geist nicht einen Gedanken an die Götter trüge.

Viele meinen über die Götter Verkehrtes (das aber pflegt aus einem schlechten Lebenswandel zu rühren) – dennoch glauben alle, dass es eine göttliche Kraft und Natur gibt …“ Mit diesem sogenannten Konsensargument meint Cicero, die Existenz von etwas Göttlichem bewiesen zu haben. Nur will ich Sie hier weder mit diesem noch mit sonstigen Gottesbeweisen langweilen. Falls Sie jedoch entgegen meiner Annahme sogar darauf brennen, mehr über den anthropologischen, ontologischen, kosmologischen, moralischen, teleologischen usw. Gottesbeweis zu erfahren, verweise ich Sie auf den gleichnamigen Wikipedia-Artikel. Abraham Lincoln argumentierte übrigens einst in einem Satz sowohl die Leugnung wie die Existenz Gottes: „Ich könnte mir vorstellen, dass ein Mensch auf die Erde hinabblickt und behauptet, es gebe keinen Gott; aber es will mir nicht in den Sinn, dass einer zum Himmel aufschaut und Gott leugnet.“ Mehr als auf den Konsens, dass es einen Gott gibt, möchte ich auf den zweiten Konsens zwischen Rumi und Meister Eckhart eingehen: Gott ist nur in unserem Herzen zu finden. Die Betonung liegt auf nur.

© Dedmazay | Dreamstime.com

Und was macht das mit uns?

Wenn Gott nur in unserem Herzen zu finden ist: Was macht das mit uns? Das bedeutet wohl, dass wir uns auf die Suche nach uns selbst machen müssen, um Gott zu finden. Dies erinnert an das vielzitierte Gnothi seauton auf dem Apollon-Tempel in Delphi: „Mensch erkenne dich selbst.“ Und so mancher spirituelle Lehrer ergänzte: „Erst dann wirst du Gott erkennen.“

Bei Eckhart ist die Selbsterkenntnis ganz klar Gotteserkenntnis, da der „Seelengrund“ des Menschen ein „Fünklein Gottes“ ist.

Die Abkehr von diesem Seelengrund, also die Abkehr von Gott, ist für Meister Eckhart Sünde. Sünde ist ein Sich-Sondern, ein Zurückschreiten vom Einen zu den vielen Dingen. Heute würden wir sagen, wir verlieren das Wesen, den Sinn unseres Mensch-Seins aus den Augen und zerstreuen uns sowohl in den unzähligen Vergnügungen als auch in den zahlreichen sogenannten Verpflichtungen.

Unser Gottesbild also macht etwas mit uns. Es bestimmt, wie wir uns im Leben verhalten, wonach wir streben und was wir vermeiden wollen. Wenn wir an einen persönlichen, außerkosmischen Gott glauben, der in seiner Allmacht über alles bestimmt und uns willkürlich alles geben, aber auch alles nehmen kann: Was macht das mit uns? Wir werden uns wohl ganz diesem Gott ergeben. In unseren Gebeten werden wir mit diesem Gott verhandeln.

Im schlimmsten Falle werden wir zu geistigen Bettlern, die sich in frommer Untätigkeit auf die Gnade Gottes verlassen. Selbst der Pastor Martin Luther King wetterte gegen diese Haltung:

„Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott allein sich darum kümmert!“

Auf Gott wartete ja auch jener Mann, der bei steigendem Hochwasser auf seinem Dach saß. Jedes Mal, wenn die Feuerwehr im Boot vorbeikam, weigerte er sich einzusteigen mit den Worten: „Gott wird mich retten!“ Als er schließlich ertrank, beschwerte er sich vor Gottes Thron, dass er ihn nicht gerettet hätte. Gott erwiderte: „Ich habe dir dreimal die Feuerwehr vorbeigeschickt, und du bist nicht eingestiegen.“ Wie so viele Witze hat auch dieser seine ernste Seite.

Noch dramatischer ist das Bild eines allmächtigen strafenden und rächenden Gottes, der seinen Gläubigen ein umso prächtigeres Paradies verspricht, je mehr Ungläubige sie zum wahren Glauben bekehren oder diese sogar vernichten. Was würde das mit uns machen?

Würden wir uns eines Tages mit einem „heiligen“ Sprengstoffgürtel irgendwo in einer der belebten „satanischen“ Konsumstraßen in die Luft sprengen? Religionskriege und religiös motivierter Terror sind wohl die schlimmsten Auswüchse eines verirrten Gottesbildes. Martin Luther, nicht der King, sondern der Reformator, meinte:

„Wie du an Gott glaubst, so hast du ihn. Glaubst du, dass er gütig und barmherzig ist, so wirst du ihn so haben.“

Diese Idee lässt sich genauso auf atheistische und generell areligiöse Ideologien übertragen. Wie wir an die Welt glauben, so werden wir sie haben. Der Glaube an den Gott Mammon, was macht der mit uns? Der Glaube an den unendlichen Fortschritt, was macht der mit uns?

Der Glaube an nichts

Und wenn wir an nichts mehr glauben, wenn wir jeglichen Sinn des Lebens und auch objektiv gültige Werte und Wahrheiten leugnen, was macht das mit uns? Werden wir dadurch zu wert(e)losen Egoisten, die nur noch ihren Trieben und Neigungen folgen?

Stürzt uns diese Sinnlosigkeit in Minderwertigkeit, Verzweiflung und Depression?

Aus diesem von Friedrich Nietzsche als Nihilismus bezeichneten Zustand, in dem sich der Mensch buchstäblich und verzweifelt im Nichts befindet, gibt es laut Nietzsche nur eine Rettung: Der Mensch muss sich auf sich selbst besinnen. Da er sich bis dato in einem Gott verloren hat, kann er nun wahrhaft Mensch werden. Dieser „Übermensch“ ist der von Gott losgekettete Mensch, der selbst zum Sinn dieser Erde wird. Ihm gelingt eine „Umwertung Werte; er bejaht das unvermeidliche Schicksal und wird so zum Bezwinger des Nichts.

Rekonstruktion des Apollon Tempel in Delphi

Über Sinn und „Übersinn“

Für Ludwig Wittgenstein heißt an Gott glauben, zu sehen, dass das Leben einen Sinn hat. Viktor Frankl betrachtet Religion als Wille zum letzten Sinn. Diesen „letzten Sinn“ oder auch „Sinn des Ganzen“ nennt Frankl „Über- Sinn“. In seinem Werk Das Leiden am sinnlosen Leben schreibt er: „Ebenso wenig wie das Tier imstande wäre, aus seiner Umwelt heraus den Menschen und dessen Welt zu verstehen, ebenso wenig ist es möglich, dass der Mensch Einblick hat in die Überwelt.“

Wir können nur den einzelnen Situationen unseres Alltags Sinn verleihen. Das Ganze hat jedoch einen Übersinn, an den wir nur glauben, ihn aber nicht beweisen können. Denn wir können niemals alles überblicken. Der heute in der Wissenschaft herrschende Reduktionismus, den der Mensch nur noch ein Bioroboter ist, ein reines Produkt seiner Erbmasse und seiner Umgebung, wertet den Menschen ab und nimmt ihm jede Freiheit.

Dies ist einer der Gründe für unser existenzielles Vakuum mit all seinen Folgen. Diese Leere führt heute bei vielen Menschen zu Aggression, zu Vergnügungs-, Alkohol- und Drogensucht, zu Burn-out und Depression.

Gott ist bei Frankl ein absoluter Wert, der vom Menschen bewusst oder unbewusst vorausgesetzt wird. Alles andere, materieller Besitz, selbst unser Ehepartner oder unsere Kinder werden in diesem höheren Lichte relativ. Wenn wir uns aber an Äußerlichkeiten klammern, wenn wir sie nicht mehr loslassen können, wenn wir beispielsweise nicht in der Lage sind, ein persönliches Urlaubswochenende für ein höheres Ziel wie einem Freund in einer schwierigen Situation beizustehen, opfern können, dann ist genau diese Vergötzung der Materie der Grund für Verzweiflung und Resignation.

Der, der loslassen und opfern kann, erkennt etwas Höheres an und kann sich dadurch mit dem relativen Wert irdischer Dinge abfinden. Wer aber durch die Verabsolutierung der Dinge sich an diese als das Höchste und Einzige klammert, der leidet an permanenter Angst, sie zu verlieren, und stürzt in tiefe Verzweiflung und Resignation, wenn er sie verloren hat. Der tief im Menschen verankerte Übersinn, von vielen als Gott bezeichnet, lässt uns Angst und Verzweiflung überwinden, weil das Wertvollste in unserem Leben nie verloren gehen kann.

Dass also Gott etwas mit uns macht, ist unleugbar.

Er macht Menschen zu Selbstmordattentätern, er stürzt Menschen in aussichtslose Sinnleere, aber er macht sie auch zu Heiligen und Helden, die schlimmstes Leid in Einsicht und innere Entwicklung verwandeln. Nur macht er es nicht durch einen willkürlichen Akt eines Allmächtigen, sondern durch das Bild, das wir uns von ihm machen.

Insofern macht Gott eigentlich alles.

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Die Frage, ob diese Welt noch zu retten ist, beantworte ich mit einem klaren Nein. Warum aber sollen wir es trotzdem mit all unserer Kraft versuchen? Keine Angst! Ich werde Ihnen hier nichts über den Klimawandel erzählen. Keine Details wie zum Beispiel, dass wir mit ungebremster Geschwindigkeit auf eine Erderwärmung von 2 Grad Celsius zurasen mit katastrophalen Auswirkungen auf die Ökosysteme unseres Planeten. Auch nicht, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht ist, dass die Hälfte aller Korallenriffe schon verschwunden ist, dass allein zwischen 2010 und 2015 32 Millionen Hektar Regenwald abgeholzt wurden, dass über 85 % der Feuchtgebiete der Erde nicht mehr existieren.

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Die Frage, ob diese Welt noch zu retten ist, beantworte ich mit einem klaren Nein. Warum aber sollen wir es trotzdem mit all unserer Kraft versuchen?

Keine Angst! Ich werde Ihnen hier nichts über den Klimawandel erzählen. Keine Details wie zum Beispiel, dass wir mit ungebremster Geschwindigkeit auf eine Erderwärmung von 2 Grad Celsius zurasen mit katastrophalen Auswirkungen auf die Ökosysteme unseres Planeten. Auch nicht, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht ist, dass die Hälfte aller Korallenriffe schon verschwunden ist, dass allein zwischen 2010 und 2015 32 Millionen Hektar Regenwald abgeholzt wurden, dass über 85 % der Feuchtgebiete der Erde nicht mehr existieren.

Keine Angst! Ich werde an dieser Stelle auch nicht über die massive Zunahme von Stress in unserer Gesellschaft reden. Schon gar nicht über deren Folgen wie steigende Gewaltbereitschaft oder die Verfünffachung von Krankheitstagen durch psychische Erkrankungen in den letzten 40 Jahren. Waren psychische Erkrankungen vor 20 Jahren beinahe bedeutungslos, sind sie heute zweithäufigste Diagnose bei Krankenständen (BKK Gesundheitsreport 2018). Und über die Auswirkungen von digitalen und den daraus resultierenden sozialen Medien zu urteilen, steht einem Digital Immigrant wie mir ohnehin nicht zu. Daher erspare ich mir den Kommentar, dass social nicht gleich sozial ist, wenn man beispielsweise anstatt mit Familie und Freunden zu kommunizieren, vermehrt ins Smartphone starrt, um sich mit virtuellen Freunden auszutauschen.

Ich möchte mich auch nicht über die Verarmung unserer Sprache oder das Vergessen von Umgangsformen aufregen oder dass jeder vierte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren schon Bedrohung und Mobbing in den sozialen Netzwerken erfahren hat und jeder fünfte sexuelle Belästigung (Uni Leipzig, 2011).

© Marian Vejcik | Dreamstime

 

Und schon gar nicht möchte ich mich zur neuen Aufrüstungsspirale äußern: Dass die USA, China, Russland usw. neue Atomwaffen bauen, dass die renommierte Organisation Bulletin of the Atomic Scientists ihre berüchtigte „Weltuntergangsuhr“, die das Risiko einer Atomkatastrophe anzeigen soll, bereits auf zwei Minuten vor 12 gestellt hat.

Also über all das will ich nicht reden. Nicht weil es mich nicht interessiert, sondern weil diese Daten bekannt sind, weil sie in zahlreichen Foren und Medien von namhaften Persönlichkeiten verbreitet und diskutiert werden. Vielmehr möchte ich zunächst mit Ihnen einige Gedanken über den Umgang mit diesen Daten und Fakten teilen. Daraus sollte folgen, warum diese Welt nicht zu retten ist. Und schließlich möchte ich auf die Frage des Anfangs zurückkommen:  Wenn diese Welt nicht zu retten ist, warum sollen wir es trotzdem mit aller Kraft versuchen? Und wie sollen wir es versuchen?

Trump leugnet, Europa verhandelt, die Masse bewegt sich zwischen Wut und Depression.

Kennen Sie die fünf Phasen des Sterbens nach Elisabeth Kübler-Ross? Dieses Modell entwickelte die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin aus unzähligen Gesprächen mit Sterbenden.

Die erste Phase besteht in der Verleugnung: Patient und Angehörige nehmen Befunde nicht ernst oder sprechen von Fehldiagnose.

Die zweite Phase wird von der Wut dominiert: Hier brechen Ärger und Ohnmacht angesichts der Ausweglosigkeit und Ungerechtigkeit in unkontrollierten Wutausbrüchen hervor. Die dritte Phase heißt Verhandeln: Der Sterbende erhofft sich eine längere Lebenszeit, indem er dafür zum Beispiel sein Leben Gott oder der Kirche widmet. In der vierten Phase kommt es zur Depression: Die Ängste und Verzweiflung erdrücken den Patienten regelrecht, machen ihn aber auch bereit für die fünfte und letzte Phase, die Akzeptanz: Der Patient nimmt sein Schicksal an und bereitet sich auf den bevorstehenden Tod vor.

Diese fünf Phasen lassen sich sehr gut auf den heutigen Schwerkranken namens Welt übertragen: Die US-Regierung unter ihrem Präsidenten Donald Trump ist in die Phase 1, die Verleugnung, zurückgekehrt. 2017 reichte die USA ihren Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen ein. Trump selbst leugnet den Klimawandel nicht nur, er macht sich regelmäßig darüber lustig. Im Jänner dieses Jahres, als eine Kaltfront in Teilen der USA für Temperaturen von unter -40 Grad sorgte, bat er in einem Tweet, die Erderwärmung möge doch zurückkommen. User auf Twitter machten sich dann ihrerseits über Trump lustig: „Könnte ihm mal bitte jemand den Unterschied zwischen Wetter und Klima erklären?“

Europa und der Großteil der Staaten der Welt dagegen verhandeln seit Jahrzehnten in den jährlichen UN-Klimakonferenzen. Heuer wird die 25. in Santiago de Chile ausgerichtet. Da wird um Grenzwerte gestritten und gefeilscht – 2018 musste die Erderwärmung von maximal 1,5 auf 2 Grad angehoben werden, um wenigstens einen Minimalkompromiss zu erzielen – da wird mit CO2-Zertifikaten  gehandelt (ja, sie haben richtig gelesen!), und unter dem Strich liest man: „Die verabschiedeten Regeln sind kein „Muss“, sollen aber durch „Naming and Shaming“ („Nennen und Beschämen“) wirksam werden.“ Die Worte der mittlerweile in aller Munde befindlichen jungen Umweltaktivistin

Greta Thunberg bringen es auf den Punkt: „Wenn es unmöglich ist, Lösungen im bestehenden System zu finden, sollten wir das System an sich ändern.“ Den Verhandlern richtet sie aus: „Sie sind nicht erwachsen genug, um das so zu formulieren.“

Ausgehend von Frontfiguren wie Greta Thunberg formiert sich die Wut eines Teiles der Bevölkerung – in diesem Falle sind es Schüler und Studenten – in weltweit stattfindenden Demonstrationen. Der überwiegende Teil der Menschen hat jedoch längst resigniert. Um nicht der Depression angesichts der Weltsituation zu erliegen, flüchten sie in Zerstreuungen und Vergnügungen aller Art. Das Phänomen des Eskapismus, der Flucht vor der Realität bzw. Weltflucht mittels einer Zerstreuungs- und Vergnügungssucht, ist spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein eigener Begriff in der Psychologie.

Genau darum ist diese Welt nicht mehr zu retten!

Wenn die USA als mächtigster Staat der Welt, der mit China und Indien zusammen für über 50 % des weltweiten CO2-Ausstoßes sorgt, aus dem internationalen Klimaabkommen ausgetreten ist; wenn trotz jahrzehntelanger Klima-Verhandlungen zwischen den teilnehmenden Ländern die einzigen Veränderungen in der Erhöhung der Grenzwerte liegen; wenn führende Experten davon sprechen, dass die einzige Lösung in einer massiven weltweiten Reduktion des Energieverbrauchs und generell in einer Revolution unseres Lebensstils in Richtung Verzicht bestünde, aber genau das Gegenteil davon in der Praxis stattfindet (zum Beispiel verbrauchte die „Fantasie-Währung“ Bitcoin in ihren Serverfarmen 2016 in einem Jahr mehr als doppelt so viel Energie wie ganz Österreich – Tendenz steigend!), dann komme ich zum Schluss: Diese Welt ist nicht mehr zu retten.

Klarstellen möchte ich an dieser Stelle, dass ich mit dieser Welt unsere heutige Welt mit ihren globalisierten neoliberalen Werten meine. Dazu gehören u. a. die Finanzialisierung, die alle anderen Wirtschaftsbereiche unter die Logik der Finanzindustrie zwingt und die Unternehmensziele auf die Aktionärsinteressen reduziert. Dies führt zu einer massiven Umverteilung von Arbeit zu Kapital, was vereinfacht unter dem Strich bedeutet: Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher! Und:

Große Konzerne beherrschen zunehmend das politische Geschehen und haben unsere Demokratien längst ausgehöhlt.

Da reine Gewinnmaximierung einiger weniger Super-Reicher im Zentrum steht, spielen das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten und das Gemeinwohl keinerlei Rolle.

Die Ironie an der Sache ist, dass der Neoliberalismus ursprünglich exakt diesem ungezügelten Liberalismus und Laizzes-Faire des 19. Jahrhunderts mit seinen Wirtschaftskrisen und der Verelendung der Arbeiter entgegenwirken wollte. Doch genau das Gegenteil ist geschehen. Nicht nur in der Wirtschaft. Auch die Werte unserer westlichen Gesellschaft gerieten unter dem ikonenhaften Begriff der Freiheit zu einer laizzes-faire-artigen Beliebigkeit: die Beliebigkeit der Geschlechterrollen, das Unterlassen erzieherischer Maßnahmen, die Aufhebung aller Unterschiede und Grenzen.

Wenn Schüler ihren Lehrer einkesseln, ihn gegen die Tafel stoßen, mit einer Trillerpfeife drangsalieren, ihn unter einem Tisch kauernd mit Papierkugeln bewerfen (wie kürzlich in einer HTL in Wien passiert), dann ist dies eine Überschreitung von Grenzen als Folge der Aufhebung aller Grenzen.

Im alten Rom in seiner dekadenten Schlussphase unterschied man zwischen libertas, einer Freiheit, die Grundwerte sowie eigene Pflichten und die Rechte des Nächsten respektiert, und licentia, einer zügellosen und rücksichtslosen Freiheit, die Solidarität und damit letztlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört.

Diese Welt mit ihrem rücksichtslosen Gewinnstreben, ihrer unüberbrückbaren Kluft zwischen Arm und Reich, ihrer Beliebigkeit und ihrem Werteverlust sowie dem verlorenen gesellschaftlichen Miteinander – u. a. in der von Parteien provozierten Spaltung der Gesellschaften quer durch ganz Europa – ist nicht mehr zu retten. Umso mehr suchen und hoffen viele auf einen Retter, sei es ein religiöser, wirtschaftlicher oder politischer Guru. Doch Retter implizieren Opfer. Ein Unfallopfer beispielsweise braucht einen Retter. Genau aus dieser Opferrolle gilt es auszubrechen. Statt Ohnmacht, Ausgeliefertsein oder Weltflucht heißt es

© artak-petrosyan | unsplash.com

Verantwortung übernehmen!

Denn dass diese Welt nicht zu retten ist, heißt noch lange nicht, dass die Welt als solche nicht zu retten ist. Vielmehr stellt sich die Frage: Braucht die Welt überhaupt einen Retter? Wenn unsere Erde ein großer lebendiger Organismus ist, dann stellt sie gemäß der sie regierenden Gesetzmäßigkeiten selbst wieder ihr Gleichgewicht her. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung wirkt unerbittlich. Wo der Mensch wider die Gesetze der Natur agiert, wird die Natur reagieren und – mitunter mit vom Menschen als Naturkatastrophen oder Kataklysmen bezeichneten Maßnahmen – das Gleichgewicht wiederherstellen.

Ganz ähnlich passiert es mit den Zivilisationen:

Wenn über einen langen Zeitraum gegen die Grundgesetze von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Zusammenleben agiert wird, reagieren die gesellschaftlichen Abwehrkräfte.

Es kommt zu Parteienkämpfen, Revolutionen und Bürgerkriegen und schließlich zum Zerfall und Untergang einer Zivilisation. Die Zeit bis zum Entstehen einer neuen Zivilisation mit entsprechenden erneuerten und neuen Werten nennt man Mittelalter. Eine handfeste Krise und ein drohendes neues Mittelalter werden von Intellektuellen, darunter Umberto Eco, schon seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorhergesehen. Krise heißt bekanntlich Wandlung. Und die unzähligen Bewegungen und Initiativen, die sich in unserer Gesellschaft einem notwendigen Wandel  verschrieben haben, geben nicht nur Anlass zu Hoffnung. Diese unter dem Begriff Transitions-Initiativen zusammengefassten Bewegungen zeigen, dass neue und bessere Formen von Leben und Zusammenleben schon längst experimentell existieren. Wer hindert uns, uns in einer Initiative für Flüchtlinge oder Obdachlose oder sonstige in Anstalten weggesperrte Menschen zu engagieren, anstatt ohnmächtig die sinkende Solidarität zu beklagen?

Wer hindert uns, aus dem Konsumwahn auszusteigen, Kaputtes reparieren zu lassen und insgesamt weniger zu brauchen, anstatt ohnmächtig in höher werdenden Müllbergen zu versinken?

Wer hindert uns, weniger Fleisch zu essen und dieses und auch andere Lebensmittel beim Biobauern zu kaufen, anstatt uns ohnmächtig über Tierfabriken und Pestizide schockiert zu zeigen? Wer hindert uns, auf privates Herumfliegen, auf Kreuzfahrten und wo möglich aufs Autofahren zu verzichten, anstatt uns ohnmächtig über den für alle spürbaren Klimawandel besorgt zu zeigen?

Sie, werte Leserin, werter Leser entscheiden sich: für ohnmächtiges Warten darauf, dass sich die Politik und die anderen endlich ändern; für eine Realitätsflucht in Zerstreuung und Vergnügen oder für das Übernehmen von Verantwortung durch eine Veränderung des Lebensstils. Verzicht und Selbstbeschränkung kosten. Letztlich aber kosten sie nur den unnötigen Ballast, wodurch wir freier und zufriedener werden. Die Rettung dieser Welt ist nicht möglich. Der Aufbau einer neuen und besseren sehr wohl.

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Leonardo da Vincis 7 Schlüssel zum Erfolg https://www.abenteuer-philosophie.com/die-7-schluessel-zum-erfolg/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-7-schluessel-zum-erfolg https://www.abenteuer-philosophie.com/die-7-schluessel-zum-erfolg/#respond Wed, 27 Mar 2019 13:14:30 +0000 https://www.abenteuer-philosophie.com/?p=2139 Magazin Abenteuer Philosophie

Seiner Zeit um Jahrhunderte voraus, skizzierte Leonardo da Vinci Hubschrauber, Flugmaschine, Fallschirm, Fahrrad, U-Boot und Taucherausrüstung. Er konstruierte Bewässerungsanlagen, Pumpen und Kriegsmaschinen (obwohl ihm der Krieg zuwider war) und schuf beeindruckende Gemälde wie die Mona Lisa oder das Letzte Abendmahl. Was war das Geheimnis seines Erfolges?

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einer Zeit um Jahrhunderte voraus, skizzierte Leonardo da Vinci Hubschrauber, Flugmaschine, Fallschirm, Fahrrad, U-Boot und Taucherausrüstung. Er konstruierte Bewässerungsanlagen, Pumpen und Kriegsmaschinen (obwohl ihm der Krieg zuwider war) und schuf beeindruckende Gemälde wie die Mona Lisa oder das Letzte Abendmahl. Was war das Geheimnis seines Erfolges?

Leonardo war das uneheliches Kind eines Notars und einer Bauerntochter. Er ging als Maler und Bildhauer in die Lehre. Doch schon bald übertraf der Schüler seinen Meister del Verrocchio und kam in Kontakt mit dem größten Kunstmäzen der damaligen Zeit: Lorenzo de Medici, welcher dem jungen Leonardo Zugang zum erlauchten Kreise der Renaissancephilosophen, Mathematiker und Künstler der damaligen Zeit ermöglichte. Doch Leonardo führte ein unstetes Leben im Dienste vieler Mäzene und Auftraggeber, die vielfach untereinander verfeindet waren. Geld und materieller Besitz waren ihm nicht wichtig, lediglich die Möglichkeit, tiefer zu forschen und immer größere Kunstfertigkeiten umzusetzen.

© Anatoly Maslennikov | Dreamstime

 

1. Schlüssel: Curiosità = Stets neugierig sein

Was wäre ein Forscher ohne Neugierde? Und Leonardo war ein Forschergeist durch und durch:

„Ich durchstreifte die Landschaft auf der Suche nach Antworten auf Phänomene, die ich nicht verstand. Warum es auf Berggipfeln Muscheln gibt oder Abdrücke von Korallen, Pflanzen und Seegras, die man gewöhnlich nur im Meer findet. Warum der Donner länger währt als das, was ihn verursacht, und warum der Blitz im Augenblick seines Entstehens sichtbar ist, während der Donner Zeit braucht, um bis zu unserem Ohr zu reisen …“

Er hinterfragte vieles und trug seine Ideen in ein Notizbuch ein, welches er stets bei sich hatte. 7000 Seiten sind erhalten, wobei wohl weitere Tausende Seiten verloren gegangen sind. Diese Notizbücher sind ein kreatives Sammelsurium von Ideen, Geschichten, Beobachtungen, Skizzen, philosophischen Gedanken und Zitaten. Welche Fragen haben Sie? Ist der Forscher in Ihnen, das fragende und staunende Kind noch lebendig?

Übung:

Tragen Sie ein Notizbuch mit sich bzw. führen Sie ein Tagebuch: Was haben Sie heute gelernt? Was beschäftigt Sie? Worüber haben Sie intensiver nachgedacht?

© Orangesquid | Dreamstime

2. Schlüssel: Dimostrazione = Eigene Erfahrungen sammeln

Um Anatomie zu studieren, sezierte er mehr als dreißig menschliche Leichen und unzählige Tierkörper. Er machte es sich auch zur Gewohnheit, die Objekte seiner Studien von drei unterschiedlichen Blickwinkeln zu zeichnen, wodurch er alle Proportionen besser beherrschen lernte. Durch eigenständiges Studium und konsequente Übung erlangte er die Meisterschaft, die seine Zeichnungen so lebensecht erscheinen lässt.
Bei seinen Forschungen entdeckte er so manches, was damals unbekannt war, wie z. B. den Blutkreislauf sowie verdickte Arterien, die sogenannte Arteriosklerose, die er als eine Todesursache bei alten Menschen diagnostizierte. Dass seine Forschungen auf Widerstand stießen, hielt ihn nicht davon ab. Neben der Zeichnung eines Pfluges in seinem Notizbuch vermerkte er:

„Ich weiche nicht von meiner Furche ab!“ und andernorts: „Hindernisse vermögen mich nicht zu beugen.“

Übung:

Prüfen Sie Ihre Überzeugungen: Was denken Sie über die Natur des Menschen, über Ethik, Politik, den Sinn des Lebens etc. Woher kommen die Überzeugungen? Sind es die eigenen oder fremde?

 

3. Schlüssel: Sensazione = Mit unseren Sinnen aufmerksam wahrnehmen

Wie viel Schönheit ist um uns und wie viel davon nehmen wir wahr? Auch in einer Stadt gibt es den Himmel, die Sonne, ein schönes Gebäude, die Tiefe in den Augen des Gegenübers, den Baum, der zum Himmel strebt etc. Wie viel Aufmerksamkeit schenken wir dem gegenwärtigen Moment? Die folgenden Worte von Leonardo könnten genauso gut von einem Zen-Meister stammen:

„Der Durchschnittsmensch schaut, ohne zu sehen, hört. ohne zuzuhören, berührt, ohne zu fühlen, isst, ohne zu schmecken, bewegt sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, atmet, ohne Geruch oder Duft wahrzunehmen und spricht, ohne zu denken.“

Leonardo geht aber noch einen Schritt weiter, indem er sagt, dass es etwas gibt, was den Sinnen übergeordnet ist:

„Die Vorstellungskraft ist den Sinnen sowohl Ruder als auch Zügel und bewegt die Sinne.“

Stellen Sie sich nun die Mona Lisa nicht mit einem Schnurrbart vor! Was, Sie haben es doch getan? Dann war Ihre Vorstellungskraft schneller als das Verbot in Ihrem Kopf. Alles, was wir uns vorstellen, hat einen starken Einfluss auf unsere Psyche – positiv wie negativ. Wünsche und Bilder in unserem Kopf wollen sich manifestieren – denken Sie an die Werbung! Und eine Vielzahl von Emotionen und Gedanken sind uns nicht bewusst und beeinflussen massiv unsere Psyche und dadurch auch die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Leonardo empfiehlt, die Vorstellungskraft bewusst einzusetzen, statt sich unbewusst von Fantasien treiben zu lassen.

Übung:

  • Suchen Sie sich einen Sinn aus, dem Sie für einen Tag besondere Aufmerksamkeit schenken,: z.B. den Sehsinn: Nehmen Sie bewusst Lichtstimmungen wahr, die Augenfarbe des Gegenübers, die Farbe der Kleidung von Ihnen und anderen, den Himmel …
  • Visualisieren Sie Dinge, mit denen Sie am nächsten Tag zu tun haben werden. Stellen Sie sich vor, wie Sie die Herausforderungen der Zukunft meistern werden: mit Ruhe, Effizienz oder anderen Qualitäten, die Ihnen wichtig sind.

 

4. Schlüssel: Sfumato = Das Mehrdeutige akzeptieren

„Sfumato“ bedeutet wörtlich „in Rauch aufgehen“. Kunsthistoriker beschreiben damit die verschwommenen und mysteriösen Komponenten, die Leonardos Kunstwerke kennzeichnen, welche er durch das Auftragen hauchdünner Farbschichten erreichte. Die Mona Lisa oder auch das Bildnis Johannes des Täufers umspielt etwas Geheimnisvolles, das vieles für die Interpretation des Betrachters offenlässt.
Ähnlich verhält es sich in vielen Situationen im Leben: Was ist gut? Was ist schlecht? Der Weise sieht die Welt nicht schwarz-weiß, sondern erkennt in allen Situationen mehrere Schattierungen.

Übung:

  • Meditieren Sie über das Bild der Mona Lisa: Was sagt sie Ihnen? Lächelt sie oder schaut sie ernst? Drückt sie Mitgefühl oder Grausamkeit aus, Verführung oder Unschuld?
  • Denken Sie an eine schmerzhafte oder schwierige Situation in Ihrem Leben oder in der Welt: Welche positiven Auswirkungen hat sie? Was kann dadurch entstehen?

 

5. Schlüssel: Arte/Scienzia = Gleichgewicht zwischen Kunst und Wissenschaft

Wir leben heute in Zeiten der Spezialisierung. Schon in der Mittelschule müssen sich Kinder entscheiden, ob sie einen sportlichen, künstlerischen oder technischen Weg einschlagen wollen. Leonardo hatte als Renaissancemensch das Ideal des „uomo universale“, des ganzheitlich gebildeten Menschen. Er war Wissenschaftler und Künstler zugleich, war Maler, Ingenieur, Geograf, Mathematiker, Musiker und Philosoph. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass technische Tätigkeiten zu einer Aktivität der linken Gehirnhälfte führen, während Kunst die rechte Gehirnhälfte aktiviert. Leonardo war Linkshänder (was für eine starke Aktivität der rechten Gehirnhälfte spricht), war aber als Ingenieur auch äußerst strukturiert und analytisch. Er vereinte also beide Qualitäten, dachte ganzheitlich. Seine Schüler spornte er zu beiden Disziplinen gleichermaßen an:

„Studiere die Wissenschaft der Kunst und die Kunst der Wissenschaft.“

Durch dieses ganzheitliche Denken erfasste er erst wirklich das Wesen einer Sache, die er dann künstlerisch oder technisch zum Ausdruck brachte.

Übung:

Experimentieren Sie mit Mindmaps, welche linke und rechte Gehirnhälfte gleichermaßen aktivieren: Wenn Sie eine Präsentation vorbereiten, Ihre Woche planen oder ein Problem lösen wollen. Notieren Sie den zentralen Begriff in die Mitte eines leeren Blattes und zeichnen Sie ein passendes Symbol oder Bild dazu. Davon ausgehend können Sie mit verschiedenen Farben Verzweigungen mit Notizen zu Ihren Gedanken in Verbindung mit weiteren Zeichnungen oder Symbolen anbringen.

 

6. Schlüssel: Corporalità = Geschicklichkeit, Anmut und Gesundheit bewahren

Der Zeitzeuge Vasari bekundet die große physische Kraft und die körperliche Schönheit, die Leonardo auszeichnete:

„seine schier unendliche Anmut der Bewegung und seine erstaunliche Kraft, mit der er imstande war, jedes durchgehende Pferd aufzuhalten“.

Für Kraft, Gesundheit und Geschicklichkeit tat er auch etwas: Er legte Wert auf bewusste Ernährung (war selbst Vegetarier), übte sich regelmäßig in Reiten, Fechten und anderen Sportarten. Er trainierte das Zeichnen und Schreiben auch mit der nicht dominanten Hand, um seine Geschicklichkeit zu steigern und genoss maßvoll Speis und Trank.

„Wenn du gesund sein willst, dann lass dir also raten: Iss niemals ohne Hunger, nur leichte Kost und Speise, und kaue gut (…) Erhole deinen Geist, versuch ihm Heiterkeit zu geben. Vermeide Völlerei und übe Mäßigkeit im Leben.“

Übung:

Üben Sie sich in „Beidhändigkeit“: Führen Sie gewisse Alltagshandlungen wie Zähneputzen, Essen, Reinigen oder Zeichnen mit der nicht dominanten Hand durch, um Ihre Geschicklichkeit zu fördern.

 

7. Schlüssel: Connessione = Die Zusammenhänge erkennen

Der Künstler Leonardo wurde zum Philosophen, wenn er mit seinem aufmerksamen Künstlerauge die vielen Ähnlichkeiten und Zusammenhänge im Universum beschrieb. Er vermerkte in seinen Notizbüchern die Ähnlichkeit der Bewegungen der Wasserwirbel mit den Bewegungen der Haarlocken im Wind, die Bewegungen beim Schwimmen mit jenen der Vögel in der Luft oder das Blut in unseren Adern mit dem Wasser auf der Erde:

„Der Mensch wurde von den Vorfahren eine Welt im Kleinen genannt (ein Mikrokosmos) … Wie der Mensch die Knochen als Stützen und Gerüst des Fleisches in sich hat, so hat die Welt das Gestein als Stütze der Erde… Wie vom Blutsee die Adern ausgehen …, so speist das Weltmeer den Körper der Erde durch unzählige Wasseradern.“

Seine philosophischen Gedanken ähneln jenen von Mystikern, wenn er schreibt:

„Alles kommt von allem und alles wird zu allem und alles kehrt in alles zurück.“

Übung:

Was bedeutet Ganzheit für Sie? Versuchen Sie, Ihre Vorstellung von Ganzheit in einer Zeichnung oder Mindmap zum Ausdruck zu bringen. Übertragen Sie das auf Ihr Leben: Wie können Sie unterschiedliche Aufgaben, Rollen und Tätigkeiten im Sinne der Einheit ausführen?

 

 

Das Renaissanceideal des „uomo universale“, des ganzheitlich gebildeten Menschen, ist heute wichtiger denn je. Angesichts von Wissensflut und Spezialisierungswahn verlieren viele das Ganze aus dem Blick. Das Beispiel von Leonardo kann Ansporn sein, diesen ganzheitlich gebildeten Menschen anzustreben. In jedem steckt auch ein Künstler, ein aufmerksamer Betrachter, ein neugieriger Forschergeist und ein Philosoph und Mystiker, der erweckt werden kann!


Literaturhinweis:

Michael J. Gelb: How to Think Like Leonardo da Vinci: Seven Steps to Genius Every Day, Dell Verlag, 2000

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„Viele Menschen glauben, Meditation bedeute einfach nur, mit geschlossenen Augen dazusitzen. Diese Art von Meditation kann sogar meine Katze, sie sitzt ruhig da und schnurrt. Wir Tibeter rezitieren oft so viele Mantras wie das „Om mani padme hum“, dass wir vergessen, den Ursachen des Leidens wirklich auf den Grund zu gehen. Vielleicht rezitiert meine Katze in Wirklichkeit „Om mani padme hum“ wenn sie schnurrt?“

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Viele Menschen glauben, Meditation bedeute einfach nur, mit geschlossenen Augen dazusitzen. Diese Art von Meditation kann sogar meine Katze, sie sitzt ruhig da und schnurrt. Wir Tibeter rezitieren oft so viele Mantras wie das „Om mani padme hum“, dass wir vergessen, den Ursachen des Leidens wirklich auf den Grund zu gehen. Vielleicht rezitiert meine Katze in Wirklichkeit „Om mani padme hum“ wenn sie schnurrt?“ Mit diesen Worten zeigt der Dalai Lama wie so oft seinen Sinn für   Humor, der nicht einmal vor seiner eigenen Religion zurückschreckt. Doch wie funktioniert sinnvolle Meditation?

Der amerikanische Journalist Douglas Abrams hat den Dalai Lama 2015 eine Woche lang zu seinen Gedanken zum Thema Freude und zu seiner spirituellen Übungspraxis interviewt. Anlass war ein  treffen des Dalai Lama mit Desmond Tutu, dem ehemaligen Erzbischof von Südafrika, einer der moralischen Leitfiguren des friedlichen Kampfes gegen die Apartheid. Aus diesen Gesprächen ging ein Buch hervor, „Das Buch der Freude“, das 2016 im Lotos Verlag erschien. Es ist eine Quelle der Inspiration, ein Einblick in den philosophischen Geist des Dalai Lama und ein Handbuch voller praktischer spiritueller Übungen.

Einige Formen der Meditation sollen einfach nur einen Zustand des Nichtdenkens herbeiführen. Sie funktionieren wie ein Schmerzmittel: Angst und Wut verschwinden für eine Weile, aber sie kommen wieder, wenn die Meditation zu Ende ist.

Dalai Lama

Alle spirituellen Traditionen haben das Ziel, Schmerz zu überwinden und zum Glück zu führen. Der Buddha lehrte vor zweieinhalbtausend Jahren, dass man dem Schmerz nicht ausweichen kann: „Das Leben ist Schmerz“ ist die erste Edle Wahrheit des Buddhismus. Vermeidung funktioniert nur bedingt, Stress, Sorgen und Schwierigkeiten holen jeden Menschen immer wieder ein. Also ist es nicht zielführend, den Belastungen und Sorgen zu entfliehen und sich nach einem „ewigen Urlaub“ zu sehnen. Viel sinnvoller ist es, mit innerer Stärke den Belastungen des Lebens zu trotzen, so wie es das Immunsystem des Körpers zeigt. Unzählige Krankheitserreger werden täglich davon abgehalten, uns zu schaden. Wir werden dann krank, wenn unser Abwehrsystem schwach wird.

„Geistige Immunität wird dadurch erworben, dass wir lernen, destruktive Gefühle zu vermeiden und positive zu entwickeln.“ Und deswegen, so führt der Dalai Lama aus, beschäftigt er sich bei seinen eigenen Meditationen mehr damit, die Ursache der Dinge zu suchen, anstatt ihre Symptome zu bekämpfen. Diese Meditationsform nennt er „analytische Meditation“. Sie hat das Ziel, Abstand zu den Alltagsgedanken und flüchtigen Emotionen zu gewinnen.

„Bei der analytischen Meditation kann man seine Gedanken als Gedanken sehen und lernt, nicht an sie gekettet zu sein, sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Man erkennt, dass die eigenen Gedanken nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Man stellt ständig die Frage: Was ist die Realität? Was ist dieses Selbst oder Ich, das wir so sehr lieben und das so viel von unserer Anteilnahme in Anspruch nimmt? Wir stellen Betrachtungen über die Unbeständigkeit und die vergängliche Natur unserer Existenz an.“ Dalai Lama Mit anderen Worten, man erkennt, wer man wirklich ist und was nur flüchtige Äußerlichkeiten sind. Meditation kommt vom Wort „meditare“, was bedeutet zur Mitte gehen, sozusagen zum Wesen einer Sache. In unserer schnelllebigen Zeit werden wir aber durch viele Einflüsse, insbesondere die Medien, die Werbung und die vielen Ablenkungen immer nach außen gezogen. Wir leben in einer Welt der Zerstreuung. Viele Menschen empfinden sich wie ein Hamster im Rad, immer am Rennen, nie ankommend. Das frustriert und macht unglücklich. Im Sanskrit bedeutet Leid „Dukkha“, was so viel bedeutet wie „eine schlechte Achse haben“, also ein Rad, das „eiert“, ist die Achse nicht in der Mitte, sondern irgendwo exzentrisch. Umgekehrt bedeutet Glück „Sukkha“, „eine gute Achse haben“, also ein Rad, das rund läuft. Wenn uns das Leben also aus unserer Achse wirft, so werden wir solange leiden, bis wir uns besinnen und zu unserem Zentrum zurückkehren. Das Zentrum steht für alle unvergänglichen Dinge, das Äußere für die flüchtigen Gedanken, Emotionen, für Besitzdenken. Diese vergänglichen Elemente zu überwinden, lehrt der Buddhismus in seinen vier Erhabenen Wahrheiten und ist das Ziel der analytischen Meditation.

Durch die analytische Meditation können wir zur Wurzel von Angst und Wut vorstoßen. Wir können zum Beispiel entdecken, dass 90 % unserer Wut mentale Projektionen sind. Wir entdecken, dass wütende Worte in der Vergangenheit geäußert wurden und außer in unserem Gedächtnis nicht mehr existieren. Wer über diese Dinge nachdenkt, vermindert die Intensität seiner Wut und entwickelt eine mentale Immunität, sodass er selten in Zorn gerät.

Dalai Lama

 

Die analytische Meditation kann verschiedenste Themen behandeln und ist eine Möglichkeit, die Ursache von negativen Emotionen zu analysieren:

Übung der analytischen Meditation:

  1. Setzen Sie sich aufrecht hin und achten Sie auf eine ruhige und tiefe Bauchatmung.
  2. Sie können die Augen offen oder geschlossen halten.
  3. Lenken Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf Themen, die mit Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Verzweiflung verbunden sind.
  4. Versuchen Sie nun, Ihre Sicht auf diese Probleme zu erweitern: Woher kommen diese Emotionen? Was davon ist begründet, was unbegründet? Wo haben Sie ähnliche Situationen in Ihrem Leben schon einmal bewältigt? Was bedeuten die eigenen Probleme in Relation mit den Problemen der Welt? Werden die Themen am Ende Ihres Lebens immer noch gleich belastend sein? Welche Tugenden oder innere Stärken können Sie dadurch nun entwickeln?

Diese Reflexion wird Ihr Bewusstsein erheben, wird Distanz zu manchen Problemen generieren und Ihre geistige Immunität fördern. Im Buddhismus wird von drei Wurzeln des Heilsamen gesprochen:

  1. Nicht-Anhaften
  2. Weisheit
  3. Mitgefühl

Durch die analytische Meditation wird die Unterscheidungskraft des Menschen, oder mit anderen Worten die Weisheit gestärkt: Was ist wichtig? Was ist dauerhaft? Was ist die Ursache der Dinge Dadurch entsteht auch ein gewisser Abstand zu den belastenden Themen des Lebens, also das „Nicht- Anhaften“.

Aber diese beiden Faktoren sind noch nicht genug. Ganz essenziell ist der dritte Punkt, das Mitgefühl. In einem buddhistischen Text aus dem 12. Jahrhundert wird über Lojong gesprochen, das Praktizieren des Mitgefühls:

Bedenke, dass du Leiden erleben wirst, solange du dich zu sehr auf dich selbst konzentrierst. Wenn du dich darauf versteifst, zu bekommen, was du willst und zu vermeiden, was du nicht willst, wirst du kein Glück finden.

Dalai Lama

Der Dalai Lama und mit ihm viele Tibeter, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sind selbst ein wunderbares Beispiel für das Praktizieren des Mitgefühls. Tausende Tibeter wurden und werden noch immer misshandelt, in grausamen Gulags, chinesischen Konzentrationslagern, festgehalten. Der entscheidende Faktor, ob sie die Qualen überstehen konnten, oder daran zugrunde gingen, ist laut dem Dalai Lama das Mitgefühl mit den Folterern. Nicht die wilde Entschlossenheit, sondern die Warmherzigkeit dessen, der weiß, welchen grausamen Fehler gegen seine Seele der andere nun aus Unwissenheit begeht.

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen darüber, dass Verletzungen bei Mensch und Tier schneller heilen, wenn sich die Individuen um andere kümmern, statt nur um sich selbst. Botenstoffe wie Oxytocin und Serotonin werden im Gehirn ausgeschüttet, die unser Glücksgefühl steigern und sich förderlich auf Heilungsprozesse im Körper auswirken. Mitgefühl bedeutet aber nicht Mitleid. „Wenn wir einen Menschen sehen, der von einem Felsbrocken zerquetscht wird, bedeutet Mitgefühl nicht, sich auch unter den Felsbrocken zu legen, um zu spüren, was der andere spürt, sondern bei der Entfernung des Felsbrockens zu helfen.“ Dalai Lama

Übung des Mitgefühls:

  1. Nehmen Sie eine bequeme Sitzposition ein
  2. Machen Sie einige tiefe Atemzüge durch die Nase
  3. Denken Sie an einen Angehörigen, einen Freund oder auch eine Person, mit der Sie Schwierigkeiten haben. Beobachten Sie, welche Gefühle auftauchen. Wenn es positive Gefühle sind, verweilen Sie bei ihnen.
  4. Denken Sie daran, dass jeder Mensch frei von Leiden sein will. Füllen Sie Ihr Herz mit dem Wunsch, dass alle Menschen frei von Leiden sein mögen. Was können Sie dafür tun? Was können Sie sagen? Wie können Sie dazu beitragen?

Was hält uns davon ab, unser Denken zu schulen – indem wir diese oder ähnliche Übungen in die Praxis umsetzen? Der Dalai Lama steht jeden Tag zwischen drei und vier Uhr auf, um für ca. vier Stunden seine Übungen zu praktizieren! Daraus bezieht er seine Weisheit, seine scharfe Intelligenz und seine unerschütterliche und ansteckende Freude! Warum sollten Sie es nicht auch versuchen?

 

Literaturhinweis:
  • Dalai Lama, Desmond Tutu, Douglas Abrams: Das Buch der Freude. Lotos Verlag, 2016, München.
  • Franz Alt, Dalai Lama: Der Apell des Dalai Lama an die Welt, Benevento Publishing Verlag, 2015, Wals bei Salzburg

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